Warum der amerikanische Abzug aus Syrien wahrscheinlich der richtige Schritt ist

Man muss kein Pazifist, kein Schwärmer sein, der glaubt, dass der Westen auch ohne Waffenarsenal und nur durch diplomatisches Geschick Frieden zu bringen imstande sei, um die amerikanische Präsenz in Syrien für fragwürdig zu halten. Denn es gilt mit dem Militärhistoriker Andrew Bacevich zu fragen, welches konkrete Ziel die amerikanische Militärpräsenz in Syrien eigentlich verfolgt. Bacevich hat überzeugend deutlich gemacht, dass gerade der Mangel eines klaren Ziels, dieses blosse Präsenz-Zeigen, früher oder später immer zu einem Desaster geführt hat.

„Warum der amerikanische Abzug aus Syrien wahrscheinlich der richtige Schritt ist“ weiterlesen

Siebzig Jahre Israel

Israel wird siebzig und noch immer wird es hierzulande wenig verstanden. Es ist daher an der Zeit, mit einigen Mythen aufzuräumen.

Die Vorgeschichte des jüdischen Staates im 19. und 20. Jahrhundert wird meist so erzählt: Jüdische Siedler, die vor Pogromen in Osteuropa nach Palästina ausgewandert waren, besiedelten das Land in der Absicht, den jüdischen Staat der Antike wiederaufleben zu lassen. Die Inspiration dazu bezogen sie von einem Wiener Journalisten namens Theodor Herzl, dem Begründer des politischen Zionismus. Dabei bedienten sie sich der Hilfe der Briten und nahmen keine Rücksicht auf die lokale arabische Bevölkerung, die sie an den Rand drängten und damit einen Konflikt schufen, der bis heute andauert.

In dieser Erzählung wird der jüdische Staat zu einer historischen Kuriosität, zu einer Anomalie, einer Art Betriebsunfall der Geschichte. Zwar ist Israel, was seine spätere Entwicklung anbetrifft, tatsächlich die grosse Ausnahme im Nahen Osten, ein Erfolgsmodell in Sachen Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Kreativität und Prosperität, kurz: eine „Villa im Dschungel‟, wie es der frühere israelische Ministerpräsident Ehud Barak einmal nannte. Was jedoch seine Vorgeschichte anbetrifft, so wurzelt sie in der Region selbst und muss im Kontext der damaligen Nationalbewegungen studiert werden. Der Blick allein auf Vorgänge in Europa verstellt diese Tatsache. Weiten wir ihn auf die Region aus, so erhebt sich vor unseren Augen ein ganz anderes Bild.

Tatsächlich waren auch Länder wie Syrien, die Türkei, Griechenland, Albanien oder Ägypten keineswegs immer schon da, jedenfalls nicht als politische Grössen. Kulturelle Erneuerungsbewegungen, französische Revolutionsideale und die Schaffung einer Nationalsprache sind die Marksteine eines intellektuellen Prozesses, der im 19. Jahrhundert im Osmanischen Reich um sich zu greifen begann.

*

Im 19. Jahrhundert transformierte sich nicht nur der Nahe Osten, sondern die ganze Welt. Damals wurde die nationalstaatliche Ordnung geschaffen, die heute alle Erdteile erfasst und Grossreiche und Imperien verdrängt hat. Im Osmanischen Reich, das über Palästina herrschte, ging der Impuls zur Neuordnung von der griechischen Nationalbewegung aus, die sich 1821 erhob. Inspiriert war sie von den Philosophen der Französischen Revolution, aber auch von Herder, dessen Ideen sich von Südosteuropa aus über das Osmanische Reich verbreiteten.

Schon bald griff der Gedanke des Nationalgedankens auf andere Völker des Osmanischen Reichs über, zunächst auf die Serben. Auch ausserhalb des Osmanischen Reiches erhoben sich Nationalbewegungen, man denke hier nur an die italienische oder polnische. Häufig sassen die Vordenker und Stichwortgeber im Exil. Vor allem Wien war als Brückenkopf für Ideen von immenser Bedeutung, die aus dem Westen des Kontinents kommend im Osten begeisterte Aufnahme fanden.

Hier war auch Rhigas Ferraios Velestinlis aktiv gewesen, der für die griechische Sache Propaganda betrieb, bevor er festgenommen und an die osmanischen Behörden überstellt wurde, die ihn 1798 in Belgrad hinrichteten. In Wien hatte auch Theodor Herzl eine produktive Zeit. Herzl ist zweifelsohne die überragende Figur, was die Idee eines jüdischen Nationalstaats anbetrifft, die er wie kein anderer populär zu machen verstand. Überhaupt war Wien eine Metropole, die kulturell stark mit dem Südosten Europas verbunden war.

Dort sassen zwei wichtige Vordenker der jüdischen Nationalidee, die dann von Herzl weitergedacht wurde: Judah Ben Samuel Bibas (gest. 1852) im griechischen Korfu und Yehuda Ben Shlomo Hai Alkalai (gest. 1878) im serbischen Zemlin. Beide waren Rabbiner und beide traten für die Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina ein, wobei ihre Vorbilder nicht zuletzt die nationalen Aspirationen der Serben und Griechen waren.

Alkalai hatte eine ganze Reihe von Schriften verfasst, in denen er die Rückkehr der Juden nach Palästina und die Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina forderte, wozu er verschiedentlich die grossen jüdischen Gemeinden Europas, Konstantinopels und Palästinas selbst aufsuchte. Unterstützung erhielt er von einem weiteren Rabbiner, Zwi Hirsch Kalischer, mit dem zusammen er 1860 eine Bewegung ins Leben rief, die sich die Schaffung eines jüdischen Staates zum Ziel setzte. Kalischer forderte die Juden auf, dem Beispiel der Italiener, Polen und Ungarn zu folgen.

