Stillos

Natürlich kann man eine Menge gegen die Linkspartei sagen. Dieses Blog gehört ganz bestimmt nicht zu ihren Sympathisanten und dass Innenminister de Maizière die Beobachtung von Linke-Abgeordneten durch den Verfassungsschutz hat einstellen lassen, ist ein Unding, solange es in der Partei noch ganz offiziell eine “Kommunistische Plattform” gibt. „Stillos“ weiterlesen

Schwarz. Rot. Gold.

Deutschland ist Fussball-Weltmeister, die Deutschen jubeln, und wieder stellt sich die Frage nach der Zulässigkeit von soviel Schwarz-Rot-Gold auf den Strassen. Tobt da etwa die neue deutsche Volksgemeinschaft?

Persönlich stehe ich dieser ganzen Fahnenschwenkerei reserviert gegenüber, halte es eher mit dem argentinischen Individualismus eines Jorge Luis Borges und überhaupt hat Daniel Fallenstein das so ziemlich Gescheiteste zu diesem Thema gesagt, was man nur sagen kann. Womit wir das Thema eigentlich abhaken könnten.

Eigentlich. Denn ein paar Dinge wollen doch noch gesagt werden angesichts der reflexhaften linken Gereiztheit, wenn es um die bundesdeutschen Farben geht. Denn Schwarz-Rot-Gold, die am 9. März 1848 erstmals deutsche Nationalfarben wurden, stehen nicht einfach für Deutschland, sie stehen für das demokratische Deutschland in der Tradition der Paulskirche.

Das ganze Projekt Bundesrepublik zielte von Anfang an auf einen Bruch mit der schwarz-weiss-roten Tradition Deutschlands und die Nazis wussten genau, warum sie Schwarz-Rot-Gold verachteten (Hervorhebung von mir):

1914 wurde ein furchtbarer Weg beschritten, 1919 ward er nicht rückgängig gemacht, die friedfertigen Regierungen der Weimarer Koalition fanden nirgendwo Ermutigung, nur Rückschläge, die sie schließlich ihren erbitterten Gegnern im eigenen Lande auslieferten. Jetzt ist die schwarz-rot-goldene “Judenfahne” endgültig begraben. An ihrer Stelle flattert die judenfeindliche Gewaltfahne mit dem Hakenkreuz.

… schrieb Arnold Zweig 1933 ((Bilanz der deutschen Judenheit [1934], Leipzig 1990, S. 253.)). Dass die Bundesrepublik zum Teil von ehemaligen Funktionären des Naziregimes aufgebaut wurde, ändert nichts daran, dass ihre gesamte politische Symbolik darauf ausgerichtet ist, mit dem Obrigkeitsstaat und vor allem mit Nazi-Deutschland zu brechen.

Das schwarz-rot-goldene Deutschland in der Tradition der Paulskirche ist ein bürgerliches Projekt und die Verachtung des Bürgers war Preussentum und Romantik gleichermassen zu eigen. Beide hat der Historiker Hans Kohn nicht ohne Grund als wichtige Kräfte ausgemacht, aus denen sich der spätere Nationalsozialismus speisen sollte ((Das zwanzigste Jahrhundert, Zürich et al. 1950, S. 90.))

Auch wenn die Revolution von 1848 es nicht geschafft hat, den Obrigkeitsstaat abzuschaffen, so bleibt die Paulskirchentradition eine ehrwürdige, weil es ihr doch gelungen ist, Parlamentarismus und individuelle Grundrechte im Rahmen einer verfassungsmässigen Ordnung durchzusetzen. Damit taugt sie auch heute als Vorbild. Und dafür steht Schwarz-Rot-Gold.

