Im Schaumbad des Dialogs

Paternalismus kann einem das Verständnis für Geschichte und Gesellschaft schon gründlich verhageln. Da widmet sich das “Interkulturelle Magazin” des BR der Überschreitung von Religionsgrenzen, fragt, warum die Menschen im christlich geprägten Westen sich eher für ostasiatische Religionen öffnen als für den Islam, und bittet sodann einen Religionswissenschaftler um Deutung.

Was dann kommt, ist das alte Wiegenlied von der historisch begründeten Feindschaft zwischen Christentum und Islam, vermeintlich verursacht nicht zuletzt durch eine “westliche Kolonialherrschaft”, unter der die gesamte Islamische Welt “mit Ausnahme von vier Ländern” gestanden habe (ab ca. 20:40), weswegen es heute diese ganzen Feindbilder gibt.

Und zwar vor allem von muslimischer Seite gegen das Christentum, die Religion der Kolonialherren. Aber irgendwie wohl auch umgekehrt, schliesslich geht es ja um die Frage, warum spirituell gestimmte Westler sich vor allem zu Buddhismus & Co. hingezogen fühlen, dagegen kaum zum Islam. Wie auch immer.

Aber es gibt ein Mittel, jetzt neu!, das gegen chronische Sympathieblockade wirkt – den Dialog. Erste Erfolge sind zu verzeichnen: Dialogversuche am Judentum haben gezeigt, dass alte Ressentiments überwindbar sind. Auch wenn die Redaktion uns nicht sagen mochte, von was für Ressentiments die Rede ist und wer als Dialogpartner des Judentums herhalten musste.

Aber das ist alles nicht wichtig. Wichtig ist nur, dass Religion ein Thema ist, das am besten in einem Schaumbad aus öliger Äquidistanz und blumiger Nächstenliebe abgehandelt wird. Dann kann man sich die Beschäftigung mit gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen sparen.

Everybody’s a critic

“Generation War” heisst die englischsprachige Fassung des deutschen Fernseh-Dreiteilers “Unsere Mütter, unsere Väter”– und die Kritiker im Vereinigten Königreich waren not amused. Das wiederum gefällt der London-Korrespondentin der FAZ gar nicht, wie sie in einem etwas launisch geschriebenen Artikel zum Besten gibt.

Der Film, der vor einem Jahr im deutschen Fernsehen lief, war vorab mit grossem Lob bedacht worden, u.a. in der FAZ. Wie sich seinerzeit herausstellte, hat Produzent Nico Hofmann tatsächlich grossartige Arbeit geleistet, was den Unterhaltungsfaktor angeht, aber rabiat versagt in Hinsicht auf historische Genauigkeit.

Während auf deutscher Seite Antisemitismus lediglich Sache einer Nazi-Elite war, fand er auf polnischer Seite starken Widerhall auch im einfachen Volk: das war das Bild, das der Film vermittelte. Dabei wissen wir nicht erst durch die Forschung von Daniel Jonah Goldhagen, wie weit Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft während der Nazi-Zeit verbreitet war.

Der Historiker Sebastian Haffner notierte, dass mit der Zweidrittelmehrheit im Parlament jeder Widerstand gegen Hitler dahingeschwunden war. Damals war das Hakenkreuz in die deutsche Masse “hineingeprägt worden”, so Haffner, “wie in einen formlos-nachgiebigen, breiigen Teig.” Nur zu willig haben, wenn auch nicht alle, so doch viel zu viele Deutsche mitgemacht.

Der Fernsehfilm “Unsere Mütter, unsere Väter” liess davon nichts erahnen, erweckte vielmehr den Eindruck, Nazi-Ideologie und Judenhass seien ein Problem von SS-Offizieren gewesen. In deutschen Medien war dies gelegentlich und zu recht bemängelt worden.

Das hält die FAZ-Korrespondentin jedoch für keiner Erwähnung wert. Stattdessen bürstet sie den Kritiker Clive James ab, indem sie ihm, der doch soviel auf seine Kenntnis der deutschen Kultur halte, vorwirft, selber nichts begriffen zu haben. Noch mehr Arroganz geht nicht.

Umso erfreulicher, dass britische Kritiker dem Film nicht auf den Leim gegangen sind.

