08/30/14

Aufklärung ist möglich

Eigentlich ist das nicht schwer zu verstehen: der radikale Islam ist EINE Möglichkeit des Islam – nicht der Islam schlechthin, aber eine Möglichkeit innerhalb der Bandbreite dessen, wie man den Islam deuten und ihn leben kann. Aber genau gegen diese Einsicht sträubten sich die Verteidiger des Islam in der  Talkshow “Menschen bei Maischberger” vom vergangenen Dienstag.

Was Aiman Mazyek und Khola Hübsch dort vertraten, war die kategorische Ablehnung auch nur des leisesten Zusammenhanges zwischen dem Islam und den Greueltaten des ISIS in Syrien. Stattdessen wurde einmal mehr das eigene Islamverständnis verabsolutiert, um es dann als “den” Islam auszugeben, der mit den Vorstellungen der Salafisten und Dschihadisten nichts zu tun habe. Der Zuschauer soll das schlucken, obwohl Aussentstehende gar nicht beurteilen können, was der wahre Islam sein soll.

Der Höhepunkt der Sendung war, als der Journalist Christoph Reuter der ISIS-Truppe konstatierte, in der frühislamischen Geschichte ihr Handlungsmodell zu finden, was von Khola Hübsch bestritten wurde. Ihr Argument: Die Mehrheit der Muslime habe gelernt, dass Muhammad in Mekka seines Glaubens wegen verfolgt wurde, sodass er mit seinen Anhängern nach Medina auswich, um dort ungestört seinen Glauben leben zu können. Was habe das mit den ISIS-Terroristen zu tun?

Tatsächlich aber hat Frau Hübsch die These von Reuter, wenn auch ungewollt, bestätigt. Dieses Narrativ, das selbst schon eine Interpretation beinhaltet, entspricht nämlich ganz dem Handlungsmodell der Islamisten, die glauben, dass sie in ihren Heimatländern ihren Glauben nicht leben können, weswegen sie als gläubige Muslime dazu angehalten seien, die Hidschra (Auswanderung) zu vollziehen: So wie Muhammad nach Medina ausgewandert war, müssen die heutigen Muslime ins Herrschaftsgebiet des ISIS auswandern.

Man kann nämlich den Koran historisieren oder metaphorisch deuten, man kann ihn aber auch wörtlich nehmen. Die wörtliche Lesart ist der leichteste Zugang, den ein sakraler Text bietet. Das ist das, was die ISIS-Terroristen machen. Warum ist das so schwer zu verstehen? Aber irgendwie scheint selbst vielen Vertretern eines liberalen Islam das wichtigste zu sein, den Ruf ihrer Religion zu retten. Dabei ist Khola Hübsch noch nicht einmal der liberalen Strömung des Islam zuzurechnen.

So begründet sie das Tragen des Kopftuches nicht einfach als religöse Pflicht – womit ich gar kein Problem hätte –, sondern  verbindet es mit einer grundsätzlichen Kritik an der Diesseitsbezogenheit der modernen Welt. In ihrem Buch “Unter dem Schleier die Freiheit” verficht sie die Auffassung, dass der Verlust des Jenseitsglaubens den Menschen dazu bringe, sein Glück im Diesseits zu suchen, wo ihn die Angst vor dem Tod zum “Spielball seiner Triebe, zum Sklaven seines Körpers auf der Suche nach Glück” mache. Demgegenüber stehe das Kopftuch für eine Haltung, die diese Triebe im Zaum zu halten wisse.

Diese Kulturkritik ist reaktionär und zu einhundert Prozent mit dem Salafismus kompatibel. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Frau Hübsch einen Zwang zum Kopftuch ablehnt. Denn freiwillig zugehen soll es auch nach dem Willen der Salafisten. Dass die in muslimischen Gesellschaften vorherrschende “Schamkultur”, wie man sie oft genannt hat, Frauen für sexuelle Übergriffe besonders anfällig machen könnte, kommt Frau Hübsch offenbar gar nicht erst in den Sinn.

Die kollektive Viktimisierung der Umma und die Abwertung westlicher Gesellschaften als materialistisch (=diesseitsbezogen) sind wesentliche Pfeiler auch der salafistischen Ideologie.1 Das ist das Problem nicht weniger derer, die sich als moderate und liberale Vertreter ihrer Religion präsentieren: Sie merken noch nicht einmal, wie sehr sie den Radikalen in die Hände spielen.

