Mitteilungen aus Kilis (10)

Die irakischen Stämme verkünden die Schaffung einer Stammesarmee und verbrennen den Steuerbescheid. Natürlich gibt es keinen Zweifel, dass al-Maliki auf einer Linie mit Bashar al-Assad liegt. Die Situation im Irak steht kurz vor einem Konfessionskrieg zwischen Schiiten und Sunniten.

Denn die irakische Regierung ist nichts als eine sektiererische Regierung, die einen Hass auf die Sunniten hat, und Nuri al-Maliki ist nicht mehr als ein Dieb, ein Diktator und ein Mafiaboss, der Sunniten tötet. Das ist nichts neues. Die durchgesickerten Wikileaks-Dokumente haben viele Fakten ans Licht gebracht. Nun scheint es, dass die Zeit reif ist.

Der syrische Widerstand gegen Assad wird mit dem irakischen Widerstand Hand in Hand gehen. Aus mehreren Gründen: einer gemeinsamen Stammeszugehörigkeit, aus konfessionellen Gründen und wegen der Geographie. Die kommende Woche wird sich stark zugunsten des syrischen Widerstandes entwickeln – Öl für Waffen.

Nachdem Assad das Land verbrannt hat, ist es an der Zeit, ihm einzuheizen und allen, die ihm beistehen. Schon bald wird es soweit sein. Syrer und Iraker werden nicht an den Grenzen ihres Landes haltmachen.

Der Westen, der dasteht und Assad grünes Licht für das Töten von Sunniten gibt, ist derselbe, der in Mali interveniert. Und die Welt, die der syrischen Tragödie zusieht, ist dieselbe, die Friedenstruppen nach Mali entsendet. Eine klare Doppelmoral, für die der Westen bald den Preis zahlen wird. Nicht ich sage das, sondern die Situation.

Nach der Zerstörung der Städte in Syrien und zuvor der Zerstörung der Städte im Irak glaube ich nicht, dass diese sunnitischen Stämme mit ihrer demographischen und finanziellen Kraft noch etwas zu verlieren haben. Wenn der Krieg das ist, was die Welt uns auferlegt hat, dann sind wir Meister des Krieges und die Araber berühmt für ihre langen Kriege, die vierzig Jahre dauern.

Ich frage mich, ob diejenigen, die den Krieg entfachen und uns in ihn hineindrängen, überhaupt in der Lage sind, die Resultate dieses Krieges auszuhalten? Der Krieg zieht am Horizont auf und mit ihm die grosse humanitäre Tragödie.

Viele Waisen und viele Witwen – es waren die Frauen und Kinder, die für die Rekrutierung in einem Krieg bezahlt haben, der ihnen aufgezwungen wurde. Es ist der Krieg um der Würde willen, um des Ausharrens willen. Die Syrer haben wieder und wieder an die Welt appelliert, doch ohne Erfolg. Oft haben wir gewarnt, doch wollte die Welt unsere Warnungen nicht hören.

Jetzt stehen wir am Rande des dritten Weltkrieges. Ich sage: Der Krieg wird früher oder später wie der Golfkrieg werden. Der islamische Radikalismus ist das Schreckgespenst, mit dem der Westen argumentiert, um Assad einen Vorwand für das Abschlachten des syrischen Volkes zu liefern.

Die Syrer sagen: Wenn der islamische Radikalismus uns von der Brutalität der Schiiten und der Brutalität Assads befreien wird, dann sind wir alle radikale Islamisten.

Türkische Republik, 27. April 2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz)

Mitteilungen aus Kilis (9)

Ich setzte mich, während die Stimme des grossen Künstlers Abdelhalim Hafez erscholl, der ein Gedicht von Nizar Qabbani intonierte, und las. Das Gedicht sagte sinngemäss: „Mein Sohn, gestorben ist als Märtyrer wer sich für den Geliebten geopfert hat.“

Ich frage mich: Jeden Tag werden mehr als einhundert Syrer getötet und alle sind sie Märtyrer, alle haben sie sich für den Geliebten geopfert. Aber für welchen Geliebten? Ist es das Geld? … der Reichtum? … das Vaterland? … Bashar al-Assad oder etwas anderes? Was ist mit den Menschen, die durch Chemiewaffen und Skud-Raketen in ihren Häusern sterben?

Ich setzte mich, um über die Zukunft nachzudenken, als das Lied den nächsten Abschnitt erreichte: „Aber dein Himmel regnet und dein Weg ist versperrt, versperrt, versperrt …“

Ja, vielleicht ist es nicht mein Weg, der versperrt ist, aber der Weg aller Syrer. In dem Land, in dem wir Zuflucht gefunden haben, sind wir nicht besser dran – denn mein Laden, mit allem, was darin ist, wurde gestohlen. Dank der Abwesenheit von Recht und Gesetz.