Nein, es ist nicht die neue Volksgemeinschaft, die sich da auf Deutschlands Strassen austobt und deutscher Nationalismus ist ohnehin nur noch in rechtskonservativen Zirkeln präsent. Diese Dämonen sind gebannt. Rassistisch motivierte Gewalt gibt es, aber sie wird parteiübergreifend geächtet. Heute ist man weltoffen, bunt, tolerant. Die Probleme in Deutschland, wie sie vor allem unter Intellektuellen zutage treten, sind andere.

Sie lauten Kulturrelativismus; ein selbstgefälliger Pazifismus als vermeintliche Lehre aus Auschwitz; Ökologismus; Scheinheiligkeit und Idiosynkrasie in Bezug auf Dinge wie Wirtschaft, Wohlstand und Leistung; ein latenter Antiamerikanismus und Antiisraelismus sowie eine aussenpolitische Äquidistanz zwischen freiheitlichen und autoritären Kräften.

Hier muss angesetzt werden.

Everybody’s a critic

“Generation War” heisst die englischsprachige Fassung des deutschen Fernseh-Dreiteilers “Unsere Mütter, unsere Väter”– und die Kritiker im Vereinigten Königreich waren not amused. Das wiederum gefällt der London-Korrespondentin der FAZ gar nicht, wie sie in einem etwas launisch geschriebenen Artikel zum Besten gibt.

Der Film, der vor einem Jahr im deutschen Fernsehen lief, war vorab mit grossem Lob bedacht worden, u.a. in der FAZ. Wie sich seinerzeit herausstellte, hat Produzent Nico Hofmann tatsächlich grossartige Arbeit geleistet, was den Unterhaltungsfaktor angeht, aber rabiat versagt in Hinsicht auf historische Genauigkeit.

Während auf deutscher Seite Antisemitismus lediglich Sache einer Nazi-Elite war, fand er auf polnischer Seite starken Widerhall auch im einfachen Volk: das war das Bild, das der Film vermittelte. Dabei wissen wir nicht erst durch die Forschung von Daniel Jonah Goldhagen, wie weit Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft während der Nazi-Zeit verbreitet war.

Der Historiker Sebastian Haffner notierte, dass mit der Zweidrittelmehrheit im Parlament jeder Widerstand gegen Hitler dahingeschwunden war. Damals war das Hakenkreuz in die deutsche Masse “hineingeprägt worden”, so Haffner, “wie in einen formlos-nachgiebigen, breiigen Teig.” Nur zu willig haben, wenn auch nicht alle, so doch viel zu viele Deutsche mitgemacht.

Der Fernsehfilm “Unsere Mütter, unsere Väter” liess davon nichts erahnen, erweckte vielmehr den Eindruck, Nazi-Ideologie und Judenhass seien ein Problem von SS-Offizieren gewesen. In deutschen Medien war dies gelegentlich und zu recht bemängelt worden.

Das hält die FAZ-Korrespondentin jedoch für keiner Erwähnung wert. Stattdessen bürstet sie den Kritiker Clive James ab, indem sie ihm, der doch soviel auf seine Kenntnis der deutschen Kultur halte, vorwirft, selber nichts begriffen zu haben. Noch mehr Arroganz geht nicht.

Umso erfreulicher, dass britische Kritiker dem Film nicht auf den Leim gegangen sind.

Blick zurück nach vorn

Noch nach fünfzig Jahren ist der überlieferte Briefwechsel zwischen Hans Blumenberg und Jacob Taubes aufschlussreich, wenn es um das intellektuelle Klima der 60er und 70er Jahre geht. Das gilt auch in Hinsicht auf den Umgang mit anderen Meinungen und Anschauungen seitens zweier Gelehrter in einer Zeit, in der der universitäre Betrieb noch stark von der Vergangenheit überschattet war.