Blick zurück nach vorn

Noch nach fünfzig Jahren ist der überlieferte Briefwechsel zwischen Hans Blumenberg und Jacob Taubes aufschlussreich, wenn es um das intellektuelle Klima der 60er und 70er Jahre geht. Das gilt auch in Hinsicht auf den Umgang mit anderen Meinungen und Anschauungen seitens zweier Gelehrter in einer Zeit, in der der universitäre Betrieb noch stark von der Vergangenheit überschattet war.

Blumenberg, Philosoph zunächst in Giessen, dann in Münster, hielt überraschend wenig von Taubes, dieser von jenem aber umso mehr, wie der Briefwechsel, der im vergangenen Jahr aus dem Nachlass der beiden Gelehrten herausgegeben wurde, eindrucksvoll zeigt. [note]Hans Blumenberg und Jacob Taubes, Briefwechsel 1961-1981 und weitere Materialien, hrsg. von Herbert Kopp-Oberstebrink, Martin Treml, Anja Schipke und Stephan Steiner, Berlin 2013.[/note]  Taubes umschmeichelte seinen Gesprächspartner bei jeder Gelegenheit, machte ihm Komplimente und versuchte, den Kontakt mit Blumenberg für sein Netzwerk am Laufen zu halten. Und das erfolgreich.

In einer längeren Passage über seine recht isolierte Stellung in der akademischen Gelehrtenschaft gab Blumenberg preis, dass er bei Gadamer nicht wohlgelitten war, wie er überhaupt für alle Heidegger-Schüler (zu denen auch Gadamer gehörte) als untragbar galt. Dies war der Fall, seitdem Blumenberg der Freiburger Fakultät schriftlich erklärt hatte, dass er die Tradition jenes Lehrstuhls “auf gar keinen Fall” respektieren wolle. [note]Blumenberg an Taubes, Giessen, 22.3.1965, in: Briefwechsel … (wie Fussnote 1), S. 48.[/note]

Blumenberg hatte nach eigenen Worten “nie persönliche oder sachliche Sympathie für Martin Heidegger” und seinen Einfluss hielt er für “unselig”, doch — und das ist das eigentlich Bemerkenswerte — hinderte ihn dies nicht daran, gegen dessen “neuere Zensoren” aufzubegehren, wie er noch mehr als zehn Jahre später gegenüber Taubes bekundete. [note]Blumenberg an Taubes, Münster, 24.5.1977, in: ebd., S. 174. Zum “unseligen Einfluss” s. Hans Blumenberg, Die Verführbarkeit des Philosophen, Frankfurt/Main 2005, S. 109.[/note] Von dieser Haltung sollte Blumenberg auch Jahre danach nicht abrücken.

Das war keineswegs selbstverständlich, Heidegger hatte doch seinerzeit für den Nationalsozialismus nicht nur Partei ergriffen, sondern — was er nach dem Krieg zu relativieren suchte — diese Parteinahme auch mit seiner Philosophie begründet. Davon berichtet ein anderer Philosoph, nämlich Karl Löwith, der 1936 auf einer Vortragsreise nach Rom ebendort auf Heidegger getroffen war und diesen unmittelbar mit der Behauptung konfrontierte, dass das eine sich aus dem anderen ergäbe.

Wie aus Löwiths 1986 erschienenen Memoiren hervorgeht, hatte Heidegger, der während seines gesamten Aufenthaltes in Rom das Parteiabzeichen trug, ihm ohne Vorbehalte zugestimmt. Blumenberg wiederum, der Löwiths Memoiren gelesen hatte, warf Heidegger eine obstruktive Haltung seiner eigenen Vergangenheit gegenüber vor, verteidigte aber dessen “Recht auf Irrtum” – wenn auch nicht ohne den ironischen Zusatz “… das er gründlich wahrgenommen hat”. [note]Karl Löwith, Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933: Ein Bericht, Stuttgart 1986, S. 57, 88, zit. nach Blumenberg, Die Verführbarkeit … (wie Fussnote 3), S. 100-3.[/note]

Ähnlich verfuhr Blumenberg mit Carl Schmitt, mit dem er selbst das Gespräch gesucht hatte. [note]Hans Blumenberg und Carl Schmitt, Briefwechsel 1971-1978 und weitere Materialien, hrsg. von Alexander Schmitz und Marcel Lepper, Frankfurt/Main 2007.[/note] Dass der damals fast neunzigjährige Schmitt von manchen gemieden wurde, dafür hatte Blumenberg Verständnis, doch kritisierte er die damit so oft einhergehende “Selbstdarstellung” und die “moralischen Zensoren”, “die an allen Ecken und Enden ihre Gerichtstage halten, wieder Schilder umhängen und Plätze auf der Skala zwischen Rechts und Links verteilen”, um dann zu entscheiden, wer als verbrannte Figur zu gelten habe und wer nicht. [note]Blumenberg an Taubes, Münster, 24.5.1977, in: Briefwechsel … (wie Fussnote 1), S. 174.[/note]

