Führende Experten gegen Israel

Wenn es um Fussball oder den Nahen Osten geht, wimmelt Deutschland von Experten. Eine Gruppe von sechzehn Akademikern mit Doktortitel, denen die Redaktion der “Zeit” ehrfurchtsvoll attribuiert, “führende Experten für die Region” zu sein (damit auch ein wenig akademischer Glanz auf das eigene Haus fällt), hat nun in einer Stellungnahme Bedenken gegen die Verurteilung der BDS-Bewegung durch den Bundestag geäussert – so verdruckst, wie nur führende Experten das können.

Es geht um die BDS-Bewegung, die der Bundestag als antisemitisch verurteilt hat. BDS steht für Boykott, Desinvestitionen, Sanktionen. Dahinter steht die Absicht, Israel wirtschaftlich in die Knie zu zwingen, was sich in der Stellungnahme so liest: Die BDS-Bewegung sei eine Bewegung, “die Israel gewaltlos unter Druck setzen soll, damit es aufhört, palästinensische Rechte zu verletzen. Konkret geht es der Bewegung um (…) die Gleichstellung der palästinensischen Bürgerinnen und Bürger Israels und die Anerkennung des völkerrechtlich verbrieften Rückkehrrechts der palästinensischen Flüchtlinge.”

Es geht also um eine Ende der seit 52 Jahren dauernden Besatzung. Von dem Abzug israelischer Truppen aus dem Südlibanon im Jahre 2000 und der Räumung des Gazastreifens 2005 haben die “führenden Experten” noch nie etwas gehört. Auch nicht davon, dass Israel nach jedem Abzug den Kürzeren gezogen hat: Im Libanon erstarkte die Hisbollah, im Gazastreifen die Hamas.

“(…) antisemitische Straftaten verzeichneten in den vergangenen Jahren deutlichen Zuwachs und gehen ganz überwiegend auf das Konto von Rechtsextremen. Dagegen ist BDS hierzulande nach Einschätzung des Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus eine zu vernachlässigende Größe.” Die BDS-Bewegung ist also antisemitisch, dies fällt aber nicht ins Gewicht. Aber nicht nur der Rechtsextremismus bereitet den “führenden Experten” grössere Sorgen, sondern vor allem die Israel-Lobby, die in Deutschland den Ton angibt:

“Offizielle und selbsternannte Repräsentanten der israelischen Regierung intervenieren regelmäßig, um israelkritische Veranstaltungen in öffentlichen Räumen und an Universitäten zu verhindern, um die Arbeit der politischen Stiftungen vor Ort einzuschränken und so ihre Lesart der nahöstlichen Geschichte durchzusetzen.” Wieviele israelkritische Veranstaltungen in Deutschland stattgefunden hätten, wenn nicht offizielle und selbsternannte Repräsentanten der israelischen Regierung interveniert hätten, wissen wohl nur unsere “führenden Experten”.

Erstaunlich, dass an deutschen Universitäten Veranstaltungen zum Thema Israel und Nahostkonflikt meist so einseitig personell bestückt sind, dass man sich wünschte, es gäbe derlei Interventionen. Dass die politischen Stiftungen mitunter eine fragwürdige Rolle im Nahen Osten spielen, ist den “führenden Experten” keine Silbe wert. Das gilt auch für das Jüdische Museum Berlin, das Berichten zufolge so einseitig anti-israelisch in seinen Veranstaltungen ist, dass man sich fragt, warum die Bundesregierung (die zu etwa 75% das Museum finanziert) so etwas unterstützen sollte.

“Dabei handelt es sich um eine breit angelegte Kampagne der israelischen Regierung, für die vor allem das Ministerium für strategische Angelegenheiten verantwortlich zeichnet. Sie zielt darauf ab, Kritik an israelischer Regierungspolitik pauschal als antisemitisch zu diskreditieren, Kritiker als Terroristen oder Antisemiten zu dämonisieren und ihre Unterstützer einzuschüchtern.” Denn natürlich steckt die israelische Regierung dahinter, die eine “Kampagne” initiiert hat, als ob es nicht auch unabhängige Kritiker des Jüdischen Museums gegeben hätte.