Blumenberg, Philosoph zunächst in Giessen, dann in Münster, hielt überraschend wenig von Taubes, dieser von jenem aber umso mehr, wie der Briefwechsel, der im vergangenen Jahr aus dem Nachlass der beiden Gelehrten herausgegeben wurde, eindrucksvoll zeigt. [note]Hans Blumenberg und Jacob Taubes, Briefwechsel 1961-1981 und weitere Materialien, hrsg. von Herbert Kopp-Oberstebrink, Martin Treml, Anja Schipke und Stephan Steiner, Berlin 2013.[/note]  Taubes umschmeichelte seinen Gesprächspartner bei jeder Gelegenheit, machte ihm Komplimente und versuchte, den Kontakt mit Blumenberg für sein Netzwerk am Laufen zu halten. Und das erfolgreich.

In einer längeren Passage über seine recht isolierte Stellung in der akademischen Gelehrtenschaft gab Blumenberg preis, dass er bei Gadamer nicht wohlgelitten war, wie er überhaupt für alle Heidegger-Schüler (zu denen auch Gadamer gehörte) als untragbar galt. Dies war der Fall, seitdem Blumenberg der Freiburger Fakultät schriftlich erklärt hatte, dass er die Tradition jenes Lehrstuhls “auf gar keinen Fall” respektieren wolle. [note]Blumenberg an Taubes, Giessen, 22.3.1965, in: Briefwechsel … (wie Fussnote 1), S. 48.[/note]

Blumenberg hatte nach eigenen Worten “nie persönliche oder sachliche Sympathie für Martin Heidegger” und seinen Einfluss hielt er für “unselig”, doch — und das ist das eigentlich Bemerkenswerte — hinderte ihn dies nicht daran, gegen dessen “neuere Zensoren” aufzubegehren, wie er noch mehr als zehn Jahre später gegenüber Taubes bekundete. [note]Blumenberg an Taubes, Münster, 24.5.1977, in: ebd., S. 174. Zum “unseligen Einfluss” s. Hans Blumenberg, Die Verführbarkeit des Philosophen, Frankfurt/Main 2005, S. 109.[/note] Von dieser Haltung sollte Blumenberg auch Jahre danach nicht abrücken.

Das war keineswegs selbstverständlich, Heidegger hatte doch seinerzeit für den Nationalsozialismus nicht nur Partei ergriffen, sondern — was er nach dem Krieg zu relativieren suchte — diese Parteinahme auch mit seiner Philosophie begründet. Davon berichtet ein anderer Philosoph, nämlich Karl Löwith, der 1936 auf einer Vortragsreise nach Rom ebendort auf Heidegger getroffen war und diesen unmittelbar mit der Behauptung konfrontierte, dass das eine sich aus dem anderen ergäbe.

Wie aus Löwiths 1986 erschienenen Memoiren hervorgeht, hatte Heidegger, der während seines gesamten Aufenthaltes in Rom das Parteiabzeichen trug, ihm ohne Vorbehalte zugestimmt. Blumenberg wiederum, der Löwiths Memoiren gelesen hatte, warf Heidegger eine obstruktive Haltung seiner eigenen Vergangenheit gegenüber vor, verteidigte aber dessen “Recht auf Irrtum” – wenn auch nicht ohne den ironischen Zusatz “… das er gründlich wahrgenommen hat”. [note]Karl Löwith, Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933: Ein Bericht, Stuttgart 1986, S. 57, 88, zit. nach Blumenberg, Die Verführbarkeit … (wie Fussnote 3), S. 100-3.[/note]

Ähnlich verfuhr Blumenberg mit Carl Schmitt, mit dem er selbst das Gespräch gesucht hatte. [note]Hans Blumenberg und Carl Schmitt, Briefwechsel 1971-1978 und weitere Materialien, hrsg. von Alexander Schmitz und Marcel Lepper, Frankfurt/Main 2007.[/note] Dass der damals fast neunzigjährige Schmitt von manchen gemieden wurde, dafür hatte Blumenberg Verständnis, doch kritisierte er die damit so oft einhergehende “Selbstdarstellung” und die “moralischen Zensoren”, “die an allen Ecken und Enden ihre Gerichtstage halten, wieder Schilder umhängen und Plätze auf der Skala zwischen Rechts und Links verteilen”, um dann zu entscheiden, wer als verbrannte Figur zu gelten habe und wer nicht. [note]Blumenberg an Taubes, Münster, 24.5.1977, in: Briefwechsel … (wie Fussnote 1), S. 174.[/note]

