Jerusalem und die selbstverschuldete Unmündigkeit

Der amerikanische Präsident Donald Trump will die Botschaft seines Landes von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen – genauer: in den Westen der Stadt – und wieder steht ein Teil der islamischen Welt Kopf. Die Reaktionen einzelner Empörter grenzen regelrecht an Hysterie, was nicht zuletzt für den türkischen Präsidenten Erdogan und seine Anhängerschaft auch in Deutschland gilt. Hierzulande erheben sich vor Unruhen in der islamischen Welt warnende Stimmen – und behalten recht.

Der islamische Fundamentalismus, der sich u.a. im öffentlichen Verbrennen der israelischen Flagge vor dem Brandenburger Tor manifestiert, wirft einmal mehr seine Schatten über den Westen. Dabei muss man zunächst einmal feststellen, dass der westliche Teil Jerusalems völkerrechtlich gar nicht strittig ist und Botschaften aus aller Welt nur deshalb nicht dort ansässig sind, weil der Ostteil der Stadt genau dies ist: völkerrechtlich umstritten.

Die israelische Knesset-Abgeordnete Einat Wilf argumentiert zu recht, dass dieser Zustand nicht nur unbefriedigend, sondern auch unlogisch ist. Warum soll westlich der Waffenstillsrandslinie, also auf einem Gebiet, das völkerrechtlich zu Israel gehört, keine ausländische Botschaft errichtet werden? Geht es nach dem Willen der internationalen Gemeinschaft, wird die Zukunft der Stadt allein über Verhandlungen entschieden.

Man sollte sich allerdings darüber im Klaren sein, dass Jerusalem dauerhaft zu teilen den Konflikt nicht beseitigen, sondern ihn zementieren würde. Der Tempelberg lässt sich gar nicht teilen und wird – egal, was Verhandlungen eines sehr fernen Tages für ein Ergebnis befördern mögen – entweder unter israelischer oder palästinensischer Verwaltung stehen, de facto also entweder unter jüdischer oder muslimischer Oberhoheit.

Die Frage ist nur, welcher Seite die Stadt am ehesten für sich als Hauptstadt geltend machen darf und zwar ungeachtet irgendwelcher völkerrechtlicher Anforderungen, die es zu erfüllen gilt. Hier lassen sich allein historische Argumente ins Spiel bringen, denn dass die Stadt Heimat gleichermassen von Israelis wie von Palästinensern ist, kann ebenso wenig bestritten werden wie die Tatsache, dass sie als sprituelles Zentrum eine zentrale Bedeutung für Juden, Christen und Muslime hat (auch wenn Jerusalem nicht explizit im Koran genannt wird). Aber als politisches Symbol, nämlich als Hauptstadt eines eigenen Staates, geniesst Jerusalem für Israel einen Stellenwert, den es für die Palästinenser nie haben wird.

Die Empörung, die sich jetzt von muslimischer Seite bahn bricht, ist nämlich genau das: eine muslimische, keine nationale. Hier streiten weniger zwei Völker um dieselbe Stadt, als vielmehr ein Volk auf der einen und eine Zivilisation auf der anderen, die in weiten Teilen das Nationalstaatsmodell nie wirklich verinnerlicht hat und damit alle Islamapologeten Lügen straft, die behaupten, der Islam sei in seiner gegenwärtigen Form ohne weiteres mit säkularen Rechtsordnungen kompatibel.

In den islamischen Ländern nämlich konkurriert das Konzept der Nation mit dem der Gemeinschaft der Gläubigen, der Umma. Das musste schon der französische Hochkommissar für Syrien 1939 feststellen, dessen Konzept einer säkularen Gesellschaftsordnung auf den Widerstand der islamischen Gelehrten stiess, die nicht hinzunehmen bereit waren, dass Muslime fortan nur noch eine Gruppe unter Gruppen sein sollten, da sie doch mit der Nation (Umma) identisch seien.