Und was die im Namen des Islam ausgeübte Gewalt angeht: Ich glaube an die Kraft der Veränderung. Aufklärung ist möglich, immer und überall. Noch aber hat sich eine historisierende oder sonstwie mit den Erfordernissen der Moderne im Einklang stehende Lesart des Koran nicht allgemein durchgesetzt. Der kriegerische Jihad als Option ist aktuell geblieben.

Diesen Zustand zu überwinden ist die eigentliche Herausforderung. Die gebetsmühlenhaft wiederholte Beteuerung, der Terror im Namen des Islam habe mit diesem rein gar nichts zu tun, scheint da alles andere als hilfreich.


  1. Vgl. Koran 6,32: وما الحياةُ الدنيا إلّا لَعِبٌ ولَهوٌ ولَلدّارُ الاخيرةُ خَيرٌ لِلذينَ يتَّقونَ أفلا تَعْقِدون „Das diesseitige Leben ist (doch) nichts als Spiel und Zerstreuung. Die jenseitige Behausung ist für diejenigen, die gottesfürchtig sind, wahrhaftig besser. Habt ihr denn keinen Verstand?‟ und 7,50-1, wo den Ungläubigen das Höllenfeuer versprochen wird, da sie „ihre Religion als Zerstreuung betrachten und ihr Spiel mit ihr treiben, und die vom diesseitigen Leben betört sind‟ اتخذوا دينهم لهواً ولَعْباً وغرّتهم الحياةُ الدنيا Übers. nach Paret (1979). 

08/29/14

Wie damit umgehen?

Nachdem der ISIS die Tabqa Airbase erobert hat, scheint nun Deir Ezzor an der Reihe zu sein. Dann wird die Terrortruppe nach Westen vorrücken, zum Militärflughafen Kuweires. Angeblich gehören ihr schon 100.000 Kämpfer an. Zulauf aus der Umgebung bekommen sie auch deshalb, weil die Staaten der Region korrupt sind, wenig Anlass für Vertrauen bieten und auf noch weniger Loyalität zählen können. Zudem soll das syrische Regime einen erheblichen Anteil am Aufstieg des ISIS haben.

Wie soll der Westen damit ungehen? Zunächst einmal: Der Erfolg der Truppe beruht nicht auf militärischem Genie. So wurde die Tabqa Airbase durch mehrere Wellen von Selbstmordattentätern erobert, die solange Lastwagen voller Sprengstoff auf das Areal zusteuerten, bis ihnen der Durchbruch gelang. Brutal einfach. Und die Dschihadisten verstehen es, ihre dokumentierte Menschenverachtung über die sozialen Netzwerke zu verbreiten.

Aber diese Rolle der unbesiegbaren Glaubenskrieger darf ihnen die westliche Öffentlichkeit nicht einfach abnehmen. Gerade die Propaganda, die die ISIS-Truppe verbreitet und die Schrecken und Ehrfurcht beim Betrachter hervorrufen soll, darf genau das nicht bewirken. Auch wenn es schwerfällt, in gewissenlosen Schurken einfältige Komiker oder einfach dumme Jungs zu sehen. Aber genau das sind sie. Beim britischen Telegraph” hat man einen vernünftigen Vorschlag gemacht:

What, then, can we do? Well, for a start, we can stop taking these losers at their own estimation. Let’s treat them, not as soldiers, but as common criminals. Instead of making documentaries about powerful, shadowy terrorist networks, let’s laugh at the pitiable numpties who end up in our courts. Let’s mock their underpants bombs and their half Jafaican slang and their attempts to set fire to glass and steel airports by driving into them and their tendency to blow themselves up in error.

Zwei Beispiele: Kürzlich wollte sich ein Dschihad-Begeisterter für seinen Trip nach Syrien einen Reisepass erschwindeln, nachdem seine Mutter ihm den alten weggenommen hatte. Ganz recht: Er wohnte noch bei seiner Mutter. Jetzt sitzt er in Untersuchungshaft, wo er von Syrien träumen kann. Zwei andere Dschihad-Fans erwiesen sich als nicht minder pubertär: Vor ihrer Reise nach Syrien kauften sie noch schnell bei Amazon ein: Und zwar zwei Bücher mit den Titeln “Islam für Dummies” und “Koran für Dummies”!