Herzl hatte Alkalai 1873 in Wien kennengelernt, während er mit Kalischers Ideen durch die Programmschrift „Rom und Jerusalem‟ des deutschen Zionisten Moses Hess in Berührung kam, die im selben Jahr 1862 erschienen war wie Kalischers „Drischat Zion‟ (Sehnsucht nach Zion). Auch Hess (gest. 1875) verstand die Rückkehr der Juden nach Palästina im Kontext der Nationalbewegungen Europas, vor allem Italiens, aber auch Griechenlands, Polens und Ungarns.

Die Vordenker des Zionismus konnten darauf bauen, dass es nicht nur schon immer Juden in Palästina gegeben hat, sondern seit dem Mittelalter – also lange vor Entstehen eines säkularen Zionismus – immer wieder Juden in grosser Zahl nach Palästina eingewandert waren. Nach der verstärkten Zuwanderung seit dem 12. Jahrhunderte hatte die Zahl der Juden in Palästina unter osmanischer Herrschaft weiter zugenommen, vor allem in den grossen jüdischen Zentren Jerusalem und Safad. Im 18. Jahrhundert entstand ein weiteres jüdisches Zentrum in Tiberias. Die Einwanderung war zwar religiös motiviert und die Juden noch keine Nation im modernen Sinne, aber dieser Prozess der Nationswerdung stand allen Völkern der Region noch bevor, die nach Unabhängigkeit strebten.

Um noch einmal das Beispiel der Griechen zu bemühen: Im 19. Jahrhundert gab es viele, die sich als Griechen empfanden, aber kein Griechisch sprachen. 1823 hatte die Nationalversammlung zu Astros zunächst die griechische Sprache als Kriterium für die Zugehörigkeit zum Griechentum genannt, war davon jedoch wieder abgerückt, weil zu wenige Griechisch sprachen. Fortan sollte jeder als Grieche gelten, der autochthoner Bewohner des griechischen Hoheitsgebietes war und sich zum Christentum bekannte. Später kam die Definition auf, dass Grieche sei, der sich als solcher definiert und die Waffen gegen die osmanische Herrschaft erhebt oder erhoben hat.

Wie fragil das Nationalbewusstsein damals war, zeigt beispielhaft folgende Episode: Als der deutsche Historiker Jacob Philipp Fallmerayer behauptete, die Griechen seiner Zeit seien in Wahrheit keine Nachfahren der alten Griechen, sondern Abkömmlinge slawischer Stämme, die seit dem Mittelalter nach Südosteuropa vorgedrungen waren, sah sich die Regierung des 1833 entstandenen griechischen Rumpfstaates genötigt, eine Historikerkommission einzuberufen, um diese Behauptung zu widerlegen.

*

Es bedurfte es eines zeitgemässen Bildungswesens, um ein Nationalbewusstsein zu schaffen, aber mehr noch einer Nationalsprache, die erst in der Lage war, den Anforderungen moderner Literatur, des Journalismus, der Wirtschaft und der Verwaltung zu genügen. Meist waren die Sprachen der einzelnen Völker in verschiedene Varietäten zersplittert, existierte es eine altertümliche Variante für sakrale und höfische Texte neben einer Vielzahl an Dialekten. Was fehlte, war ein Sprachstandard, der in mündlicher wie schriftlicher Form übergreifendes als sprachliches Medium der Gesellschaft dienen konnte.

Das Hebräische war einerseits nie wirklich tot. Die jemenitischen Juden hatten es im mündlichen Gebrauch bewahrt. Noch im 19. Jahrhundert war die bevorzugte Schriftsprache etwa der Juden Ägyptens das Hebräische oder europäische Sprachen, nicht etwa das Arabische. Andererseits war das Hebräische weit davon entfernt, die Rolle einer modernen Nationalsprache auszufüllen. Viele Begriffe des Alltags wie auch der Verwaltung mussten überhaupt erst geschaffen werden. Für diesen Vorgang steht vor allem der Name Ben Yehuda, der viele moderne hebräische Begriffe überhaupt erst schuf.

„Wiederbelebung‟ hiess für die hebräische Sprachbewegung Neu-Aneignung und Modernisierung zugleich. Diesem Vorgang wurden auch das Arabische, Türkische, Griechische und Albanische unterzogen, die ebenfalls mit der Zersplitterung in verschiedene Varietäten zu kämpfen hatten und den Erfordernissen einer modernen Schriftsprache, die zugleich der alltäglichen Kommunikation dienen sollte, nicht entsprachen. Die einzelnen Nationalbewegungen strebten folglich danach, solche Nationalsprachen zu schaffen. Dies geschah ganz wesentlich in Form von Übersetzungen, die zum Teil über die zahlreichen neugegründeten Literaturjournale Verbreitung fanden.

Als ultimative Herausforderung galten den Übersetzern die Werke von Homer, vor allem die Ilias. Nicht nur stand die Ilias im literarischen Kanon Europas immer ganz oben, vor allem der poetische Charakter und der reiche Wortschaft stellten höchste Anforderungen an die Übersetzer wie auch an die Sprache. Eine Übersetzung würde den Beweis erbringen, dass die reformierte Sprache den älteren Sprachstandards ebenbürtig ist. So finden wir in einem Zeitraum von mehreren Jahrzehnten eine ganze Reihe von Übersetzungen der Ilias in verschiedene Sprachen. Sie mögen aus heutiger Sicht wie Produkte aus der Studierstube erscheinen, waren damals aber hochpolitisch.