Der Jude ist heimtückisch. Alles unterläuft und hintergeht er, was der gute Deutsche mit soviel Herz und Engagement auf die Beine bringt: “Was uns allen am Herzen liegt, ist Antisemitismus dort zu bekämpfen, wo er eindeutig zutage tritt, und dabei die Grundrechte zu wahren und zu schützen.” Wer solche Sätze zustande bringt, muss das Gemüt einer Bulldogge haben. Wer aber sind die Unterzeichner, die von der “Zeit” als “führende Experten für die Region” bezeichnet werden?

Dazu gehört Helga Baumgarten, eine “Spezialistin für arabische Widerstandsbewegungen“, wie Hisbollah und Hamas in progressiven Kreisen genannt werden. Im Interview mit dem “Eurasischen Magazin” gibt sie Erstaunliches zu Protokoll: Die Hisbollah ist keine iranische Marionette, nur weil sie von Teheran Waffen bekommt (und ideologisch mit dem Regime auf einer Linie liegt); der Krieg im Libanon hingegen, den Israel gegen die Hisbollah geführt hat, war von langer Hand vorbereitet und Teil einer “US-amerikanischen neokonservativen Strategie”. Baumgarten macht sich die islamistische Propaganda also zu eigen, anstatt sie kritisch zu hinterfragen.

Oder Gudrun Krämer. Krämer hat es geschafft, in ihrer Habilitationsschrift über Hassan al-Banna zu sprechen, ohne den Antisemitismus der Muslimbrüder und ihre Unterstützung des Terrorismus mit einem Wort zu thematisieren. Den “Global Mufti” Yusuf al-Qaradawi bezeichnet sie als “moderat”, weil er nicht zur Gewalt gegen andere aufrufe, sondern nur gegen “fremde Besatzung, Kolonialismus, Zionismus und Israel.” (s. Clemens Heni, Schadenfreude: Islamforschung und Antisemitismus in Deutschland nach 9/11, Berlin 2011: 148-9, 156.)

Oder Achim Rohde. Was dessen Doktorarbeit betrifft, so kritisiert der Antisemitismusforscher Clemens Heni, dass darin eine Täter-Opfer-Umkehr stattfinde, und resümiert: “Rohde ist kein Holocaustleugner; vielmehr möchte er die arabischen bzw. muslimischen Antizionisten ermuntern, die Shoah anzuerkennen, um dann Israel besser mit antizionistischen Invektiven attackieren zu können.” (Ebd. 126.)

Oder Rachid Ouaissa. Der Marburger Politologe hat vor einigen Jahren ein tolles Projekt initiiert: Einen konstruktiven Austausch mit “gemässigten Islamisten” aus dem arabischen Raum, wobei unter “gemässigt” der Verzicht auf Gewalt sowie die Anerkennung rechtsstaatlicher Prinzipien verstanden wird. Fragt sich nur, ob sie sich an beides auch dann noch halten, wenn diese gemässigten Islamisten erst einmal an die Macht gelangt sind. Zu den Akteuren, die konkret gemeint sind, gehören u.a. die Muslimbrüder, deren Gewaltbereitschaft gegen Israel in einem Papier zweier Mitarbeiter des Projekts mit keinem Wort erwähnt wird. Doch, doch, für so etwas kann man in Deutschland erfolgreich öffentliche Mittel einwerben.

Oder Astrid Meier. Ausweislich ihrer Publikationsliste hat sie nur ein einziges Buch als alleinige Autorin verfasst: Ihre Doktorarbeit. Über eine Habilitation oder adäquate Publikationen – unabdingbar für den Erhalt einer Professur – ist nichts bekannt. Dass Leute auf Lehrstühle berufen werden, die neben ihrer Doktorarbeit keine weitere Monographie vorzuweisen haben, ist mittlerweile schon zur Regel geworden. Solche Leute versuchen ihr Defizit gerne dadurch zu verschleiern, dass sie in ihrer Publikationsliste eigene Sammelbände mit ihrer Doktorarbeit vermengen. So auch Astrid Meier: In der Rubrik “Bücher” führt sie fünf Titel auf, was auf den ersten Blick wirkt, als habe man es hier mit einem akademischen Schwergewicht zu tun. Sieht man genauer hin, stellt man fest, dass vier der fünf Titel lediglich Herausgeberschaften und eine Co-Autorenschaft sind! Man möchte gar nicht wissen, welcher Uni-Filz wohl verantwortlich dafür sein mag, dass eine augenscheinlich minder qualifizierte und mit 56 Jahren überdurchschnittlich alte Wissenschaftlerin eine Professur erhalten hat.

