Naher Osten

Hundert Jahre Balfour Declaration

Ein Artikel in dem ägyptischen Journal al-Hilal vom 7. April 1914 berichtet, dass die Juden Palästina dominieren, indem sie die Ländereien auf gesetzlich legalem Wege gekauft haben. Die Juden setzen ihre Anstrengung daran, Ländereien in Palästina zu erwerben, wo immer es ihnen mit welchen Mitteln auch immer möglich ist durch die Hilfe der Zionistischen Weltorganisation. (Die von Herzl auf dem Basler Kongress 1897 gegründet wurde.) Muslime, Christen und andere Einheimische protestieren gegen den Landverkauf an die Juden, die dort ihre eigene Regierung innerhalb der osmanischen Regierung haben. Dazu gehören eine eigene Post und eine Zivilgerichtsbarkeit, heisst es in dem Artikel.

Hier wird nicht nur deutlich, wie weit die Zionisten gediehen waren, parastaatliche Strukturen eines jüdischen Staates zu schaffen, vielmehr scheint sogar – was für eine arabische Zeitschrift bemerkenswert ist – eine gewisse Bewunderung dafür auf. Tatsächlich hatte der Nationalgedanke die ganze Region und damit auch die mehrheitlich arabischsprachigen Gebiete erfasst. Gleichwohl bleibt der sachliche Ton des Artikels bemerkenswert. Will man die Bedeutung der Balfour Declaration von 1917 ermessen, muss man sie im Kontext ihrer Zeit betrachten.

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Im selben Jahr, im August 1914 hatte die osmanische Regierung die Kapitulationen1Vertragliche Zugeständnisse in Rechtsangelegenheiten. einseitig aufgekündigt, was von staatlich orchestrierten Aufmärschen auf den Strassen und einer zunehmend fremdenfeindlichen Stimmung begleitet wurde. Das britische Konsulat in Aleppo berichtete im September 1914 von Ausschreitungen und systematischen Plünderungen der Armenier, die es selbst unter dem letzten Sultan nicht gegeben hatte.

Die Regierung selbst sei daran beteiligt gewesen und habe unbarmherzig alles geplündert, wessen sie in armenischen Häusern habhaft werden konnte. Schliesslich befahl der osmanische Innenminister Talat Paşa im Mai 1915 Deportationen von Armeniern auch ausserhalb der Zentren und sogar in den arabischen Provinzen. Der Geist des Nationalgedankens war aus der Flasche. Überall im Osmanischen Reich gab es zentrifugale Kräfte.

Auch auf der arabischen Halbinsel gab es Versuche, das in Auflösung befindliche Osmanische Reich zu beerben. Namentlich war es der (im Exil in Konstantinopel befindliche) Scherif Ḥusain, der sich 1914 an die in Ägypten stationierten Engländer gewandt hatte, um einen eigenes arabisches Grossreich zu ermöglichen.

Dazu war Ḥusain 1915 in direkte Verhandlungen mit dem britischen Hochkommissar Henry Arthur McMahon eingetreten, der dem Scherifen gegenüber zwar erklärte, dass die Regierung Seiner Majestät einer Übertragung des Kalifats auf eine arabische Dynastie nicht entgegenstehen werde, die Grenzen eines dazugehörigen arabischen Grossstaates festzusetzen zum gegenwärtigen Zeitpunkt jedoch nicht geboten sei, solange viele Araber immer noch in Loyalität zur Hohen Pforte loyal stünden.

