Naher Osten

Aleppo und die Logik des Krieges

Der Westen, hört man dieser Tage immer wieder, habe in Aleppo versagt. Hätte der Weste Assad nur rechtzeitig gestürzt, dann gäbe es jetzt nicht über 400.000 Tote und läge Aleppo nicht in Trümmern. Wer trägt dafür die Verantwortung?

Da ist zunächst einmal Assad, ein Diktator, der das Land wie sein und seiner Familie Privateigentum behandelt (legendär ist der aberwitzige Reichtum seines Cousins Rami Makhlouf), der mit seinen “Schabiha” jedwede Opposition unterdrückt und aussenpolitisch mit dem Teheraner Regime verbunden ist, dem wichtigsten Terrorismus-Exporteur in der Region. Sicherlich hat er einen erheblichen Teil der Kriegstoten zu verantworten und dürfte für zahlreiche Kriegsverbrechen verantwortlich sein.

Alle Gewalt und Zerstörung aber Assad anzulasten läuft auf einer Exkulpation der sogenannten Rebellen hinaus, die mindestens dasselbe Mass an Schuld tragen – und dieses Urteil ist nicht Ausdruck einer von Äquidistanz geprägten Haltung, sondern die Schlussfolgerung aus der Art und Weise, in der die Rebellen Krieg geführt und die sie filmisch dokumentiert haben. Diese Vorgehensweise muss man zunächst verstehen, bevor man zu einem Urteil über den Krieg insgesamt kommt.

So war der Krieg in Aleppo sehr früh als Häuserkampf geführt worden, wobei die Rebellen Mörsergranaten auf Wohnviertel abfeuerten, um in diese Viertel eindringen und sich vorarbeiten zu können. Es versteht sich von selbst, dass dies schon ein Kriegsverbrechen darstellt und dass Zivilisten alleine durch den Mörserbeschuss zur Flucht veranlasst werden, bevor das Regime überhaupt zurückschlagen konnte. Der Gegenschlag durch das Regime erfolgte dann natürlich aus der Luft, denn mit Bodentruppen wird man keine Scharfschützen bekämpfen, die sich in den oberen Stockwerken der eingenommenen Gebäude verschanzen.

Der Beschuss hat manchmal wochen- oder monatelang dazu geführt, dass die Rebellen nicht weiter vordringen konnten, wofür auch die Scharfschützen des Regimes sorgten, die sich in den gegenüberliegenden Gebäuden postiert hatten. Ganze Strassenzüge verwandelten sich so in gespenstische Ruinen, die unter gegenseitigem Beschuss immer weiter zerfielen. Hier je eine Aufnahme von 2013 und 2014, die zeigen, wie in Aleppo Rebellen gegen Soldaten des Regimes typischerweise vorgingen:

Der Nahe Osten ist voll von Beispielen, wie Regimewechsel durch einen Militärputsch oder ein Attentat erzwungen wurden. In Syrien aber können die Rebellen nicht ernsthaft geglaubt haben, durch einen Häuserkampf einen Diktator in Damaskus stürzen zu können. Dass die meisten Zerstörungen auf Assads Konto gehen, ist daher von sekundärer Bedeutung. Die Kriegslogik folgt hier eher dem, was wir aus Bagdad und Gaza kennen, allerdings mit dem Unterschied, dass es dort tatsächlich die regierenden Kräfte waren, die sich hinter zivilen Objekten verschanzten.

In Bagdad hatte das Baath-Regime Luftabwehrraketen auf Wohnhäusern stationiert, in Gaza die Hamas Munition in Tunneln versteckt, die unter Wohnhäusern verliefen. Die Angreifer würden dann vielleicht den Krieg gewinnen, aber den folgenden Propagandakrieg verlieren, wenn sie es wagten sollten, zurückzuschiessen. Technisch gesehen sind es dann die Angreifer, in diesem Fall die US-geführte Koalition bzw. Israel, unter deren Raketen das Wohnhaus zusammenbricht und Zivilisten unter sich begräbt. Aber die Verantwortung dafür trägt derjenige, der Zivilisten wissentlich als Schutzschild missbraucht, also Saddam Hussein bzw. die Hamas. Die Genver Konventionen sind in solch einem Fall klar und eindeutig, indem sie nämlich dem kriegführenden Staat die Pflicht auferlegen, die eigene Zivilbevölkerung bestmöglich aus dem Kriegsgeschehen herauszuhalten.

