Das lange Scheitern des Westens im Nahen Osten

Dass das westliche Eingreifen in islamischen Ländern ein generelles Debakel ist, lässt sich kaum noch bestreiten. Weder der Sturz von Diktatoren noch der Krieg gegen den Terror haben rechtsstaatliche Strukturen begünstigt oder Feindseligkeiten gegenüber dem Westen gedämpft. Viele sagen, dass das ernsthaft auch nicht zu erwarten gewesen sei, aber zumindest im Falle des Irak hat 2003 die Chance bestanden, zumindest so etwas wie „good governance‟ auf den Weg zu bringen, denn gerade die ethnische wie konfessionelle Spaltung des Irak hatte Anlass zur Hoffnung gegeben, dass es keiner der ethnischen oder konfessionellen Gruppen gelingen würde, die Vorherrschaft zu übernehmen, sodass man sich am Ende auf zivile Regeln des Zusammenlebens zu einigen gezwungen sehen würde.

Diese Hoffnung hat sich bekanntermassen nicht erfüllt. Freilich, wenn die Massen im Nahen und Mittleren Osten ihre Chance nicht ergreifen, die der westliche Einsatz ihnen ermöglicht hat, bleibt die Frage, welche Schlussfolgerungen angesichts der Ernüchterung über diesen Teil der Welt zu ziehen sind. Zwei amerikanische Militärangehörige und zugleich Militärhistoriker, Daniel Bolger und Andrew Bacevich, sehen grundsätzliche Fehlwahrnehmungen auf amerikanischer und im weiteren Sinne westlicher Seite am Werk, sowie daraus resultierende falsche Annahmen politischer Entscheidungsträger. Gewiss, im Nachhinein ist man immer klüger, aber wie vor allem Bacevich deutlich gemacht hat, lassen sich wiederkehrende Muster in Bezug auf Wahrnehmungen und Entscheidungen erkennen, die dazu geführt haben, dass einmal gemachte Fehler auch noch wiederholt wurden.

Diese Zusammenhänge zu verstehen, hilft, eine Klarheit darüber zu gewinnen, was in einem aktuellen Fall wie dem Krieg in Syrien getan werden kann und was besser nicht getan werden sollte. Es soll hier nicht verschwiegen werden, dass Bacevich insofern befangen ist, als sein eigener Sohn 2007 als Soldat im Irak gefallen ist, doch sind seine Argumente schwer zu widerlegen. Bacevich, der sich selbst als „catholic conservative‟ bezeichnet, argumentiert wie auch Bolger nicht aus der Perspektive des reuigen, zum Pazifismus bekehrten Veteranen, sondern als Historiker, der der Frage nachgeht, warum seit dem Zweiten Weltkrieg bis 198o praktisch kein einziger amerikanischer Soldat während seines Einsatzes im Nahen und Mittleren Osten ums Leben gekommen ist, während seit 1990 nahezu alle im Einsatz getöteten amerikanischen Soldaten den Tod ebendort fanden.

Wie definiert man Sieg? Für das Militär ist letzteres der Fall, wenn der Gegner zeitweilig oder dauerhaft die physischen Mittel oder den Willen zu kämpfen verloren hat. Was aber, so Bolger, wenn der Feind, wie im Falle der Taliban, sich nur verstreut hat, ins Hinterland zurückgezogen oder ins Nachbarland abgesetzt? Die Taliban halten sich nicht an die Regeln amerikanischer Militärdoktrin, also kann man ihnen auch nicht auf diese Weise beikommen. Aber noch eine drängendere Frage stellt sich.

Wer ist der Feind? Die meisten Kommandeure verstehen etwas von moderner Kriegsführung, aber im Irak hatten sie ein Problem mit dessen tribaler Natur. Als die US-geführten Truppen 2003 Saddams Einheiten überrannt und Bagdad erobert hatten, da erhebt sich die Frage nach dem Feind. Die irakische Armee wie auch die Republikanischen Garden hatten aufgehört zu existieren, aber der Applaus für die Befreier blieb aus und die Gewalt kehrte zurück, aber nur wenige Anschläge aus US-Truppen hatten etwas mit al-Qaida zu tun.

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Bacevich führt den Irrweg amerikanischer Entscheidungsträger bis auf die Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zurück, als sich die Truman-Doktrin 1947 sich gegen die kommunistische Expansion richtete. Diese Doktrin wurde gewissermassen zur Blaupause für Jimmy Carters „Presidential Directive‟ Nr. 63, in der es um die Verteidigung des Persischen Golfes und seiner Rohstoffe ging. Die Hauptgefahr wurde ausserhalb der Region gesehen: in der Sowjetunion. Lokale Konfliktlinien wurden seitens des CENTCOM (Central Command) ignoriert, die Gefahr durch die Sowjetunion dafür hochgespielt. Zu den Faktoren des Nahen Ostens, die CENTCOM ignorierte, gehörte die Geschichte, vor allem die schädliche Hinterlassenschaft des westlichen Imperialismus. Ein zweiter Faktor war die Religion, „[b]ut among those paid to think about strategy, soldiers and civilians alike, history and religion counted for little‟, so Bacevich.

Nach dem Wegfall der sowjetischen Bedrohung hatte die US-Armee mehr Panzer und Soldaten, als es gebrauchen konnte, was CENTCOM zugute kommen sollte. Anstatt militärische Grundsatzfragen zu stellen, orientierte man sich auf einen neuen Feind. Hier wurde schon die Saat für weitere Komplikationen gelegt, denn zivile Strategen hinterfragten die alte Ansicht nicht, dass die Hauptbedrohung für die Stabilität am Persischen Golf von Staaten kommt, die man entsprechend einhegen müsse. Da der Kalte Krieg immer ein kalter geblieben war, fand man darin die unausgesprochene Rechtfertigung für die weitere Nachkriegspolitik.