Aus Syrien erreichte mich die Nachricht, dass sich die Menschen dort Sorgen machen, man könnte ihnen ihr Haus mit allen Sachen wegnehmen! Was soll ich tun? Soll ich nach Aleppo zurückkehren, das sich unter Kontrolle des Regimes befindet und wo der Tod herrscht?

Vor zehn Tagen habe ich ein Haus gemietet, das mich fast $ 1000 pro Monat kostet – und es gibt keine Möglichkeit hier zu arbeiten. Auch wenn ich von mir spreche, so ist meine Lage doch typisch für Syrer. Wenn ich mich umhöre, so bin ich überrascht zu sehen, wie viele versuchen, mit Antiquitäten oder Metallen u.a. zu handeln.

Derweil suchen kämpfende Milizen nach Geld zur Finanzierung von Waffen, was sie nicht davon abhält, die wirtschaftlichen und historischen Reichtümer des Landes zu verkaufen. Leute wie ich sehen sich gezwungen, jeder Tätigkeit nachzugehen, auch wenn sie sich mit der eigenen Überzeugung nicht vereinbaren lässt.

So ganz allmählich verwandele ich mich von einem Autoren in einen Mafiaboss. Nachdenklich lehne ich mich zurück und bedaure es, aber so ist nun einmal der Krieg. Ich bin davon überzeugt, dass es im Krieg keine Ehre und kein Gewissen gibt. Die Welt schaut uns zu, wähend wir brennen.

Soll ich es wagen über das Meer an die Gestade Europas zu fahren oder was sonst? Und was gäbe es in Europa? Andererseits: Soll ich in der Türkei sitzen und betteln? Die Situation treibt den Menschen im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte in den Selbstmord.

Vielleicht werde auch ich mich eines Tages dazu erniedrigen, Waffen zu tragen und in einer radikalen islamischen Organisation zu kämpfen. Ich denke über meine Zeichnungen nach, mit denen ich mich ablenke. Ich sage: Was ist der Wert der Kunst in Zeiten des Dschungels?

Ost und West sprechen von einigen radikalen Milizen und al-Qaida. Ich sage: Wer hat sie denn gemacht? Wenn du zulässt, dass das süsse Kätzchen von allen Seiten geschlagen wird, wird es nicht lange ein süsses Kätzchen bleiben.

Es wird sich in einen tollwütigen Hund verwandeln.

Türkische Republik, 18.04.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz.)

Mitteilungen aus Kilis (8)

Neulich sass ich nahe der syrischen Grenze und trank Tee, während ich über die schmerzliche syrische Lage nachdachte. Dauernd wird aus Syrien berichtet, dass die Heftigkeit des Tötens zugenommen habe. Dieses Mal sind es die bewaffneten Milizen, die sich gegenseitig ausradieren.

Ich besann mich, wie einmal ein bedauerlicher junger Muslim aus Deutschland kam, um in Syrien zu kämpfen. Natürlich tat er nichts falsches, aber vielleicht hat er falsch verstanden, worum es geht.

In Syrien gibt es heute einen kriminellen und geistesgestörten Diktator, während die Welt danebensteht, und ein Volk, das noch nicht einmal leicht bewaffnet ist, sich ihm entgegenstellt. In kurzer Zeit hat der Konflikt religiöse Züge angenommen. Die Situation in Syrien ist keine von enormem Aussmass, den die Medien aufbauschen, aber dennoch ein Kriegsgebiet, wo der Tod in jeder Strasse in jedem Augenblick möglich ist.

In Syrien wird man sich nicht wundern, wenn man eine kopflose Leiche sieht oder eine verbrannte oder wenn es der Körper eines Kindes oder Mädchens ist, das vielleicht durch einen iranischen Heckenschützen den Tod fand.

Iraner und Schiiten haben begonnen, die Trommeln des Dschihād zu schlagen. Sie haben dafür gesorgt, dass der grösste Dschihād in Syrien stattfindet, während im Gegenzug sunnitische Extremisten auf dieselben Trommeln zu schlagen begonnen haben. Vielleicht gibt es im Westen, im Iran oder in der Hisbollah viele junge Leute, die sich dafür begeistern, in den Himmel zu kommen. Es ist das „Opium des Volkes“, wie Karl Marx sagte. Ich bitte Euch, Ihr Jugendlichen, der Weg ins Paradies führt nicht über Syrien!