Aber auch  Taubes, politisch der Linken zugehörig, sollte Courage beweisen, und das nicht nur im Umgang mit Blumenberg, der oft konträre Positionen vertrat. So wollte Taubes keinen geringeren als Emil Cioran für ein Kolloquium einladen, einen erzreaktionären Denker, den er jedoch als “zu der ganz seltenen Spezies der Rechtsintellektuellen” gehörend bezeichnete. Dass Taubes dessen Ansichten schätzte, kann ausgeschlossen werden. Sein Motiv war ein anderes: “Die Linke, wenn sich selbst überlassen, wird schal und oberflächlich” – da brauchte man einen Widerpart. [note]Taubes an Blumenberg, Berlin, 20.9.1966, in: ebd., S. 103.[/note]

Heute herrscht in der Gesellschaft eine gewisse Leichtfertigkeit vor, Meinungen und Personen zu skandalisieren. Seit damals hat sich wenig geändert. Umso eindrucksvoller bleibt daher, welche Lust an der Kontroverse und welcher Sportsgeist einen Jacob Taubes und einen Hans Blumenberg noch ausgezeichnet haben.

Hamburg schafft sich ab

An den Ausschreitungen um das besetzte Hamburger Flora-Theater (“Rote Flora”) zeigt sich, dass eine Anbiederung an extremistische Kräfte nur noch mehr Unheil bringt. Die Grünen empören sich zwar – jedoch über die Polizei, weil diese möglicherweise die Demonstration zu früh gestoppt hat. “Die vielen verletzten Polizisten und Polizistinnen, aber auch die unbekannte Zahl der Verletzten insgesamt sind auch eine deutliche Mahnung an die gesamte Stadt und an uns in der Politik” findet Antje Möller von der Grünen Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft.

Das Verhalten gewaltbereiter Chaoten ist also eine “Mahnung” und damit jeder versteht, was gemeint ist, heisst es ergänzend: “Gewalt darf kein Mittel der Politik sein.” Das passt zur gemeinsamen Outing-Kampagne von Grüner Jugend und Linksjugend von vor acht Monaten, in der stolz verkündet wurde: “Ich bin linksextrem.” Teile der Grünlinge (immerhin hat sich die Grüne Jugend in Hessen von der Kampagne distanziert) haben offenbar noch immer nicht ihren Frieden mit der bürgerlichen Republik gemacht.

Ausbaden muss das Desaster die Polizei: 120 Polizisten wurden verletzt, neunzehn davon mussten im Krankenhaus behandelt werden. Die CDU-Bürgerschaftsfraktion sprach von “bürgerkriegsähnlichen Attacken” auf die Polizei. Die Flora ist Ausgangspunkt “gezielter Gewalt”, so Kai Voet van Vormizeele von der Hamburger CDU. Was die friedlichen Demonstranten (gibt es noch andere?) anbetrifft, so dürfen sie sich bei den Chaoten bedanken, dass ihr Anliegen um den Erhalt des Status Quo (= fortgesetzte Tolerierung der Besetzung) nunmehr kein Gehör fand.

Für dieses Anliegen darf in einer liberalen Demokratie demonstriert werden, auch wenn moralische Zerrüttung aus ihm spricht. Bei den Hamburger Grünen ist die Besetzung des Flora-Theaters ganz in diesem Sinne nur eines von vielen “strittigen Themen”, für die man “politische Lösungen” finden müsse. Vielleicht müssen erst die Häuser Hamburger Grünen-Politiker besetzt werden, um zu erkennen, dass es nicht um ein “strittiges Thema”, sondern um Kriminalität geht. 