Die Verhandlungen dauerten bis 1916, ohne dass sich greifbare Ergebnisse eingestellt hätten, als es wenige Monate später, noch im Mai des Jahres, zu einer Vereinbarung von epochaler Bedeutung zwischen Frankreich und Grossbritannien kam, die als Sykes-Picot-Abkommen bekannt werden sollte. Gegenstand dieser zunächst geheimgehaltenen Vereinbarung war die Aufteilung des osmanischen Kleinasiens in eine blaue, französische Einflusssphäre, und eine rote, britische.2Die blaue Zone erstreckte sich von Kilikien zur iranischen Grenze und entlang der syrischen und libanesischen Küste bis einschliesslich Galiläa. Die rote Sphäre umfasste das südliche Mesopotamien bis hinauf nach Kirkuk und gen Westen bis einschliesslich Akko und Haifa. Palästina war zweigeteilt, die jüdische Präsenz ebendort kein Gegenstand des Abkommens.

Das Sykes-Picot-Abkommen wird heute zumeist als Ausdruck westlicher Doppelmoral (da es im Widerspruch zu den vermeintlichen Versprechungen McMahons stünde) gesehen, doch sprechen die Fakten eine andere Sprache. Die Korrespondenz zwischen dem Scherifen Ḥusain und dem britischen Hochkommissar McMahon beinhaltete jedenfalls keinerlei Versprechen von britischer Seite, einen grossarabischen Staat zu errichten, der auch Syrien mit einschlösse. Diese Lesart entstand erst später.

Schon Carl Brockelmann (1943!), hat darauf hingewiesen, dass Ḥusain von McMahon niemals „bindende Versprechungen, die mit dem Hinweis auf die Interessen Frankreichs abgelehnt wurden“, erhalten habe. Zu der Behauptung, dass die arabische Fassung falsch übersetzt worden sei und so Ḥusayn glauben machte, man habe ihm ein grossarabisches Reich vertraglich zugesichert, hat ebenfalls schon Brockelmann das Nötige gesagt, als er bezweifelte, dass der in der Zeitung al-Manār (Bd. 25/1924) abgedruckte arabische Text überhaupt als ein ratifizierter Vertrag anzusehen sei.

Dies alles bildet den Hintergrund für die Balfour Declaration: Ein bereits existierender Proto-Staat in Palästina, ein in Auflösung befindliches Osmanisches Reich, ein Genozid in Kleinasien und alle möglichen zentrifugalen Kräfte, die auf die Schaffung eines eigenen Nationalstaats hinwirken. In der nach Arthur James Balfour, dem britischen Aussenmininister, benannten Declaration, heisst es im Wortlaut:

Ich bin sehr erfreut, Ihnen im Namen der Regierung Seiner Majestät die folgende Erklärung der Sympathie mit den jüdisch-zionistischen Bestrebungen übermitteln zu können, die dem Kabinett vorgelegt und von diesem gebilligt worden ist:

„Die Regierung Seiner Majestät betrachtet mit Wohlwollen in Palästina die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das Jüdische Volk, und wird ihr Bestes tun, die Erreichung dieses Zieles möglich zu machen, wobei sie Wert darauf legt, dass nichts unternommen werden soll, was die zivilen und religiösen Rechte der nicht-jüdischen Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und den politischen Status der Juden in irgendeinem anderen Land beeinträchtigt.‟

Adressat war Lord Walter Rothschild. Rothschild, ein britischer Zionist und enger Freund von Chaim Weizmann (1874-1952), dem Führer der britischen Zionisten und Präsident der Zionistischen Weltorganisation. Weizmann kannte Balfour persönlich und mochte ihn zu diesem Schritt ermutigt zu haben. Wie wenig realistisch die Chance auf internationale Anerkennung eines jüdischen Staates zuvor noch war, vermittelt der Weizmann zugeschriebene Ausspruch: Um Zionist zu sein, muss man keinen Dachschaden haben, aber es hilft.

Mit der Balfour Declaration rückt das zionistische Vorhaben in greifbare Nähe. Zwei Dinge sind an der Declaration bemerkenswert: Seine Unverbindlichkeit im Ton sowie die Tatsache, dass faktisch Bedingungen für die Anerkennung eines jüdischen Staates genannt werden. Weizmann hat das genau verstanden. Die Zionisten haben einen Vertrauensvorschuss erhalten und müssen sich dieses Vertrauen nun erarbeiten. Der Balfour-Deklaration war nur der Rahmen, der von den Zionisten mit Inhalt gefüllt werden müsse.