Ich denke wieder zurück, als ich in Aleppo war und um Kinderbekleidung zu spenden aufrief. Glauben Sie mir: Jemand aus Deutschland, den ich nicht kenne, schickte mir zwei Pakete mit Kleidung, die ich, Gott sei Dank, an die Kinder verteilte. Ich glaube, dass dieser Mann, dessen Identität ebenso wie seine Religion mir unbekannt sind, viel besser als diese Burschen und jungen Frauen ist, die nach Syrien kommen, um zu töten. Syrien hat keinen Bedarf an Kämpfern; es hat einen Bedarf an Waffen und an einer Koordinierung der bewaffneten Kräfte.

Töten gehörte nie zu den Geboten Gottes. Gott sagt im Koran: „Aus diesem Grund haben wir den Kindern Israels vorgeschrieben, dass, wenn einer jemanden tötet, und zwar nicht aus Rache für jemand anderes oder aus Strafe für Unheil, das er auf der Erde angerichtet hat, es sein soll, als ob er alle Menschen getötet hätte (Koran 5,32). Gott weiss es am besten.

Daher wende ich mich an Euch junge Menschen im Westen und im Osten, Schiiten gleichermassen wie Sunniten, zu welcher Konfession ihr auch immer gehören mögt. Wenn Ihr wahrhaftig ins Paradies wollt, so liegt der Schlüssel dafür im Lachen der Kinder, in der Freude der Witwen und in der Annahme der Waisen. Und wer von euch einen Vater und eine Mutter hat, der muss, um ins Paradies einzutreten, ihnen zu Diensten sein – auch wenn er ein Ungläubiger sein sollte. So verstehe ich den Islam als ein muslimischer Araber.

All diese Arten von kämpfenden Milizen in Syrien haben ihre jeweiligen Agenden, aber keine von ihnen arbeitet für Gott. Denn der Weg zu Gott unterscheidet sich nicht für Juden, Christen, Muslime oder Buddhisten.

Ich sehe mit Abscheu, was in Burma geschieht, wo Muslime getötet werden. Und ich frage mich: Sind die Lehren des Buddhismus die, dass man sich zusammenrottet, um diejenigen zu töten, die nicht zum Buddhismus konvertieren? Oder sind es nur kranke Menschen, die aus konfessionellem Hass gegen die Lehren ihrer eigenen Religion zu Felde zogen?

Es ist dasselbe wie in Syrien zwischen Arabern und Arabern, zwischen Muslimen und Muslimen. Das hässliche Morden mit den hässlichsten Mitteln und das Morden gegeneinander – jeder denkt, dass er Gott am besten dient. Es gibt auf der Welt nicht so etwas wie Töten zum Zwecke der Annäherung an Gott.

Gott sagt: „Tötet niemanden, den zu töten Gott verboten hat, ausser wenn ihr dazu berechtigt seid!“ (Sure 17,33).

Türkisch-syrische Grenze, 11.04.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz.)

Mitteilungen aus Kilis (7)

Die Tage vergehen ohne eine Lösung am Horizont. Zu Beginn des letzten Berichts über die Rückführung einiger syrischer Flüchtlinge war von Aljazeera eine Zahl von 600 genannt worden und so gab es immer wieder Nachrichten von der Deportation der Syrer aus dem Lager Mar’ash, doch ist die Zahl wohl nicht korrekt und dürfte geringer sein.

Was ich aber mit meinen eigenen Augen sah, war, dass vor einer Woche Brot verteilt wurde, welches sich dem Verfallsdatum näherte, seitdem es im April 2012 hergestellt worden war. Als es vor einigen Tagen verteilt wurde, war das zwei Tage vor Ablauf der Haltbarkeit. Ich habe von vielen Fällen gehört, bei denen Syrer hier in Kilis vergiftet worden sein sollen. Deswegen wurde auch eine Beschwerde bei der türkischen Regierung eingericht, damit sie sich der Sache annimmt.

Die letzte positive Sache, die die türkische Regierung für die Syrer getan hat, war die Aufhebung von Verzugsgebühren [für Visaüberziehungen] und die Gewährung von offenen Aufenthaltsbewilligungen, sowie das Ausstellen von Arbeitsgenehmigungen für alle, die arbeiten wollen. Für die Syrer ist das von äusserster Wichtigkeit, denn es wird die bittere Realität der Syrer, die hier leben, umkehren.