Das sind also einige derjenigen, die die “Zeit” als “führende Experten” bezeichnet. Wenn sich ein paar Akademiker mit Doktortitel zusammentun, geht man in der Redaktion der “Zeit” vor Ehrfurcht in die Knie. (Zur Verteidigung der “Zeit” muss man sagen, dass sie, anders als der “Spiegel”, über keinerlei Mechanismen der Qualitätssicherung verfügt, diese also auch nicht versagen können. Nur so erklärt sich, warum das Blatt einen Gastbeitrag abgedruckt hat, dessen Autorin behauptet, als 19-Jährige mit ihrem besten Freund eine kleine Klinik in einem grossen Slum von Neu-Delhi gegründet zu haben. Dass dies offensichtlicher Mumpitz ist, musste der “Zeit” erst vom “Spiegel” gesteckt werden.)

Anders als unsere “führenden Experten” glauben machen wollen, fordert die BDS-Bewegung u.a. ein Rückkehrrecht für die palästinensischen Flüchtlinge, was bei mehr als sieben Millionen schlicht und einfach die Vernichtung Israels bedeuten würde. Die Bewegung selbst interessiert sich überdies nicht die Bohne dafür, warum Israel den Gazastreifen abriegelt und sogar abriegeln muss. Denn Hamas und Hisbollah haben jeden Rückzug Israels immer nur als Schwäche ihres Gegners verstanden, jegliche Form von Koexistenz liegt ausserhalb ihrer Vision von Nahen Osten – wie auch ausserhalb des intellektuellen Horizontes unserer “führenden Experten”.

Die Verurteilung der BDS-Bewegung durch den Bundestag als antisemitisch wird von den “führenden Experten” mit dem scheinheiligen Argument abgelehnt, sie helfe nicht gegen den Antisemitismus. Dabei gibt es keinen Grund, warum die Bundesregierung eine solche Bewegung unterstützen sollte, zumal diese auch nicht daran denkt, nur einzelne Personen oder Institutionen in Israel zu boykottieren, sondern sich gegen Israel als ganzes richtet.

Dieselbe BDS-Bewegung also, die völlig undifferenziert Israel zum allein Schuldigen des Nahostkonflikts macht, soll nun bitte ganz differenziert betrachtet werden. Das ist die Tragödie der Guten: Unfähig und unwillig, in Angehörigen muslimischer Kulturen etwas anderes als Underdogs zu sehen, die man permanent in Schutz nehmen muss, sind sie dazu verurteilt, der islamistischen und israelfeindlichen Propaganda immerfort auf den Leim zu gehen.


Nachtrag 17. Juli 2019

In der FAZ wirft Thomas Thiel der BDS-Bewegung Feigheit vor, “ihr auf Umwegen formuliertes Ziel, die Zerstörung Israels”, offen auszusprechen. Die unseligen Rollen von Bundespräsident Steinmeier und der Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer prangert der Autor dabei ebenso an wie die der amerikanischen Verbände der Orientalismus-, Nahost- und Sprachwissenschaften, die sich schon früh der BDS-Bewegung angeschlossen haben.

Nachtrag 20. November 2020

Eine der Unterzeichnerinnen, Ulrike Freitag, versucht im “Tagesspiegel”, den Islamismus zu relativieren, nimmt den Islam und postkoloniale Theorien in Schutz und setzt sich für eine “kritische Befragung der eigenen Gesellschaft” ein – mit einem Wort: Sie verkörpert all den Mumpitz, der an den Universitäten reflexartig vorgebracht wird, wenn es um das Thema Islamismus geht.