Tatsächlich bildet der Nationalstaat aber das Grundmodell, auf dem moderne Demokratien aufbauen. Der britische Islamwissenschaftler Michael Cook weist in seinem Buch Ancient Religions, Modern Politics (2014) – das man übrigens nicht genug loben kann – darauf hin, dass in islamischen Ländern die muslimische Identität allgemein stärker ist als die staatsbürgerliche. Das hat Konsequenzen auch für den Streit um Jerusalem und damit den Nahostkonflikt.

Denn während man im Westen gerne glaubt, jener sei durch Verhandlungen, Infrastrukturprojekte, Wasserversorgung, Bildung und interkulturellen Dialog lösbar, denkt ein grosser Teil der Menschen in der Islamischen Welt ganz anders. Dort ist es populär, die Umma als einen Körper zu betrachten, der an seiner palästinensischen Wunde (al-ǧurḥ al-filasṭīnī) leidet, wie die Islamwissenschaftlerin Angelika Neuwirth gezeigt hat. Nicht um Ausgleich geht es, sondern darum, alle Abwehrkräfte gegen Israel zu sammeln.

Umso stärker glüht das Pathos. Wer sich z.B. in Syrien über Israel informieren will, findet kaum etwas anderes als Hetzpropaganda. Analog dazu verlaufen in islamischen Ländern Wahlkampagnen üblicherweise identitäts-, nicht sachorientiert, so der amerikanische Nahostspezialist Shadi Hamid, der jahrelange Feldforschung in diversen islamischen Ländern betrieben hat. Pläne, die Beschäftigung zu fördern und Armut zu bekämpfen, werden von den Wählern wenig honoriert. Am realen Palästina und daran, wie man die Lebensverhältnisse der Palästinenser verbessern kann, herrscht in der islamischen Welt wenig Interesse.

Die EU sollte, unter Wahrung völkerrechtlicher Gegebenheiten, darauf hinwirken, dass Jerusalem als Hauptstadt des jüdischen Staat international anerkannt wird, und ansonsten die israelische Seite, wenn nötig, daran erinnern, dass die Palästinenser unter israelischer Jurisdiktion bei Infrastrukturprojekten nicht benachteiligt und keine Staatsbürger zweiter Klasse werden. Zu glauben, dass eine Teilung Jerusalems zu einem langfristigen Frieden führt, ist Wunschdenken. Letztlich wird es keinen echten Frieden geben, solange es der Islamischen Welt nicht gelingt, ihre selbstverschuldete Unmündigkeit zu überwinden.

Hundert Jahre Balfour Declaration

Ein Artikel in dem ägyptischen Journal al-Hilal vom 7. April 1914 berichtet, dass die Juden Palästina dominieren, indem sie die Ländereien auf gesetzlich legalem Wege gekauft haben. Die Juden setzen ihre Anstrengung daran, Ländereien in Palästina zu erwerben, wo immer es ihnen mit welchen Mitteln auch immer möglich ist durch die Hilfe der Zionistischen Weltorganisation. Muslime, Christen und andere Einheimische protestieren gegen den Landverkauf an die Juden, die dort ihre eigene Regierung innerhalb der osmanischen Regierung haben. Dazu gehören eine eigene Post und eine Zivilgerichtsbarkeit, heisst es in dem Artikel.

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Ein Treffen in Jerusalem

Hätten die Briten den Mufti von Jerusalem vor achtzig Jahren auf die Seychellen deportiert, sähe die Welt heute anders aus, denn dann wäre der unter Führung des Muftis aufkeimende islamistische Terror nie zu einem globalen Phänomen geworden. Das ist eine starke These, die der Politikwissenschaftler Matthias Küntzel da aufstellt – und überaus fragwürdig. Beim Aufstieg des islamistischen Terrors sind noch andere Faktoren im Spiel, die zum Teil weit in die Geschichte zurückreichen, zum Teil jüngeren Datums sind.