Doch der Weg ist noch lang und voller Dornen. Die Dinge bleiben kompliziert und besonders die hohen Mieten, die den Syrern abverlangt werden. Ich kenne einige Familien, die Syrien gen Türkei verlassen haben, ohne irgendwelche offiziellen Papiere. Allerdings erfolgte es die Aufnahme ihrer Kinder in den türkischen Schulen ohne offizielle Urkunden.

Die Nachrichten aus Syrien sind alles andere als gut. Wo manchmal Stromausfälle mehr als fünf Tage andauern und danach nur für einige Stunden wiederkommen. Die Sicherheitslage ist total schlecht.

Vor zwei Tagen war ich in einem Café überrascht zu sehen, dass ein Europäer kommt, um sich den syrischen Kämpfern anzuschliessen. Einer der Kämpfer, die dem Beschuss ausgesetzt waren und eine Behandlung hier in der Türkei erhielten, kämpfte unter dem Banner der Nusra-Front. Man hatte ihn nach Syrien mitgenommen.

Mir persönlich gefiel das nicht. Ich würde von dem Deutschen verlangen zurückzugehen – zurück nach Deutschland.Denn was Syrien mangelt, sind nicht Kämpfer, sondern vernünftige Waffen. Um mich herum sind mehr als 5.000 Kämpfer, und auch wenn sie mir nicht unterstehen, so bin ich mit ihren Führern allesamt befreundet. Sie alle beklagen sich über die Schwäche und den Mangel an Munition, aber nicht über einen Mangel an Kämpfern.

Hätten wir einen Mangel an Kämpfern, so würde ich mich dem Deutschen bei der Verteidigung meines Landes anschliessen. In jedem Fall ist der Deutsche, den man nach Syrien mitgenommen hat, von der Nusra-Front im Stich gelassen worden, als er verwundet wurde. Nicht einen Qirsch hat man ihm gegeben. Dennoch hatte man den Deutschen nach Syrien mitgenommen.

Vielleicht ist das der Wahnsinn und das Opium des Volkes, wie Karl Marx sagte. Aber die syrische Katastrophe ist jetzt ein Präsident, der in Syrien in einem Versteck kauert. Er verbrennt das Land, während die gesamte Welt dem Lodern zusieht.

Türkisch-syrische Grenze, 04.07.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz.)

Mitteilungen aus Kilis (6)

Ein Monat geht zuende, ein neuer beginnt. Vielleicht in einem Monat wird Syrien seinen Rekordstand an Auswanderung und Ermordung erreicht haben.

In einem Café, in dem Syrer hier in der Türkei häufig verkehren, gab es zwei junge Burschen, die sich unterhielten. Der erste sagte: „Hast du mal einen getötet?“ Worauf der zweite engegnete: „Bis jetzt noch nicht.“

Der erste sagte zu ihm: „Sitz hier nicht mir zusammen, sondern geh los und töte jemanden. Dann kannst du wiederkommen und dich zu mir setzen!“

Vielleicht haben sie nur im Scherz geredet, vielleicht auch im Ernst. Es ist jedenfalls bedauerlich, welchen Zustand die Syrer erreicht haben. Gibt es vielleicht auch Menschen, die nach dem Sinn des Mordens fragen?

Ich weiss es nicht, aber die Situation in Syrien muss schnell bereinigt werden, bevor sich ein grosser Teil der Syrer in Mörder verwandelt. Nichts und niemand mehr wird vom Morden verschont. Es ist nichts als eine psychische Krankheit.

Ich bin davon überzeugt, dass die Dinge in Syrien den schlimmsten Zustand erreicht haben. Manche Leute in Syrien töten ohne besonderen Grund – sie töten nur zum Spass!

Die Syrer suchen Tag und Nacht zu überleben. Es scheint, dass die Chance zu leben Tag für Tag geringer wird.

Manche Syrer, die in die Türkei gehen, kehren ganz schnell nach Syrien zurück. Um mit allen Mitteln Geld zu machen, verkauft mancher sein Haus, oder er stiehlt, oder er entführt den Sohn von jemandem. Es gibt keine grossen Unterschiede. Es ist die Kultur des Dschungels, des Überlebens des Stärkeren.

Vielleicht machen meine Worte ja deutlich, wie unabdingbar es ist, eine schnelle und rasche Lösung zu unterstützen, bevor es zu spät ist.

Denn mit jedem Tag gibt es neue Brandherde und noch mehr Zusammenstösse und Auswanderung. Schliesslich fragt sich, welche Seite diese Syrer noch umarmen und sie empfangen kann?