Die Taktik der Rebellen missachtet dieses Grundsatz. Jene haben sich immer tiefer in die Wohngebiete Aleppos hineingefressen, obwohl sie hätten wissen müssen, dass es ihnen auf diese Weise kaum je gelingen wird, die Stadt einzunehmen. Von westlicher Seite hört man in diesem Zusammenhang gerne den an Assad gerichteten Vorwurf, dieser habe gar kein genuines Interesse an einer Bekämpfung der IS-Terroristen, sondern sei nur an seinem Machterhalt interessiert, weswegen er seinen Kampf vor allem auf die “Freie Syrische Armee” (FSA) konzentriere. Natürlich hat Assad ein vorrangiges Interesse an seinem Machterhalt und niemand kann ernsthaft etwas anderes geglaubt haben. Natürlich würden Angriffe auf Aleppo und andere Städte Assad nicht dazu bewegen, seinen Hut zu nehmen. Niemand kann einen Diktator bekämpfen wollen und erwarten, dass dieser sich nicht wehrt und einfach zurücktritt. Die Rebellen haben mit ihrer Kriegstaktik die Pforten der Hölle geöffnet und tragen dafür die Verantwortung.

Was die FSA betrifft, so hat die amerikanische Regierung unter Barack Obama zwar einen schweren Fehler gemacht, als sie im September 2013 signalisierte, von einem Angriff absehen zu wollen, wenn Assad seine Vorräte an chemischen Waffen vernichten liesse. Das zu dem Zeitpunkt geschwächte Regime erfuhr auf diese Weise wieder einen Machtzuwachs, der ein Echo im gleichzeitigen Erstarken islamistischer Rebellengruppen fand. Der häufig geäusserte Vorwurf, dass die Rebellen vor allem wegen Assads Herrschaft Zulauf bekommen, Assad also zuerst hätte ausgeschaltet werden müssen, um auch die Islamisten zu schwächen, scheint daher zunächst plausibel.

Allerdings hat der IS in Syrien – wie auch das Assad-Regime – viele Männer einfach zwangsrekrutiert. Auch die christliche Minderheit steht mehrheitlich zwar wohl nicht hinter Assad, will aber ebensowenig seinen Sturz. Zudem ist fragwürdig, was eine Machtübernahme durch die FSA bedeutet hätte. Hätten diese Demokratie und Rechtsstaatlichkeit eingeführt, sich von Russland und dem Iran ab- und dem Westen zugewandt? Wäre sie bereit gewesen, sich auf Friedensverhandlungen mit Israel einzulassen? Auf nichts haben wir eine klare Antwort, schon weil es in diesem Krieg kaum mehr als Propaganda und Gegenpropaganda gibt.

Die von dem israelischen Syrienforscher Mordechai Nisan vor fünf Jahren geäusserte Hoffnung, dass ein Regime Change in Damaskus die Region befrieden würde, ist der Ernüchterung gewichen. Denn auch wenn Assad gestürzt worden wäre, gäbe es wahrscheinlich einen Krieg, der dann nur gegen einen anderen, vielleicht pro-westlichen Gegner geführt werden würde. Der amerikanische Nahostforscher Willilam McCants hat darauf hingewiesen, dass zum damaligen Zeitpunkt Assad – offenbar mit dem Ziel, einen Vorwand zur Unterdrückung der Proteste zu haben – eine unbekannte Zahl von Dschihadisten aus den Gefängnissen entlassen hat. Diese Dschihadisten sollten in Form des IS gerade im Krieg gegen al-Qaida die Möglichkeit zu beweisen vorfinden, was sie zu leisten imstande wären, wenn man sie nur liesse. Weiter angeheizt wurde der Krieg dadurch, dass aus Sicht vieler Islamisten erst die vermeintlich Abtrünnigen unter den Muslimen bekämpft werden müssen, bevor es den “Ungläubigen”, also dem Rest der Menschheit, an den Kragen geht.