Den Anfang machte 1887 eine Teil-Übersetzung der Ilias ins Osmanisch-Türkische, angefertigt von Sami Frashëri, einem der führenden albanischen Intellektuellen seiner Zeit. Ins moderne Türkeitürkische übersetzte der noch heute bekannte Ömer Seyfettin, das Gesicht der türkischen Sprachbewegung. Es gab mehrere Übertragungen in die neugriechische Volkssprache, darunter von Iakovos Polylas 1900 und Alexandros Pallis. Ebenfalls von einem Griechen, Panagiotis Papakostopoulos, stammt eine serbische Übertragung der Odyssee, die posthum 1881 in Belgrad erschien. Der libanesische Politiker und Publizist Sulayman Bustani dichtete die Ilias auf Arabisch nach und zwar direkt vom altgriechischen Original. Das Ergebnis rief bei seiner Erscheinung 1904 ein grosses gesellschaftliches Echo hervor.

Schliesslich wurde die Ilias auch Gegenstand der hebräischen Sprachbewegung, namentlich der Übertragung durch Saul Tschernichowsky. Der in der Ukraine geborene Dichter, dessen Gesicht heute auf der 50-Schekel-Note prangt, widmete sich um die Jahrhundertwende dem Unterfangen, poetische Werke der griechischen Antike auf Hebräisch wiederzugeben, um dieses literarisch voranzubringen. Seine Übertragung der Ilias wie auch der Odyssee, die er 1917 in Angriff nahm, trug dazu bei, dass ihn die Ungarische Akademie der Wissenschaften den „König der hebräischen Poeten“ nannte.

Die einzelnen Nationalbewegungen auf dem Boden des Osmanischen Reiches waren einerseits zukunftsorientiert, was Sprache, Literatur, Verwaltung und Recht anging, sie waren aber ebenso auf die Vergangenheit fixiert, die unabdingbar war, um den eigenen territorialen Anspruch zu rechtfertigen. Manch einem vermeintlich aufgeklärten Zeitgenossen mag es heute merkwürdig, ja anrüchig erscheinen, dass Israel seine Existenz im Nahen Osten mit seiner antiken Vorgeschichte legitimiert, aber genau dies haben die anderen Nationalbewegungen in der Region eben auch getan.

Während im Libanon zum Teil bis heute der „Phönizismus‟, also die Projektion libanesischer Geschichte bis zurück zu den Phöniziern, seine Blüten treibt, beruht das albanische Nationalbewusstsein auf dem „Illyrismus‟, der Idee von einer Abstammung, die bis auf die Illyrer der Antike zurückgeht. Auch die türkischen Nationalisten versuchten sich an eine Rückbindung der Geschichte, indem sie sich in die Tradition eines alten ionischen Erbes stellten. Von den Griechen müssen wir gar nicht reden, die die Antike in ihrer ganzen Breite heranzogen, um die griechische Herrschaft über ein Territorium zu rechtfertigen, das noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts weitaus grösser sein sollte, als es die Grenzen des heutigen Griechenland auch nur erahnen lassen.

*

Wie wenig verstanden dieser geschichtliche Hintergrund noch heute in Europa ist, zeigt das Beispiel des Historikers Tony Judt, der ein vehementer Kritiker der zionistischen Idee war. Judt glaubte, den jüdischen Staat dadurch zu delegitimieren, dass er dessen Staatsidee mit der seines ägyptischen Nachbarn verglich und behauptete, ein Land wie Ägypten existiere nicht aufgrund einer Theorie von „Ägyptischheit“. Doch dieses Argument geht ins Leere.

Tatsächlich hatten die ägyptischen Nationalisten bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts den Mythos von einer ägyptischen Geschichte gepflegt, die bis zu den Pharaonen zurückreicht – eine Einstellung, die unter dem Namen „Pharaonismus‟ Eingang in die Geschichtsbücher gefunden hat. Die Idee der Wiedergeburt kursierte eben nicht allein unter Zionisten, sie war das grosse Thema aller Nationalbewegungen auf dem Boden des zerfallenden Osmanischen Reiches. Immer ging es darum, die Herkunft der eigenen Nation möglichst tief in der Geschichte festzuschreiben und sie über territoriale Ansprüche Dritter erhaben zu machen.

Während die Zionisten Simeon bar Kochba heraufbeschworen, den heroischen Widerstandskämpfer, der 135 n. Chr. in einem Aufstand gegen die römische Besatzung über Judäa sein Leben liess, nahmen sich die Griechen den spartanischen Heeresführer Leonidas zum Vorbild, der 390 v. Chr. gegen die Perser den Märytertod erlitt. Einen ähnlichen Stellenwert erlangte Alexander der Grosse, der nicht nur von den Griechen in Anspruch genommen wurde.

Türkische Nationalisten wiederum entdeckten Dschingis Khan und Dede Korkut, den „türkischen Homer‟, neu für sich. Manche dieser Nationalideologien, die auf dem Boden des ehemaligen Osmanischen Reiches gediehen, sind sicherlich fragwürdig, was ihre historische Fundierung anbetrifft, aber entscheidend ist: Alle Nationalbewegungen teilten dieselben Themen und dieselben Einflüsse, standen vor ähnlichen Schwierigkeiten und griffen auf ähnliche Strategien zurück.

Auch ihre geographische Zerstreuung war keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal der jüdischen Bevölkerung. Vor 1922 lebte die Mehrheit der griechischen Bevölkerung ausserhalb des heutigen Staatsgebietes, Albaner waren über den Balkan verteilt und besassen eine starke Präsenz in Ägypten, Armenier und andere waren im ganzen Vorderen Orient verstreut. Die Entflechtung der Völker, die zum Teil gewaltsam betrieben wurde, führte zu einer demographischen Homogenisierung der Region zu beiden Seiten des Mittelmeeres und war nicht auf Palästina beschränkt.