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Was soll das ganze? Grossbritannien war noch keine Mandatsmacht und besass keine juristische Zuständigkeit über das Land. Zuvor schon, am 22. November 1915, hatte es einen deutschen Konsularerlass gegeben, in dem der Botschafter des Deutschen Reichs in Konstantinopel, Paul Graf Wolff Metternich, die deutsche Haltung gegenüber der jüdischen Besiedelung Palästinas im Sinne einer Unterstützung zu „präzisieren“ forderte, doch war dies ohne Konsequenzen geblieben.

Erst die Balfour Declaration bewirkte echte Aussicht auf internationale Anerkennung. Dazu hatte sich Grossbritannien der Rückendeckung von Frankreich, Italien und den USA versichert, später kam noch der Vatikan hinzu. Aber es bleibt die Frage nach dem Warum. Verschiedene Historiker (James Barr, Michael Oren, Martin Kramer) glauben, dass die Briten mit der Balfour Declaration die Möglichkeit verbanden, den französischen Einfluss in Palästina, der im Jahr zuvor mit dem Sykes-Picot-Abkommen festgeschrieben wurde, einzudämmen.

In der Tat hatten die Zionisten es vermocht, die Franzosen davon zu überzeugen, dass ein britisches Protektorat über Palästina sinnvoll sei. Auf britischer Seite bestand ein Interesse an einem solchen Protektorat, weil man auf diese Weise einen Puffer nach Osten hin zum Suezkanal schuf. Ich glaube aber: Die Briten haben vor allem erkannt, dass die alte imperiale Ordnung nicht mehr aufrechtzuerhalten war. Sie mochten imperiale Interessen haben (Indien aufzugeben waren sie noch nicht bereit), aber trotzdem bedeutete die Balfour Declaration einen aussenpolitischen Wandel. Zuvor nämlich, im 19. Jahrhundert, hatte man das Osmanische Reich gestützt.

Dazu eine kurze Rückblende: Im 19. Jahrunderrt hatte Ägypten unter der Herrschaft von Muḥammad ʿAlī faktische Unabhängigkeit genossen, wofür das Land sich gegenüber der Hohen Pforte mit dem Kampf gegen den griechischen Freiheitskampf bedankte. So war Kreta zur Belohnung an Ägypten gefallen, das später auch noch Syrien an sich reissen solte. Als es 1839 abermals zum Kampf mit der Hohen Pforte kam, schien die imperiale Ordnung bedroht und England, Russland, Österreich und Preussen schlossen im folgenden Jahr einen Bund – und zwar zur Unterstützung des Osmanischen Reiches.

Das Osmanische Reich wurde später noch einmal bedroht, als Mitte des 19. Jahrhunderts Russlands Zar Nikolaus I. nach Südosteuropa vorstiess. Wieder schien die imperiale Ordnung bedroht und diesmal sass sogar Frankreich mit England in einem Boot, um das ohnehin schon geschrumpfte Osmanische Reich zu verteidigen. Dessen Tage waren dennoch gezählt, sein Auseinanderbrechen kaum noch aufzuhalten. Anfang des 20. Jahrhunderts liess sich dies nicht mehr leugnen. Die Balfour Declaration trägt dieser geänderten Situation Rechnung.

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Nach dem Weltkrieg erhielt das zionistische Vorhaben weiteren Auftrieb. Auf der Friedenskonferenz vom Januar 1919 verkündete Chaim Weizmann das Vorhaben, jährlich 70-80.000 Juden nach Palästina einwandern zu lassen. Im selben Jahr (1919) fand die dritte Aliya, die jüdische Einwanderungswelle nach Palästina, statt. Weizmann unterzeichnete mit Fayṣal, König von Syrien und Sohn des Scherifen von Mekka, ein Abkommen, in dem die arabische Seite die jüdischen Ansprüche auf Palästina bekräftigte. (Später liessen beide Seiten ihn in Vergessenheit geraten.)