Dass Iran und Russland von der Situation profitieren, ist zweifelsohne problematisch. Andererseits ist Syrien für viele iranische Kommandeure zum Grab geworden. Wenn Islamisten sich gegenseitig neutralisieren, ist das nicht eben schlecht für den Westen. Ansonsten dämmt man das Teheraner Regine am besten mithilfe arabischer Verbündeter in der Region ein (was freilich neue Probleme aufwirft). Russland wiederum mag ein vitales Interesse an der Aufrechterhaltung seiner Marinebasis in Tartus haben, ist dafür aber nicht unbedingt auf Assad angewiesen, zumal auch Russlands Einfluss auf die Verhältnisse in Syrien begrenzt ist. Was aber kann der Westen tun?

Zwar soll es auf amerikanischer Seite Pläne geben, die Hauptstadt des IS, die syrische Stadt Raqqa, in den kommenden Wochen anzugreifen, aber die Frage bleibt, warum das bis jetzt noch nicht geschehen ist. Das hat offenbar damit zu tun, dass die US-loyalen Kräfte derzeit für die Rückeroberung Mossuls gebraucht werden, ist aber auch dem Umstand geschuldet, dass diese Kräfte vor allem aus kurdischen Einheiten bestehen, mit denen die arabische Bevölkerung zusammenzuarbeiten eher abgeneigt ist. Zudem sind die Kurden auch mit der Abwehr türkischer Truppen beschäftigt, während lokale arabische und turkmenische Einheiten nicht schlagkräftig genug für eine Kampagne gegen Raqqa sind. Einmal mehr bewahrheitet sich der Satz, dass der IS nur deshalb so stark ist, weil seine Feinde so schwach sind.

Wie ich in einem Artikel für das Journal of Levantine Studies (2012) anhand von unveröffentlichtem Archivmaterial gezeigt habe, war das heutige vom IS besetzte Gebiet schon immer ein Unruheherd, dessen sich die Grossmächte erwehren mussten. Im 19. und frühen 20. Jahrhunderts waren es die Nomaden in der Region, die viel Unheil und Chaos anrichteten und trotz überlegener Armee der Gegenseite nicht besiegt werden konnten. Ursache dafür war zum einen die Weitläufigkeit des Territoriums, in das sich nomadische Verbände nach einem Überfall leicht zurückziehen konnten, sowie eine ambivalente Beziehung der Nomaden zu ihrer Umwelt, die sie manchmal bekämpften, mit der sie manchmal aber auch Handel trieben. Schon damals markierte Aleppo die Grenze dieses Unruheherds. Heute ist es der IS, der sich der Loyalität durch lokale Stämme vergewissert.

Solcherlei Konstellationen und Strukturen wird der Westen nicht ändern können, auch wenn radikale Gesinnungsethiker dies einzusehen sich weigern. Sie glauben, der Westen hätte nur dieses tun oder jenes nicht tun müssen, damit die Lage jetzt eine völlig andere wäre. Doch der Krieg wird weitergehen und der Einfluss des Westens auch unter Trump begrenzt bleiben – wie ein amerikanischer Analyst vor einem Jahr schrieb: “Im Irak haben die USA interveniert und besetzt und das Ergebnis war ein kostspieliges Desaster. In Libyen haben die USA interveniert und nicht besetzt und das Ergebnis war ein kostspieliges Desaster. In Syrien haben die USA weder interveniert noch besetzt und das Ergebnis ist ein kostspieliges Desaster.” Wahrscheinlich muss das Land erst ausbluten, bevor es zur Ruhe kommt.

Wer das für zynisch hält, muss wissen, wie er den Krieg gewinnen will – und zwar gerade in langfristiger Perspektive. Die Dschihadisten vom IS mögen zu viele Feinde haben, um dauerhaft bestehen zu können, aber sie haben – wie der dschihadistische Vordenker Abu Bakr Nadschi deutlich machte – keine Hemmungen, von der strategischen Expertise von Nicht-Muslimen Gebrauch zu machen, so von Mao oder Clausewitz oder Sun Tzu. Wie sagte doch Sun Tzu: “Und darum werden diejenigen, die sich im Krieg auskennen, den Feind auf das Schlachtfeld führen und nicht von ihm dort hingeführt werden.”


Update, 27.01.2017

Ralph Peters bringt es in der NYP auf den Punkt: Afghanistan, Syrien und Irak sind für den Westen verloren. Da Russland auf die schiitische Minderheit setzt, wäre der Westen schlecht beraten, seine traditionellen sunnitisch-arabischen Verbündeten aufzugeben. Derweil erleidet Russlands Verbündeter Iran Verluste in Syrien, Irak und dem Jemen.

Translate