In der Erwartung, dass die Welt sich ernsthaft bewegen wird, werde ich weiter das Café aufsuchen, wo ich mich nicht neben den jungen Mann setzen werde, weil ich noch nicht umstande bin, einen Menschen zu töten.

Vielleicht nicht wirklich.

Türkisch-syrische Grenze, 31.3.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz)

Mitteilungen aus Kilis (5)

Hier in der Türkei ist heute die Abschiebung von syrischen Flüchtlingen das Tagesgespräch. Gestern sind 600 syrische Flüchtlinge – die genaue Zahl weiss ich nicht – abgeschoben, aus dem Land geworfen worden.

Darunter mögen einige Missetäter sein, doch wohin schicken wir sie? Schicken wir sie in den Tod? Das ist äusserst gefährlich und verantwortungslos.

Heute sind wir alle syrische Flüchtlinge. Wir überlegen uns, in einem anderen Land Zuflucht zu nehmen. Dort wird man vielleicht gnädiger mit uns sein, wenn wir etwas falsch gemacht haben sollten.

Die zweite Sache, mit der viele Syrer hier in der Türkei sich auskennen, ist äusserst gefährlich. Es handelt sich um das Wasser.

Hier in Kilis ist das Wasser nämlich nicht trinkbar. Die Türken wissen das und sind in den Verkauf von Trinkwasser eingestiegen – von kalkhaltigem Wasser. Dieses Wasser zerstört nach und nach die Nieren. Was würden Sie sagen, wenn Sie hören, dass mehr als fünfzig Prozent der Syrer hier in Kilis kalkhaltiges Wasser trinken? Manche sind sich der Gefahr gar nicht bewusst und kümmern sich aus ihrer Armut und ihrem Elend heraus gar nicht darum.

Es ist schrecklich. Seitdem ich hier in der Türkei, nahe der Grenze bin, habe ich begonnen, alles zu hassen.

Die Freunde, die ich hier um mich herum habe, benehmen sich wie Falken, die nur auf eine Gelegenheit warten, um sich auch auf mich zu stürzen und zu verschlingen. Leider wandeln sich die Syrer hier im Asyl in reissende Tiere, die sich gegenseitig zerfleischen.

Geld ist unabdinglich, wie man an es herankommt unwichtig. Viele Syrer lassen ihre Menschlichkeit hinter sich. Gier und Unmenschlichkeit haben sie überwältigt, viele von ihnen müssen zum Psychiater. Wären nicht die türkischen Sicherheitskräfte, so begingen die Syrer hier die abscheulichsten Vergehen und die schrecklichsten Verbrechen.

Ich gebe der türkischen Regierung nicht die Schuld für die Abschiebung der Flüchtlinge nach Syrien. Aber Syrien ist heute nichts als ein Kriegsgebiet. Die Kinder dieser Übeltäter werden Opfer dessen, was ihre Eltern getan haben. Und hier Opfer der Verantwortungslosigkeit.

Immer wieder gibt es Nachrichten, dass Assad verschwunden sein soll. Oder getötet. Aber die Frage ist, was nach Assad kommt. Werden sich die Syrer auf das stürzen, was vom Land übriggeblieben sein wird, um es zu stehlen und zu besetzen?

Vielleicht besteht hierin die Rolle der Syrischen Nationalen Allianz und die Bedeutung der internationalen Unterstützung, sich von einer blossen Allianz zum Kern eines echten Staates zu wandeln. Diejenigen, die von Bewaffnung reden, müssen zuerst einen Generalstab wollen, bevor dieser mit bestimmten Waffen ausgerüstet wird.

Ich war sehr froh darüber, dass die Allianz in Qatar die syrische Botschaft erhalten hat, und ich hoffe, dass es Botschaften in allen Ländern der Welt geben wird, weil dies ein richtiger Schritt ist. Es würde viel dazu beitragen, dass das Leiden der Syrer im Ausland und der Länder, die sie beherbergen, gelindert wird.

Was viele Leute nicht wissen: Es kann sein, dass jetzt in Syrien alle Behörden aus Gründen der Korruption zerfallen sind. Gegen Geld kann jeder Mensch auf der Welt einen echten syrischen Reisepass bekommen.

Türkisch-syrische Grenze, 29.3.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz)

Mitteilungen aus Kilis (4)

Die Syrer sitzen in diesen Tagen vor den Fernsehschirmen. Sie fassen sich mit ihrer einen Hand an ihre leeren Bäuche und mit der anderen nach der Fernbedienung. Sie suchen nach einer Nachricht, die da lautet: Raketenabschüsse und Luftangriffe werden eingestellt.

