Wilhelm Bleek: Vormärz

Die Idee einer Überwindung der europäischen Nationalstaaten zugunsten “einer immer engeren Union der Völker Europas” ist vor allem in Deutschland ausgesprochen populär. Der Nationalstaat wird vielfach als Relikt gesehen, Nationalstaat und europäische Friedensordnung scheinen für viele nur schwer zusammenzugehen. Da kommt das Buch des Politikwissenschaftlers Wilhelm Bleek gerade zur rechten Zeit.

In “Vormärz” zeichnet Bleek anhand einzelner Szenen ein Bild der Epoche vor der weitgehend gescheiterten Revolution von 1848, die von Fortschritt und Aufbruch auf allen Ebenen geprägt war. Nicht allein die politische Entwicklung behält er dabei im Blick, auch die künstlerische, technologische und soziale. Alles ist miteinander verwoben.

Die typisch deutsche Vereinsmeierei hat ihren Ursprung in dieser Zeit, als Vereine zu Vorreitern der liberalen Demokratie und des späteren föderalen Nationalstaats wurde. Auch die Vollendung des Kölner Domes wurde vorangetrieben durch einen typischen Vereinszusammenschluss, der die Hälfte der Baukosten aufbrachte. Hier zeigt sich auch, wie vielfältig die gesellschaftlichen Kräfte waren, die für die Vollendung des Baus eintraten.

Künstlerischer, technologischer und sozialer Wandel – alles ist miteinander verwoben

Zum einen waren dies Vertreter der Romantik, die gegen die Französische Revolution und an mittelalterlicher Gotik statt an der Antike orientiert waren, wie sie die Aufklärung bevorzugte. Am Anfang dieser Gotik-Rezeption steht übrigens Goethe, der eine Denkschrift über die Erhaltung der Kunstschätze am Rhein angefertigt hatte. Sodann spielte der preussische Staat einer immer stärkere Rolle, wenn es darum ging, die überhandnehmenden Baukosten zu stemmen, wodurch sich auch die Motivation verschob: Eine eher nationalliberale Motivation wurde verdrängt von einer konservativ-christlichen, was dazu führte, dass Heinrich Heine sich von einem Anhänger zu einem Gegner der Vollendung des Domes wandelte.

Die konservativ-christliche Motivation stand im Kontrast zum deutschnationalen Wartburgfest und liberalen Hambacher Fest. Das Hambacher Fest wiederum war nicht nur von nationalem Pathos getragen, sondern auch von der Idee einer europäischen Friedensordnung, weshalb man Solidarität mit den unterdrückten Polen bekundete und polnische Lieder sang, wie auch – und das ist bemerkenswert in Hinblick auf heutige rechtspopulistische Kräfte, die das Hambacher Fest für sich vereinnahmen wollen – ein “conföderirtes republikanisches Europa” beschwor!

Die nationalstaatliche Einheit wurde dabei als Voraussetzung für staatsbürgerliche Freiheit und europäische Völkerverständigung gesehen. Für diesen Gedanken von Einheit und Freiheit und der Vorwegnahme der europäischen Idee stehen die Farben Schwarz-Rot-Gold! Die staatsbürgerliche Freiheit schloss die Freiheit der Frau übrigens explizit mit ein. So solle, wie ein Redner forderte, “das deutsche Weib nicht mehr die dienstpflichtige Magd des herrschenden Mannes, sondern die freie Genossin des freien Bürgers sein.”

Für ein “conföderirtes republikanisches Europa”!