Diese einseitige Sichtweise wurde in einem Dokument namens OPLAN 1002 manifest, formell betitelt mit „Verteidigung der Arabischen Halbinsel.‟ Es war die Matrix für den Krieg des CENTCOM, geformt von einer Mentalität des Kalten Krieges. Erster Kommandeur des CENTCOM war Robert Kingston, sein Nachfolger wurde George Crist, dessen Nachfolger Norman Schwarzkopf. Schwarzkopf betrachtete OPLAN 1002 als den zweifelhaften Vorschlag, der er laut Bacevich immer war, und Verschwendung von Steuergeldern. Mit dem Niedergang der Sowjetunion blieb dem CENTCOM dafür keine Rechtfertigung mehr, sodass eine neue Bedrohung ausgemacht werden musste.

Dies wurde der Irak, den Paul Wolfowitz schon zehn Jahre zuvor ins Spiel gebracht hatte. Iraks militärische Niederlagen unter Saddam Hussein wurden ignoriert, das Land stattdessen zur regionalen Supermacht aufgeblasen. Ronald Reagan verkündete öffentlich, dass die USA die bestehende saudische Ordnung gegen jede Bedrohung verteidigen würden. Schwarzkopfs Stab schmiedete eine Überarbeitung von OPLAN 1002 und fokussierte auf die Bekämpfung einer „intraregionalen Bedrohung‟ wichtiger Häfen und Ölanlagen auf der Arabischen Halbinsel. Konkret gemeint war damit, dass die Verteidigung Saudi-Arabiens vor einer möglichen irakischen Invasion oberste Priorität erhielt.

Reagan gab die Parole aus: „My idea of American policy toward the Soviet Union is simple. It is this: We win and they lose.‟ Die folgende Aufrüstung ging jedoch nie mit einer erkennbaren Strategie einher, seinen Ansatz zu verwirklichen. Inkonsistenz und Konfusion prägten seine Politik. Jedesmal, wenn die Regierung einen Sieg ausrief – über die Sowjets in Afghanistan, Gaddhafi in Libyen oder Iran im Persischen Golf – war das Ergebnis bestenfalls unschlüssig oder schlimmstenfalls einfach schlecht. Der fehlgeschlagene Versuch, U.S. Marines in den israelisch besetzten Libanon zu verfrachten, führte zu dessen Glorifizierung, anstatt aus ihm zu lernen, womit die Wiederholung künftiger Fehler vorprogrammiert war – und zwar in grösserem Massstab.

Auch der vermeintliche Sieg in Afghanistan, einer Vorzeigeinitiative der Reagan-Ära, sollte nur einem grösseren Chaos den Weg weisen. Die Operation Cyclone in Afghanistan verkündete den Sieg, als die Sowjets abzogen, doch wiederholten die USA deren Fehler, wobei sie länger blieben und kaum ein besseres Ergebnis lieferten. Zudem zeigt Operation Cyclone eine Tendenz der USA, mit der Konzentration auf ein Problem ein zweites zu verschlimmern und die Saat eines dritten zu pflanzen. In Afghanistan war dieses zweite Problem der Aufstieg der islamischen Radikalismus und das dritte die Wandlung Pakistans zu einem nuklear bewaffneten Quasi-Schurkenstaat. Afghanistan, so Bacevich, wurde behandelt wie ein Tumorpatient, den man aus der Chemotherapie entlässt, sobald der Tumor verschwindet, ohne einen Gedanken an ein Rezidiv zu verschwenden.

Fatal auch der Einsatz in Beirut: Als Bachir Gemayel, Hoffnungsträger für das israelische Vorhaben, im Libanon ein maronitisches Regime zu installieren, das ein Bündnispartner Israels werden würde, 1982 ermordet wurde und am darauffolgenden Tag IDF-Truppen palästinensische Bezirke in West-Beirut besetzten, womit sie den Zugang zu den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila für Phalangisten ermöglichten, die darauf aus waren, die Bewohner umzubringen, war es Reagans Strategie, US-Marines würde durch ihre blosse Präsenz in Beirut Ordnung anstelle von Anarchie bringen. Dies hätte ein neues Paradigma im Nahen Osten begründen können, wenn magisches Denken jemals zu realen Ergebnissen geführt hätte. Die Marines und andere Friedenstruppen bemannten zunächst Checkpoints und rüsteten die libanesische Armee auf, sodass aus der vorgeblich neutralen Präsenz ein aktives Engagement wurde. Doch wurden die Marines selber zu Zielen, bis ein Selbstmordattentäter die US-Botschaft angriff, wobei 63 Menschen, darunter 17 Amerikaner, getötet wurden.

Als sich die israelischen Truppen in der Nacht vom 3. auf den 4. September in ihre Sicherheitszone zurückzogen, gerieten die multinationalen Friedenstruppen und vor allem das amerikanische Kontingent ins Visier der muslimischen Milizen. Die Marines wurden zu einer weiteren Fraktion im libanesischen Bürgerkrieg, bis ein weiterer Selbstmordbomber das Marine-Gelände sprengte, wobei 241 Militärs ums Leben kamen. Ein weitere Anschlag auf das nahe gelegene französische Gelände tötete 58 französische Angehörige der Friedenstruppen, wofür sich eine Gruppe namens Islamischer Dschihad bekannte, die später als Hisbollah von sich reden machte.