Aber auch  Taubes, politisch der Linken zugehörig, sollte Courage beweisen, und das nicht nur im Umgang mit Blumenberg, der oft konträre Positionen vertrat. So wollte Taubes keinen geringeren als Emil Cioran für ein Kolloquium einladen, einen erzreaktionären Denker, den er jedoch als “zu der ganz seltenen Spezies der Rechtsintellektuellen” gehörend bezeichnete. Dass Taubes dessen Ansichten schätzte, kann ausgeschlossen werden. Sein Motiv war ein anderes: “Die Linke, wenn sich selbst überlassen, wird schal und oberflächlich” – da brauchte man einen Widerpart. [note]Taubes an Blumenberg, Berlin, 20.9.1966, in: ebd., S. 103.[/note]

Heute herrscht in der Gesellschaft eine gewisse Leichtfertigkeit vor, Meinungen und Personen zu skandalisieren. Seit damals hat sich wenig geändert. Umso eindrucksvoller bleibt daher, welche Lust an der Kontroverse und welcher Sportsgeist einen Jacob Taubes und einen Hans Blumenberg noch ausgezeichnet haben.

Noch ist es nicht zu spät!

Alle machen es und so wollen wir nicht zurückstehen. Hier also unsere Buchempfehlungen für Weihnachten oder auch für danach. Obwohl ganze Bücherstapel im Wochentakt über meinen Schreibtisch wandern, fanden nur vergleichsweise wenige Titel in die Auswahl – nämlich solche, die für eine grösseres Publikum von Interesse sind, noch im Buchhandel erhältlich, zudem im Preis erschwinglich und in keiner anderen Sprache als Deutsch oder Englisch verfasst. Vorläufig sollen hier auch nur Sachbücher genannt werden. Wer über eine Anschaffung vor Weihnachten nachdenkt: noch ist es nicht zu spät!

1.) James Barr, A Line in the Sand: Britain, France and the Struggle That Shaped the Middle East (2012).
Viel ist dieser Tage davon die Rede, dass die alte, mit den Namen Sykes und Picot verbundene Ordnung im Nahen Osten bald der Vergangenheit angehören könnte. Trotz einiger Schwächen (so in der Schilderung der sog. Hussein-McMahon-Korrespondenz) gebührt dem Autor das Verdienst, in umfangreicher Weise unveröffentlichtes Material aus nicht weniger als sechzehn Archiven in Frankreich und Grossbritannien erschlossen zu haben. Mag manche Schlussfolgerung eher vorsichtig zu geniessen sein (mit den Thesen von Efraim Karsh oder Elie Kedourie setzt er sich kaum auseinander, auch fehlt ihm der Zugang zu Quellen in arabischer Sprache, ebenso zu Forschungsliteratur auf Deutsch), so bietet Barrs Buch allein wegen des verarbeiteten archivarischen Materials eine unverzichtbare Lektüre für die Vorgeschichte der heutigen Nationalstaaten Westasiens.

2.) Eric Nelson, The Hebrew Republic: Jewish Sources and the Transformation of European Political Thought (2010).
Auf den ersten Blick mag die Thematik ein wenig abseitig wirken: Da haben westeuropäische Reformer des 17. und 18. Jahrhunderts die Hebräische Bibel politisch gelesen und allerlei Schrifttum verfasst, in dem sie die Geschichte des jüdischen Volkes zum Leitfaden für Reformen in ihrem Land machten. Nelson stellt nun aber die These auf, dass diese Texte, die ein riesiges Korpus neulateinischer Literatur bilden, ganz entscheidend das politische Denken der Neuzeit geprägt haben. Ein wegweisendes Buch in einer aufstrebendes Disziplin namens “Politischer Hebraismus”.