Nützen wird den Hamburger Grünen ihre Anbiederung an die Chaoten freilich nichts. Die Webpräsenz der Besetzer verkündet unverdrossen die Parole: “Regierung stürzen!!! Vielleicht nicht heute oder morgen aber übermorgen. Steter Tropfen höhlt den Stein.” 

Muslimischer Fundamentalismus in Europa

Besonders kleine Kinder leiden unter dem autoritäten Erziehungsstil im Elternhaus, der auch mit körperlicher Gewalt einhergeht. Sie werden so zu unbedingtem Gehorsam erzogen, weiss die Islamkundelehrerin Lamya Kaddor in ihrem Buch „Muslimisch–Weiblich–Deutsch‟ (2010) über ihre muslimischen Schüler im Dinslakener Stadtteil Lohberg zu berichten. Und: „Die aus einer Mixtur von Religion und Tradition stammenden Regeln greifen vor allem mit Beginn der Pubertät.“

Ob dieser Befund auf andere Schüler muslimischer Herkunft verallgemeinerbar ist, bleibt freilich offen. Eine aktuelle Studie des Wissenschaftzentrums Berlin für Sozialforschung ist nun jedoch zum Ergebnis gekommen, dass fundamentalistisches, also autoritäres religiöses Denken unter europäischen Muslimen stark verbreitet sein soll.

Fast 60% der Befragten stimmen demnach der Aussage zu, dass Muslime zu den Wurzeln ihrer Religion zurückkehren sollen; 75% glauben, dass es nur eine einzige mögliche Interpretation des Koran gibt, an die der Gläubige sich halten solle; und 65% geben an, dass die Gesetze der Religion wichtiger seien als die Gesetze ihres Landes. Ein gefestigtes fundamentalistisches Weltbild hat demnach, wer allen drei Aussagen zustimmt. Und das sind der Studie zufolge stolze 44%.

An dieser Stelle erhebt sich jedoch ein leiser Zweifel. Offenbar wurde nämlich nicht danach gefragt, inwieweit die eigene Religion im Widerspruch zur jeweiligen herrschenden Gesellschaftsordnung gesehen wird. Wenn ein frommer Muslim glaubt, die Rückkehr zu den religiösen Wurzeln, die koranische Ethik und allgemein die religiösen Gesetze stünden gar nicht im Widerspruch zu den weltlichen Gesetzes des Landes, in dem er lebt, dann ist er wohl eher kein Fundamentalist.

Um sicherzugehen, hätte man Fragen wie folgende stellen müssen: „Glauben Sie, dass es einen Konflikt zwischen den Gesetzen Ihrer Religion und denen Ihres Landes gibt?‟ Und wenn ja: „Gilt Ihre Loyalität dann eher den Gesetzen Ihrer Religion oder denen Ihres Landes?‟ – Wenn die letzte Frage dann immer noch dahingehend beantwortet wird, dass die Religion höher steht, dann haben wir es unzweifelhaft mit Fundamentalismus zu tun. Wenn daraus eine Handlungsanweisung abgeleitet wird, diesen Konflikt gewaltsam auszutragen, dann handelt es sich um Extremismus.

Es soll hier nicht die Studie als ganze infrage gestellt werden. Aber man sollte sich schon einmal darauf gefasst machen, dass die nächste Studie, die mit Sicherheit kommen wird, den Anteil der Fundamentalisten unter den europäischen Muslimen womöglich geringer einschätzt (s. auch hier).