Reagan fand pathetische Worte und blieb merkwürdig optimistisch. Ziel sollte ein unabhängiger Libanon sein, frei von fremden Kräften, doch versagte die von den USA unterstützte libanesische Armee. Dies sollte nicht das letzte Mal sein, dass amerikanische Anstrengungen, eine Armee in einem islamischen Land aufzubauen, scheiterten. 1984 war Reagan bereit, das Handtuch zu werfen, heisst: die Marines zurückzuziehen. Hier hatte nicht nur die klassische Militärdoktrin versagt, sondern es stellte sich heraus, dass war der Idealismus der politischen Führung auf Sand gebaut war.

Mit dem Iran-Irak-Krieg begann sich die Strategie der Amerikaner zu ändern. Erzfeind Saddam Hussein wurde jetzt gegen den Iran aufgerüstet, während Israel heimlich Waffen an den Iran verkaufte. Dabei waren beide, Iran wie Irak, antiisraelisch und antiamerikanisch eingestellt. In der Iran-Contra-Affäre hat schliesslich die Reagan-Administration heimlich und illegal Waffen an den Iran geliefert. Das hatte zwei Gründe: Zum einen wollte man amerikanische Geiseln im Libanon freibekommen; zum anderen wollte man Kontakte zu iranischen „Moderaten‟ aufbauen, um die Beziehungen mit dem Iran wieder auf den Stand der Schah-Zeit zu bringen. Irgendetwas Positives kam jedoch nicht dabei heraus. Die Reputation Amerikas in der Arabischen Welt nahm erheblichen Schaden.

Saddam blieb Quasi-Verbündeter. Als er 1987 im Persischen Golf die USS stark angriff, was 37 Todesopfer forderte, erklärte er dies zu einem Versehen, was ihm die US-Regierung abkaufte, die ihrerseits den Iran als den eigentlichen Schuldigen identifizierte. Damit wurden die USA Partei im Ersten Golfkrieg, wovon Saddam Hussein profitieren sollte: Sein Kampf wurde zum Kampf der USA. Die von der US-Regierung selbstverschuldete Wunde, herbeigeführt durch den törichten Handel mit Iran, half Saddam Hussein auf See und liess ihn mit der Tötung amerikanischer Matrosen davonkommen.

Gerade in der Reagan-Ära wurden militärische Ziele nur unscharf definiert, Ankündigungen blieben zurückhaltend und vage. Das änderte sich 1990. Seitdem wurde das amerikanische Militärengagement ausgeweitet und ambitionierter. Mit dem Zweiten Golfkrieg (der Befreiung Kuwaits) wurde das amerikanische Militärengagement im Nahen Osten dauerhaft, nicht mehr episodisch. Widerstand gegen die Einmischung in arabische Angelegenheiten leistete Osama bin Laden, den die Saudis mundtot zu machen versuchten, worauf Bin Laden ins Exil ging, um zum Heiligen Krieg gegen Saudi-Arabien aufzurufen. Noch bevor der Zweite Golfkrieg in Gang kam, wurden die Voraussetzungen für den dritten gelegt.

Während des Zweiten Golfkriegs rief Präsident Bush sen. die Iraker dazu auf, Saddam, den „Hitler revisited‟, zu stürzen. Bagdad trsat an die Stelle von Berlin, das nach dem Ende des Kalten Kriegs nicht länger Mittelpunkt der Weltpolitik war. Als es zu einer Erhebung im Irak kam, hauptsächlich von Schiiten und Kurden, liess Saddam sie blutig niederschlagen, während die US-Streitkräfte unter Norman Schwarzkopf untätig blieben. Das Ergebnis war ein grosses humanitäres Desaster, aber Verantwortung für die Kurden zu übernehmen, hatte nie zum Plan der US-Regierung gehört. Die US-Intervention hatte letztlich nur die Bedingungen für mehr Gewalt und mehr Unordnung geschaffen – ein wiederkehrendes Muster in „America’s War for the Greater Middle East‟.

Zwar errichteten die die USA und ihre Alliierten 1991 für die Kurden im Nordirak eine Flugverbotszone, doch hatte diese das Problem, dass keine klaren Kriterien existierten, anhand derer die Operation als erfolgreich hätte beurteilt werden können. Die amerikanischen Militäroperationen im Irak der 1990er Jahre deuteten auf ein Vergehen des Vietnam-Syndroms hin: Ein völliger Mangel an Zurückhaltung, gepaart mit oberflächlichen moralischen Impulsen, die durchdachte strategische Analysen ersetzten. Solange keine Amerikaner getötet wurden, gab es allerdings auch keine grossen Nachfragen. Mehr noch: US-Präsidenten fanden es seit dieser Zeit zunehmender schwer, Untätigkeit zu rechtfertigen.

Der moralisierende Aspekt zeigt sich gerade am Fall Bosnien-Herzegewina, der mit der US-Politik im Nahen Osten verbunden ist. Damals war es der Analyst Fouad Ajami, der die Bosnier als Repräsentanten eines modernen Islam lobte, als Verkünder einer universellen Kultur und Kinder westlicher Säkularität. Damit, so die Schlussfolgerung, sei es die Pflicht der USA, für Bosnien einzustehen und damit auch ähnliche Tendenzen eines kulturalisierten Islam in anderen Teilen der Welt zu ermutigen. Was den damaligen Präsidenten Clinton jedoch zum Handeln veranlasste, war Geopolitik: Die NATO sollte gegen den Widerstand der Serben am Leben erhalten werden.