Abgründe der Islamwissenschaft

Zweifellos wird am deutschen und überhaupt westlichen Universitäten immer noch Spitzenforschung in Bezug auf den Islam getrieben und gibt es noch immer viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in jahrelanger Kleinarbeit Quellen erschliessen und das Wissen der Menschheit über noch die abwegigsten Aspekte der islamischen Zivilisation um einige Mosaiksteine bereichern.

Seit zehn bis zwanzig Jahren jedoch hat gerade in der universitären Islamwissenschaft eine enorme Ideologierung stattgefunden. Sie zeigt sich immer dort, wo Forschungsergebnisse in einen grösseren Zusammenhang gerückt und die muslimische Welt in einen Bezug zu Europa gesetzt wird. Seit dem einflussreichen Buch Orientalism von Edward Said und dem Aufkommen des Postkolonialismus hat sich eine Apologetik im Fach breitgemacht, die kritische Ansätze gegenüber dem Islam und seiner Geschichte mittlerweile kaum noch erlaubt.

Der Postkolonialismus als Ideologie („postcolonial studies‟) wendet sich gegen eine vermeintliche Wissensproduktion im Dienste eines anhaltenden Kolonialismus, der andere Kulturen unterjochen will, um sie auszubeuten. Man erkennt sofort die marxistischen Wurzeln dieser Ideologe. Said war Antikapitalist, wie auch viele Islamwissenschaftler an den Universitäten, aber zugleich Vertreter eines Dritte-Welt-Nationalismus, der die Islamforscher seiner Zeit dafür kritisierte, eine Linie zu vertreten, die „opposed to native Arab or Islamic nationalism“ sei. Das war freilich nur die erste Phase des Postkolonialismus.

Denn zunehmend werden Bücher geschrieben, die die muslimische Welt nicht nur als verkannte, sondern als überlegene Zivilisation darstellen, der ein rückständiges, intolerantes und gewalttätiges Europa gegenübersteht. Das ist das zwangsläufige Ergebnis einer akademischen Monokultur, die keine richtigen Kontroversen mehr kennt, weil sie andere Meinungen, die vom Said’schen Postkolonialismus abweichen, nichts länger wissen will. Zu den Hauptvertretern dieser Strömung gehören im deutschsprachigen Raum Thomas Bauer (Münster) und Frank Griffel (Yale).

Thomas Bauer hat mit seinem Buch Die Kultur der Ambiguität (2011), ein überaus manipulatives Pamphlet vorgelegt, das von Halbwahrheiten nur so wimmelt (s. dazu meine detaillierte Kritik mit umfangreichen Quellenangaben in meinem Buch Zwischen Religion und Politik), gleichwohl mit dem Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis, dem wichtigsten deutschen Forschungsförderpreis, ausgezeichnet wurde.

Darin weist Bauer zwar ganz richtig darauf hin, dass moralische Grundsätze der islamischen Religion nicht immer auch die der Gesellschaft waren, die sich durchaus über vieles hinweggesetzt hat, was die Religion vorschreibt oder verbietet. Zugleich betreibt er aber eine Theologisierung des Christentums, wenn er die Zustände im „westlichen Christentum‟ auf „radikalste Leib- und Sexfeindlichkeit‟ reduziert.

Indem er von der Kirche auf die Gesellschaft schliesst, macht Bauer genau das, was er dem Westen in Bezug auf den Islam vorwirft. Dabei hat es selbst in der als prüde verschrienen englischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts waren Gesetz und soziale Praxis durchaus verschiedene Dinge. „At one and the same time,‟ konstatiert die Historikerin Linda Colley, „separate sexual spheres were being increasingly prescribed in theory, yet increasingly broken through in practice.‟

Bauer hat jüngst mit einem Buch unter dem Titel Warum es kein islamisches Mittelalter gab (2018) nachgelegt, in der das Mittelalter generell als unglückliche Konstruktion erscheint. Bauer ist dabei wieder ganz auf den arabischen Kulturraum fokussiert, was von den üblichen Rezensenten sonst immer moniert wird, hier aber durchgeht, weil es dem vorherrschenden postkolonialistischen Weltbild an deutschen Universitäten nützlich ist.