4.) Klaus Oehler, Blicke aus dem Philosophenturm: Eine Rückschau (2007).
Oehler, emeritierter Professor für Philosophie, hat nicht nur von der Philosophie Platons zum Pragmatismus eines Charles Sanders Pierce eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen, sondern war auch ein erbitterter Gegner der Achtundsechziger, die an seiner Hamburger Universität besonders viel Unheil stifteten, wie auch des Antiamerikanismus unter den Universtitätsgelehrten der Nachkriegszeit. Oehlers Erinnerungen führen durch alle Höhen und Tiefen der Geisteswissenschaften und sind ihres anekdotengesättigten Charakters wegen ein echter Lesegenuss. Auch Adorno und Carl-Friedrich von Weizsäcker bekommen ihr Fett weg.

5.) Michael Totten, The Road to Fatima Gate: The Beirut Spring, the Rise of Hezbollah, and the Iranian War against Israel (2012).
Zugegeben, das Buch fängt schwach an. Totten will das Geheimnis der Hisbollah ergründen, tritt zunächst in das eine oder andere Fettnäpfchen im Umgang mit der Organisation und scheint zunächst nicht viel neues zu bieten. Doch dann nimmt das Buch Fahrt auf und zieht den Leser in seinen Bann. Am interessantesten sind die Begegnungen mit Schlüsselfiguren der libanesischen Politik. Die „Fatima Gate‟ des Titels bezieht sich übrigens auf den halboffiziellen, für Drusen geschaffenen Übergang zwischen dem Libanon und Israel (dort „The Good Fence‟ genannt).

6.) Jürgen Osterhammel, Die Entzauberung Asiens: Europa und die asiatischen Reiche im 18. Jahrhundert (2013).
Im 18. Jahrhundert wuchs das europäische Wissen über Asien rasant. Vor dem Hintergrund westlicher Expansion  bekam das Wissen aber auch eine politische Bedeutung und schlug zuweilen in eine Herrschaftsideologie um. Wer sich jetzt an Edward Saids bekannte Thesen („Culture and Imperialism‟) erinnert fühlt hat, irrt, wenn er glaubt, hier handele es sich um einen neuaufgelegten Orientalism: Osterhammel grenzt sich explizit von Said ab und zeigt, wie eine Kulturgeschichte westlichen Wissens über Asien auch sehr viel differenzierter aussehen kann.

7.) Jan Assmann und Florian Ebeling, Ägyptische Mysterien: Reisen in die Unterwelt in Aufklärung und Romantik – Eine kommentierte Anthologie (2011).
Ägyptische Mysterien, wenn soll das denn interessieren? Aber ähnlich Nelsons The Hebrew Republic (s.o.) handelt auch dieses Buch von Dingen, die bei weitem nicht so abwegig sind, wie sie zunächst scheinen mögen. Reisen in die Unterwelt bilden ein beliebtes Motiv in der Literatur der Aufklärung und der Romantik und finden sich bei Wieland und in Mozarts Zauberflöte ebenso wie in Texten der Freimaurer und solchen der Gegenaufklärung – ein faszinierendes Kapitel europäischer Literatur- und Kulturgeschichte.

8.) Daron Acemoglu und James A. Robinson, Why Nations Fail: The Origins of Power, Prosperity, and Poverty (2012).
Warum es manche Länder zu Wohlstand bringen und andere nicht, dafür mag es mehr als einen Grund geben, aber eine unzweifelhaft zentrale Rolle spielt die Rechtssicherheit mitsamt den entsprechenden Institutionen. Von ihrer Existenz hängt vielleicht nicht alles, aber sehr viel ab. Die Autoren des Buches schliessen sich dieser These an, die sie in einem Rundgang durch die Weltwirtschaftsgeschichte eindrucksvoll belegen.

9.) Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit: Politisch-psychologischer Versuch (2006).
Ein grosser Fan von Sloterdijkt bin ich zugegebenermassen zwar nicht – manches erscheint mir abstrus, anderes reaktionär – aber Zorn und Zeit ist auf jeden Fall der Lektüre wert. In typisch Sloterdijk’scher Sprache („Das Leben des Furorsubjekts ist das Prickeln im Kelch der Situation‟) zeigt das Buch, wie der Zorn (gr. Thymos) eine wesentliche Triebfeder gesellschaftlicher Veränderung darstellt. Auch Freiheit ist nach Sloterdijk ein Begriff, der nur im Rahmen einer thymotischen Menschensicht sinnvoll erscheint.

