Die verlorene Ehre des James B.

Dieser Tage erst habe ich den neuen Bond-Streifen “Keine Zeit zu sterben” anzusehen die Gelegenheit gehabt und wenn es einen Film aus der jüngeren Zeit der Reihe gibt, der einen Epochenwandel markiert, dann ist es dieser. Einiges haben die Macher ja gelernt. Dass man Bond nicht ungestraft seine Gimmicks wegnimmt, ohne ihn zu einem Prügelknaben zu machen, hat sich schon in dem ansonsten sehenswerten “Casino Royale” als Fehler entpuppt, der hier zum Glück nicht wiederholt wurde.

Erfreulich auch , dass man das augenzwinkernde Moment wiederentdeckt hat, in denen die Reihe zeigt, dass sie sich selbst nicht über alle Massen ernst nimmt. So kommt das alte James Bond-Feeling wieder auf, wenn man “Keine Zeit zu sterben” sieht, wenn auch nur in der ersten Hälfte: Was man dort zu sehen bekommt und auch auch überwiegend im Trailer zu sehen ist, ist ein herrlicher Spass. Vor allem gilt das für die Verfolgungsjagd in Matera und die Kampfszene mit Ana de Armas (alias Paloma).

Aber hier fällt schon etwas auf: Bond ist längst kein Womanizer mehr, das andere Geschlecht wird von ihm ignoriert, sieht man von seiner Lebensgefährtin Madeleine (Léa Seydoux) ab, mit der er sich zur Ruhe setzen will. Flirten, das Spiel aus Anziehung und Abstossung, ist aus der Bond-Welt verschwunden. Am Ende der erwähnten Kampfszene, in der Paloma, die nur drei Wochen Ausbildung vorzuweisen hat, Bond das Leben rettet, sagt dieser zu ihr: “Das alles nur in drei Wochen?”. Das ist echter Bond, doch mehr folgt daraus nicht. Paloma tritt ab und die Szene endet.

Manche sagen, der alte Bond sei ein Macho gewesen. Mag sein. Aber immer hatte er mit Frauen zu tun, die ihm ebenbürtig waren, man denke nur an Elektra King (Sophie Marceau), Xenia Sergejewna Onatopp (Famke Janssen), Wai Lin (Michelle Yeoh) oder Fatima Blush (Barbara Carrera). Letztere war Bonds Gegenspielerin in “Sag niemals nie” und ebenso betörend wie skrupellos, wenn es darum ging, sich Männer gefügig zu machen.

All das ist mit dem Craig-Bond endgültig vorbei. Der Film markiert den Übergang zwischen dem alten Bond in Matera und dem neuen im rauen Ochotskischen Meer. Das Spiel der Geschlechter, der schmale Grat zwischen Eros und Thanatos, ist abgeschafft, alles ist aseptisch, selbst Bonds Widersacher Lyutsifer Safin (Rami Malek) und dessen Operationsbasis sind so schillernd wie nackter Beton.

Es gibt nur noch den Unisex und die Spannung zwischen Bond und seiner Beinahe-Nachfolgerin Nomi (Lashana Lynch) ist kein Knistern mehr, sondern nackte Rivalität um Rang und Status innerhalb des MI6. Am Ende geht Bond ganz in seiner Mission auf, anstatt mit seiner Lebensgefährtin, mittlerweile alleinerziehende Mutter einer Tochter (“Sie ist nicht von dir!”), in den Vorruhestand zurückzukehren. So wurde der neue Bond rasch wieder entsorgt. Es ist nicht schade um ihn.