Dennoch ist sie interessant, die Geschichte von der geplanten, dann aber doch nicht durchgesetzten Deportation. Dazu gibt es eine Vorgeschichte, die ich in meinem Buch Das Ende des levantinischen Zeitalters (2013) anhand von unveröffentlichtem Material aus dem britischen Nationalarchiv erzähle. Der folgende Text ist eine gekürzte und überarbeitete Fassung des Kap. “Ein Treffen in Jerusalem” S. 242-249, sowie ein Zitat aus dem Kap. “Die grosse Verschwörung”, ebd. S. 259-60.

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Der Panislamismus hatte schon bald einen neuen Kristallisationspunkt gefunden: die zionistischen Ambitionen in Palästina. Diese waren zunächst einmal das zentrale Thema des im Dezember 1931 in Jerusalem abgehaltenen Panislamischen Kongresses.[1. FO 141/489 (Kew London) Pan-Islamic Congress (Jerusalem), 23 January 1932, Zionist ambitions in Palestine: List of delegates who attended the Moslem Congress held at Jerusalem on the 16 December, 1931.] Zu den Teilnehmern gehörte der Obermufti von Jerusalem und Präsident des Obersten Muslimischen Rats Ḥājj Amīn al-Ḥusaynī, dem ein grosser Einfluss auf die Massen nachgesagt wurde und der mit seinen Anhängern einen Block bildete, mit dem er die einzelnen Sitzungen verschiedentlich dominierte.[2. FO 141/489 (Kew London) 22 December 1931, über Ḥājj Amīn al-Ḥusaynī: „whose influence is great among the masses.“ Ebd., Enclosure IV: The General Islamic Congress held in Jerusalem 7-16 December, 1931, Punkt 72: „(…) Haj Amin formed a bloc, which on various occasions completely dominated the sittings.“]

Wie gross die Verflechtung zwischen Panarabismus und Panislamismus war, mag vielleicht der Umstand illustrieren, dass George Antonius, der spätere Verfasser des panarabisch motivierten Buches The Arab Awakening („Das arabische Erwachen“, 1939), dem Obermufti ein Geschenk des amerikanischen Diplomaten Charles Crane überreichte, das aus einem handsignierten Foto Jamāladdīn al-Afghānīs, des panislamistischen Vordenkers, bestand.[3. Ebd. Crane gilt auch die Widmung in Antonius’ Buch.]

Al-Ḥusaynī war von der palästinensischen Regierung mit der Kontrolle der Scharia-Gerichtshöfe und der Waqfs (awqāf), der religiösen Stiftungen, beauftragt worden, was ihn nach einer Einschätzung des britischen Aussenministeriums gefährlich machte, da Ḥusaynī enge Verbindungen zur arabischen Nationalbewegung pflege, wie sie massgeblich von den scherifischen Elementen in Palästina, Transjordanien, Irak und Syrien repräsentiert wurden. Dass die Briten selbst anfangs noch stark auf ihn fokussiert waren, lässt sich möglicherweise auf die eigene Kriegstradition einer Kooperation mit derartigen Kräften zurückzuführen.

Es gab Spannungen zwischen Ḥusaynī und Shawkat ʿAlī, einem der bedeutendsten Propagandisten der Kalifatsbewegung auf dem indischen Subkontinent, die daher rührten, dass letzterer eine moderate Position gegenüber dem britischen Mandat einnahm, während die meisten anderen Teilnehmer eben dieses Mandat als ursächlich für die zionistische Präsenz betrachteten. Shawkat ʿAlī bekam daher nicht nur den Widerstand Ḥusaynīs zu spüren und appellierte an die Briten, ihre aus dem 19. Jahrhundert bekannte Rolle als Freunde der Muslime wiederaufzunehmen.[11. FO 141/489 (Kew London), draft letter to Sir Lancelot Oliphant, Cairo, 5 January 1932.]