Vielleicht gibt es nichts dringenderes, was am Horizont sich abzeichnet. Doch dass die Arabische Liga die neue Regierung als legitim und einzige Vertreterin des syrischen Volkes ist von enormer Bedeutung. Ich hoffe, dass die Europäer und Amerikaner dem Beispiel der Araber folgen werden.

Es ist die einzige Lösung, um die Opposition zu unterstützen, damit sie ein Staat wird und wir das Chaos der bewaffneten Milizen hier und dort loswerden. Vielleicht wird Assad demnächst das Töten intensivieren, um die Welt unter Druck zu setzen, damit sie sagt: er bleibt wo er ist.

Leider rückt dieses Szenario näher. Wenn die Welt sich nicht militärisch bewegt, um diesen Verbrecher zu stoppen, dann wird die Welt demnächst noch mehr Morde und Verbrechen erleben.

Hier an der türkisch-syrischen Grenze ist die illegale Einwanderung nach Europa gängig. Die Preise betragen 5.000 Euro pro Person und es besteht die Möglichkeit, sogar Menschen zu schleusen, die über keinen Reisepass verfügen. Mit jedem Tag kommen  Wellen von Syrern auf die Europäer zu.

Vielleicht gehört es zur Dialektik der Geschichte, wie es in einer historischen Quelle heisst, dass die Syrer zunächst nach Italien und Griechenland ausgewandert waren. Ihre Auswanderung geschah aufgrund der Blüte von Rom und Athen, was die grosse formale Ähnlichkeiten zwischen ihnen erklärt, ebenso wie die Tatsache, dass elf Kaiser syrischer Herkunft waren.

Heute kehrt die Geschichte wieder. Damals war der Grund für die Migration, dass die Perser viele Syrer getötet hatten – und heute genauso. Und Bashar al-Assads Wurzeln gehen auf die heutigen Perser zurück. Sie sind diejenigen, die ihn durch Fatwas von Khamenei, al-Buti und Nasrallah zum Mord befähigen.

Der syrische Schmerz ist gross. Die türkische Regierung öffnet die Tür einen Spalt weit für die Syrer, indem sie ihnen Aufenthalt gewährt. Aber was ist mit denen, auf deren Reisepässe Geldstrafen erhoben werden, weil sie ihren Aufenthalt in der Türkei überzogen haben, darunter auch ich. Auf meinem Pass sind Bussen in Höhe von rund 300 Euro angelaufen. Ich bin illegal in die Türkei zurückgekehrt – was ist mit solchen wie mir?

Der Weg ist lang, es gibt viele Schwierigkeiten und das Leben für die Syrer hier ist sehr schwierig. Noch einmal: Die Lösung besteht darin, die neue legitime Strömung des syrischen Volkes und die neue Regierung zu unterstützen. Die internationale Gemeinschaft muss uns, den syrischen Flüchtlingen, helfen.

In meiner Korrespondenz mit dem schwedischen Botschafter sagte mir dieser, dass, wenn ich keine Verwandte in Schweden hätte, es für mich keine Möglichkeit gebe, in das Land zu reisen, weil keine Flüchtlinge aufgenommen werden. Dann fügte er hinzu: Oder durch die Heirat mit einer Schwedin. Wo ist diese Frau? Gehören Aufnahme und Hilfe für syrische Flüchtlinge zu den Prioritäten der schwedischen Frauen?!

Es wäre in diesem Fall aber auch kein Problem, wenn es so wäre. Denn das syrische Gesetz erlaubt die Polygamie.

Türkisch-syrisch Grenze, 26.3.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz)

Mitteilungen aus Kilis (3)

Die sich überschlagenden Meldungen aus Syrien machen einem Angst: Armut, Obskurantismus, Mord, Hunger – und takfirische Organisationen. All dies lässt den syrischen Bürger nicht schlafen.

Armut: Viele Reiche oder Angehörige der Mittelschicht gibt es nicht mehr in Syrien. Alle haben sie das Land verlassen, sind verstorben, wurden umgebracht oder entführt, um Lösegeld zu erpressen. Wer von ihnen zurückgeblieben ist, hat Angst, sein Luxusauto zu benutzen.

Obskurantismus: Die meisten derer, die zu den Waffen greifen, sind von geringer Bildung. Infolgedessen tragen sie Waffen zuallerst zur Selbstverteidigung und dann als Instrument, um andere für eine Frau zu töten oder um eine Meinung zu bekämpfen oder einfach nur so.