10.) Hans Blumenberg, Die Verführbarkeit des Philosophen (2005).
Mittlerweile habe ich fast alle Bücher des Philosophen Hand Blumenberg gelesen und die meisten haben ihren dauerhaften Platz in meinem Regal eingenommen. Die Verführbarkeit des Philosophen gehört zu dem etwa halbes Dutzend Werken, die aus dem Nachlass heraus entstanden sind. Als Einführung in die Philosophie Blumenbergs eignet es sich zwar nicht, aber zur Diagnose der Gegenwart hat der Band umso mehr zu bieten. Aufgeteilt nach lose zusammenhängenden Stichwörtern handelt der Autor unterschiedlichste Themen von Hitchcock bis Heidegger ab – manchmal amüsant, aber immer geistreich.

11.) Michael Kreutz, Arabischer Humanismus in der Neuzeit (2007).
Dass die Araber im Mittelalter in grossem Masse griechische Literatur übersetzten und an Europa vermittelten, ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert eine zweite Welle arabischer Übersetzungen aus dem Griechischen stattgefunden hat, diesmal im Zeichen modernistischen Denkens. Vor allem die poetischen Werke der Griechen, die von den mittelalterlichen Übersetzern ausgespart worden waren, standen im Zentrum des Interesses. Ziel war eine Modernisierung der arabischen Gesellschaften auf allen Ebenen, in der Literatur ebenso wie in der Politik – eine Modernisierung, die nicht primär aus der Religion hergeleitet wurde. Auch der Gedanke einer Kulturgemeinschaft mit Europa spielt hierbei eine Rolle. Das Buch basiert auf einer ausgedehnten Lektüre arabischer Quellen und ist für alle von Interesse, die sich für das Thema Modernisierung (und ihr Scheitern) im Nahen Osten sowie die Rezeptionsgeschichte der griechischen Antike aus einem ganz anderen Blickwinkel interessieren.

Was man alles nicht braucht

In den Medien tummeln sich vermehrt Zeitgenossen, die uns erklären wollen, warum die Konsungesellschaft, wie wir sie kennen, abgeschafft gehört. Denn vieles brauchen wir doch gar nicht, obwohl uns die Werbung etwas anderes einreden will. Diese manipuliert uns und das wollen wir nicht.

Man könnte nun sagen, dass es schlimmeres gibt, als Dinge zu kaufen, die man nicht unbedingt braucht. Wer derzeit in Syrien lebt, hat ganz andere Probleme und würde vielleicht nur zu gern sein Leben in einer Ecke der Weltgeschichte fristen, in der man von Wachstumskritik leben kann. Welch ein Luxus.

In Wahrheit ist unter den Dingen, mit denen wir uns im Alltag umgeben, so gut wie nichts, was wir wirklich brauchen – zumindest, wenn wir unser physisches Überleben zum Massstab machen. Wenn es nur darum geht, den Tag zu überstehen, brauchen wir eigentlich nur sauberes Trinkwasser, Nahrung, Kleidung und einen Unterstand für die Nacht. Wenn überhaupt so viel.

Der amerikanische Physiologe Jared Diamond beschreibt in seinem Buch “Kollaps”, dass selbst auf einer so unwirtlichen Insel Südostpolynesiens wie Henderson, eigentlich ein nur dürr bewachsenes Korallenriff, Generationen von Menschen gelebt haben. Und das, obwohl es dort weder Gestein für die Herstellung von Werkzeugen gab noch grössere Bäume, um Häuser zu bauen. Allein die üppige Meeresfauna sorgte für die notwendige Nahrung und sicherte das Überleben.

Nicht entscheidend für unsere physische Existenz sind ganz sicherlich Wecker, Rotweine, Lampen, Romane, Elektroherde, Radiergummis, Duschköpfe, Fussbodenheizungen, Lederschuhe, Wasserpfeifen, Opern, Zeitungsabonnements, Telefone, goldene Füllfederhalter, Sonnenbrillen, elektrische Zahnbürsten oder sämtliche Folgen von “King of Queens” im Kühlschrank.

Trotzdem umgeben sich Menschen überall auf der Welt mit Dingen wie diesen und noch viel mehr. Warum? Vielleicht, weil wir keine Eichhörnchen, Hühner oder Fische sind. Weil es in der Natur des Menschen liegt, sich fortlaufend materiell zu verbessern. Weil wir nicht leben wollen, wie die Bevölkerung auf Henderson es getan hat, bevor ihre Welt unterging, auf der nur verzehrt, aber nichts produziert wurde.

