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Warum Iran anders ist

Immer wieder liest man in den Medien, dass ein Regimewechsel in Iran eine heikle Sache sei, deren Folgen man nicht abschätzen könne. Irak, Libyen und Afghanistan werden regelmässig als Beispiele für Regimewechsel genannt, die am Ende alles nur schlimmer gemacht haben. Doch das Wesentliche wird dabei übersehen.

Die üblichen Einwände, die gegen einen Regimewechsel vorgebracht werden, lauten: Man weiss nicht, was die Menschen in Iran wollen; die Opposition in der Diaspora sei gespalten; Chaos könnte ausbrechen; bei einem Regimewechsel von aussen könnten sich die Menschen hinter den iranischen Machthabern versammeln und dergleichen mehr.

Zunächst einmal stimmt es nicht, dass sich die iranische Diaspora von den Menschen in Iran entfremdet hat, dazu ist sie viel zu sehr mit der Heimat verbunden. Egal, ob Junge oder Alte, Neuankömmlinge oder solche, die schon vor langer Zeit das Land verlassen haben: Sie alle haben Verwandte und Freunde in Iran zurückgelassen, mit denen sie in engem Kontakt stehen.

Zudem ist die iranische Diaspora wie kaum eine zweite Diaspora-Gemeinde auf dieser Welt durch oppositionelle Exilmedien untereinander vernetzt. Dem durchschnittlichen Europäer, Amerikaner oder Australier mögen Medien wie «Iran International», «Manoto», «Kooche» oder «Kayhan (London)» nichts sagen, aber Iraner auf der ganzen Welt kennen sie.

Die Diaspora ist vernetzt und keineswegs dem Land entfremdet

Dort verbreitet sich jede Information aus dem Iran, die das dortige Regime nicht verbreitet sehen will, im Sekundentakt unter der globalen Diasporagemeinde, also Bilder und Augenzeugenberichte von Hinrichtungen, Protesten, Streiks, Korruption in der herrschenden Elite etc. Dass die Diaspora anders tickt als die Menschen in Iran, ist daher nicht richtig.

Der wichtigste Unterschied zu Afghanistan, Irak und Libyen ist aber ein ganz anderer: Im Falle dieser drei Länder waren es Experten für Aussenpolitik westlicher Regierungen, die einer Fehleinschätzung aufsassen, wonach die Menschen dort sich der Demokratie zuwenden werden, sobald die von ihnen verhasste Diktatur Geschichte sei.

Doch vielfach wollten die Menschen dort nur einen Personal-, aber keinen Systemwechsel und deswegen ging die Rechnung nicht auf. Dass ein Ende des herrschenden theokratischen Regimes den Beginn einer neuen Diktatur oder gar Chaos bedeutet, ist im Falle Irans hingegen eine unbegründete Furcht.

Es sind die Iraner selbst, die für eine säkulare Demokratie und konstitutionelle Monarchie auf die Strasse gehen – innerhalb und ausserhalb des Landes, wie man es bei keiner anderen Nation je gesehen hat. Hierin liegt der grösste Unterschied.

Von Michael Kreutz, Dr. phil.

Orientalist (Dr. phil.), Politologe & Kulturjournalist. Website: www.michaelkreutz.net

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