Iran und Saudi-Arabien konkurrierten dann mit Waffenlieferungen an bosnisch-muslimische Kräfte. Sie verstiessen damit gegen das UN-Embargo, taten dies jedoch mit Wissen der USA. Während Glaubenskrieger aus Iran, Pakistan und anderen Teilen der islamischen Welt nach Bosnien kamen, um zu kämpfen, rüsteten die USA Kroatien auf, dessen Anführer der Proto-Faschist Tudjman war. Als kroatische und bosnische Kräfte auf serbische Zivilisten losgingen, hatten diese kaum Sympathien der Weltöffentlichkeit, auch nicht der USA. schliesslich trat Kriegsmüdigkeit ein, den Kriegsparteien wurden die Kosten zu hoch, sodass die USA 1995 die Friedenskonferenz von Dayton einberiefen. Der „säkulare Multikulturalismus‟ Bosniens, von dem Ajami geschwärmt hatte, wurde freilich nicht wiederhergestellt, dafür die ethnische Trennung akzeptiert.

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In den 1990ern kam es zur „Revolution in Military Affairs‟ (RMA), einem Verteidigungskonzept militärischer Zirkel, für die der Informationsvorsprung der Schlüssel zum Sieg bildete, indem er den USA ermöglichen sollte, aus sicherer Distanz Kriege zu führen. Reagans Tanker War, Bushs Desert Storm und Clintons Intervention in Bosnien schienen darauf einen Vorgeschmack zu geben. Abschreckung wurde durch Aktivismus ersetzt. Der nächste Schritt in dieser Kampagne für einen „Greater Middle East‟ wurde das Kosovo, wo eine vom US-Aussenministerium als Terrororganisation eingestufte Bewegung mit amerikanischer Hilfe zum Sieg verholfen werden sollte.

Diese Bewegung war die 1993 gegründete Kosovo Liberation Army (KLA), die sich aufgrund der Dayton Accords Hoffnungen machen konnte, dass ein ethnisches Ungleichgewicht durch hereinströmende serbische Flüchtlinge aus Kroatien und Bosnien den Gebrauch von Gewalt nötig machen würde. Die USA erklärten die KLA zunächst zur Terrororganisation und gaben dem serbischen Präsidenten Milosevic Grund zu glauben, dass er jene mit Einverständnis der USA zerschlagen könnte. Sein Vorgehen schlug die KLA zurück, produzierte jedoch auch eine grosse Flüchtlingskrise, die der KLA in die Hände spielte.

Dies führte schliesslich dazu, dass die USA und ihre Alliierten die Unabhängigkeit des Kosovo wahrscheinlich machten. Zwar erhöhte US-Aussenministerin Madeleine Albright nur den Druck auf Serbien, sich aus dem Kosovo zurückzuziehen, während sie dessen Unabhängigkeit öffentlich verwarf, doch bedeutete ein serbischer Rückzug zwangsläufig einen Sieg für die KLA-Terroristen. Als sich die jugoslawischen Kräfte tatsächlich zurückzogen, füllte die KLA das Vakuum sofort aus, bis die Kämpfe wiederaufflammten. Die Kosovaren stimmten der Entwaffnung der KLA zu, wenn sie im Gegenzug Autonomie erhalten. Eine grosse NATO-Besatzung sollte diesen Handel sicherstellen, was Milosevic jedoch ablehnte, der damit den USA einen Kriegsgrund lieferte.

NATO-Oberbefehlshaber General Wesley Clark war der stärkste Befürworter einer Politik, die Serbien durch Drohungen, es notfalls zu bombardieren, zur Räson bringen sollte. Clark glaubte, dass der Zustand auf dem Balkan das Werk weniger Diktatoren sei und hatte keinen Sinn für politische oder historische Fallstricke. Er war nicht der einzige, der so dachte. In jedem Falle lief dieser Ansatz, wenn auch unausgesprochen, auf eine Politik der gezielten Tötung hinaus. Wenn schlechte Anführer gibt Ergebnisse verhindern, müssen sie beseitigt werden, war die Denkweise.

In den folgenden Jahren sollten die USA diese Auffassung wiederholt umsetzen, freilich ohne erkennbaren Erfolg. Die Ausschaltung von Führungspersönlichkeiten diente als Ersatz für eine klare Strategie. Clark ist der Hauptverantwortliche für das Scheitern der NATO-Mission; an die Stelle einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den Bedingungen vor Ort, setzte er Küchenpsychologie.

Milosevic liess sich von den Bombardierungsdrohungen jedenfalls nicht einschüchtern und sandte serbische Truppen in das Kosovo. Die Antwort der NATO war Operation Allied Force, die vordergründig humanitären Zwecken diente, nach Einschätzung von Bacevich letztlich aber nur den Zweck hatte, die Schlagkraft der NATO nach dem Ende des Kalten Krieges zu beweisen. Die jugoslawische Armee in und um das Kosovo sollte vollständig zerschlagen werden, und zwar allein durch Luftschläge. Das Ergebnis war jedoch das Gegenteil von dem, was beabsichtigt wurde.

Als die Bombardierungen begannen, glaubten Albright und Clark, dass die Feindseligkeiten in zwei oder drei Tagen beendet sein würden. NATO-Offizielle in Brüssel dachten ähnlich. Stattdessen wurden daraus zweieinhalb Monate, länger als Operation Desert Storm. Die Massenflucht der Kosovaren, mehr als eine halbe Million, war dabei von Clark nicht vorausgesehen worden. Also wurden die Luftschläge ausgeweitet. Am Ende war es die NATO, die kosovarische Nationalisten befeuerte und den Kosovaren zum Sieg verhalf. Für Bacevich ist dies eine aufschlussreiche Fallstudie, wie man Terrorismus dazu bringt, sich bezahlt zu machen, wobei die USA und andere Gegner des Terrorismus diesen zugleich unterstützen und dessen Resultate schliesslich gutheissen.

