Susanne Schröter: Allahs Karawane

Der Volksislam geniesst noch immer wenig Aufmerksamkeit in der medialen Debatte über Islam und Moderne, was nicht zuletzt der Tatsache geschuldet ist, dass er regional weit aufgefächert ist und sich nur schwer überblicken lässt. Die vielleicht einzige Person, die dies mit wissenschaftlichem Anspruch zu leisten imstande war, dürfte die Orientalistin Annemarie Schimmel gewesen sein, die nicht nur in den unterschiedlichsten sog. Islamsprachen bewandert war, sondern auch dermassen weitgereist, dass sie nicht aus aus einer Vielzahl originalsprachlicher Quellen schöpfen, sondern aus eigener Anschauung vor Ort erzählen konnte. In “Die Zeichen Gottes” (1995) hat sie ihrer Leserschaft den Volksislam in seiner ganzen Breite nähergebracht, wenngleich sie den Begriff vermied und eine sehr apologetische Sicht auf die Religion hatte.

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Schon längst kein Modell mehr

Vor einiger Zeit hat das amerikanische PewResearchCenter in einer Umfrage zutage gefördert, dass 72% der Indonesier einer Durchsetzung der Scharia positiv gegenüberstehen. Kein Grund zur Besorgnis sei das, meint man auf Qantara.de, verstehe man in Indonesien doch ganz unterschiedliche Dinge unter dem Begriff Scharia, der doch nur “Weg” oder “Pfad” bedeute, ähnlich dem tao im Chinesischen.

Viele verbänden mit dem Begriff nämlich soziale Gerechtigkeit und Fairness, auch wenn man bei Pew oder Qantara.de nicht sagen kann, wie hoch der Anteil derer ist, die das so sehen mögen. Dann erfahren wir auch noch, dass in Indonesien Nicht-Muslime “nach strenger Auslegung des islamischen Rechts” als Bürger zweiten Ranges betrachtet werden, was aber in der Praxis ohne Bedeutung sei, würde dies doch der UN-Menschenrechtserklärung widersprechen, die das Land unterzeichnet hat. Denkbar wäre natürlich, dass zumindest ein Teil der Indonesier die Durchsetzung der Scharia gegen die UN-Menschenrechtserklärung wünscht. Man weiss es nicht.

Da Indonesien weit weg ist, könnte das ganze für uns als relativ belanglos eingestuft und ad acta gelegt werden, wenn da nicht der grössere Kontext wäre: der Islamischen Welt nämlich gehen die Vorbilder aus. Noch Mitte der 90er Jahre hatte der Göttinger Politologe Basam Tibi gerade Indonesien als mögliches Modell eines Islam für das 21. Jahrhundert gepriesen, bevor es Jahre später zu einigen unschönen Szenen kam – und nun die Pew-Umfrage. Irren ist menschlich. Andere islamische Länder mit Modellfunktion sind jedoch nicht in Sicht.

 

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