Dass das Mitetlalter eine problematische Kategorie ist, ist keine neue Kritik. Wir finden sie z.B. bei dem schweizerischen Philologen und Althistoriker Heinrich Gelzer 1897. Auch hätte Bauer sich, bevor er aus seinen Beobachtungen umfangreiche Schlussfolgerungen zieht, darüber informieren können, woher das Dreierschema stammt, nämlich aus dem Humanismus, der sich an literarisch-philologischen Kriterien orientierte, nicht an politischen, wirtschaftlichen oder sozialen.

Aus Sicht der Humanisten war die Spätantike ein Verfall – ein Zerrbild, das erst mit Johann Gustav Droysen überwunden werden sollte. Der Verfall wurde übrigens nicht den Arabern in die Schuhe geschoben, sondern den Germanen. Schon 1959 konstatierte der Historiker Paul Egon Hübinger, dass das Schlagwort vom „finsteren Mittelalter‟ längst als fragwürdig entlarvt und deshalb ungebräuchlich geworden sei. Zu recht weist er darauf hin, dass Mediävisten sich Darstellungen ihrer Epoche als blosses Verfallssyndrom wenden, weswegen sie lieber von der Transformation der Spätantike sprechen.

Neu ist ebenso wenig seine Kritik an der bekannten These des belgischen Historikers Henri Pirenne, wonach nicht die Germanen das Mittelalter eingeleitet, sondern die Araber der Antike das Ende bereitet haben. Hierzu hat ebenfalls Hübinger das Nötige gesagt, indem er darauf hinwies, dass die wirtschaftsgeschichtlichen Beobachtungen Pirennes durch die spätere Forschung „weitgehend eingeschränkt worden‟ und ihre Beweiskraft entschwunden seien. „Im Bereich der kausalgenetischen Erklärung kann die These (…) heute als überwunden gelten‟, resümiert Hübinger. Bauers Anliegen ist aber ohnehin ein anderes. Hinter der ganzen Faktenhuberei steht ein ideologisches Interesse, das freilich nicht auf den ersten Blick erkennbar wird.

Denn Bauer manipuliert seine Leserschaft, indem er unter dem Vorwand, die islamische Geschichte aus den Fesseln europäischen Geschichtsbewusstseins zu befreien, die europäische Geschichte an der islamischen misst. Sp springt er zwischen den Zivilisationen hin und her, nennt Belege für Errungenschaften der arabisch-islamischen Kultur aus einem Jahrhundert, einem anderen Jahrhundert, einem weiteren Jahrhundert – und stellt ihnen die trübe Situation in Europa gegenüber, das in keinem der genannten Jahrhunderte etwas vergleichbares zustande gebracht hat. Deswegen weicht er den Entwicklungen in Westeuropa aus, die seit dem 15./16. Jahrhundert stattgefunden haben.

Tatsächlich hat kein ernstzunehmender Historiker bestritten, dass die arabische Kultur über Jahrhunderte der des lateinischen Europa voraus war. Dieses Verhältnis hat sich freilich ganz entscheidend zu Zeiten der Renaissance und der Reformation in sein Gegenteil verkehrt, was Bauer unter den Tisch zu kehren versucht. Zudem hat er ein falsches Verständnis von der Renaissance, wenn er in ihr lediglich eine Wiederbelebung der Antike sieht (s. mein Buch Zwischen Religion und Politik). Vielmehr spielt die Rezeption Platons aus griechischen Quellen eine Rolle, die über Umwegen eine Fortsetzung in der Bibelkritik findet, was keine Entsprechung im arabisch-islamischen Raum hat, wo der Platonismus einer ohne Platon war.

Bauer aber setzt alles daran, die islamische Kultur als die überlegene darzustellen, die ihre Überlegenheit nur bedauerlicherweise durch das europäische (eigtl. westliche) Vordringen, also durch den westlichen Kolonialismus eingebüsst hat, der zugleich das ist, was Europa zuvörderst charakterisiert. Der Subtext lautet: Eigentlich ist die muslimische Welt noch immer die fortschrittlichere und je eher wir das erkennen, desto eher können wir dazu beitragen, ihr wieder zum alten Glanze zu verhelfen.