Der libanesische Delegierte Riyāḍ al-Ṣulḥ äusserte die Meinung, dass erst die Kolonisierung das Erwachen des Islam bewirkt habe, woraufhin er eine Erklärung von Ḥamad b. Jāzī vorlas, einem der Führer des Beduinenstammes der Ḥuwaiṭāt, demzufolge die Beduinen bereit seien, die Heiligen Stätten des Islam in Jerusalem, also Felsendom und al-Aqṣā-Moschee, mit ihrer Seele und ihrem Schwert zu verteidigen. In diesem Zusammenhang wurde auch der Vorschlag geäussert, in den verschiedenen islamischen Ländern eine Wächtertruppe, sog. „Wächter des Burāq“ einzurichten, um den islamischen Tempelberg vor einem zionistischen Zugriff zu schützen.

Auch solle eine forcierte muslimische Zuwanderung der demographischen Entwicklung in Palästina entgegensteuern, darüberhinaus Land nach zionistischem Vorbild aufgekauft und schliesslich eine Landwirtschaftsbank gegründet werden. Der Delegierte Ibrāhīm al-Khaṭīb forderte sogar, den Juden zu verbieten, am Tempelberg mit der angrenzenden Westmauer (Klagemauer) des ehemaligen jüdischen Tempels zu beten und zu wehklagen.[5. FO 141/489 (Kew London), Cairo, 5 January 1932. Zu Ḥamad b. Jāzī s. Robins, A History of Jordan, 206 Fn. 4.]

Ein weiterer Delegierter, ʿAwnī ʿAbdalhādī, zweitweiliger Berater von Fayṣal, rief zu einer Entschliessung gegen das britische Mandat auf, da dieses die Schaffung einer jüdischen Heimstätte erst möglich mache und den Weg bereite, den Muslimen den Tempelberg zu entreissen. Der Reformer Rashīd Riḍā wiederum, der auf der Konferenz einen Bericht zu diesem Thema aushändigte, liess nach britischer Einschtätzung eine starke Neigung zu wahhabitischen Auffassungen erkennen, was jedoch keinen Zuspruch unter den anderen Teilnehmern der Konferenz fand.

Im weiteren Verlauf des Kongresses wurden verschiedene Grussadressen verlesen, darunter von Drusenführer Shakīb Arslān, der Christian Association in Palestine, des Ex-Schah von Persien, sowie des Ex-Khedive ʿAbbās Ḥilmī Paşa.[6. FO 141/489 (Kew London), Cairo, 5 January 1932.] Neben dem Mandat wurden die Türken für manches Übel in der Arabisch-Islamischen Welt verantwortlich gemacht, dazu gehörte vor allem die Abschaffung des Kalifats. Mit der Gründung der Republik hatte sich das türkische Image in der arabisch-islamischen Welt verschlechtert, zumal die Türkei als einziges islamisches Land keinen Vertreter zur Konferenz entsandte. Das sollte sich auch in der Folgezeit nicht ändern.

Ein britischer Bericht von 1936 über die „panislamische arabische Bewegung“ vermerkt, dass mit dem Fortschritt von Bildung und Reiseverkehr es den Muslimen in der Arabischen Welt dämmere, dass sie der nichtmuslimischen Bevölkerung gegenüber zwar im Vorteil sein mögen, es jedoch den Türken zu verdanken haben, dass sie manches Privileg einbüssten. Infolgedessen habe sich Unzufriedenheit vor allem unter den eher aufklärten Elementen breitgemacht, die zu äussern jedoch durch das ḥamīdianische Regime unterdrückt worden war. Während der kurzen Herrschaft der CUP habe sich diese Gruppe der Unzufriedenen daher umso stärker artikuliert, sodass hier deutlich eine Kraft im Entstehen begriffen war, mit der auch in Zukunft zu rechnen sein werde.

Es waren jedoch die Ereignisse auf dem Balkan, in Tripolitanien und schliesslich der Weltkrieg, die verhinderten, dass aus dieser Kraft eine grössere Bewegung wurde. Mit dem Ausbruch des Weltkriegs hätten die Araber schliesslich ihre Chance kommen gesehen, das türkische Joch abzuschütteln und nach politischer Selbstverwaltung zu streben. So erkläre sich das anfängliche grosse Echo auf den Appell König Ḥusayns zu einer „Grossen Arabische Revolte“, bevor die Ereignisse nach dem Krieg eine enorme Ernüchterung zur Folge hatten.[7. FO 141/536/13 (Kew London) 21 February 1936; ebd. Anhang: Report on the Pan-Islamic Arab Movement.]