Die NATO-Streitkräfte, einmal in Gang gebracht zeigten sich sehr professionell in der Ausführung ihres Luftkampfes, wobei relativ wenige Zivilisten und keiner einziger der eigenen Soldaten ums Leben kamen. Doch konnte Einsatzgeschick eine kluge Strategie nicht ersetzen – ein Manko der amerikanischen Kriegsführung, das sich im Nahen Osten wiederholt zeigen sollte. Dies wurde auf dem Balkan besonders deutlich, der daher auch zu „America‛s War für the Greater Middle East‟ gehört. Ebenso deutlich wurde, dass das Vorhaben, westliche liberale Werte auf militärische Weise zu exportieren, um so eine friedlichere Welt zu schaffen, ehrlich gemeint sein mag, in der Praxis aber kaum durchsetzungsfähig ist.

Die Serben wurden mit ihrem vermeintlichen Fanatismus zu „ihnen‟, die Bosnier und Kosovaren mit ihrem vermeintlich gemässigten Islam, zu den „unsrigen.‟ Bacevich kritisiert die Fehlschätzung der Religion in diesem Szenario, die in Amerika eine andere Rolle spielt als in anderen Teilen der Welt, wo man die im Westen als universal geschätzten Werte bestenfalls für leer und schlimmstenfalls für blasphemisch hält. Bacevich weist darauf hin, dass auch auf dem Balkan die islamische Dimension bedeutsam ist, als viele Muslime in der Welt die Verfolgung der Kosovaren durch die Serben zur Solidarität veranlasste.

Der damalige israelische Aussenminister Ariel Sharon bezichtigte Iran sogar, einen islamischen Staat im Kosovo errichten zu wollen, während die USA solche Zusammenhänge zwischen dem Balkan und dem Nahen Osten kaum sehen wollten. Das mochte überzogen gewesen sein, war aber im Kern richtig. Zugleich bewirkte die Tatsache, dass die USA auf Seiten der Muslime kämpften, noch lange keine Dankbarkeit in der islamischen Welt, wie man in amerikanischen politischen Kreisen glaubte. Mehr noch: Jahre, nachdem die NATO zu ihrer Rettung geeilt war, kam es zu einem Strom von Bosniern und Kosovaren gen Syrien und Irak, um als Kämpfer in den Dschihad gegen die USA und allgemein den Westen einzutreten.

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Der erste bekannte Versuch von al-Qaida, Amerikaner zu töten, erfolgte im Dezember 1992 im Jemen. Der zweite Versuch erfolgte am 26. Februar 1993 in der Tiefgarage des New Yorker WTC. Es folgten weitere Anschläge, darunter 1996 auf die Khobar Towers in Saudi-Arabien und auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania 1998. Schnell war Bin Laden als Täter ausgemacht worden und der Radius von „America‛s War for the Greater Middle East‟ weitete sich, um al-Qaida einzuschliessen. Neu war, dass mit al-Qaida kein Staat, sondern eine Bewegung zum Hauptfeind erklärt wurde.

Am 12. Oktober 2000 kam es zum Angriff auf die USS Cole, das nur knapp einem Sinken entging. Bacevich hält es für einen Fehler, einen amerikanisches Kriegsschiff überhaupt an Plätze wie Aden entsandt zu haben, wo es nur deshalb war, um amerikanische Präsenz zu zeigen. Um al-Qaida in die Schranken zu weisen, wurden diesmal nicht Tage oder Wochen angesetzt, sondern Jahre. Weil Clintons Amtszeit zu Ende ging, blieb der Anschlag auf die USS Cole allerdings ungesühnt. Doch mit dem Wahlsieg von Bush erhielt der von Clinton begonnene Sitzkrieg eines Rollbacks gegen al-Qaida eine zweite Chance.

In Bushs Amtszeit fiel bekanntlich das Attentat von 9/11. Für Bush war Terrorismus gleichbedeutend mit „Böse‟ und so begann der globale Krieg gegen den Terrorismus. Dass ein Krieg nicht gegen eine Taktik geführt werden kann, ist freilich eine Absurdität, aber das entscheidende ist hier, dass der Krieg „global‟ geführt werden sollte: Die Entgrenzung amerikanischer Militärmacht war das eigentliche Ziel. Als Rumsfeld verkündete, dass wir nicht unser Leben ändern werden, sondern „ihr‟ Leben, fragte kein Journalist, wer „sie‟ eigentlich sein sollen. Alles wurde nur noch diffuser.

Cheney, Rumsfeld and Wolfowitz waren Jünger der „Theologie des RMA‟, die jetzt „Transformation‟ hiess und deren Gott die Technologie war. In Afghanistan sollte dieser Ansatz in der Operation Enduring Freedom erprobt werden und schon bald war es General Tommy Franks, der den Sieg über eine Armee, die die Sowjets nicht hatten schlagen können, und die Befreiung von 25 Mio. Menschen verkündete, doch hatte er damit einen partiellen Einsatzerfolg mit einer grundsätzlichen Missionserfüllung verwechselt. In Wirklichkeit hatte Mitte Dezember 2001 der Afghanistan-Krieg nicht geendet, sondern war gerade erst begonnen. Tatsächlich hatten die USA in Afghanistan keine strategischen Interessen und der Krieg gegen die Taliban wurde zu einer Übung in strategischer Irrelevanz.