Bauer kann sich mittlerweile jede noch so überzogene These leisten. Würde er behaupten, der Mond sei aus grünem Käse und der Kapitalismus schuld daran, würde er sicherlich auch dafür Beifall finden. „Ich meine, dass die Verflachung des Wissens ein global anzutreffendes Phänomen ist. Wissen wird heute oft durch Meinung, Information durch Skandalisierung ersetzt‟, erklärt er unbekümmert im Interview mit der „Zeit‟. Nicht global, sondern sehr deutsch ist jedenfalls der Kulturpessismus, der hier zum Ausdruck kommt und der in Deutschland eine lange Tradition hat.

Aus demselben Holz wie Bauer ist auch Frank Griffel geschnitzt, der in seinem Essay Den Islam denken (2019), das allerdings wesentlich schlichter gestrickt ist als Bauers Pamphlet, ebenfalls das Narrativ von einer missverstandenen islamischen Kultur präsentiert, die nicht nur anders, sondern in gewisser Weise besser als die europäische ist. Auch ihm fallen zu Europa immer nur Dinge ein, die in der Zeit vor dem 15./16. Jahrhundert geschahen. Eine Ausnahme bilden bei ihm die europäischen Religionskriege des 17. Jahrhunderts, die kein Pendant in der muslimischen Welt haben.

Damit hat er zweifelsohne recht, schmiedet daraus aber ein merkwürdiges Argument für den Islam: Dieser nämlich habe auf gesellschaftlicher Ebene kein Bewusstsein für Fortschritt entwickelt, was Griffel nun aber nicht als Mangel sieht, sondern als eine vortreffliche Eigenschaft, die allzu blutige Schlachten wie in Europa verhindert hat. Der Islam, schreibt Griffel, habe sich ab ca. 1100 den „Kriterien von stetigem Fortschritt und Aufschwung‟ widersetzt und seither nur verändert.

Griffel ist so sehr in seinen Islam vernarrt, dass ihm kein Licht aufgeht, was seine Behauptung in letzter Konsequenz bedeutet: Wo es keinen Fortschritt gibt, finden Neuerungen auf dem Gebiet der Technik oder der Literatur auch keine Anerkennung, wird Kreativität von der Gesellschaft nicht honoriert und bleibt Wohlstand aus und werden individuelle Lebenswege unterdrückt – also genau das, was die muslimische Welt seit eh und je plagt. Griffel freilich hat leicht reden. Er sitzt in Yale, was kümmert es ihn, wer den Computer und die dazugehörige Software erfunden hat, mit der er seine Schwärmereien in Worte fasst?

Fortschritt ist etwas für uns, die anderen können auch ohne ihn auskommen. Es ist reiner Paternalismus, was Griffel hier über aussereuropäische Gesellschaften zum Besten gibt. Ein Fernsehspiel von 1990 nimmt er zum Anlass, über die Ursachen der Flüchtlingsströme nach Europa nachzudenken. Die Afrikaner, so glaubt er, hätten „das Vertrauen in die Entwicklungshilfe verloren‟ und kämen nicht etwas deshalb nach Europa, um hier ein besseres Leben zu führen, sondern „um den Europäern vor Augen zu führen, wie sehr sie von der existierenden Weltordnung profitieren.‟

Afrikaner verlassen also ihre Heimat, geben ihre Freunde, ihr Hab und Gut, ihr ganzes Umfeld auf und machen sich auf eine lange beschwerliche Reise – und das alles nicht deshalb, weil sie anderswo bessere Jobs vermuten und einen höheren Lebensstandard anstreben, sondern allein, um Menschen, die sie nicht kennen und die in einem anderen Kontinent leben, eine Lektion zu erteilen? Woher weiss Griffel das? Ist die Phantasie mit ihm durchgegangen? Egal. Für Griffel ist die Globalisierung die aktuelle Form von Kolonialismus und Postkolonialismus.

