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Die Zukunft der Islamwissenschaft

Schaut man sich islambezogene Veranstaltungen an deutschen Universitäten an, so drängt sich einem zuweilen der Eindruck auf, dass die Wissenschaft ihren Rang an den Dialog abgetreten hat. Nicht Expertise, sondern Herkunft und Religionszugehörigkeit scheinen häufig die entscheidenden Kriterien für die Wahl der Referenten. Wie vor einiger Zeit auf diesem Blog ausgeführt, kann man bereits in den USA sehen, wohin diese Tendenz führt.

Dazu beigetragen hat sicherlich die Ideologie des “Post-Colonialism“: Da die in ihrem Eurozentrismus befangenen Europäer den Nahen Osten und die Religion des Islam gar nicht anders als verzerrt zu sehen imstande sind, bedarf es authentischer Stimmen, um ein authentisches Bild vom Islam und den islamischen Ländern zu gewinnen. Dass ein Referent allerdings nicht dadurch zu einem Türkeiexperten wird, dass er türkischer Abstammung ist, wird gerne ausgeblendet. Oder glaubt irgendjemand, dass jeder Deutscher qua Geburt ein Fachmann für die Synode von Worms oder die Reichsversammlung zu Mainz ist?

Nur wenn es um den Islam geht, gelten eben andere Masstäbe und das heisst: Nur die Binnensicht ist über jeden Verdacht orientalistischer Eintrübung erhaben. Jedenfalls erwecken viele an Universitäten abgehaltene Veranstaltungen diesen Eindruck. Daher ist es nur folgerichtig, wenn der Wissenschaftsrat anregt, diese Tendenz institutionell zu verstetigen. Einige Islamwissenschaftler haben dagegen gewichtige Argumente vorgebracht – zu recht sehen sie die unabhängige islambezogene Forschung in Gefahr. Der Theologe F.W. Graf hat das Verhängnisvolle dieser Entwicklung treffend formuliert[1]:

Indem die (…) Differenz von wissenschaftlicher historischer Forschung und “kulturellem Gedächtnis” oder “Memorialkultur” aufgehoben wird, können neue holistische Imaginationen der Vergangenheit erzeugt werden: Die Geschichte der Muslime gehört allein den Muslimen, die des orthodoxen Judentums exklusiv orthodoxen Juden. Nur sie können die Binnenperspektive einnehmen und, gegen alle intentional verallgemeinerungsfähigen Standards kulturwissenschaftlicher Forschung, durch aggressive reading den wahren Sinn der Zeichen entziffern. (…)

Religionswissenschaftlerinnen und Religionswissenschaftler, die ihre Forschungen auf solche Identitätsvorgaben hin konzentrieren, verstehen sich zwar als Akteure im akademischen Feld, und die Selbstdefinition von den Opfern her hindert sie durchaus nicht daran, alle Privilegien ihres akademischen Status zu genießen. Doch will dieser neue Typus des Intellektuellen mehr, als Religion analytisch distanziert zu deuten. Daher agieren prominente Vordenker des neuen Diskurses (…) zugleich auch im religiösen und im politischen Feld und nehmen in den hier geführten Machtkämpfen eine klientelbezogene Expertenrolle ein.

Doch der Zug ist wohl schon längst abgefahren. Zur Monatsmitte hat der Wissenschaftsrat eine Tagung angekündigt, auf der die eigene Forderung, theologisch orientierte Islamische Studien an deutschen Hochschulen aufzubauen”, diskutiert werden soll.

Das Ergebnis dieser Diskussion dürfte kaum für Überraschungen sorgen. Eingeladen wurden jedenfalls überwiegend Referenten, von denen man nicht ohne Grund vermuten darf, dass sie mit der Forderung des Wissenschaftsrates konform gehen.

 

  1. Friedrich W. Graf, die Wiederkehr der Götter, München 2007, S. 241-2.
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