Die Tatsache, dass sich die Zionisten der Unterstützung durch die Briten bedienten, entsprach ebenfalls einem gängigen Muster: Alle Nationalbewegungen dieser Epoche, die sich vom Osmanischen Reich loszulösen versuchten, versuchten die Grossmächte, für ihre Interessen einzuspannen. In den britischen National Archives kann man ein Dokument finden, das von Versuchen der türkischen Seite Anfang 1919 berichtet, Grossbritannien die Garantie für einen türkischen Nationalstaat abzutrotzen. Weitere Beispiele liessen sich nennen. Immer richteten sich solche diplomatischen Bestrebungen auch gegen die konkurrierenden Nationalbewegungen, mit denen man zum Teil um Territorien und künftige Grenzverläufe stritt.

*

Wenn Israel jedoch kein Sonderfall ist und wie alle anderen Staaten der Region seinen historisch gewachsenen Platz am Mittelmeer hat, warum gibt es dann einen Konflikt, der seit siebzig Jahren ungelöst ist?

Dies lässt sich kaum mit der israelischen Politik erklären, sondern vor allem mit der Tatsache, dass in der islamischen Kultursphäre das nationalstaatliche Prinzip, wenngleich von einer Elite gewollt, bei den Massen nie Anklang gefunden hat. Umfragen belegen, dass es in den heutigen muslimischen Gesellschaften eine ausgeprägte Tendenz gibt, sich zuerst als Muslim und dann als Staatsbürger zu betrachten.

Der Nationalstaat konkurriert so mit den älteren Konzepten der islamischen Umma und des Waqf (Stiftungsland). Alles was einmal islamisch beherrscht war, gehört demnach zur islamischen Sphäre, zum Waqf. In dieser Wahrnehmung wird der jüdische Staat zu einem Stachel im Fleisch der Region und damit zur „palästinensischen Wunde‟ (al-ǧurḥ al-filasṭīnī). Tatsächlich war die Entflechtung der Völker, die zum Teil gewaltsam betrieben wurde und zu einer demographischen Homogenisierung der Region führte, nicht auf Palästina beschränkt.

Doch während die griechisch-orthodoxen Flüchtlinge aus Kleinasien und die türkisch-muslimischen Flüchtlinge aus Griechenland Anfang des 20. Jahrhunderts Aufnahme und Integration in den beiden Nationalstaaten fanden, zu deren jeweiliger Titularnation sie gehörten, weigerten sich die arabischen Staaten, die von Israel vertriebenen Araber als gleichberechtigte Bürger bei sich aufzunehmen. Arabische Länder lehnen es vielfach ab, palästinensische Flüchtlinge zu integrieren und eine Lösung des Nahostkonflikts zu verhindern. Zugleich erkennen sie die Zugehörigkeit der Palästinenser zur arabischen Kulturgemeinschaft an, um sich in der politischen Rhetorik ihre Sache zu eigen machen zu können.

Auch wenn im Alltag nicht immer Feindseligkeit herrscht und es auch fortschrittliche Kräfte in den arabischen bzw. islamischen Ländern gibt, die nicht unterschätzt werden sollten, so lebt Israel zweifelsohne in einer schwierigen Nachbarschaft. Während Europäer gerne glauben, durch Verbesserung der Wirtschaft und der Wasserversorgung, durch gemeinsame Theateraufführungen und Konzerte, durch Diplomatie und Studentenaustausch einer Friedenslösung in Palästina den Weg zu bereiten, interessiert das die Massen in den islamischen Ländern wenig.

Wer durch die Buchhandlungen von Beirut, Kairo oder Damaskus streift, wird sofort die vielen Hetzschriften bemerken, die Titel tragen wie „Die geheimen Verbindungen zwischen Judentum, Freimaurertum und Zionismus‟, „Der Holocaust von Gaza‟, „Zionismus, der Feind des Friedens und des gesellschaftlichen Fortschritts‟, „Israel, der Dolch Amerikas‟, „Die Verbrechen der Juden‟, „Wie die Juden die heiligen Schriften verfälschten‟, „Der jüdische Terror‟, „Das jüdische Krebsgeschwür in der Geschichte‟ und andere mehr. Hier scheint die Zeit im 19. Jahrhundert stehengeblieben zu sein.

Besser wäre, ganz grundlegenden Dingen zur Einsicht zu verhelfen: Dazu gehört dass Israel sich hinsichtlich seiner Entstehung nicht von der seiner Nachbarstaaten unterscheidet, soweit diese ebenfalls aus der Konkursmasse des Osmanischen Reichs erwuchsen. Der entscheidende Schritt zur Lösung des Konflikts wird erst dann getan sein, wenn die Welt akzeptiert hat, dass Israel kein Fremdkörper in der Region ist, sondern genau dort hingehört, wo es sich seit nunmehr siebzig Jahren befindet.

Trumps Strategie

Trumps Politik sei erratisch, eine Strategie im Nahen Osten nicht erkennbar, er sei ein Präsident zum Fürchten. Egal welche Zeitung man aufblättert oder welchen Sender man einschaltet, alle Kommentatoren scheinen sich einig: Russland habe gesiegt, der Westen eine Niederlage erlitten. Was war geschehen?

