Nivellierter Hass

Es ist herrlich absurd, wie sich die “Süddeutsche” bemüht, jegliche Kritik am jüngsten Vortrag der Publizistin Carolin Emcke abzuwehren. Emcke, die zu denen gehört, die die Gefahr für die freiheitliche Grundordnung irgendwie immer nur von rechts kommen sehen, warnte kürzlich in einem Vortrag:

“Es wird sicher wieder von Elite gesprochen werden. Und vermutlich werden es dann nicht die Juden und Kosmopoliten, nicht die Feministinnen oder die Virologinnen sein, vor denen gewarnt wird, sondern die Klimaforscherinnen.”

Carolin Emcke

Das Partizip “gewarnt ist hier zentral: Emcke erweckt den Eindruck, als sei irgendwann in der Vergangenheit vor Juden und Kosmopoliten “gewarnt” worden. Aber vor dem Krieg ist vor Juden und Kosmopoliten mitnichten “gewarnt” worden, vielmehr wurden Juden wurden entmenschlicht und dämonisiert.

Warum aber spricht Emcke das nicht in aller Deutlichkeit aus? Warum erinnert sie nicht daran, dass der Weg zur millionenfachen Judenvernichtung mit einer entmenschlichenden Rhetorik begann?

Zwar sind Klimaforscher, die sich in die Öffentlichkeit wagen, mitunter viel Hass ausgesetzt, allerdings wohl in den seltensten Fällen einem Hass von der Sorte, wie ihn Juden vor dem Holocaust erdulden mussten. Dieser Hass ging bis zur Gleichsetzung mit Ungeziefer.

Emckes Wortwahl dient daher einem ideologischen Zweck: Sie will Klimaforscher zu Opfern einer Welle des Hasses machen, die zuvor schon Juden und Kosmopoliten getroffen hat, und das kann sie nur, indem sie die Rhetorik der Entmenschlichung gegen Juden nivelliert.

In der “Süddeutschen” will man das jedoch nicht wahrhaben und verteidigt Emckes Behauptung, das Objekt, auf das sich der empörte Protest richte, sei “so austauschbar wie mutwillig”. Aber in rechtspopulistischen und -extremen Kreisen sind Juden nicht einfach gegen Klimaforscher austauschbar.

Letztere werden gehasst, wenn sie als Projektionsfläche von Wahntheorien dienen, die sonst gegen Juden gerichtet sind. Aber Klimaforscher werden kaum als solche gehasst und sind schon deshalb nicht Beleg einer vermeintlichen Austauschbarkeit der Objekte rechten Hasses.

Emcke unterschlägt das Spezifische des Judenhasses und die “Süddeutsche” will es ebensowenig einsehen. Wenn es aber um gruppenbezogenen Hass geht, dann gilt: Die Juden von heute sind immer noch die Juden.

„Die Rechtsradikalisierung der bundesdeutschen Gesellschaft“

Will man wissen, wie hoch der Anteil derer an der deutschen Bevölkerung ist, die rechtsradikalen und rechtsextremen Ideen zuneigen, dann fragen Sozialforscher die Menschen nicht nach ihrer Selbsteinschätzung, denn rechtsradikal oder rechtsextrem will niemand sein, ebensowenig wie ein Antisemit. Also legt man ihnen einen Fragenkatalog mit entsprechenden Sätzen vor und fragt sie, in welchem Masse sie diesen zustimmen oder sie ablehnen.

Unterschiedliche Forschungsinstitute zeichnen so seit Jahrzehnten ein Bild vom politischen Gemütszustand dieser Nation und das bedeutet: In den vergangenen Jahren ist das Land nicht rechtsextremer geworden, sondern eher leicht nach links geschwenkt. Zieht man einen grösseren Zeitraum in Betracht, wird dies noch deutlicher: Vor dreissig oder vierzig Jahren stand dieses Land noch weit deutlicher rechts als dies heute der Fall ist.

Wie passt nun der Aufstieg der AfD dort hinein? Ganz einfach: Seitdem die bürgerlichen Parteien CDU, CSU und FDP in die Mitte gerückt sind und der Platz einer konservativen Partei im Bundestag vakant geworden ist, har die AfD diesen Platz besetzt, wobei das Problematische an der AfD eben darin besteht, ihre Anhängerschaft zu einem erheblichen Teil aus einem Milieu heraus zu rekrutieren, das politisch nicht auf dem Boden des Grundgesetzes steht. Der Punkt ist: Die AfD mag in Teilen eine rechtsextreme Partei sein, ihr Aufstieg taugt aber nicht als Beleg für eine Zunahme des Extremismus. Hier hat eine Umstrukturierung der Parteienlandschaft stattgefunden, aber kein Rechtsschwenk.

Damit soll nicht gesagt sein, dass Rechtsextremismus als Problem zu vernachlässigen sei oder es nicht ihn gar nicht gebe. Rechtsextremismus ist fraglos eine Bedrohung für die Demokratie und kann, in Handlung umgesetzt, sogar töten. Beispiele allein der letzten Jahre gibt es dafür zur Genüge. Aber eine Zunahme, geschweige denn eine drastische, gibt es allenfalls in kurzen Zeiträumen. Über eine längere lässt sie sich für die Gsellschaft nicht konstatieren.

Wenn nun der Sozialwissenschaftler Samuel Salzborn in seinem Buch „Kollektive Unschuld“ (2020) von einer „Rechtsradikalisierung“ spricht und dies nicht auf 1933 bezieht, sondern auf die bundesdeutsche Gesellschaft der letzten Jahre (ebd. S. 80), dann horcht man natürlich auf und hätte gern gewusst, aus welchen Quellen heraus er das begründet.

Die Antwort: Er hat keine. Der Aufstieg der AfD ist ihm Beweis genug. So demontiert sich ein Sozialwissenschaftler selbst. Öffentlichen Widerspruch hat Salzborn aber kaum zu befürchten, denn wie jeder weiss, sind Desinformation und Fake News Dinge, die nur von rechts kommen.