Während die Taliban noch nicht endgültig besiegt waren, hatte die US-Regierung schon ihren Blick auf die Invasion des Irak gerichtet. Was waren die Gründe? Die angeblichen Massenvernichtungswaffen waren es jedenfalls nicht, stattdessen wurde es die vorgebliche Befreiung der unterdrückten Iraker und die Verbreitung der liberalen Demokratie. Dass niemand Saddam eine Träne nachweinen und die irakische Armee keine grosse Gefahr darstellen würde, machte den Irak zu einer Gelegenheit, die die US-Regierung nicht ungenützt verstreichen lassen würde, um ihr Paradigma von der Verbreitung westlicher Werte durchzusetzen und so die Wurzel des Terrorismus zu beschneiden.

Allerdings unterschätzt Bacevich hier die Rolle der Kurden wie auch die Tatsache, dass der ethnisch und konfessionell geteilte Irak durchaus Anlass zur Vermutung geboten hatte, die einzelnen Gruppen könnten sich auf „good governance‟ als kleinsten gemeinsamen Nenner einigen. Nicht leugnen freilich lässt sich, dass dies nicht eingetreten ist und so hat Bacevich recht, wenn er schreibt, dass die US-Regierung mehr tun musste als Saddam zu stürzen, nämlich die irakische Bevölkerung von einer politischen Ordnung überzeugen, die „ihr Leben verändert‟, wie Rumsfeld es formuliert hatte. Auch hier führte die Intervention nur zur Lösung eines speziellen Problems, die dann andere Probleme einer völlig neuen Art schufen.

Nach der Einnahme Bagdads kam es zu wüsten Plünderungen und Zerstörungen, Dankbarkeit oder wenigstens Unterwerfung unter die amerikanische Präsenz jedoch blieben aus. Stattdessen zogen die Befreier den Hass auf sich. Als in Falludscha einige hundert Menschen vor einem Schulgebäude aufzogen, um für den Abzug der dort stationierten amerikanischen Einheit zu demonstrieren, reagierte die Einheit mit Gewehrfeuer, sodass dreizehn Iraker starben. Ähnlich Vorfälle ereigneten sich auch anderenorts.

Die wachsende Erhebung der Bevölkerung erfolgte zu einer Zeit, als die amerikanischen Truppen gerade einen Schichtwechsel einlegten. Ein Schwachpunkt der amerikanischen Seite war auch, dass sie keine zivile Unterstützung genossen, sondern einfach als Besatzer gesehen wurden, während die US-Regierung glauben wollte, dass der Widerstand nur aus Resten des altes Regimes bestünde. Hinzu kam, dass Trudjman nicht die einzige halbseidene Gestalt blieb, mit der man zusammenarbeitete.

Daniel Bolger weist darauf hin, dass Iraks späterer Präsident Nuri al-Maliki, der 23 Jahre hauptsächlich in Iran und Syrien gelebt hatte, in der Politik wenig erfahren war, in Entscheidungen zögerlich und unbeholfen. Vor allem aber weigerte er sich, der US-Aussenministerin Condoleezza Rice die Hand zu schütteln. Mit dem Aufstand der Schiiten wollte er sich nicht befassen, umso mehr dafür mit der Jagd auf Baathisten und al-Qaida.

Mit dem Anschlag auf die schiitische Al-Askari-Moschee in Samarra Anfang 2006 setzte ein innerislamischer Bürgerkrieg ein, sodass in Winter 2006/7 die US-Strategie im Nahen Osten zusammenbrach. Es war General David Petraeus, der es schaffte, dem Krieg im Irak eine neue Wahrnehmung zu geben. Zu diesem Zeitpunkt verfügte die US-Politik im Nahen Osten über ebensowenig Kohärenz wie zur Zeit von Ronald Reagan, der offiziell die eine Seite im Iran-Irak-Krieg unterstützte und heimlich der anderen Waffen lieferte. Nach Bushs Definition von Sieg 2007 als Schaffung einer „functioning democracy that polices its territory, upholds the rule of law, respects fundamental human liberties, and answers to its people‟ ist der Krieg für die USA (und den Westen verloren).

Zur steigenden Zahl von Kriegsopfern gesellten sich explodierende Kosten. Bush, der von seinem Amtsvorgänger einen Haushaltsüberschuss geerbt hatte, hinterliess bei seinem eigenen Amtsende 2009 ein gewaltiges Defizit. Hinzu kommen der Blutzoll und die gesunkene Glaubwürdigkeit. Arabisch-sunnitische Stämme arbeiteten mit den Amerikanern nur deshalb zusammen, weil al-Qaida sich Exzesse geleistet hatte, die es als das grössere Übel erscheinen liess. 2009 waren die USA nicht näher an einer „Mission Accomplished‟ im Irak als 2003.

Die hochrangigen US-Militärs hatten noch 2001, wobei sie den strategischen Wert des des Landes im Hinterkopf hatten und sich darüber im Klaren waren, dass ein Vakuum schnell vom Iran gefüllt werden würde, den Irak mit Korea 1953 verglichen, wo ein unpopulärer und falsch geführter Krieg den USA dennoch zu einer Schlüsselposition verhalf. Der neue Präsident Obama jedoch war nicht gewillt, mehr als eine symbolische Präsenz im Irak zu belassen.

Obama war gewählt worden, um die US-Truppen aus dem Irak abzuziehen, wobei die Herausforderung darin bestand, den Rückzug nicht wie Flucht aussehen zu lassen. Im Dezember 2009 waren 110.000 amerikanische Soldaten im Irak stationiert, ein Jahr später nur noch 48.000, 2011 war die Zahl auf Null gesunken. Die Unterhaltung einer Übergangsarmee war von irakischer Seite abgelehnt worden. Der Irakkrieg, der nach Planung des Militärs bis Ende 2005 hätte dauern sollen, ging 2011 zu Ende.