Qualitätssicherung

In seinem Buch “Freiheit, Gleichheit und Intoleranz” (2013) holt der Erfurter Politikwissenschaftler Kai Hafez zum grossen Rundumschlag gegen eine vermeintlich weitverbreitete Islamophobie in der deutschen Gesellschaft aus und äussert sich in diesem Zusammenhang u.a. über den Philosophen Peter Sloterdijk, den Historiker Hans-Ulrich Wehler, den Schriftsteller Ralph Giordano und den Journalisten Henryk Broder, denen er bescheinigt, einen “ungewöhnlichen Spagat” zu vollführen: “Während sie jahrzehntelang darum bemüht waren, bestimmte Freiheitsrechte zu erkämpfen oder zu verteidigen, wollen sie Muslimen ähnliche Rechte heute verweigern. Grundrechte wie die Religionsfreiheit (…) sollen ausgesetzt werden. Um dies zu rechtfertigen, werden Muslime pauschal als Verfassungsfeinde bezeichnet (…).” (S. 259)

Hafez, der anderen vorwirft, ohne Faktengrundlage zu argumentieren oder über einen Mangel an Expertise zu verfügen, nennt keinerlei Beleg für seine Behauptung. Man muss die Ansichten der genannten Personen  zum Thema Islam nicht notwendigerweise teilen, um zu verstehen, dass man keine Thesen aufstellen sollte, die man nicht belegen kann. Ich bezweifle, dass sich auch nur eine der oben genannten Personen den Vorwurf zu eigen macht, Muslimen Grundrechte vorenthalten zu wollen oder sie pauschal als Verfassungsfeinde zu bezeichnen. Die Beweislast dafür liegt bei dem, der diese Behauptung aufgestellt hat, bei Kai Hafez also, dem “Qualitätssicherung durch eine akademische Gemeinschaft” (S. 256) ein Anliegen ist, für sich selbst aber offenbar andere Regeln in Anspruch nimmt.

Querelen vor dem NSU-Mordprozess

Die rassistisch motivierten Morde des sog. NSU gehören ohne Zweifel zu den erschütterndsten Serienverbrechen der deutschen Nachkriegszeit, der ab dem 17. April stattfindende Strafprozess zieht schon jetzt zu Recht eine hohe mediale Aufmerksamkeit auf sich. Auch die unrühmliche Rolle deutscher Ermittlungsbehörden muss dabei zur Sprache kommen, ebenso wie die näheren Motive zweier Mörder, von denen der eine, vor die Wahl gestellt, Abitur zu machen oder aus dem Untergrund heraus Menschen umzubringen, sich tatsächlich für letzteres entschieden hat.

Dass Türken und Türkdeutsche in und ausserhalb Deutschlands ein gesteigertes Interesse am Verlauf des Strafprozesses haben, ist also mehr als verständlich, hätte doch jede in Deutschland lebende Person türkischer Herkunft ein Anschlagsziel der NSU-Terroristen sein können. Umso ärgerlicher ist, dass es in diesem Zusammenhang einige Vorkommnisse gibt, die nicht nur mir unangemessen erscheinen.

Da ist zum einen die verpatzte Sitzreservierung türkischer Medienvertreter, die jetzt Zeter und Mordio schreien, weil ihre Teilnahme am Prozess nicht gesichert ist. Doch abgesehen davon, dass dies mehr oder weniger selbst verschuldet sein dürfte, ist die Forderung nach einer Bevorzugung bei der Sitzplatzvergabe nur auf den ersten Blick einleuchtend.

Denn wer eine solche Forderung erhebt, der muss auch konsequent sein – dann müssen ebenso bei einem Frauenmörderprozess weibliche Journalisten gegenüber ihren männlichen Kollegen bei der Sitzplatzvergabe bevorzugt werden, ebenso bei einem Kinderschänderprozess Journalisten mit Kindern vor solchen ohne Kinder usw. Dass ein Gericht eine solche Auswahl  nicht treffen kann, ohne sich selber in den Verdacht der Befangenheit zu bringen, ist offensichtlich.

Käme nämlich das Gericht auch noch der Forderung des Koordinierungsrates der Muslime in Deutschland (KRM) nach einem festen Sitzplatz nach, so würde es damit noch vor Prozessbeginn einen Hass auf Muslime als tragendes Motiv der NSU-Morde vorwegnehmen. Doch ein solches Motiv ist alles andere als sicher, ebenso wie schlichter Ausländerhass als zentrales Mordmotiv in Frage kommt.

