Recht und Popcorn

Die Vorsilbe “trans-” stammt aus dem Lateinischen und bedeutet “hinüber”: Transsexuell ist eine Person, die von Geschlecht A nach Geschlecht B wechselt. Wer in dem einen Geschlecht physisch zuhause war, sich aber mit dem anderen Geschlecht identifiziert, um dann beides durch einen chirurgischen Eingriff in Einklang zu bringen und ganz dem einen Geschlecht anzugehören, der ist transsexuell.

Nun behauptet eine Soziologin – vermutlich stellvertretend für eine ganze Bewegung ihresgleichen –, dass es so viele Geschlechter gebe wie es Menschen gibt, was aktuell also etwa 7,8 Milliarden Geschlechtern entspricht. “Mann” und “Frau” bzw. “männlich” und “weiblich” wären demnach nur blosse Worthülsen ohne Inhalt. Man identifiziert sich als Mann oder als Frau ebenso wie als “Zakazuk” oder “Tabadong” , die auch niemand zu definieren vermag.

Wo Geschlechtergrenzen sich aber verflüssigen und ins Uferlose streben, geht niemand mehr von A nach B. Alle sind nur ein Tropfen im Meer der unzähligen Geschlechter, vorbei mit dem “trans-“! Logisch nämlich ist das unmöglich. Aber Logik darf man in dieser Debatte nicht erwarten. Schon wer hier Logik einfordert, setzt sich dem Verdacht aus, rääächz zu sein, wie die feministische Zeitschrift “Emma”.

“Emma” hat Bedenken angesichts eines geplanten Gesetzes zur Selbstbestimmung des eigenen Geschlechts, denn fortan soll aus einem Gefühl ein Rechtsanspruch erwachsen. Das Geschlecht ist dann für Vater Staat keine Frage objektiver, also biologischer Begebenheiten mehr, sondern subjektiver Empfindungen: Wer behauptet, eine Frau zu sein, ist eine. Wer behauptet, ein Mann zu sein, ist einer.

Man könnte das ganze zu Ende denken und schlussfolgern: Frauenparkplätze in Parkhäusern müssten dann allen offenstehen, die behaupten, eine Frau zu sein. Die Umkleidekabine für Frauen im Sportverein dürften fortan auch solche Personen betreten, die in einem männlichen Körper stecken, sofern sie nur behaupten, sich ganz als Frau zu fühlen. Toiletten … naja, und so weiter.

Ein solches Gesetz ginge am Ende womöglich zu Lasten der Frauen, genauer: all derer, die in einem weiblichen Körper stecken. Aber das zu sagen ist selbstverständlich transphob und menschenverachtend. Wie bitte, warum transphob, warum menschenverachtend, wo ist da die Logik?! Noch einmal: Nach Logik darf hier niemand fragen. “Emma” ist jetzt übrigens auch rääächz.

Mir als Mann ist es übrigens völlig gleichgültig, ob ein Gesetz zur Selbstbestimmung des eigenen Geschlechts kommt oder nicht, ganz im Ernst. Da bin ich viel lockerer als “Emma”. Denn für mich würde sich nichts ändern, jedenfalls nicht zum Schlechteren. Und dieses Gesetz wird kommen, ganz bestimmt sogar. Haltet Popcorn bereit!

Denn es wird spannend sein zu sehen, wie es sich in einer Rechtsordnung lebt, in der ein subjektives Befinden einen Rechtsanspruch begründet. Man kann dieses Prinzip auch auf die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereiche ausdehnen, was gewiss nur eine Frage der Zeit sein wird. Wie es in Friedrich Dürrenmatts Komödie “Die Physiker” heisst:

“Alles Denkbare wird einmal gedacht.”


Nachtrag 4. März 2022

Der Psychoanalytiker Bernd Ahrbeck erklärt im Interview mit dem “Cicero”, was eine unbeabsichtigte Nebenfolge des geplanten Selbstbestimmungsgesetzes sein könnte, und resümiert: “Das berechtigte Ziel der Gleichstellung, der nur zu verständliche Wunsch, Diskriminierungen abzuschaffen, schießt gegenwärtig über das Ziel hinaus.”

Nachtrag 9. April 2022

Noch einmal: Es geht um die möglichen Nebenwirkungen eines geplanten Gesetzes, nichts anderes. – Die britische Philosophin Kathleen Stock spricht sich laut “Emma” dafür aus, “dass Transmenschen frei von Diskriminierung, Gewalt und Bedrohungen leben sollten“, sieht aber in dem geplanten Gesetz die Gefahr, dass in “aus gutem Grund geschützte Frauenräume” nun “jeder biologische Mann eindringen” könne, wenn er sich nur als Frau identifiziere. Die “Spiegel”-Kolumnistin Sibylle Berg ficht das alles nicht an, weswegen sie wahrheitswidrig behauptet, “Emma”-Gründerin Alice Schwarzer “polemisiere” gegen eine Minderheit, nämlich gegen Transsexuelle. Herr im Himmel!