„Trumps Strategie“ weiterlesen

Hundert Jahre Balfour Declaration

Ein Artikel in dem ägyptischen Journal al-Hilal vom 7. April 1914 berichtet, dass die Juden Palästina dominieren, indem sie die Ländereien auf gesetzlich legalem Wege gekauft haben. Die Juden setzen ihre Anstrengung daran, Ländereien in Palästina zu erwerben, wo immer es ihnen mit welchen Mitteln auch immer möglich ist durch die Hilfe der Zionistischen Weltorganisation. Muslime, Christen und andere Einheimische protestieren gegen den Landverkauf an die Juden, die dort ihre eigene Regierung innerhalb der osmanischen Regierung haben. Dazu gehören eine eigene Post und eine Zivilgerichtsbarkeit, heisst es in dem Artikel.

„Hundert Jahre Balfour Declaration“ weiterlesen

Ein Treffen in Jerusalem

Hätten die Briten den Mufti von Jerusalem vor achtzig Jahren auf die Seychellen deportiert, sähe die Welt heute anders aus, denn dann wäre der unter Führung des Muftis aufkeimende islamistische Terror nie zu einem globalen Phänomen geworden. Das ist eine starke These, die der Politikwissenschaftler Matthias Küntzel da aufstellt – und überaus fragwürdig. Beim Aufstieg des islamistischen Terrors sind noch andere Faktoren im Spiel, die zum Teil weit in die Geschichte zurückreichen, zum Teil jüngeren Datums sind.

Dennoch ist sie interessant, die Geschichte von der geplanten, dann aber doch nicht durchgesetzten Deportation. Dazu gibt es eine Vorgeschichte, die ich in meinem Buch Das Ende des levantinischen Zeitalters (2013) anhand von unveröffentlichtem Material aus dem britischen Nationalarchiv erzähle. Der folgende Text ist eine gekürzte und überarbeitete Fassung des Kap. “Ein Treffen in Jerusalem” S. 242-249, sowie ein Zitat aus dem Kap. “Die grosse Verschwörung”, ebd. S. 259-60.

*

Der Panislamismus hatte schon bald einen neuen Kristallisationspunkt gefunden: die zionistischen Ambitionen in Palästina. Diese waren zunächst einmal das zentrale Thema des im Dezember 1931 in Jerusalem abgehaltenen Panislamischen Kongresses.[1. FO 141/489 (Kew London) Pan-Islamic Congress (Jerusalem), 23 January 1932, Zionist ambitions in Palestine: List of delegates who attended the Moslem Congress held at Jerusalem on the 16 December, 1931.] Zu den Teilnehmern gehörte der Obermufti von Jerusalem und Präsident des Obersten Muslimischen Rats Ḥājj Amīn al-Ḥusaynī, dem ein grosser Einfluss auf die Massen nachgesagt wurde und der mit seinen Anhängern einen Block bildete, mit dem er die einzelnen Sitzungen verschiedentlich dominierte.[2. FO 141/489 (Kew London) 22 December 1931, über Ḥājj Amīn al-Ḥusaynī: „whose influence is great among the masses.“ Ebd., Enclosure IV: The General Islamic Congress held in Jerusalem 7-16 December, 1931, Punkt 72: „(…) Haj Amin formed a bloc, which on various occasions completely dominated the sittings.“]

Wie gross die Verflechtung zwischen Panarabismus und Panislamismus war, mag vielleicht der Umstand illustrieren, dass George Antonius, der spätere Verfasser des panarabisch motivierten Buches The Arab Awakening („Das arabische Erwachen“, 1939), dem Obermufti ein Geschenk des amerikanischen Diplomaten Charles Crane überreichte, das aus einem handsignierten Foto Jamāladdīn al-Afghānīs, des panislamistischen Vordenkers, bestand.[3. Ebd. Crane gilt auch die Widmung in Antonius’ Buch.]

Al-Ḥusaynī war von der palästinensischen Regierung mit der Kontrolle der Scharia-Gerichtshöfe und der Waqfs (awqāf), der religiösen Stiftungen, beauftragt worden, was ihn nach einer Einschätzung des britischen Aussenministeriums gefährlich machte, da Ḥusaynī enge Verbindungen zur arabischen Nationalbewegung pflege, wie sie massgeblich von den scherifischen Elementen in Palästina, Transjordanien, Irak und Syrien repräsentiert wurden. Dass die Briten selbst anfangs noch stark auf ihn fokussiert waren, lässt sich möglicherweise auf die eigene Kriegstradition einer Kooperation mit derartigen Kräften zurückzuführen.

Es gab Spannungen zwischen Ḥusaynī und Shawkat ʿAlī, einem der bedeutendsten Propagandisten der Kalifatsbewegung auf dem indischen Subkontinent, die daher rührten, dass letzterer eine moderate Position gegenüber dem britischen Mandat einnahm, während die meisten anderen Teilnehmer eben dieses Mandat als ursächlich für die zionistische Präsenz betrachteten. Shawkat ʿAlī bekam daher nicht nur den Widerstand Ḥusaynīs zu spüren und appellierte an die Briten, ihre aus dem 19. Jahrhundert bekannte Rolle als Freunde der Muslime wiederaufzunehmen.[11. FO 141/489 (Kew London), draft letter to Sir Lancelot Oliphant, Cairo, 5 January 1932.]

Der libanesische Delegierte Riyāḍ al-Ṣulḥ äusserte die Meinung, dass erst die Kolonisierung das Erwachen des Islam bewirkt habe, woraufhin er eine Erklärung von Ḥamad b. Jāzī vorlas, einem der Führer des Beduinenstammes der Ḥuwaiṭāt, demzufolge die Beduinen bereit seien, die Heiligen Stätten des Islam in Jerusalem, also Felsendom und al-Aqṣā-Moschee, mit ihrer Seele und ihrem Schwert zu verteidigen. In diesem Zusammenhang wurde auch der Vorschlag geäussert, in den verschiedenen islamischen Ländern eine Wächtertruppe, sog. „Wächter des Burāq“ einzurichten, um den islamischen Tempelberg vor einem zionistischen Zugriff zu schützen.