Mit der Romantik – die Sage von der Lorelei ist eine Schöpfung von Clemens Brentano – und dem Aufstieg von Dampfschifffahrt und Eisenbahn war es auch zu einem sozialen Wandel gekommen: Reisen blieben nicht länger ein Privileg des Adels. Die Eisenbahn zwischen Leipzig und Dresden 1837 markiert den Beginn eines neues Verkehrszeitalters, weil sie neben Personen auch Güter beförderte und zunehmend in Konflikt gegen erstarrte Formen von Regierung und Verwaltung geriet. Der deutsche Zollverein, eine Vision des Friedrich List, dem Hauptinitiator der Eisenbahnstrecke, bildete das Zwischenziel zur nationalen Einheit. Goethe, der eine Faszination für die allgemeine Beschleunigung der Lebensverhältnisse hegte, schuf mit seinem Faust die literarische Figur, die diesen Epochenwandel wie kein anderer verkörperte.

Wesentlicher Ausdruck einer erstarkenden bürgerlichen Gesellschaft war die Protestation der sog. Göttinger Sieben vom 18. November 1837, die sich gegen den Verfassungsstreich des hannoverschen Königs richtete. Sie bildete eine wichtige Vorstufe zur bürgerlichen Märzrevolution des Jahres 1848. In ihrem Gefolge, resümiert Bleek, “formierte sich eine gesamtdeutsche Öffentlichkeit, welche sich das liberal-bürgerliche Doppelziel von freiheitlicher Verfassung und nationaler Einheit zu eigen machte.“

Konkret fand diese Öffentlichkeit Ausdruck u.a. in den Männergesangsbewegungen als Medium nationaler Zeitströmungen. Vor allem das Schleswig-Holstein-Lied, auf einem Sängerfest mit fünfhundert Sängern vorgetragen, ist hier zu nennen, wobei antidänische Töne vermieden und umso stärker für die Bewahrung der Einheit von Schleswig und Holstein, der „Doppeleiche“, geworben wurde. Auch das „Deutschlandlied“, wenngleich in einer Zeit entstanden, die von Spannungen mit Frankreich geprägt waren, enthielt sich antifranzösischer Töne. Dessen erste Strophe „Deutschland, Deutschland über alles“ wurde erst im Ersten Weltkrieg aggressiv-imperialistisch und danach nationalsozialistisch gedeutet.

Die nationalstaatliche Einheit wurde als Voraussetzung für staatsbürgerliche Freiheit und europäische Völkerverständigung gesehen

Ebenso stand der Bau der Münchner Ludwigstrasse als moderner Prachtstrasse mit Universität und Siegestor keineswegs im Zeichen eines erstarkenden Nationalismus und Militarismus, sondern erfolgte im Zuge einer Entfestigung mittelalterlicher Stadtstrukturen und einer Etatkürzung des Heeres. Die architektonischen Vorbilder waren die Antike und mehr noch die italienische Renaissance.

Freilich verschweigt Bleek die dunklen Flecken nicht, die es auch in dieser so progressiven Epoche gab. Als 1815 der Vulkan Tambora in Indonesien ausbrach und zu einer langanhaltenden Verdunkelung des Himmels – einem Jahr ohne Sommer – führte, kam es im Rheinland und in Westfalen zu einer Hungerkrise, in der sich Ausschreitungen gegen sogenannten „Kornjuden” richteten, jüdische Kaufleute, die durch die Landwirtschaft reich geworden waren. Auch dies bildet eine Facette des Vormärz.

Wilhelm Bleek hat ein bemerkenswertes Buch geschrieben, in dem jedes Kapitel höchsten Lesegenuss bietet. Einziger Wermutstropfen bildet der Umstand, dass, da für eine gebildete Öffentlichkeit verfasst, man Endnoten vergebens sucht. Lediglich ein nach Kapiteln gegliedertes Literaturverzeichnis ist vorhanden. Gleichwohl handelt es sich um eine Buch von eminenter Wichtigkeit, da es eindrucksvoll die progressiven Kräfte in Erinnerung ruft, die die deutsche Einheit auf ihre Fahne schrieben.

Wilhelm Bleek. Vormärz: Deutschlands Aufbruch in die Moderne 1815-1848. München 2020: C.H. Beck, 336 Seiten, € 28.