Solche Geschichten zeigen die andere Seite von Dschihadisten wie denjenigen des ISIS. Darauf hinzuweisen bedeutet keine Verhamlosung ihrer Greueltaten und einer militärischen Antwort auf das Vordringen des ISIS soll hier auch keine Absage erteilt werden. Wie  der Psychiater Andreas Marneros an Neonazis beobachtet hat, triumphieren diese erst “im Rudel“. In die Nestwärme extremistischer Kameradschaften geführt haben sie, so Marneros, “sozialpsychologische Defizite” und die “verzweifelte Suche nach einem persönlichen Image.”

Dschihadisten wie die des ISIS dürften kaum anders ticken. Solche Gruppen erhalten Zulauf von Verlierern, denen Erfolg und Anerkennung in der Gesellschaft versagt blieben und die als Mitglied in einer männerbündischen Gemeinschaft erstmals einen Sinn in ihrem Leben sehen. So schreibt der “Economist”:

“Poverty does not explain the lure of jihad for Western fighters. Many of them are quite middle-class. […] More plausible explanations are the desire to escape the ennui of home and to find an identity.”

Diese Leute müssen dringend entzaubert werden. Als Vorbild kann der Umgang mit dem Ku-Klux-Klan gelten. Der Ku-Klux-Klan, einst weithin gefürchtet, verbreitete Angst und Schrecken und machte durch seinen Brutalität ebenso wie durch seinen grotesken Mummenschanz von sich reden. Dann kam Stetson Kennedy. Der Journalist entzauberte den “Klan” in einer Serie von Artikeln, machte ihre kodierte Sprache und ihre geheimen Rituale öffentlich.

Innerhalb kurzer Zeit wandelte sich ihr Bild in der amerikanischen Öffentlichkeit. Die anfangs so furchteinflössende Bande verlor ihren Schrecken, als die Menschen sahen, wie albern und absurd der ganze Hokuspokus war – obwohl der “Klan” seine Skrupellosigkeit unter Beweis gestellt hatte. Es half alles nichts, auf einmal war der “Klan” nur noch ein Haufen von Spinnern in absurden Kostümen. Die Menschen kamen sogar zu dessen Zusammenkünften, um sich über ihn zu amüsieren.

Es hat mit dem Klu-Klux-Klan geklappt. Es sollte auch mit den ISIS-Typen klappen.

08/22/14

Die Aufschneider

Wer versucht, sich einen Überblick über die Lage in Syrien und dem Irak zu verschaffen, gerät sofort in den Sog der Propagandaschlacht. Übertreibung ist darin noch das harmloseste Mittel, manches ist schlicht grostesk. So behaupten Pro-Assad-Quellen, dass Abu Bakr al-Baghdadi, der Chef der ISIS-Terroristen, Jude sei, während Pro-ISIS-Kreise Assad zum israelischen Kollaborateur machen. Es wird hemmungslos gefälscht, Bilder aus dem Zusammenhang gerissen – und sogar Ereignisse behauptet, die nie stattgefunden haben.

Die ISIS-Terroristen (deren “islamischer Staat” immer noch auf Teile Syriens und Iraks begrenzt ist) haben das Assad-Regime bislang nicht ernsthaft in Gefahr bringen können – und das aller zur Schau gestellten Brutalität zum Trotz. Raqqa, eine im wüstenreichen Osten des Landes gelegene Zentren, ist das Herz des sog. islamischen Staates, der es wohl kaum jemals schaffen wird, im Westen des Landes Fuss zu fassen.

In diesem Zusammenhang sind die Versuche des ISIS, den Militärflughafen Tabqa zu erobern, besonders aufschlussreich. Die Militärbasis liegt keine fünfzig Kilometer westlich von Raqqa und bedeutet für die Ausbreitung des ISIS ein wesentliches Hindernis, denn die Terroristen verfügen über keine Flugzeuge oder Panzer.

Deshalb hatte ISIS vor etwa 14 Tagen einen heftigen Angriff auf den Militärflughafen Tabqa angekündigt. Und damit ging die Propagandaschlacht los. Seitdem jagte eine Meldung über den Sturm der bärtigen Dschihadisten die nächste, dauernd wurden Geländegewinne verkündet, und das auch von etablierten Medien.

Den Auftakt, so hiess es, habe ein Selbstmordattentat mit einem mit Sprengsoff gefüllten Lastwagen am Haupteingang des Flughafens gemacht, gefolgt von weiteren Sprengungen. Angeblich soll der Nachthimmel vom Feuer hell erleuchtet gewesen und die Erschütterungen bis in die nahegelegene Stadt Tabqa zu hören gewesen sein. Dann hiess es, der ISIS habe die Treibstofflager des Flughafens unter seine Kontrolle gebracht, die Übernahme des restlichen Flughafens sei nur noch eine Frage von Tagen, vielleicht auch nur Stunden.