Wenn das so ist, wie haben es China, Südkorea, Singapur – um hier nur drei Beispiele zu nennen – geschafft, dermassen wohlhabend zu werden? Auch Korea und China haben die Erfahrung des Imperialismus gemacht, vor allem des japanischen, was vielfach Eingang in die Populärkultur gefunden hat. Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg Südkoreas und Chinas hat allerdings auch das nationale Selbstbewusstsein zugenommen, während das autoritäre und rückständige Nordkorea die Rechtfertigung für seinen gesonderten Werdegang mit den Erfahrungen der Kolonialzeit begründet. Südkorea hat gezeigt, dass dieser Werdegang kein unausweichlicher war.

Dessen ungeachtet behauptet Griffel einfach drauflos, es sei damals wie heute unklar, wie die Ungleichheit zwischen der entwickelten und der weniger entwickelten Welt verringert werden könnte. Dass Wohlstand kein Nullsummenspiel ist, sondern geschaffen wird, ist ein Gedanke, der Griffel völlig fremd ist. Die Bedeutung von Errungenschaften wie Individualismus, unternehmerisches Ethos, Privateigentum, Arbeitsteilung und Freihandel scheinen ihm vollkommen unbekannt zu sein.

Heutzutage lebt ein riesiger Teil der Menschheit in Osteuropa, Asien und Lateinamerika, mittlerweile zunehmend auch in Afrika, in immer besseren Verhältnissen – dank der Globalisierung und das heisst: Mehr Marktwirtschaft in der Welt. Publizisten und Wissenschaftler wie Max Rosen, Steven Pinker, Johann Norberg, Jagdish Bhagwati, Fareed Zakaria oder Björn Lomborg versuchen seit geraumer Zeit, diese Tatsache einer grösseren Öffentlichkeit zu vermitteln. Griffel hingegen glaubt, es gebe keine Lösung für das Problem der Unterentwicklung.

Von der Aufklärung führt bekanntlich nur ein kurzer Weg zur Romantik, fassbar in der “Berührung der Schwelle der Magie” (Hans Blumenberg). Jenseits der Schwelle erwartet den Leser dann ein vom Islam verzückter Griffel. Verzaubert von den Geschichten von Tausendundeiner Nacht, die zu lesen es zwar viel Zeit und Geduld bedürfe, rühmt er Erfahrungen und Einsichten, „die in unserer von Fortschritt und Leistungssteigerung dominierten Gesellschaft vielleicht so nicht möglich sind.‟

Nachdem er Gold über die Häupter der Massen gestreut hatte, liessen sie die Vorhänge niederfallen und die Türen verriegeln, während der Schuhflicker Ma’ruf sich auf einen Teppich setzte, die Hände zusammenschlug und rief: “Es gibt keine Kraft und keine Macht ausser bei Gott. Gut, dass die Islamwissenschaftler das endlich erkannt haben.”


Thomas Bauer. Warum es kein islamisches Mittelalter gab: Das Erbe der Antike und der Orient. München: C.H. Beck, 2018. 175 S., € 22,95.

Frank Griffel. Den Islam denken: Versuch, eine Religion zu verstehen. Ditzingen: Philipp Reclam, 2018. 102 Seiten, € 6,00.

Verwendete Literatur

Bauer, Thomas. Die Kultur der Ambiguität: Eine andere Geschichte des Islams. Berlin: Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag, 2011.
¶ Weitere Einwände samt Literatur zu den Thesen von Thomas Bauer finden sich in meinem Buch Zwischen Religion und Politik (2016), S. 79-102 (=Exkurs II: Die Freude am Widerspruch), sowie ebd. in den Endnoten S. 283-300.

Blumenberg, Hans. Die Lesbarkeit der Welt. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1981.

Colley, Linda. Britons: Forging the Nation, 1707-1837. New Haven und London: Yale University Press, [1992] 2009.

Geschichten aus Tausendundeiner Nacht. Aus dem Arabischen von Max Henning. Herausgegeben von Johann Christoph Bürgel und Marianne Chenou. Stuttgart: Philipp Reclam jun., 1995.

Hübinger, Paul Egon. Spätantike und frühes Mittelalter: Ein Problem historischer Periodenbildung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1959.