Den Sozialpsychologen Harald Welzer ficht das nicht an. “Man ist in gewisser Hinsicht nicht mehr autonom zu entscheiden, brauche ich das oder brauche ich das nicht”, beklagt er sich und meint damit die Werbemaschine, der wir nicht entkommen können. Noch schlimmer trifft es nur noch diejenigen, die ihren Fernseher anschalten oder ihre Regionalzeitung aufblättern und mit der Ungewissheit leben müssen, vielleicht wieder auf einen Wachstumskritiker zu stossen.

Welzer ist nämlich nicht nur Sozialpsychologe, er weiss offenbar auch genau, worauf wir verzichten können und worauf nicht. Das unterscheidet ihn von der Masse derer, die unbedingt ein Produkt von Apple besitzen wollen, ohne seine Bedenklichkeitserklärung auch nur wahrnehmen zu wollen. “Warum ist es so attraktiv, zu kaufen und zu besitzen, auch Dinge, die man “eigentlich” gar nicht braucht?” ist die Frage, die ihn umtreibt.

Welzers Antworten mögen ausfallen wie auch immer: Lesen wird seine Gefolgschaft sie am Rechner, auf dem E-Reader oder als Buch, bestellt bei Amazon. Dinge, die man eigentlich gar nicht braucht – typische Aporie der Fortschrittsfeinde. Mögen diese sich den Kopf darüber zerbrechen. Die Welt wird nicht daran zugrundegehen, dass Menschen Dinge erwerben, die sie eigentlich nicht brauchen. An einer Tugenddiktatur schon eher.

 

Des Eiferers Biograph

Wahrscheinlich haben Sie es schon gesehen: Im Internet kursiert gerade ein Video, das den amerikanischen Publizisten Reza Aslan im Interview mit dem Fernsehsender Fox zeigt. Weil die Moderatorin offensichtlich mit der Tatsache überfordert ist, dass ausgerechnet ein muslimischer Autor ein Buch über Jesus schreibt, obgleich dieser im Islam als Prophet gilt,  gerät das Interview im letzten Dritten zu einem Desaster. Die Moderatorin, so hat es den Anschein, versucht geradezu verbissen, Aslan einer geheimen Agenda zu überführen, denn wenn ein Muslim ein Buch über die zentrale Heilsgestalt des Christentums schreibt, muss ja etwas faul sein. Hier also das Interview, falls Sie es noch nicht kennen sollten.

Nicht minder amüsant ist allerdings der Interviewte, von dem man wusste, dass er seine Brötchen mit Kursen über kreatives Schreiben verdient und in seiner Freizeit ein apologetisches Buch über den Islam geschrieben hat. Nun erfahren wir, dass Aslan auch ein ausgebildeter Religionswissenschaftler ist und damit es auch wirklich jeder begreift, weist er selbst mehrfach in der Sendung darauf hin. Auch verfügt er nach eigener Auskunft über eine “fluency in Biblical Greek”, was auch immer man sich darunter vorzustellen hat. Sein Buch über Jesus beinhaltet schon im Titel eine Provokation. Es heisst “Zealot”, auf Deutsch: Eiferer.

Man darf gespannt sein, aber die Erwartungen sollte man auch nicht allzu hoch stecken. Soweit man der Vorschau bei Amazon entnehmen kann, scheint er nur Sekundärquellen benutzt zu haben, doch das kann täuschen. In seinem Islam-Buch jedenfalls gleitet er in einen “Sumpf aus Kitsch und Apologie” ab, wie sein deutscher Rezensent moniert, und auch sonst flössen seine Publikationen wenig Vertrauen ein. Als vor zwei Jahren am Flughafen meine Augen zufällig auf das “Time”-Magazin fielen, wurde ich neugierig, weil die Titelgeschichte dem arabischen Reiseschriftsteller Ibn Battuta aus dem 14. Jahrhundert gewidmet war.

Ich kaufte ein Exemplar und las. Autor der Geschichte war Reza Aslan, der seiner Leserschaft die Vorstellung nahezubringen versuchte, dass sein Held Ibn Battuta, der bis nach China gekommen sein soll, in einer Welt gelebt hat, die nicht minder globalisiert war als die heutige. Wir Westler, so der Basso continuo, bildeten uns ein, dass erst mit uns die Globalisierung auf dem Planeten Einzug gehalten habe, doch war die Islamische Welt schon 700 Jahre vor uns auf diesem Stand. Das ist nicht ganz abwegig, doch ist Ibn Battuta der falsche Gewährsmann, wenn es um mittelalterliche Weltbeschreibungen aus arabischer Sicht geht.