Denn da wir es beim sog. NSU (wie schon der Name sagt: “Nationalisozialistischer Untergrund”) mit Neonazis zu tun haben, stellt sich die Frage, warum nur Türken bzw. Türkischstämmige (mit lediglich zwei Ausnahmen) ins Visier genommen wurden. Nicht zuletzt der Anschlag auf die Kölner Keupstrasse war ein versuchter Massenmord in einer Gegend, die hauptsächlich von Türkischstämmigen frequentiert wird.

Doch Neonazis hassen meist auch andere Ausländer oder solche, die sie als Ausländer ansehen. Warum gab es keine Mordversuche an Afrikanischstämmigen? Und warum keine an Juden, sind Neonazis doch ausnahmslos Antisemiten! Wären diese aus Sicht der Mörder nicht ebenfalls naheliegende Anschlagsziele gewesen?

Ob der Prozess etwas zur Klärung der Motive wird beitragen können, bleibt zu hoffen. Eine bevorzugte Sitzplatzvergabe würde daher ein Urteil über die näheren Motive der NSU-Terroristen vorwegnehmen, das Gericht sich damit selbst dem Vorwurf der Befangenheit aussetzen. Diesen Fehler zu begehen wäre fatal und würde den Prozess schon im vorhinein unnötig belasten.

Und darum muss an dieser Stelle noch etwas zur Haltung der türkischen Regierung gesagt werden, die eigene Vertreter beim NSU-Mordprozess entsenden will – was von einer gewissen Impertinez und Heuchelei zeugt. Denn die Türkei hatte ihre eigene NSU-Mordserie, und zwar vor dreissig Jahren im südtürkischen Kahramanmaraş, als über Nacht die Häuser von Aleviten markiert wurden, bevor in den darauffolgenden Tagen mindestens 100 ihrer Bewohner gezielten Mordanschlägen zum Opfer fielen.

Dieses “Pogrom von Kahramanmaraş” ist bis heute nicht nur nicht aufgeklärt worden, sondern es ist die AKP-geführte Regierung unter Ministerpräsident Recep Erdogan, die jegliche Aufklärung verweigert, noch nicht einmal einen Gedenkstein für die Opfer errichten und überhaupt das ganze Verbrechen in Vergessenheit geraten lassen will! Diese Doppelmoral ist leider typisch für die türkische Regierung:

– Da werden dem Nachbarn Griechenland, mit der Begründung, die Türkei habe das internationale Seerechtsabkommen nicht unterzeichnet, anstelle von zwölf Seemeilen Hoheitsgebiet um ihre ägäischen Inseln nur sechs zugestanden, während man selbst im Schwarzen Meer ganz selbstverständlich zwölf Seemeilen beansprucht.

– Da erklärte Erdogan 2008 in der Kölnarena die Assimilation seiner Landsleute an die deutsche Gesellschaft zum Verbrechen, während die Zwangsassimilation der Kurden an die türkische Leitkultur seit jeher türkische Praxis ist.

– Und als Hamas-Terroristen in Gaza massenhaft Raketen auf Israel herabregnen liessen, womit sie einen Gegenangriff Israel provozierten, war es ebenfalls Erdogan, der den Israelis zurief, sich nicht so anzustellen, während er selbst angesichts einiger Querschlägern, die von Syrien aus auf türkischem Territorium landeten, gleich den NATO-Bündnisfall ausrief.

All dies sollte man angesichts der schrillen Töne, die im Zusammenhang mit der Sitzplatzvergabe beim NSU-Mordprozess angestimmt werden, im Hinterkopf behalten. Es wäre dem Prozess angemessen, wenn KRM und türkische Regierung von allen Forderungen Abstand nehmen würden, die so aussehen, als wolle man politisch Honig aus der Sache saugen.

 

Translate