Auch die Sympathien für die Briten schwanden, zumal wegen des zionistischen Staates in Palästina, was zur Folge hatte, dass die antibritische Bewegung in Ägypten auf zunehmende Mitwirkung auch in Syrien und Mesopotamien stiess.[8. FO 141/536/13 (Kew London) 21 February 1936, Anhang: Report on the Pan-Islamic Arab Movement.] Viele Araber in Palästina fühlten sich getäuscht, seitdem die Briten ihnen durch Lord Milner 1922 zugesichert hätten, dass die Politik im Zuge der Balfour Declaration nur ein Experiment von einigen Jahren Dauer bleibe. Da das Experiment gescheitert sei, bleibe doch eigentlich nur, es zurückzurufen. Die Araber stünden nach eigener Aussage schliesslich weder mit den Briten noch mit einzelnen Juden im Konflikt, sondern allein mit der zionistischen Bewegung.[9. FO 141/536/13 (Kew London) 12 June 1936.]

Dieses wurde freilich als Problem der gesamten Islamischen Welt gesehen, nicht als nationales, das allein die Araber in Palästina anginge. Im Mittelpunkt steht der Tempelberg (ar. ḥarām al-sharīf), der nun Gefahr laufe, judaisiert zu werden, was zu einem Konflikt mit der Scharia führe. Ikone dieser islamisch-nationalistischen Haltung gegenüber den zionistischen Aspirationen wurde Saladin, der im 12. Jahrhundert erfolgreich gegen die Kreuzritter zu Felde gezogen war. So begannen muslimische Autoren das westliche Vordringen in der Islamischen Welt als Fortsetzung einer langen Kette von Versuchen zu beschreiben, mit denen die Islamische Welt unterworfen werden solle.[10. Jonathan Riley-Smith (2008): The Crusades, Christianity, and Islam. New York.]

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Dass Opportunismus ein Faktor im Umgang mit den zionistischen Aspirationen war, zeigt der Umstand, dass der syrische Nationalismus sich erst in dem Moment für die zionistische Bewegung zu interessieren begann, als Alexandretta (trk. Iskenderun), das einem Abkommen mit Frankreich zufolge (1921 und 1937) einen autonomen Status innerhalb Syriens erhalten sollte, an die Türkei verloren zu gehen drohte. Da sich die Damaszener Elite nur ungern mit den Religionsbrüdern der Türkei anlegte, hob sie die „zionistische Gefahr“ auf das Schild ihrer nationalistischen Propaganda, womit sie sich gleichermassen als Vorkämpferin arabischer Interessen zu beweisen wie auch von der Alexandretta-Frage abzulenken vermochte.[11. Dalal Arsuzi-Elamir (2003): Arabischer Nationalismus in Syrien: Zaki al-Arsuzi und die arabisch-nationale Bewegung an der Peripherie Alexandretta/Antakya 1930-1938. Münster et al., S. 241.]

In allen diesen Fällen spielen Verschwörungsmuster, eine Sündenbockfunktion und ein chiffrierter Hass auf wesentliche Eigenschaften der Moderne (das vermeintlich „internationale Wesen“ der Juden, die Gleichsetzung von Judentum und Weltlichkeit, usw.) eine Rolle – selbst weitab von Palästina: der Mythos von einer jahrhundertealten türkisch-jüdischen Symbiose, der durchaus auf Tatsachen basierte, endete spätestens 1934, als es in verschiedenen Städten Ostthrakiens zu mehrtägigen antijüdischen Pogromen kam, bis die Regierung İnönü schliesslich einschreiten musste. Dies geschah jedoch erst, nachdem örtliche Sicherheitskräfte den Ausschreitungen tatenlos zugeschaut hatten.[12. Pekesen, Berna (2012): Nationalismus, Türkisierung und das Ende der jüdischen Gemeinden in Thrakien 1918-1942. München, S. 44-8 und passim.]