Mord: Auf den Strassen Syriens kann man Leichen sehen, die von Hunden und Katzen gefressen werden. Man kann ein Leichenteil sehen, ohne zu ahnen, von welchem Menschen er überhaupt stammt. Am schlimmsten aber ist die Tatsache, dass Kinder, die täglich einen Mord und Leichen zu Gesicht bekommen, zusätzlich allen Arten von Missbrauch und Gewalt asugesetzt sind, und zwar seelischer und sexueller Natur.

Hunger: Es genügt, wenn Sie die Berichte der internationalen Organisationen nehmen und die Zahlen mit Fünf multiplizieren, um die wahre Statistikzu erhalten. Es ist alarmierend.

Die takfirischen Organisationen (Gemeint sind fanatische Gruppen, die anderen Muslimen den Glauben absprechen. Von takfīr = für ungläubig erklären. Anm. d. Ü.) sind bei weitem die gefährlichsten. Es gibt viele Berichte über Tötungen, Diebstahl oder Vergewaltigung im Namen der Religion. Im Krieg ist alles zulässig, islamischer Ethik braucht es nicht. Das ist die traurige Wahrheit.

Es ist schrecklich. Was in Syrien geschieht, kann nicht toleriert werden. Als Syrer kann ich nicht genau sagen, wo diese Gedanken und diese Gruppen herkommen und wie sie sich finanzieren. Oder aus welcher Richtung sie Unterstützung erhalten. Alles deutet jedoch auf Extremisten aus Saudi-Arabien und einigen Golfregionen hin. Ich wäre auch nicht von Hilfe aus anderen Gegenden überrascht, die nichts mit dem Islam zu tun haben.

Ich persönlich habe von vielen Augenzeugen gehört, dass einige dieser Elemente sich die Frau irgendeines Mannes mitsamt ihrer Kinder greifen und in die sexuelle Sklaverei führen. Einige der Ausbeuter selbst verteilen internationale Hilfe gegen sexuelle Dienste. Diese Organisationen sind die einzigen, die ihren Kämpfern faire Löhne zahlen, während einige Kämpfer der Freien Armee nicht einen einzigen Qirsch (Währungseinheit, Anm. d. Ü.) erhalten haben, obowohl sie seit mehreren Monaten ausgeharrt haben. Manche sind korrupt geworden, wie diese Gruppierungen mit ihren befremdlichen Ideologien.

Vielleicht sind die sexuellen und finanziellen Anreize der Grund für ihre so bemekenswerte und rasche Zunahme. Ich mache den Menschen keine Vorwürfe, denn die Menschen in Syrien sind keine Platoniker. Jeder hat seine Wünsche und Launen, zudem werden sie getrieben von Armut, Elend und Hunger.

Vielleicht würden sich diese Gruppen eines Tages soweit vergrössern, dass auch ich zu ihnen gehöre, wo ich doch ein Obdach nur finde, wenn ich nach Syrien zurückkehre. Wie ich es in einem Romans namens „Fluss des Wahnsinns“ gelesen habe.

Da gibt es einen Fluss, dessen Wasser jeden wahnsinnig macht, der davon trinkt. Schliesslich bleibt nur noch der König bei Verstand, während das Volk dem Wahnsinn anheimgefallen ist. Im letzten Kapitel des Romans sitzt der König um den Verstand  weinend, während er vor sich ein Glas mit Wasser aus dem Fluss des Wahnsinns setzt, bis er sich gezwungen sieht, wie die anderen wahnsinnig zu werden. So trinkt er von dem Flusswasser, vor dem es kein Entkommen gibt.

Meine Worte an meine Freunde in West- und Osteuropa, Amerika und Japan richtend, sage ich: Den Vernünftigen gehört die Stimme der Freiheit und des Gewissens.

Bitte stoppt den Wahnsinn, der in Syrien geschieht.

Türkisch-syrische Grenze, 23.3.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz)

Mitteilungen aus Kilis (2)

Heute ist Muttertag, wir wünschen den Müttern alles Gute. Doch angesichts des gegenwärtigen Zustands der Mütter in Syrien ist überhaupt nichts gut. Meine Herren, die Lage in Syrien bedarf keiner Erläuterung.

Unterdessen geht die Entwicklung dahin, dass das Staatsoberhaupt Scud-Raketen auf sein Volk zu feuern beginnt, um es für die bewaffneten Milizen aufzuscheuchen. So bewegen sich die Menschen in Richtung der tödlichsten Waffen, den Scud-Raketen mit chemischen Sprengköpfen. Wie soll das weitergehen?