Auch solle eine forcierte muslimische Zuwanderung der demographischen Entwicklung in Palästina entgegensteuern, darüberhinaus Land nach zionistischem Vorbild aufgekauft und schliesslich eine Landwirtschaftsbank gegründet werden. Der Delegierte Ibrāhīm al-Khaṭīb forderte sogar, den Juden zu verbieten, am Tempelberg mit der angrenzenden Westmauer (Klagemauer) des ehemaligen jüdischen Tempels zu beten und zu wehklagen.[5. FO 141/489 (Kew London), Cairo, 5 January 1932. Zu Ḥamad b. Jāzī s. Robins, A History of Jordan, 206 Fn. 4.]

Ein weiterer Delegierter, ʿAwnī ʿAbdalhādī, zweitweiliger Berater von Fayṣal, rief zu einer Entschliessung gegen das britische Mandat auf, da dieses die Schaffung einer jüdischen Heimstätte erst möglich mache und den Weg bereite, den Muslimen den Tempelberg zu entreissen. Der Reformer Rashīd Riḍā wiederum, der auf der Konferenz einen Bericht zu diesem Thema aushändigte, liess nach britischer Einschtätzung eine starke Neigung zu wahhabitischen Auffassungen erkennen, was jedoch keinen Zuspruch unter den anderen Teilnehmern der Konferenz fand.

Im weiteren Verlauf des Kongresses wurden verschiedene Grussadressen verlesen, darunter von Drusenführer Shakīb Arslān, der Christian Association in Palestine, des Ex-Schah von Persien, sowie des Ex-Khedive ʿAbbās Ḥilmī Paşa.[6. FO 141/489 (Kew London), Cairo, 5 January 1932.] Neben dem Mandat wurden die Türken für manches Übel in der Arabisch-Islamischen Welt verantwortlich gemacht, dazu gehörte vor allem die Abschaffung des Kalifats. Mit der Gründung der Republik hatte sich das türkische Image in der arabisch-islamischen Welt verschlechtert, zumal die Türkei als einziges islamisches Land keinen Vertreter zur Konferenz entsandte. Das sollte sich auch in der Folgezeit nicht ändern.

Ein britischer Bericht von 1936 über die „panislamische arabische Bewegung“ vermerkt, dass mit dem Fortschritt von Bildung und Reiseverkehr es den Muslimen in der Arabischen Welt dämmere, dass sie der nichtmuslimischen Bevölkerung gegenüber zwar im Vorteil sein mögen, es jedoch den Türken zu verdanken haben, dass sie manches Privileg einbüssten. Infolgedessen habe sich Unzufriedenheit vor allem unter den eher aufklärten Elementen breitgemacht, die zu äussern jedoch durch das ḥamīdianische Regime unterdrückt worden war. Während der kurzen Herrschaft der CUP habe sich diese Gruppe der Unzufriedenen daher umso stärker artikuliert, sodass hier deutlich eine Kraft im Entstehen begriffen war, mit der auch in Zukunft zu rechnen sein werde.

Es waren jedoch die Ereignisse auf dem Balkan, in Tripolitanien und schliesslich der Weltkrieg, die verhinderten, dass aus dieser Kraft eine grössere Bewegung wurde. Mit dem Ausbruch des Weltkriegs hätten die Araber schliesslich ihre Chance kommen gesehen, das türkische Joch abzuschütteln und nach politischer Selbstverwaltung zu streben. So erkläre sich das anfängliche grosse Echo auf den Appell König Ḥusayns zu einer „Grossen Arabische Revolte“, bevor die Ereignisse nach dem Krieg eine enorme Ernüchterung zur Folge hatten.[7. FO 141/536/13 (Kew London) 21 February 1936; ebd. Anhang: Report on the Pan-Islamic Arab Movement.]

Auch die Sympathien für die Briten schwanden, zumal wegen des zionistischen Staates in Palästina, was zur Folge hatte, dass die antibritische Bewegung in Ägypten auf zunehmende Mitwirkung auch in Syrien und Mesopotamien stiess.[8. FO 141/536/13 (Kew London) 21 February 1936, Anhang: Report on the Pan-Islamic Arab Movement.] Viele Araber in Palästina fühlten sich getäuscht, seitdem die Briten ihnen durch Lord Milner 1922 zugesichert hätten, dass die Politik im Zuge der Balfour Declaration nur ein Experiment von einigen Jahren Dauer bleibe. Da das Experiment gescheitert sei, bleibe doch eigentlich nur, es zurückzurufen. Die Araber stünden nach eigener Aussage schliesslich weder mit den Briten noch mit einzelnen Juden im Konflikt, sondern allein mit der zionistischen Bewegung.[9. FO 141/536/13 (Kew London) 12 June 1936.]

Dieses wurde freilich als Problem der gesamten Islamischen Welt gesehen, nicht als nationales, das allein die Araber in Palästina anginge. Im Mittelpunkt steht der Tempelberg (ar. ḥarām al-sharīf), der nun Gefahr laufe, judaisiert zu werden, was zu einem Konflikt mit der Scharia führe. Ikone dieser islamisch-nationalistischen Haltung gegenüber den zionistischen Aspirationen wurde Saladin, der im 12. Jahrhundert erfolgreich gegen die Kreuzritter zu Felde gezogen war. So begannen muslimische Autoren das westliche Vordringen in der Islamischen Welt als Fortsetzung einer langen Kette von Versuchen zu beschreiben, mit denen die Islamische Welt unterworfen werden solle.[10. Jonathan Riley-Smith (2008): The Crusades, Christianity, and Islam. New York.]