Andere Quellen berichteten, dass die syrische Armee mitsamt ihrer Luftwaffe immer noch Angriffe auf Raqqa unternehme – was einen funktionsfähigen Stützpunkt voraussetzt. Eine anonyme Quelle, die das Portal “alaraby aljadid” zitierte, wusste sogar zu berichten, dass Abu Bakr al-Baghdadi, der dunkle Fürst der gottlosen Bartkrieger, die Stadt Raqqa mit unbekanntem Zielort verlassen haben soll und daraufhin die Angriffe der syrischen Luftwaffen auf Raqqa eingestellt worden seien.

Jetzt hiess es, dass auch die brennenden Treibstofflager, die den Nachthimmel erhellten (Bild), nichts anderes als die Stellungen der ISIS-Krieger selbst gewesen seien, die von oben herab beschossen worden waren. Bilder, auf denen dies zu sehen war, seien von der Propagandamaschine des ISIS als vermeintlicher Beleg dafür ausgegeben worden, dass der Militärflughafen kurz vor dem Fall stehe.

Wir haben es hier also zwei verschiedene Narrativen zu tun, von denen sich zunächst keine verifizieren liess. Bemerkenswert ist aber, dass der ISIS, der sonst keine Gelegenheit auslässt, seine Erfolge zu feiern, keinerlei Fotos vom eroberten Militärflughafen vorweisen kann. Demgegenüber kursieren in den sozialen Medien Bilder von angeblich getöteten ISIS-Kämpfern. Deren Zahl soll mittlerweile in die hunderte gehen. Unter den Toten soll sich auch Omar Abarrahman befinden, der Kommandeur der ISIS-Einheit.

Verifizieren lässt sich das alles nicht, aber da der angebliche Triumph der Dschihadisten propagandistisch nicht ausgeschlachtet wird, ist ein Sieg unwahrscheinlich. Umso groteskter mutet daher an, dass aus ISIS-Kreiser heraus immer noch behauptet wird, der Flughafen sei komplett eingenommen worden! Ein Propagandafilm der stolz die Einnahme des Flughafens verkündet, besteht jedoch nur aus Bildern, die jede Aussagekraft vermissen lassen. Tatsächlich deutet alles darauf hin, dass dieser militärische Sieg allein auf Twitter stattgefunden hat. Sympathisanten des Assad-Regimes reagieren darauf mit Hohn und Spott:

Warum der Tabqa Militärflughafen so schwer einzunehmen ist, könnte u.a. an einem ferngesteuerten Minensystem namens Shozar liegen, das dem Arsenal der Hisbollah entstammen soll. Diese Information kommt von einem Assad-Sympathisanten und muss nicht stimmen. Ein Videoclip aus den Spin-Laboren der Hisbollah soll die Effektivität dieses Systems zeigen. Realistischerweise darf man allerdings annehmen, dass ein solcher Militärflughafen gerade in Kriegszeiten mit mehr als nur mit Stacheldraht und Schäferhunden gesichert wird.

Demgegenüber hat der ISIS kaum mehr als Handfeuerwaffen, Haubitzen und Mörsergranaten vorzuweisen. Wer sich auf YouTube die Videos anschaut, die von den Rebellen selbst hochgeladen werden, sieht immer nur landschaftlich geprägte Gegenden, niemals städtische Zentren, in denen Kampfhandlungen stattfinden. Im Klartext: Ausser Raqqa hat ISIS keine grössere syrische Stadt unter seine Kontrolle bringen können. Selbst das ebenfalls im Osten gelegene Deir Ezzor, wo die Islamisten ein Massaker angerichtet haben sollen, ist nur zur Hälfte erobert.

Ebenso war die Einnahme der Mossul-Staudammes auf der anderen Seite der Grenze nur ein kurzfristiger Sieg, denn mittlerweile ist der Damm durch kurdische Peschmerga wieder zurückerobert worden, nachdem die Terroristen vergeblich versucht hatten, ihn durch Sprengfallen zu sichern. Was die Ölquellen anbetrifft, so haben die ISIS-Leute kaum Möglichkeiten, die Ausbeute auf dem Weltmarkt zu Geld zu machen, weil ihnen die regulären Vertriebsswege verschlossen sind. Lediglich am Ölschmuggel lassen sich ein paar Kröten verdienen.