Nachtrag 2. Mai 2022

In der “taz” warnt Alexander Korte, Fachmann für Geschlechtsdysphorie, vor einem Selbstbestimmungsgesetz: “Das hilft den Betroffenen nicht. Geplant ist ja, dass das ab 14 Jahren gilt.” Denn: “Transsexuelle … wünschen eine aufwendige und folgenreiche medizinische Behandlung – mit irreversiblen, lebenslangen Konsequenzen. Und das wäre bei einer nur vorübergehenden Geschlechtsidentitätsverwirrung eine fatale Fehlentscheidung!

Nachtrag 7. Mai 2022

Alice Schwarzer bringt laut FAZ das Problem der Weltanschauung, die hinter dem Selbstbestimmungsgesetz steht, wie folgt auf den Punkt: „Das würde bedeuten: Das subjektiv empfundene soziale Geschlecht sei quasi angeboren und das biologische Geschlecht müsse ihm angepasst werden. Wie absurd! Das würde ja voraussetzen, dass die sozialen Geschlechterrollen irreversibel sind.“ Die Vorstellung, das Geschlecht werde bei der Geburt zugewiesen, sei daher “quasi magisches Denken“.

Nachtrag 4. Juli 2022

In der “Welt ” von heute (“Demokratie ist nicht das Dogma der Mehrheit”, S. 7) macht sich Peter Huth für das geplante Gesetz stark Er verweist darauf, dass dem Entwurf zufolge der Geschlechtseintrag nicht mehr als einmal im Jahr geändert werden darf, wodurch Missbrauch quasi ausgeschlossen wird. Grundsätzlich ermögliche ein solches Gesetz mehr individuelle Freiheit; der Eifer, mit dem es bekämpft wird, ist ihm daher unverständlich.

Nachtrag 30. Juli 2022

Die FAZ berichtet über die britische “Tavistock Child Gender Identity Clinic” , die sich auf die Behandlung minderjähriger Patienten mit Schwierigkeiten in der Herausbildung von Geschlechtsidentität (Geschlechtsdysphorie) spezialisiert hat, geschlossen werden soll: “Jugendlichen wurden dort offenbar ohne ausreichende Beratung die Geschlechtsorgane wegoperiert“, wie es im Artikel heisst. Wie die BBC mitteilt, haben ehemalige Angestellte Zweifel an der Arbeit der Klinik geäussert, seien sie doch von dieser unter Erwartungsdruck gesetzt worden, Patientenwünschen affirmativ zu begegnen, sprich: leichtfertig einer Transition das Wort zu reden.

Die englische Rugby Football Union und die Rugby Football League schliessen transsexuelle Frauen vom Rugby aus, wie “Sky Sports” meldet. Die Rugyb Football Union begründet ihre Entscheidung damit, dass Rugby ein “geschlechtsspezifischer” (gender-affected) Sport sei, “where averages in physical strength, power, stamina, speed and physique create a competitive disadvantage between the sexes. In the context of contact rugby, attributes such as strength, power and speed are known to be important factors to performance (…).” Ähnlich argumentiert der in Dublin ansässige Weltverband “World Rugby”.

Nachtrag 14. August 2022

Der Rechtsanwalt und Blogger Udo Vetter, spezialisiert auf Sexualstraftaten, hält das geplante Selbstbestimmungsgesetz für keine gute Idee, weil es, wie er in einem Tweet bekundet, zum Missbrauch einlädt.

Auf Vetters Tweet bezieht sich auch der Jurist Arnd Diringer in seiner Kolumne unter der Überschrift “Unter falscher Flagge” in der WamS (Nr. 33 vom 14. August 2022, S. 24). Er plädiert: “Darüber, was der beste Weg ist, um Missbrauch zu verhindern, sollte offen diskutiert werden … In der öffentlichen Auseinandersetzung treten derzeit aber allzu oft und allzu gerne Unterstellungen und herabwürdigende Etikettierungen an die Stelle von Argumenten.

Nachtrag 23. August 2022

Im Interview mit “Emma” bestreitet die Biologin Christiane Nüsslein-Volhard, Nobelpreisträgerin für Physiologie/ Medizin, nicht, dass es innerhalb eines biologischen Geschlechtes eine grosse Bandbreite gibt, nur wird daraus kein drittes Geschlecht. Daran änderten auch Fälle von Intersexualität nichts: “Intersexualität entsteht durch sehr seltene Abweichungen, zum Beispiel beim Chromosomensatz. Aber auch intersexuelle Menschen haben die Merkmale beider Geschlechter, sie sind kein drittes Geschlecht.“Gegen das geplante Selbstbestimmungsgesetz argumentiert sie, dass sein Geschlecht zu ändern unmöglich sei und kritisiert: “Die Wissenschaftsfeindlichkeit in Deutschland ist leider ganz besonders ausgeprägt.”

Nachtrag 7. September 2022

Die Feministin Alice Schwarzer kritisiert in der von ihr herausgegebenen Zeitschrift “Emma” den Transsexualitätsdiskurs: “Queer bedeutet: Alles ist möglich. Trans heißt: Du bist entweder das eine oder das andere, Frau oder Mann, also strikte Binarität.

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