Nero, der Rom niederbrannte, war wahrscheinlich klüger oder weiser als Bashar al-Assad. Dieser Mann hat nicht nur seine Legitimitation verloren, sondern seine Menschlichkeit. In jeder Ecke Syriens hockt der Tod, der die Kinder mit ihren Müttern fortreisst. Oder nur die Kinder, sodass die Herzen der Mütter brennen. Wenn wir am Muttertag nach Syrien schauen – wieviele Mütter heute werden bald um ihre Kinder weinen und wieviele andere werden wehklagen. Wieviele Kinder weinen um ihre Mütter…?

Muttertag … Es soll auf ein altes Fest namens „Ni-Roz“ zurückgehen, ein Wort, das im Altägyptischen „Göttin der Blüte“ bedeutet. Es ist genau wie das Wort Nifartiti „erhabene Königin“, d.h. Königin der Fruchtbarkeit.

Es ist die Zeit der Frühjahrsblüte, sie stimmt mit der Zeit des Arabischen Frühlings überein. Es scheint, dass die Dämonen, die Feinde der Demokratie, den Arabischen Frühling zu vernichten versuchen. Sie brennen die Bäume nieder, töten die Blüten und zertrampeln das Grün – tonnenweise, um die Geburt des Frühlings zu stoppen. Und dann werden sie No-Ruz schon im Ansatz vernichten.

Glauben Sie, dass einige Verrückte die Geburt des Frühlings stoppen können? Ein Verrückter wie Nero hat das Leben im grossen Rom nicht aufhalten können und genauso wenig wird ein Verrückter wie Bashar al-Asad die Lebensadern Syriens unterbrechen.

Lebt, ihr Mütter, ihr Göttinnen der Fruchtbarkeit! Es lebe der Frühling! Lang lebe Syrien – das freie, das blühende! Frohes Nowruz!

Türkei, 21.3.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz)

Mitteilungen aus Kilis (1)

In Syrien wurden heute Todesfälle durch chemische Waffen registriert. Assad ist bankrott gegangen und hat begonnen, seine jüngsten Schläge gegen die Zivilbevölkerung mit chemischen Waffen auszuführen. Natürlich wird er sagen: Es war die Opposition, die getötet hat.

„Meine Herren, ich will Ihnen gestehen: Ich bin mit chemischen Waffen gegen die Menschen vorgegangen.“ Und das Geständnis ist der Herr der Beweise: „Ich habe viele Chemikalien und Chemiefabriken und werde auch vom Iran unterstützt.“

In der Diaspora gibt es einen neuen Regierungschef und das ist gut – aber der zweite Schritt. Denn wie der Premierminister sagte, ist es an der internationalen Gemeinschaft, die Anerkennung der Regierung zu beschleunigen, um ihr eine echte Legitimation zu geben, nicht nur eine Regierung.

Für das reale Leiden gibt es einen Ausweg, nämlich die Ausgabe von Reisepässen. Die Syrer fliehen vor dem Tod in die Länder der Welt und das schreckliche ist, dass viele Länder sich weigern, die Syrer aufzunehmen. Vielleicht gibt es ja das Gerücht, dass die Syrer böse ausserirdische Wesen seien.

Hier in der türkischen Diaspora leiden wir unter vielen Problemen. So haben sich die Mieten für Syrer verdoppelt und viele Türken wollen ihr Haus nicht an Syrer vermieten. Hinzu kommt, dass alle Syrer illegalen Arbeiten nachgehen und der Staat das Recht hat, jeden zu bestrafen, der ihnen Arbeit gibt. Am schlimmsten jedoch ist, dass ein Syrer die Hälfte oder weniger von dem verdient, was ein türkischer Staatsbürger erhält.

Wir respektieren jeden Staat, der uns aufnimmt, insbesondere die Türkei. Aber helfen Sie uns, in unsere Häuser zurückzukehren, das wäre für uns besser!

An die Welt gerichtet sage ich: Sie müssen jetzt der neuen Regierung die helfende Hand geben und sie darin unterstützen, eine nationale Armee aufzubauen, die frei ist von extremistischen Ideologien und Gruppendenken – ansonsten wird die gesamte Region zur echten Gefahr.

Leider sind aufgrund international verbotener Waffen, die Assad schon bald grossflächig einsetzen wird, noch mehr Opfer zu erwarten. Die internationale Gemeinschaft schaut erwartungsvoll auf das tragische Ende.

Assad ist bankrott gegangen und mit ihm seine Herrschaft. Es scheint, dass das Ende der Hisbollah nach dem baldigen Ende von Khamenei und Ahmadinejad ein tragisches sein wird.

Türkei, 19.03.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz)

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