Am 10. Mai 1919 wurde anlässlich der Pariser Friedenskonferenz das griechische Saloniki Veranstaltungsort eines jüdischen Kongresses. Die Stadt schien für diesen Zweck denkbar geeignet, da sie immer noch eine relative jüdische Bevölkerungsmehrheit aufwies.3Um 1913 lebten in Thessaloniki 61.000 Juden neben 46.000 Muslimen und 40.000 orthodoxe Christen. Zu den verabschiedeten Resolutionen, die sich an die Pariser Friedenskonferenz richteten, gehörten die zivile, politische und religiöse Gleichstellung der Juden in den verschiedenen Ländern; eine nationale Eigenständigkeit innerhalb dieser Länder – und schliesslich: die Aufforderung, dass England mit Unterstützung des Völkerbundes die politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine Wiederrichtung des jüdischen Staates in seinen historischen Grenzen in Palästina gewährleisten möge.

Den Dokumenten im britischen Nationalarchiv kann man übrigens entnehmen, wie sehr den Briten daran gelegen war, stabile Verhältnisse zu hinterlassen, weswegen der Frage künftiger Grenzen hohe Bedeutung beigemessen wurde. Wenn heute behauptet wird, dass die Grenzen der heutigen arabischen Länder das Produkt kolonialistischer Willkür seien, dann ist das allenfalls die halbe Wahrheit. Nicht nur, dass der Nahe Osten arm an natürlichen Grenzen ist, anhand derer man sich hätte orientieren können, vielmehr hatte Grossbritannien sehr viel Sorgfalt darauf verwandt, die Grenzen so zu ziehen, dass sich möglichst wenig Konfliktpotential zwischen den neuen Staaten bilden sollte.

Die britischen Protokolle aus der Zeit der Friedenskonferenz zeigen ein intensives Bemühen um den besten Verlauf der künftigen ägyptischen Westgrenze. Schwieriger gestaltete sich der geplante Verlauf der östlichen Grenze Ägyptens. Im britischen Aussenministerium kam man überein, dass die Vertreter des zionistischen Vorhabens es gewiss nicht akzeptieren würden, wenn man ihnen, deren Parole „Von Dan bis Beersheba“ lautete, Gaza und Beersheba wegnähme und Ägypten zuschlüge, so der an der Friedenskonferenz beteiligte Historiker Arnold Toynbee.

Man muss sich das so vorstellen: Da gab es einen grossen Tisch, um diesen Tisch herum platzierten sich fünf Offiziere und diskutierten verschiedene Varianten Grenzen, die in unterschiedlichen Farben auf der Karte eingetragen wurden: als schwarze, blaue, rote, rotgepunktete und schwarzgepunktete Linie. Am Ende sollte Beersheva bei Palästina verbleiben, während nahezu alle Beduinen sich künftig auf ägyptischer Seite wiederfänden.

Ausgehend von der Annahme, dass das Mandat für Palästina ein britisches sein werde, gehörte die Grenzziehung zwischen Palästina und Ägypten allerdings nicht zu den vordringlichen Aufgaben. Der Generalstab war freilich daran interessiert, Palästina so stark wir nur möglich zu machen, weswegen der jüdischen Bevölkerung jede Möglichkeit an die Hand gegeben werden sollte, ihr Land aufzubauen. Eine Landesentwicklung im Süden sollte, so die Hoffnung, stabilisierende Wirkung auf Ägypten haben, ohne durch die „unzivilisierten und nomadischen Beduinen“ behelligt zu werden.