*

Dass Opportunismus ein Faktor im Umgang mit den zionistischen Aspirationen war, zeigt der Umstand, dass der syrische Nationalismus sich erst in dem Moment für die zionistische Bewegung zu interessieren begann, als Alexandretta (trk. Iskenderun), das einem Abkommen mit Frankreich zufolge (1921 und 1937) einen autonomen Status innerhalb Syriens erhalten sollte, an die Türkei verloren zu gehen drohte. Da sich die Damaszener Elite nur ungern mit den Religionsbrüdern der Türkei anlegte, hob sie die „zionistische Gefahr“ auf das Schild ihrer nationalistischen Propaganda, womit sie sich gleichermassen als Vorkämpferin arabischer Interessen zu beweisen wie auch von der Alexandretta-Frage abzulenken vermochte.[11. Dalal Arsuzi-Elamir (2003): Arabischer Nationalismus in Syrien: Zaki al-Arsuzi und die arabisch-nationale Bewegung an der Peripherie Alexandretta/Antakya 1930-1938. Münster et al., S. 241.]

In allen diesen Fällen spielen Verschwörungsmuster, eine Sündenbockfunktion und ein chiffrierter Hass auf wesentliche Eigenschaften der Moderne (das vermeintlich „internationale Wesen“ der Juden, die Gleichsetzung von Judentum und Weltlichkeit, usw.) eine Rolle – selbst weitab von Palästina: der Mythos von einer jahrhundertealten türkisch-jüdischen Symbiose, der durchaus auf Tatsachen basierte, endete spätestens 1934, als es in verschiedenen Städten Ostthrakiens zu mehrtägigen antijüdischen Pogromen kam, bis die Regierung İnönü schliesslich einschreiten musste. Dies geschah jedoch erst, nachdem örtliche Sicherheitskräfte den Ausschreitungen tatenlos zugeschaut hatten.[12. Pekesen, Berna (2012): Nationalismus, Türkisierung und das Ende der jüdischen Gemeinden in Thrakien 1918-1942. München, S. 44-8 und passim.]

*

Wie der Antisemitismus im islamischen Kontext in Pogrom und Terror umschlug, ist eine komplexe Geschichte, in der mehrere Faktoren zusammenwirkten. Auf den Islam allein lässt sich dieser Vorgang jedenfalls nicht zurückführen und auf eine zentrale Figur der Geschichte wie Ḥājj Amīn al-Ḥusaynī ebensowenig. Pogrome gegen Juden waren auch von Griechen ausgegangen. Landau (1961) vermutet, dass Juden als Sündenböcke für die Osmanen herhalten mussten [13. LJacob M. Landau (1961): “Ritual Murder Accusations in Nineteenth-Century Egypt,” in: ders., Middle Eastern Themes. Papers in History and Politics. London, S. 99-142.], aber der Judenhass hat eben auch eine Wurzel im byzantinischen Christentum. [14. Vera von Falkenhausen (2010): “Auf der Suche nach den Juden in der byzantinischen Literatur”, in: Europa im Nahen Osten – Der Nahe Osten in Europa, hgg. von Angelika Neuwirth und Günter Stock. Berlin, S. 201-20.]

Trump in Riad

Das war eine erstsaunliche Rede, die der amerikanische Präsident da gehalten hat: auf dem arabisch-islamisch-armerikanischen Gipfel in der saudischen Hauptstadt. Trump, und das ist die gute Nachricht, hat gezeigt, dass er lernfähig ist. Befürchtungen, er würde sich wie der sprichwörtliche Elefant im Prozellanladen aufführen, erwiesen sich als grundlos. Vielmehr hat Trump gezeigt, dass er auch Diplomatie kann.

Trump im saudischen Fernsehen

Sein Vorredner, der saudische König Salman, hat das zentrale Thema des Gipfels vorgegeben: Die Aggression durch den Iran, sowie den Terrorismus durch islamistische Gruppen wie den IS. Die Wörter “Terror” und “Terrorismus” konnte man auf dem Gipfel in jedem zweiten Satz hören und Trump war weise genug, zu Beginn seiner Ausführungen deutlich zu machen, dass die USA unter seiner Führung weiteren interventionistischen Abenteuern abgeneigt sind.

Die Beziehungen zwischen den USA und der arabisch-islamischen Welt sollten vielmehr von handfesten Ergebnissen auf der Grundlage von Erfahrungen und einem prinzipiellen Realismus geprägt sein. Ganz der Geschäftsmann, der Trump nun einmal ist, betonte er das Potential dieser Länder und erzählte von seiner Vision eines Nahen Ostens von Wohlstand und Möglichkeiten.

Zunächst vermied Trump, Iran und den IS beim Namen zu nennen und pries stattdessen die Kultur und Geschichte der arabisch-islamischen Länder. Sicherlich war der ausgiebige Bezug auf vorislamische Monumente wie Giza in Ägypten oder Petra in Jordanien als Anspielung auf die Zerstörungsorgien durch IS und die Taliban zu verstehen, die sich gezielt gegen alles richten, was in Augen der Extremisten nichts als Götzen sind.

Vor diesem Hintergrund konnte man seine Appelle, gegen den Terrorismus vorzugehen, auch als versteckte Aufforderung an seine saudischen Gastgeber verstehen, etwas gegen den Extremismus in den eigenen Reihen zu unternehmen. Das konnte er freilich nicht offen sagen.

