Journalismus am Ende?

Die Menschen sind entweder Hardliner oder Reformisten, denn die iIslamische Repiublik geniesse eine “gewisse Legitimität in der Bevölkerung”, glaubt eine “Spiegel”-Korrespondentin, die mit ein paar Leuten in Teheran auf der Strasse geplaudert und sich den Rest fröhlich zusammengereimt hat.

Wir lernen: Die Hoffnung auf irgendeinen Fortschritt in der Iran-Bereichterstattung deutscher Medien ist zerplatzt. Mittlerweile ist eine neue Generation von Journalisten angetreten, die genau dieselben Fehler macht wie die alte. Daran wird sich so bald nichts ändern.

Die hiesige Iran-Lobby, die seit Jahren versucht, unter dem Etikett der Politikberatung Versatzstücke iranischer Staatspropaganda in die Öffentlichkeit zu tragen und die Sicht der Reformer in der Berichterstattung zu etablieren, hat auf ganzer Linie gewonnen.

Am schönsten ist folgender Satz der Korrespondentin Monika Bolliger: “Manche Kritiker … fürchten, eine Art Diktatur sei im Anmarsch.” Noch tiefer kann die Iran-Berichterstattung wirklich nicht mehr sinken. Aber es gibt Hoffnung.

Noch während ich an diesem Text schrieb, ereilte mich ein sehenswerter Beitrag der ARD. Hier endlich wird, von einer studierten Islamwissenschaftlerin aus Teheran anschaulich dargestellt, dass die Menschen in Iran mittlerweile grosse Risiken einzugehen bereit sind, um sich öffentlich gegen das islamische Regime auszusprechen! Mehr davon, bitte!

Nachtrag, 20 Juni 2021

Was sagt man dazu! Noch ein kritischer Artikel über die Scheinwahlen in Iran, diesmal in der “Welt”: Hier wird klar gesagt, dass die Menschen vom Regime desillusioniert sind, es nicht haben wollen, dagegen auf die Strasse gehen und die Reformer nur “sogenannte” sind. Bravo! Vielleicht ist die schlechte Iranberichterstattung nurmehr vor allem ein Problem des “Spiegel”.

Und noch ein kritischer Artikel, diesmal im “Tagesspiegel”, von – wer hätte es gedacht! – Natalie Amiri, Vorgängerin von Katharina Willinger als Irankorrespondentin der ARD. Sie schreibt: “Die Bevölkerung hat inzwischen erkannt, dass die Politiker, die im Iran auf der politischen Bühne erscheinen, alle aus einem Topf stammen. … das Regime ist so unbeliebt wie noch nie.” Weiter so!

Der machtlose Herr Z.

Die Nachricht ist schon eine Woche alt, aber deutschsprache Medien wissen wenig mit ihr anzufangen: Der iranische Aussenminister Javad Zarif hat in einer internen, nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Unterhaltung zugegeben, Null Einfluss auf die Aussenpolitik seines Landes zu haben.

Das Gespräch kam durch ein Datenleck an die Öffentlichkeit und wurde vom Sender “Iran International”, der ein regimekritisches Programm ausstrahlt, verbreitet. Natürlich ist das alles nicht neu und längst allgemein bekannt, dass in Iran nur Revolutionsführer Khamenei und die Revolutionsgarden (Pasdaran) das Sagen haben. Bemerkenswert ist dennoch, dass ein hochrangiger iranischer Politiker dies unumwunden zugibt.

Denn Khamenei und seine Helfershelfer, die Pasdaran, machen nicht nur, was sie wollen – sie halten es selbst dann noch nicht einmal für nötig, den eigenen Aussenminister über ihre Operationen in Kenntnis zu setzen, wenn diese seinen diplomatischen Bemühunen zuwiderlaufen! Einmal mehr zeigt sich, dass ein solches Regime für den Westen ganz gundsätzlich kein Verhandlungspartner sein kann.

Es handelt sich um ein religiös-paramilitärisches Regime, das sogenannte “Moderate” wie Zarif nur als Köder für den Westen benutzt, um Zugeständnisse zu erlangen. Auf das Datenleck hat es wie gewohnt mit weitreichenden Repressalien reagiert, zusätzlich zu den üblichen Menschenrechtsverletzungen. Alles wie gehabt, nur jetzt ohne Maske.