Und wenn die Rebellen schon an der Einnahme des Militärflughafens Tabqa gescheitert sind – was offensichtlich der Fall ist –, dann finden sie in Syrien noch ein paar attraktive Einrichtungen mehr (Karte), an denen sie sich die Zähne ausbeissen können. Auch wenn nicht alle Einrichtungen dieselbe strategische Bedeutung haben, so lässt sich festhalten, dass das Assad-Regime das Land flächendeckend militärisch gesichert hat.

Die ganze Propaganda der Islamisten, schon bald den Nahen Osten im Sturm zu erobern und die schwarze Flagge überall dort zu hissen, wo bislang noch souveräne Staaten existieren, ist nichts als heisse Luft. Die ISIS-Fanatiker sind in ihrer Brutalität, ihrer Menschenverachtung und ihrem Todesdrang gewiss nicht zu unterschätzen – aber das heisst noch lange nicht, dass sie über die militärische Stärke verfügen, das Machtgefüge des Nahen Ostens über den Haufen zu werfen.

Dessen ungeachtet prahlen die Islamisten auf Teufel komm raus mit ihren angeblichen Erfolgen, ihrem vermeintlichen Vormarsch, den niemand stoppen könne, und ihrer legendären Unbesiegbarkeit, da sie doch den Tod geradezu herbeisehnen. Diese Propaganda bläht sich über die sozialen Medien zu einer gewaltigen Illusionsblase auf, die nicht nur von den Islamisten selbst geglaubt wird, sondern auch von westlichen Beobachtern und Analysten.

Die ISIS-Terroristen bringen Tod und Verderben, schlitzen Menschen mit Messern die Kehle auf, schneiden ihnen die Köpfe ab und kreuzigen sie, aber militärisch haben sie in Syrien nur Wüstengegenden erobert und sind unfähig, auch nur eine Stadt im Westen des Landes zu bezwingen. Ihr Vorgehen erinnert mehr an die Keystone Kops als an eine schlagkräftige Armee. Über die sozialen Medien werden sie weitere Bilder verbreiten, die ihre Grausamkeit und Skrupellosigkeit demonstrieren, aber ihre Geländegewinne werden sie über abseitig gelegene Ortschaften und wüstenreiche Gebiete hinaus kaum ausweiten können.

An dieser Stelle lohnt ein Blick in die Geschichte. Denn in etwa dem Gebiet, in dem die derzeitigen Kampfhandlungen stattfinden, hat sich schon das Osmanische Reich schwergetan, dauerhafte Sicherheit herzustellen. Damals waren es die Beduinen, die immer wieder bis vor die Tore Aleppos drangen, um zu plündern und zu erobern, bevor sie sich wieder ins Hinterland zurückzogen. Britische Quellen dokumentieren, wie komplex die Beziehung der Beduinen zu ihrem Umfeld war und wie wenig man ihnen militärisch beikommen konnte.

Für die Gegenwart heisst das: Wir müssen damit rechnen, dass wir noch für lange Zeit von den Islamisten hören und diese sobald nicht Geschichte sein werden, dass sie weitere Radikale aus Europa anziehen und noch manches Leid über die Menschen vor Ort bringen werden. Einen dauerhaften, konsolidierten, islamischen Staat aber werden sie nicht errichten.

Update 23.08.2014

Bislang haben die ISIS-Terroristen drei Versuche unternommen, den Militärflughafen Tabqa einzunehmen – und sind dreimal kläglich gescheitert:

Update II:

Angeblich soll es den Terroristen nun im vierten Anlauf gelungen sein, die Airbase einzunehmen. Mehrere Autobomben waren auf das Ziel gelenkt worden, einer davon soll der Durchbruch gelungen sein. Die syrische Luftwaffe soll daraufhin den Rückzug angetreten haben. Wenn diese Informationen stimmen, dann hat die syrische Luftwaffe zwar einen Stützpunkt verloren, die Terroristen aber nicht mehr als ein weiteres Stück Wüste erobert. Dafür hätten letztere mit angeblich einigen Hundert Toten allerdings einen sehr hohen Blutzoll bezahlt.

Update 30.08.2014

Die Vetriebsnetze für den Ölschmuggel führen schon seit längerem über die Türkei, nachdem ISIS vorher auch an das Regime verkauft haben soll. Unklar ist nicht zuletzt, wo die Einnahmen gebunkert werden – ein wesentlicher Punkt, den es bei der Bekämpfung der Terroristen zu berücksichtigen gilt.