Pirenne, Henri. Mohammed und Karl der Große: Untergang der Antike am Mittelmeer und Aufstieg des germanischen Zeitalters. Mit einem Nachwort von Dan Diner. Frankfurt/Main: Fischer, [1963] 1985.

Die Zukunft der Islamwissenschaft

Schaut man sich islambezogene Veranstaltungen an deutschen Universitäten an, so drängt sich einem zuweilen der Eindruck auf, dass die Wissenschaft ihren Rang an den Dialog abgetreten hat. Nicht Expertise, sondern Herkunft und Religionszugehörigkeit scheinen häufig die entscheidenden Kriterien für die Wahl der Referenten. Wie vor einiger Zeit auf diesem Blog ausgeführt, kann man bereits in den USA sehen, wohin diese Tendenz führt.

Dazu beigetragen hat sicherlich die Ideologie des “Post-Colonialism“: Da die in ihrem Eurozentrismus befangenen Europäer den Nahen Osten und die Religion des Islam gar nicht anders als verzerrt zu sehen imstande sind, bedarf es authentischer Stimmen, um ein authentisches Bild vom Islam und den islamischen Ländern zu gewinnen. Dass ein Referent allerdings nicht dadurch zu einem Türkeiexperten wird, dass er türkischer Abstammung ist, wird gerne ausgeblendet. Oder glaubt irgendjemand, dass jeder Deutscher qua Geburt ein Fachmann für die Synode von Worms oder die Reichsversammlung zu Mainz ist?

Nur wenn es um den Islam geht, gelten eben andere Masstäbe und das heisst: Nur die Binnensicht ist über jeden Verdacht orientalistischer Eintrübung erhaben. Jedenfalls erwecken viele an Universitäten abgehaltene Veranstaltungen diesen Eindruck. Daher ist es nur folgerichtig, wenn der Wissenschaftsrat anregt, diese Tendenz institutionell zu verstetigen. Einige Islamwissenschaftler haben dagegen gewichtige Argumente vorgebracht – zu recht sehen sie die unabhängige islambezogene Forschung in Gefahr. Der Theologe F.W. Graf hat das Verhängnisvolle dieser Entwicklung treffend formuliert[1]:

Indem die (…) Differenz von wissenschaftlicher historischer Forschung und “kulturellem Gedächtnis” oder “Memorialkultur” aufgehoben wird, können neue holistische Imaginationen der Vergangenheit erzeugt werden: Die Geschichte der Muslime gehört allein den Muslimen, die des orthodoxen Judentums exklusiv orthodoxen Juden. Nur sie können die Binnenperspektive einnehmen und, gegen alle intentional verallgemeinerungsfähigen Standards kulturwissenschaftlicher Forschung, durch aggressive reading den wahren Sinn der Zeichen entziffern. (…)

Religionswissenschaftlerinnen und Religionswissenschaftler, die ihre Forschungen auf solche Identitätsvorgaben hin konzentrieren, verstehen sich zwar als Akteure im akademischen Feld, und die Selbstdefinition von den Opfern her hindert sie durchaus nicht daran, alle Privilegien ihres akademischen Status zu genießen. Doch will dieser neue Typus des Intellektuellen mehr, als Religion analytisch distanziert zu deuten. Daher agieren prominente Vordenker des neuen Diskurses (…) zugleich auch im religiösen und im politischen Feld und nehmen in den hier geführten Machtkämpfen eine klientelbezogene Expertenrolle ein.

Doch der Zug ist wohl schon längst abgefahren. Zur Monatsmitte hat der Wissenschaftsrat eine Tagung angekündigt, auf der die eigene Forderung, theologisch orientierte Islamische Studien an deutschen Hochschulen aufzubauen”, diskutiert werden soll.

Das Ergebnis dieser Diskussion dürfte kaum für Überraschungen sorgen. Eingeladen wurden jedenfalls überwiegend Referenten, von denen man nicht ohne Grund vermuten darf, dass sie mit der Forderung des Wissenschaftsrates konform gehen.

 

  1. Friedrich W. Graf, die Wiederkehr der Götter, München 2007, S. 241-2.
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