Zu diesem Zwecke wurde es als wünschenswert gesehen, dass die Juden, sofern möglich, auch Zugang zum Golf von Akaba bekamen. Der Generalstab drückte damit seine Empfehlung aus, dass die südwestliche Grenze des jüdischen Palästina entlang der alten Grenze zwischen dem Sinai und dem Osmanischen Reich verlaufen möge. Die Grenze zwischen Palästina und Ägypten sowie die Westgrenze blieben weiterhin Gegenstand der Diskussion im britischen Aussenministerium.

Es ging hierbei um Sicherheit, wobei der Judenstaat auf Ägypten stabilisierend wirken sollte, sowie um Akzeptanz, wobei man zum Teil auf den alten osmanischen Grenzverlauf zurückgriff. Im Geiste künftiger Koexistenz wurden die Grenzen gezogen – und das war genau der Geist der Balfour Declaration. (Dass später viele Grenzen doch zum Teil mit dem Lineal gezogen wurden, hängt damit zusammen, dass geplante Grenzverläufe nicht immer allen Kriterien genügten.)

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Der weitere Verlauf der Geschichte ist bekannt: Grossbritannien erhielt 1920 auf der Konferenz von San Remo das Mandat für Palästina und die Pläne für eine internationale Verwaltung verschwanden in der Schublade. Britischer Hochkommissar für Palästina wurde Sir Herbert Samuel, der der jüdischen Einwanderung zwar wohlgesinnt war, indem er die Vorzüge einer britischen Kolonie als Barriere für einen möglichen ausländischen Zugriff auf das militärisch wichtige Suez und damit als im britischen Interesse liegend pries. Später jedoch sollte Samuel vor allem mit der Ernennung des für seine Judenfeindschaft bekannten Ḥāǧǧ Amīn al-Ḥusainī zum Mufti von Jerusalem in Verbindung gebracht werden.

Ḥusainī nutzte seine Stellung zum Kampf gegen Engländer und Zionisten. Eine erste grössere Eskalation gab es 1921. Als Araber die Felder von Ein Harod (ziemlich im Norden gelegen) an zündeten, antworteten die Juden mit der Gründung einer Kommandoeinheit, die Razzien in arabischen Dörfern unternimmt und einige Zivilisten tötet, was selbst heutige israelische Schulbücher als jüdischen Terrorismus bezeichnen.

Der Offizierskurs von Ein Harod bildet den Kern der späteren israelischen Armee und verschafft den Siedlern erstmals echte militärische Macht, mit der später alle palästinensischen Bewohner von Ein Harod vertrieben werden. Die britische Mandatsmacht reagierte darauf mit einer Begrenzung der jüdischen Einwanderung nach Palästina und dem Landverkauf an Juden, doch alles, was erreicht wurde, war ein abermaliger Ausbruch arabischer Gewalttätigkeiten 1936 und ein arabischer Generalstreik.

Die Protokolle im britischen Nationalarchiv berichten, dass sich viele Araber in Palästina getäuscht sähen, seitdem die Briten ihnen angeblich 1922 zugesichert hätten, dass die Politik im Zuge der Balfour Declaration nur ein Experiment von einigen Jahren Dauer bleibe. Da das Experiment gescheitert sei, bleibe doch eigentlich nur, es zurückzurufen. Die Araber stünden nach eigener Aussage schliesslich weder mit den Briten noch mit einzelnen Juden im Konflikt, sondern allein mit der zionistischen Bewegung.

Das ist eine bemerkenswerte Argumentation: Man nimmt die eigene Gewalt als Grund dafür, die Balfour Declaration für gescheitert zu erklären und das zionistische Vorhaben zu kippen. Dass die Balfour Declaration nur als Experiment von einigen Jahren gedacht sei, lässt sich freilich nirgendwo in den Akten belegen.