Trump kündigte stattdessen die Gründung eines Terrorist Financing Targeting Center und erklärte, dass es nicht zuletzt darum gehen müsse, Terrorgruppen wie den IS von ihren finanziellen Ressourcen abzuschneiden und sie schliesslich aus der islamischen Welt zu vertreiben.

Er sprach von “islamischem Extremismus”, liess aber keinen Zweifel daran, dass das Etikett “islamisch”, das sich solche Gruppen anheften, eine Anmassung sei. Terroristen, so Trump, folgten keinem religiösen Glauben, sondern beteten den Tod an. Daher solle die Botschaft an solche Gruppen ergehen, dass ihr Leben leer sein – und kurz.

Wiederholt verurteilte Trump die Verfolgung von Juden und Christen, vergass aber auch nicht hinzuzufügen, dass die überwältigende Mehrheit des islamistischen Terrors Muslime sind. Erst gegen Ende seiner Rede wurde Trump spezifischer: Es sind der IS in Syrien und dem Irak, die Houthis im Jemen und Assad in Syrien, die das eigentliche Problem darstellen.

Dass Trumps Zusicherung von Partnerschaft und Solidarität im Kampf gegen diese Kräfte nicht bloss heisse Luft ist, daran hatte er vorher schon keinen Zweifel gelassen, als er einen Waffenhandel in dreistelliger Milliardenhöhe einfädelte, der Saudi-Arabien vor allem im Kampf gegen den Iran stärken soll.

Während man sich in Deutschland über den Wahlsieg des vermeintlichen Reformers Rouhani bei den iranischen Präsidentschaftswahlen glücklich zeigt, macht die arabische Seite auf dem Gipfel in Riad klar, dass Iran neben dem IS der zentrale Faktor von Instabilität in der Region ist. Das wird man sich in Teheran sehr genau angeschaut haben.

Sicher, Saudi-Arabien ist alles andere als ein glaubwürdiger Partner, wenn es um Menschenrechte und den Kampf gegen den Terrorismus geht. Gerade in der arabischen Welt wird das jedoch anders gesehen und so gehört auch der mehrheitlich schiitische und mit dem Iran in vielerlei Hinsicht kooperierende Irak zu den teilnehmenden Ländern.

In diesem Zusammenhang dürfte es ein Novum sein, dass ein amerikanischer Präsident in der saudischen Hauptstadt explizit die iranischen Drohungen anprangert, Israel auszulöschen! Das dürfte in Jerusalem sicherlich gut angekommen sein, der nächsten Station von Trump.

Diese dürfte dennoch eine Herausforderung sein, denn die Regierung Netanyahu ist nicht unbedingt erbaut über den amerikanisch-saudischen Waffenhandel. Trump wird hier einige Sorgenfalten glätten müssen. Aber wer weiss, zu welch weiteren Überraschungen der amerikanische Präsident noch fähig ist.


Bildnachweis: Youtube.com/ Saudi TV Channel 2, 21.05.2017


Nachtrag 6. Juni 2017

Wie der Sicherheitsexperte Bruce Riedel in Erfahrung gebracht hat, hat es keinen Waffenhandel gegeben, jedenfalls keinen, der vertraglich fixiert worden wäre. Sämtliche potentielle Waffenlieferungen waren zudem schon von Obama in Aussicht gestellt worden.

Das lange Scheitern des Westens im Nahen Osten

Dass das westliche Eingreifen in islamischen Ländern ein generelles Debakel ist, lässt sich kaum noch bestreiten. Weder der Sturz von Diktatoren noch der Krieg gegen den Terror haben rechtsstaatliche Strukturen begünstigt oder Feindseligkeiten gegenüber dem Westen gedämpft. Viele sagen, dass das ernsthaft auch nicht zu erwarten gewesen sei.

„Das lange Scheitern des Westens im Nahen Osten“ weiterlesen

Zwischen Religion und Politik VI – Zur Theorie der Ambiguitätstoleranz

Die Moderne nicht vollständig realisiert zu haben, ist vor allem der Islamischen Welt nachgesagt worden. Einspruch kommt von dem Arabisten Thomas Bauer, der jene zumindest in historischer Perspektive für weitaus fortschrittlicher hält, als der heutige Zustand vermuten lässt. Sein zentrales Kriterium für dieses Urteil ist die „Ambiguitätstoleranz‟, die in der Islamischen Welt über Jahrhunderte in ungleich höherem Masse gepflegt worden sein soll als im Westen. Der aus der Psychologie stammende Begriff lässt sich mit Hans Blumenberg als „die Spannweite von Unvereinbarkeiten im Hinblick auf ein und dieselbe Sache‟ definieren, „die ausgehalten wird und dazu noch den Anreiz bietet, Gewinn aus der Beirrung zu ziehen.‟ Nach Bauer soll eine solche islamische „Kultur der Ambiguität‟ erst in der Neuzeit ihren Niedergang erlebt haben, als einheimische Eliten die Wertvorstellungen westlicher Kulturen übernahmen. „Zwischen Religion und Politik VI – Zur Theorie der Ambiguitätstoleranz“ weiterlesen

Herr Lüders und der Sündenfall

Derzeit gross angesagt ist das im vergangenen Jahr erschienene Buch des Nahostexperten Michael Lüders, der aus den Medien weithin bekannt ist. Das Buch scheint gut anzukommen, wie auch eine völlig unkritische Rezension in den aktuellen DAVO-Nachrichten (Bd. 40/41, 2016, S. 192-7) zeigt. Tatsächlich handelt es sich bei dem Buch um ein Machwerk, wie gleich schon zu Beginn deutlich wird.

„Herr Lüders und der Sündenfall“ weiterlesen
Translate