Die kommende Militanz

Der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama hat einmal darauf hingewiesen, dass nahezu das gesamte Europa einschliesslich England bis zu Beginn des 16. Jahrhunderts autoritär, hierarchisch und ungleich war. Dass dieser Zustand bald wiederkehren könnte, dafür sorgen nicht nur die rechtsextremen Wahntheoretiker, Impfgegner, Antiliberalen, Esoteriker, sogenannten Querdenker und Reichsbürger, sondern auch mehr und mehr die Vertreter sozial-ökologischer Weltanschauungen.

Die eigene Gewalt als Notwehr zu begreifen, obwohl die Gefahr, die es zu bannen gilt, allenfalls eine abstrakte ist, gehört zur ideologischen Standardausstattung radikaler Gesinnungsgemeinschaften. Da überrascht es nicht, wenn nunmehr auch Vorkämpfer der Klimabewegung dazu aufrufen, zur Gewalt zu greifen. Politische Institutionen und Prozesse, die in Europa immerhin am Anfang der Demokratie standen, gelten ihnen nur noch als Hemmnis für die eigenen Ziele.

“Euch gehen die Entschuldigungen aus, uns die Zeit!” – Graffito von Klimaaktivisten

Der schwedische Klimaaktivist Andreas Malm hat diesen Aufruf zur Gewalt in einem Buch mit dem Titel “Wie man eine Pipeline in die Luft jagt” konkretisiert, wobei der Titel ganz wörtlich zu nehmen ist. Im Gespräch mit Raphael Thelen, einem Journo-Aktivisten (so muss man solche Leute wohl nennen) von der “Zeit”, bekennt Malm ganz unbekümmert: “… the time has come to consider more militant forms of acts against property“. Zu den noch harmloseren Gewaltakten, die Malm benennt, gehört es, den bei Klimaaktivisten so verhassten SUVs die Luft aus den Reifen zu lassen.

Diese Sachbeschädigung widerfuhr denn auch erst kürzlich fünfzig SUVs in Dortmund, wozu sich Klimaaktivisten umgehend bekannt haben – von der Theorie zur Tat ist die Zeitspanne oft sehr kurz. Derweil machen gewaltbereite Klimaaktivisten deutlich, dass dies alles nur der Anfang ist und prophezeit einen Sommer der Gewalt. Weil deren Urheber selbst unter einer Ampelregierung dafür zur Rechenschaft gezogen werden könnten, denkt das “Neue Deutschland” schon weiter: Unterstützernetzwerke müssen her, fordert das Blatt, damit Militante keinen allzu hohen Preis zu zahlen haben.

Denn zumindest dem radikalen Teil der Klimabewegung geht es allenfalls in zweiter Linie um das Klima: Wie die Aktivisten selbst erklären, gilt ihr Kampf dem Kapitalismus und damit der bürgerlichen Gesellschaft, ihrer Freiheit und rechtsstaatlichen Ordnung. Während Radikale also die Systemfrage stellen, zieht die bürgerliche Gesellschaft sich zurück. Der SWR formuliert noch eine eher durchwachsene Kritik des Buches von Malm; der “Deutschlandfunk” begnügt sich damit, die wichtigsten Thesen ohne Wertung wiederzugeben. Die gesellschaftliche Ächtung politisch motivierter Gewalt schwindet, das 16. Jahrhundert lässt grüssen.


Nachtrag 9. Februar 2022

Steffi Lemke (Grüne), die neue Bundesumweltministerin, zeigt Verständnis für die Nötigung von Autofahrern durch Klimaaktivisten, während ihre Kollegin, Innenministerin Nancy Faeser (SPD) kein Problem damit hat, in der Hauspostille einer linken Gruppierung zu publizieren, die vom Verfassungsschutz und damit einer Behörde ihres Hauses beobachtet wird. Linker Radikalismus wird in dieser Bundesregierung hoffähig.

Nachtrag 26. Mai 2022

Das Autorenblog “Achse des Guten” hat sich ebenfalls des Themas angenommen und urteilt: “Die Detailverliebtheit, mit der Malm hier kriminelle Aktionen und die Zerstörung nicht nur von Sachwerten, sondern auch von Lebensgrundlagen beschreibt, ist obszön.

Nachtrag 26. Juli 2022

Droht Deutschland eine Grüne Armee Fraktion?“, fragt jetzt auch die FAZ und konstatiert angesichts der Tatsache, dass die radikalen Klimaschützer, die es noch nicht geschafft haben, die Massen zu mobilisieren, sich weiter radikalisieren: “Der Einfluss gewaltbereiter Linksextremer in der Klimabewegung nimmt zu. Längst diskutieren Aktivisten über Gewalt – und was Gewalt überhaupt ist.” Namentlich genannt wird der Aktivist Andreas Malm, der Gewalt gegen Sachen legitimiert und möglicherweise nur Vorreiter für darüber hinaus gehende Gewaltakte ist .

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