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Wie der Antisemitismus im islamischen Kontext in Pogrom und Terror umschlug, ist eine komplexe Geschichte, in der mehrere Faktoren zusammenwirkten. Auf den Islam allein lässt sich dieser Vorgang jedenfalls nicht zurückführen und auf eine zentrale Figur der Geschichte wie Ḥājj Amīn al-Ḥusaynī ebensowenig. Pogrome gegen Juden waren auch von Griechen ausgegangen. Landau (1961) vermutet, dass Juden als Sündenböcke für die Osmanen herhalten mussten [13. LJacob M. Landau (1961): “Ritual Murder Accusations in Nineteenth-Century Egypt,” in: ders., Middle Eastern Themes. Papers in History and Politics. London, S. 99-142.], aber der Judenhass hat eben auch eine Wurzel im byzantinischen Christentum. [14. Vera von Falkenhausen (2010): “Auf der Suche nach den Juden in der byzantinischen Literatur”, in: Europa im Nahen Osten – Der Nahe Osten in Europa, hgg. von Angelika Neuwirth und Günter Stock. Berlin, S. 201-20.]

Trump in Riad

Das war eine erstsaunliche Rede, die der amerikanische Präsident da gehalten hat: auf dem arabisch-islamisch-armerikanischen Gipfel in der saudischen Hauptstadt. Trump, und das ist die gute Nachricht, hat gezeigt, dass er lernfähig ist. Befürchtungen, er würde sich wie der sprichwörtliche Elefant im Prozellanladen aufführen, erwiesen sich als grundlos. Vielmehr hat Trump gezeigt, dass er auch Diplomatie kann.

Trump im saudischen Fernsehen

Sein Vorredner, der saudische König Salman, hat das zentrale Thema des Gipfels vorgegeben: Die Aggression durch den Iran, sowie den Terrorismus durch islamistische Gruppen wie den IS. Die Wörter “Terror” und “Terrorismus” konnte man auf dem Gipfel in jedem zweiten Satz hören und Trump war weise genug, zu Beginn seiner Ausführungen deutlich zu machen, dass die USA unter seiner Führung weiteren interventionistischen Abenteuern abgeneigt sind.

Die Beziehungen zwischen den USA und der arabisch-islamischen Welt sollten vielmehr von handfesten Ergebnissen auf der Grundlage von Erfahrungen und einem prinzipiellen Realismus geprägt sein. Ganz der Geschäftsmann, der Trump nun einmal ist, betonte er das Potential dieser Länder und erzählte von seiner Vision eines Nahen Ostens von Wohlstand und Möglichkeiten.

Zunächst vermied Trump, Iran und den IS beim Namen zu nennen und pries stattdessen die Kultur und Geschichte der arabisch-islamischen Länder. Sicherlich war der ausgiebige Bezug auf vorislamische Monumente wie Giza in Ägypten oder Petra in Jordanien als Anspielung auf die Zerstörungsorgien durch IS und die Taliban zu verstehen, die sich gezielt gegen alles richten, was in Augen der Extremisten nichts als Götzen sind.

Vor diesem Hintergrund konnte man seine Appelle, gegen den Terrorismus vorzugehen, auch als versteckte Aufforderung an seine saudischen Gastgeber verstehen, etwas gegen den Extremismus in den eigenen Reihen zu unternehmen. Das konnte er freilich nicht offen sagen.

Trump kündigte stattdessen die Gründung eines Terrorist Financing Targeting Center und erklärte, dass es nicht zuletzt darum gehen müsse, Terrorgruppen wie den IS von ihren finanziellen Ressourcen abzuschneiden und sie schliesslich aus der islamischen Welt zu vertreiben.

Er sprach von “islamischem Extremismus”, liess aber keinen Zweifel daran, dass das Etikett “islamisch”, das sich solche Gruppen anheften, eine Anmassung sei. Terroristen, so Trump, folgten keinem religiösen Glauben, sondern beteten den Tod an. Daher solle die Botschaft an solche Gruppen ergehen, dass ihr Leben leer sein – und kurz.