Die Briten setzten 1937 die sog. Peel-Kommission ein, die die Ursache des Gewaltausbruchs untersuchen sollte und schliesslich eine Teilung des Landes vorschlug. Die Kommission bildete nach einem Wort von Isaiah Berlin den „Gipfelpunkt der fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Chaim Weizmann und der britischen Regierung‟, weil auch sie in gewissem Sinne dem Geist der Balfour Declaration entsprach, wonach „nichts unternommen werden soll, was die zivilen und religiösen Rechte der nicht-jüdischen Gemeinschaften in Palästina (…) beeinträchtigt‟.

Dennoch hat der Historiker Efraim Karsh unzweifelhaft recht, wenn er urteilt, dass der Vorschlag der Landesteilung letztlich eine Belohnung der arabischen Gewalt bedeutete. Die Zionisten, wenngleich wenig begeistert, stimmten zu, die arabischen Führer (mit der Ausnahme von Abdullah von Transjordanien) lehnten ab.

Der Konflikt wurde aber noch zusätzlich angeheizt. Denn weiter nördlich, in Syrien, sollte es einen bedeutsamen Umbruch geben. Dieser Umbruch betraf den Distrikt Alexandretta (Iskenderun), Nebenschauplatz der arabischen Nationalbewegung. Alexandretta, früher ein wichtiger Hafen für Aleppo, sollte nach dem Willen der arabischen Nationalbewegung zu Syrien gehören. Das Gebiet (Provinz Hatay) fiel jedoch später unter das französische Mandat und ist seit 1939 Teil der türkischen Republik.

In dieser Situation macht die herrschende Elite in Damaskus die Palästina-Frage zu einem „Problem der arabischen Nation‟ und die „zionistische Gefahr‟ zur „Gefahr, die die arabische Nation in ihrer Existenz bedroht‟, so Dalal Arsuzi-Elamir in ihrer Studie von 2003. Sie versuchten so, sich als Vorkämpfer der arabischen Sache zu gerieren und gleichzeitig von der Alexandretta-Krise abzulenken. Der Palästina-Konflikt wurde zementiert und zu einer arabischen Identitätsfrage. Von der distanzierten Bewunderung eines Artikels in der Hilāl ist man nun sehr weit entfernt.

Als Ende 1947 das britische Mandat auslief und die UN-Generalversammlung wie schon zuvor die Peel-Kommission für eine Teilung Palästinas stimmte, lehnten die arabischen Nachbarstaaten dies rundheraus ab und riefen 1948 den Krieg aus. Israel machte dabei einige Gebietsgewinne, viele Palästinenser mussten fliehen. Was dann passierte, hat der Historiker Panayiotis J. Vatikiotis einmal so formuliert: Das palästinensische Problem in seiner späteren Phase war weniger ein Volk auf der Suche nach einem Land als vielmehr eine politische Elite auf der Suche nach einem Staat.

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Ist die Balfour Declaration also wirklich der „Ursprung des arabisch-israelischen Konflikts‟ (so der Untertitel des Buches von Jonathan Schneer)? Die Antwort darauf lautet ebenso Nein wie auf die Frage, ob die Declaration nicht bloss Ausdruck kolonialer Attitüde sei, die keine Rücksicht nimmt auf die Belange der heimischen, nicht-jüdischen Bevölkerung.

Vielmehr kann man sagen, dass sie mit der Politik des 19. Jahrhunderts bricht und die Realitäten einer veränderten Welt anerkennt, die den Geist des Nationalgedankens nicht mehr zurück in die Flasche zwingen kann und will, zugleich darauf bedacht, alle Beteiligten in der Region zufriedenzustellen. Mögen die Dinge auch etwas anders gekommen sein: Die Balfour Declaration ist Ausdruck von britischem common sense angesichts einer veränderten Welt.

(Leicht überarbeitete Fassung des Vortrags, den der Verfasser am 7. November 2017 unter dem Titel „Geschichte des Staates Israel: Von der Balfour-Deklaration zu den Konfliktlinien der Gegenwart” auf Einladung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Aachen gehalten hat.)

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