Was die Leser von Aslans Geschichte, die bis heute im Internet zu finden ist, nämlich nicht erfuhren, ist dies: Ibn Battuta war, nach allem was wir heute wissen, wohl ein Schwindler. Die meisten der von ihm geschilderten Gegenden hat er offenbar nie selbst bereist. Durch genaue Textstellenanalyse weiss man mit ziemlicher Sicherheit, aus welchen Quellen er sich bedient hat. Davon erfuhren die Leser des “Time”-Magazins nichts, denn Aslan zeigte sich einmal mehr als Apologet der Islamischen Welt denn als blosser Vermittler von Fakten an ein grösseres Publikum.

Das kommt davon, liebe “Time”-Redaktion, wenn man Leute über islamische Geschichte schreiben lässt, deren Qualifikation sich darin erschöpft, Eltern aus dem Iran zu haben. Pech für alle, die ihr Geld für ein “Time”-Heft ausgegeben haben. Wir schlussfolgern: So ungeschickt die Fragestellerin sich im obigen Interview verhalten haben mag, so hatte sie doch guten Grund, seine Behauptung, er schreibe einzig als Religionswissenschaftler, Aslan nicht ohne weiteres abzukaufen.

Qualitätssicherung

In seinem Buch “Freiheit, Gleichheit und Intoleranz” (2013) holt der Erfurter Politikwissenschaftler Kai Hafez zum grossen Rundumschlag gegen eine vermeintlich weitverbreitete Islamophobie in der deutschen Gesellschaft aus und äussert sich in diesem Zusammenhang u.a. über den Philosophen Peter Sloterdijk, den Historiker Hans-Ulrich Wehler, den Schriftsteller Ralph Giordano und den Journalisten Henryk Broder, denen er bescheinigt, einen “ungewöhnlichen Spagat” zu vollführen: “Während sie jahrzehntelang darum bemüht waren, bestimmte Freiheitsrechte zu erkämpfen oder zu verteidigen, wollen sie Muslimen ähnliche Rechte heute verweigern. Grundrechte wie die Religionsfreiheit (…) sollen ausgesetzt werden. Um dies zu rechtfertigen, werden Muslime pauschal als Verfassungsfeinde bezeichnet (…).” (S. 259)

Hafez, der anderen vorwirft, ohne Faktengrundlage zu argumentieren oder über einen Mangel an Expertise zu verfügen, nennt keinerlei Beleg für seine Behauptung. Man muss die Ansichten der genannten Personen  zum Thema Islam nicht notwendigerweise teilen, um zu verstehen, dass man keine Thesen aufstellen sollte, die man nicht belegen kann. Ich bezweifle, dass sich auch nur eine der oben genannten Personen den Vorwurf zu eigen macht, Muslimen Grundrechte vorenthalten zu wollen oder sie pauschal als Verfassungsfeinde zu bezeichnen. Die Beweislast dafür liegt bei dem, der diese Behauptung aufgestellt hat, bei Kai Hafez also, dem “Qualitätssicherung durch eine akademische Gemeinschaft” (S. 256) ein Anliegen ist, für sich selbst aber offenbar andere Regeln in Anspruch nimmt.

Gebühren versenkt

Unser Lieblingssender Arte hat etwas ganz Unerhörtes im Programm. Aus einer Ankündigung:

Der Neo-Liberalismus in der Wirtschaftspolitik hat im Verlauf der letzten 30 Jahre die Banken immer mächtiger werden lassen. Profit hat oberste Priorität, statt Investitionen bestimmen Spekulationen die Geschäfte. Dabei gerät die Politik immer mehr unter den Einfluss omnipräsenter Finanzmanager. Wird die gegenwärtige Finanzkrise daran etwas ändern?

Zumindest an der Wahrnehmung von Wirtschaft wird sich nichts ändern. Denn der Neo-Etatismus in der Rundfunkpolitik hat im Verlauf der letzten 30 Jahre die öffentlich-rechtlichen Sender immer einseitiger werden lassen. Staatliche Alimentierung hat oberste Priorität, statt Vielfalt bestimmt Ideologie die Geschäfte. Dabei geraten die Inhalte immer mehr unter den Einfluss omnipräsenter Wichtigtuer – weswegen sich auch die gegenwärtige Bildungskrise nur verschärfen wird.

[Aus dem Archiv.]

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