Wiederholt verurteilte Trump die Verfolgung von Juden und Christen, vergass aber auch nicht hinzuzufügen, dass die überwältigende Mehrheit des islamistischen Terrors Muslime sind. Erst gegen Ende seiner Rede wurde Trump spezifischer: Es sind der IS in Syrien und dem Irak, die Houthis im Jemen und Assad in Syrien, die das eigentliche Problem darstellen.

Dass Trumps Zusicherung von Partnerschaft und Solidarität im Kampf gegen diese Kräfte nicht bloss heisse Luft ist, daran hatte er vorher schon keinen Zweifel gelassen, als er einen Waffenhandel in dreistelliger Milliardenhöhe einfädelte, der Saudi-Arabien vor allem im Kampf gegen den Iran stärken soll.

Während man sich in Deutschland über den Wahlsieg des vermeintlichen Reformers Rouhani bei den iranischen Präsidentschaftswahlen glücklich zeigt, macht die arabische Seite auf dem Gipfel in Riad klar, dass Iran neben dem IS der zentrale Faktor von Instabilität in der Region ist. Das wird man sich in Teheran sehr genau angeschaut haben.

Sicher, Saudi-Arabien ist alles andere als ein glaubwürdiger Partner, wenn es um Menschenrechte und den Kampf gegen den Terrorismus geht. Gerade in der arabischen Welt wird das jedoch anders gesehen und so gehört auch der mehrheitlich schiitische und mit dem Iran in vielerlei Hinsicht kooperierende Irak zu den teilnehmenden Ländern.

In diesem Zusammenhang dürfte es ein Novum sein, dass ein amerikanischer Präsident in der saudischen Hauptstadt explizit die iranischen Drohungen anprangert, Israel auszulöschen! Das dürfte in Jerusalem sicherlich gut angekommen sein, der nächsten Station von Trump.

Diese dürfte dennoch eine Herausforderung sein, denn die Regierung Netanyahu ist nicht unbedingt erbaut über den amerikanisch-saudischen Waffenhandel. Trump wird hier einige Sorgenfalten glätten müssen. Aber wer weiss, zu welch weiteren Überraschungen der amerikanische Präsident noch fähig ist.


Bildnachweis: Youtube.com/ Saudi TV Channel 2, 21.05.2017


Nachtrag 6. Juni 2017

Wie der Sicherheitsexperte Bruce Riedel in Erfahrung gebracht hat, hat es keinen Waffenhandel gegeben, jedenfalls keinen, der vertraglich fixiert worden wäre. Sämtliche potentielle Waffenlieferungen waren zudem schon von Obama in Aussicht gestellt worden.

Die Schlacht als himmlisches Skript: William McCants, The ISIS Apocalypse (2015)

Der scheinbare Aufstieg des sog. Islamischen Staates (IS) aus dem Nichts sowie seine beispiellose Grausamkeit, die er nicht etwa verbirgt, sondern in einer überaus professionell anmutenden Medienstrategie gezielt über die sozialen Netzwerke verbreitet, ist für die Weltöffentlichkeit Schrecken und Faszinosum zugleich. Der amerikanische Nahostfachmann William McCants hat nun in einer auf umfangreicher Auswertung von Originalquellen basierenden Publikation gezeigt, was den IS so einzigartig macht.

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Lektionen aus Ramadi

Dass die USA heute wieder Ramadi bombardieren, ist auch deshalb so bemerkenswert, weil vor etwa zehn Jahren von dort aus der Kampf gegen al-Qaida begonnen hatte. Bis zur Vertreibung der Terrororganisation im März 2007 galt die Stadt als Zentrum dschihadistischer Gewalt. Dass Ramadi ein zweites Mal an die Dschihadisten, dieses Mal vom ISIS, fallen konnte, musste also hohe Symbolwirkung haben. Das hätte nie passieren dürfen.

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