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Amerikanische Verfechter einer „Aufstandsbekämpfung‟ (counterinsurgency – COIN), so Bacevich, gehen davon aus, dass die islamische Welt von Kanadiern bevölkert ist, die eine ähnliche Weltsicht haben wie Amerikaner. Tatsächlich sind Afghanen tendentiell doch sehr verschieden von Kanadiern und was sie von Amerikanern trennt, ist eine tiefe Kluft. Diese zu überbrücken bedarf es enorme Anstrengungen über eine aussergewöhnlich lange Zeit. Die Taliban in Afghanistan haben sich davon jedenfalls nicht beeindrucken lassen.

Gab es im letzten Jahr der Präsidentschaft George Bushs insgesamt 798 Todesopfer in Afghanistan, stiegen sie mit Präsident Obama, der zusätzliche Truppen geschickt hatte, auf 5000 pro Jahr. Derweil florierte die Opiumproduktion der Taliban. Als Obama Ende 2014 verkündete, „der längste Krieg in der amerikanischen Geschichte‟ sei verantwortungsvoll zu Ende gegangen, war ein Ende in Wahrheit gar nicht in Sicht. Freilich war der längste Krieg auch der am schnellsten vergessene, unter der Bevölkerung ebenso wie von der Regierung – noch bevor das Blutvergiessen endete.

In Syrien wiederum erklärte Obama, Assad müsse gehen. Doch selbst als Assad 2013 chemische Waffen gegen seine eigene Bevölkerung einsetzte und damit die rote Linie der amerikanischen Regierung überschritt, folgten keine Konsequenzen, was umso bemerkenswerter ist, als Gaddafi und Saddam Hussein für weitaus geringere Provokationen von Obamas Amtsvorgängern abgestraft wurden. Schliesslich engagierte sich auch Obama, mit Drohnen und Spezialkräften, womit er jedoch die Bedrohung eher dämpfte als beseitigte.

Obama begann militärische Operationen an vielen Fronten in der islamischen Welt. Was sie miteinander verband, war die Abwesenheit irgendeines gemeinsamen Ziel oder einer Idee. Vor 9/11 war Ignoranz das Manko der US-Interventionspolitik, nach 9/11 war es Hybris, so Bacevich. US-Kräfte wurden über den Nahen Osten verstreut, ohne etwas zu bewirken. Derweil näherte sich Obama dem Iran an, was ihn von Israel und den Golfarabern entfremdete, die den Iran lieber kleingehalten hätten. Was den IS betrifft, so würde dessen Zerschlagung kaum etwas ändern, denn die Bedingungen, unter denen er entstand, bestehen fort.

Im Gegensatz zum Kalten Krieg haben in der islamischen Welt amerikanische Ziele und kriegerische Mittel niemals übereingestimmt. Anstatt Bedrohungen von den USA fernzuhalten, verfiel man in einen militärischen Aktivismus, der anfangs noch umsichtig gewesen sein mochte, später aber enthemmt wurde und neue Gefahren heraufbeschwor. Die Vision vom „Greater Middle East‟ wollte keine Form annehmen. Nirgendwo ist ein „Mission erfüllt‟ in Sicht. Bis heute glauben grosse Teile der politischen Elite, dass nur ein kluger Präsident ins Amt kommen müsse, um das Ruder herumzureissen und die Dinge zum Besseren zu wenden.

Bacevich sieht hier eine kollektive Naivität am Werk, die verschiedene Ursachen hat. Eine davon ist ein historisches Bewusstsein der Entscheidungsträger, das das 20. Jahrhundert auf eine Weise deutet, die Amerikaner für sich erwählt haben. In diesem Geschichtsbewusstsein gibt es eine epische Schlacht zwischen rivalisierenden Versionen von Moderne, an deren Ende „wir‟ gewinnen. Entscheidungsträger unterschiedlichster Hierarchieebenen deuten Dinge auf diese Weise, ohne Unterschiede in Ort und Zeit zu machen.

Eine zweite ist der Irrglaube, dass die USA Werte verkörpern, mit denen ihre Gegner kaum mithalten können, anstatt zu begreifen, dass in anderen Teilen der Welt genau diese Werte mitunter eher eine Provokation darstellen. Auch liegt es ausserhalb der Vorstellungskraft der meisten Entscheidungsträger, dass amerikanische Waffengänge auch zu entgegengesetzten Resultaten führen können als beabsichtigt. Schlussendlich will man unbedingt glauben, dass amerikanisches Engagement für andere Länder zwangsläufig zu Dankbarkeit und Kooperation führen.

Keine dieser Annahmen, so Bacevich, hat irgendeine empirische Grundlage. Vielmehr verhindern sie Reflexion und ernsthafte Analyse, wo es angebracht wäre, sich Gedanken darüber zu machen, wofür die USA kämpfen und gegen welchen Gegner. Die Verteidigung Kanadas und Venezuelas sollte wichtiger sein als die Saudi-Arabiens und Iraks, m.a.W. für die Sicherheit der eigenen Nachbarschaft zu sorgen sollte Vorrang geniessen gegenüber dem eitlen Versuch, den Nahen Osten kontrollieren zu wollen.

Bacevich ist weder ein Renegat noch ein Kulturrelativist. Es ist vielmehr Anhänger der Realpolitik im Gefolge eines Reinhold Niebuhr. Der amerikanische Moraltheologe Reinhold Niebuhr – u.a. Verfasser von „The Irony of American History‟, das Bacevich an anderem Orte als „the most important book ever written on U.S. foreign policy‟ bezeichnet –, hatte vor Jahrzehnten die Amerikaner dafür getadelt, „dreams of managing history‟ nachzuhängen, wobei die gegnerischen Kräfte in ihrem Durchhaltevermögen stark unterschätzt würden. Niebuhr wird heute aus den Reihen der Demokraten ebenso wie der Republikaner rezipiert. Nicht ohne Grund dürfte auch der Twitteraccount, der FBI-Direktor James Comey zugeschrieben wird, unter dem Pseudonym Reinhold Niebuhr eingerichtet sein.

Der schottische Historiker Niall Ferguson hat einmal über Amerikas Selbstverständnis geschrieben: „the idea of a struggle for liberty against an evil empire is the country’s creation myth.‟ Das mag die Blaupause vieler Entscheidungen der amerikanischen Politik gewesen sein, während sich Generäle gänzlich unfähig zeigten, die politische Dimension des Krieges zu erkennen, die sie eigentlich führen sollten. Realpolitik heisst aber nichts anderes als die mitunter sehr engen Grenzen der eigenen Macht zu akzeptieren und daraus die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen.

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Man kann das alles mit Häme betrachten, doch lässt sich dies auch auf einen erheblichen Teil der europäischen Eliten beziehen. Quer durch die politischen Lager war lange Zeit die Ansicht anzutreffen war, dass in den islamischen Ländern nur deshalb liberal-demokratische Institutionen es so schwer haben, weil der Westen, um Zugriff auf lokale Bodenschätze zu haben, Diktatoren unterstütze. Diese abzusetzen, würde den Weg frei machen für einen neuen Nahen Osten, der sich der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit zuwende. Linke und konservative Analysten waren allein in der Wahl der Mittel uneins.

Noch heute, aller Ernüchterung zum Trotze, findet sich in der öffentlichen Debatte über den Umgang mit Syrien und Irak viel Gesinnungsethik, gepaart mit dem Glauben, dass der Schlüssel für die Zukunft des Nahen Ostens im Weissen Haus liege. Während die einen amerikanische Untätigkeit kritisieren, die anderen amerikanischen Aktionismus, teilen beide Seiten doch die Überzeugung, dass alles was im Nahen Osten falsch läuft, seinen Ursprung in Washington habe. Geboten wäre die Einsicht, dass der Westen grundsätzliche Rahmenbedingungen im Nahen Osten nicht einfach so verändern kann.

Aus dem Scheitern der USA und des Westens im Nahen Osten lassen sich prinzipiell dreierlei Schlussfolgerungen ziehen: Dass die westliche Politik wie auch Militärführung Opfer ihrer eigenen Wunschvorstellungen geworden ist. Dass als amerikanischer Präsident der mächtigste Mann (und eines Tages auch Frau) zu sein, aussenpolitisch nicht allzu viel bedeutet. Und einmal mehr, dass die islamische, nicht zuletzt arabische Welt auch auf längere Sicht wenig Anlass zu Hoffnung gibt, wenn es um die Verwirklichung von individueller Freiheit, Partizipation und Rechtsstaatlichkeit geht.

Daniel Bolger. Why We Lost: A General’s Inside Account of the Iraq and Afghanistan Wars. Boston 2014.
Andrew J. Bacevich. America’s War for the Greater Middle East: A Military History. New York 2016.


Nachtrag 12.04.2017

Noch ein paar Nachgedanken bzw. Fundstücke aus meinem Archiv. Grundsätzlich gebe ich Bolger und vor allem Bacevich recht, dass Gesinnungsethik gepaart mit einen Mangel an strategischer Planung die Dinge nur noch schlimmer macht und dass es Zeit wird, sich über die Grenzen dessen, was der Westen (die NATO) militärisch bewirken kann, klarzuwerden. Ich habe so etwas in meinem Beitrag Aleppo und die Logik des Krieges (2016) bereits angedacht. Der Vollständigkeit halber will ich aber einige Nuancierungen anfügen:

1.) Dem Nahostfachmann und Blogger Marc Lynch zufolge war es der Sender Al-Jazeera, der während der Proteste in Libyen die Brutalität der Regierung ins Rampenlicht rückte, was viele Libyer aufbrachte und 2011 zu Rufen nach Intervention führte. Die NATO-Intervention in Libyen stiess, angefeuert durch Al-Jazeera, auf breite Unterstützung der arabischen Öffentlichkeit, die bis dahin jahrzehntelang eine tiefe Feindschaft gegenüber westlicher Einmischung gehegt hatte. Auch im Falle Syrien trug Al-Jazeera dazu bei, dass Syrer die Ereignisse als Teil einer breiteren arabischen Geschichte begriffen. Marc Lynch. The Arab Uprising: The Unfinished Revolutions of the New Middle East, New York 2012, S. 112, 174, 183.

2.) Im Kosovo herrscht allgemein eine pro-westliche und sogar pro-israelische Stimmung, wie der Journalist Michael Totten berichtet. Generell wird eine westliche Lebensweise gepflegt, hinter der die muslimische Identität zurücktritt. Viele konvertieren sogar “zurück” zum Christentum. Michael Totten. Where the West Ends, Portland 2012, S. 135, 143, 152, 154, 159.

3.) Was die Wahrnehmung der NATO-Intervention auf dem Balkan anbetrifft, so gilt Bacevichs Beobachtung auch für Europa: “Dass Amerika in den militärischen Konflikten auf dem Balkan, so in Bosnien und im Kosovo, für alle ersichtlich doch wohl eher für muslimische Bevölkerungsgruppen eingetreten war als für christliche, hatte in der aufgeregten Stimmung kein Gewicht.” Dan Diner. Feindbild Amerika: Über die Beständigkeit eines Ressentiments, München 2002, S. 166.

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