08/20/14

Ausgefuchste Experten

Nun schlägt sie wieder, die Stunde sogenannter Nahostexperten, die mit einem “offenen Brief” an die Bundesregierung in die Öffentlichkeit drängen. Anlass sind natürlich nicht die Gemetzel in Syrien und dem Irak – Anlass ist Gaza. Logo.

Der auf Äquidistanz geeichte Duktus des “offenen Briefes” lässt tief blicken. “Gewalt, die sich gegen Zivilisten richtet, ist weder von militanten palästinensischen Gruppen noch von Seiten Israels zulässig” heisst es dort, als ob die “Experten” nicht sehr genau wüssten, dass nur eine der beiden Kriegsparteien absichtlich zivile Ziele angreift.

Denn wo Äquidistanz draufsteht, ist meist Antiisraelismus drin: Dass die “destruktive Blockade des Gazastreifens” aufgehoben werden soll, ist eine durchaus vernünftige Forderung. Noch vernünftiger wäre es allerdings zu fragen, warum es diese Blockade überhaupt gibt. Zur Erinnerung: Israel hat den Gazastreifen im Jahre 2005 komplett geräumt, zur Blockade kam es drei Jahre später. Dazwischen muss etwas geschehen sein, was vielleicht einer Analyse wert wäre.

Aber unter einer Blockade leidet offenbar auch der Wille dieser “Experten”, nach den Ursachen des gegenwärtigen Konfliktes zu fragen. Dass die Hamas einer Ideologie folgt, die ein dauerhaftes Arrangement mit Israel gar nicht zulässt und sie selbst dieser Tage erst mit dem Besitz von Raketen prahlte, die bis ins “besetzte Haifa” reichen, bringt die “Experten” keineswegs zum Nachdenken.

Stattdessen werden “Perspektiven” für die Zukunft der “überwiegend jungen Menschen im Gazastreifen” gefordert, ohne mit einem Wort darauf einzugehen, dass Gaza nach dem israelischen Abzug 2005 jede Menge Perspektiven hatte und ohne zu fragen, welche Gründe im Spiel waren, dass diese Perspektiven flötengingen. Was dieser Brief zum Ausdruck bringt, ist denn auch nur eine Verweigerung von Analyse.

Am Ende landen sie da, wo solche “Experten” immer landen: Bei allerlei Forderungen an die israelische Adresse. Dafür soll der jüdische Staat mit einem Frieden mit der Hamas belohnt werden – vorausgesetzt, dass diese einen “dauerhaften Waffenstillstand einhält und auf terroristische Mittel verzichtet”. Ja, so könnte es was werden mit dem Frieden. Man merkt: Hier sind ausgefuchste Experten am Werk.

Wie man den moralischen Bankrott dieser Briefschreiber abwendet, dafür hat allerdings noch niemand ein Rezept gefunden.

Update 22.08.2014

Jetzt hat sich auch der Präsident der DIG, Reinhold Robbe, mit deutlicher Kritik am offenen Brief zu Wort gemeldet.

07/27/14

Khamenei ruft zur Vernichtung Israels auf

Khaled Mashal, Chef des Politbüros der Hamas, mag in der Arabischen Welt einen schweren Stand haben, weil seine Organisation – wie überhaupt die Muslimbrüder – nicht eben wohlgelitten ist. Gleichwohl hat er noch einige Verbündete, auf die er zählen kann. Dazu gehört die Hisbollah. Unter hinter der Hisbollah steht natürlich der Iran.

Khamenei_Israel_Vernichtung_leader-irWährend Hassan Nasrallah, Chef der Hisbollah, Mashal zum Kampf der Hamas gratuliert1, ruft Irans religiös-politischer Führer Khamenei zum bewaffneten und entschiedenen Widerstand gegen das “zionistische Regime” auf, dessen reales Wesen “im wölfischen Charakter und im Kindesmord” liege, dem nur durch seine Vernichtung und Beseitigung (nā-būdī ve az beyn raftan) abzuhelfen sei!2

Das Regime in Teheran propagiert einmal mehr die Vernichtung Israels und in westlichen Medien ist das kein Thema und wird es wohl auch nicht sein. Irans Aussenminister Zarif hat ebenfalls mit Nasrallah gesprochen, der sich für Khameneis Zusage bedankte, dass der Iran “die anti-zionistische Front” unterstütze.3

Sicherlich werde der Tag kommen, so Khamenei in einer Meldung auf FarsNews, dass die Völker der Region “die Zerstörung des zionistischen Regimes” erlebten und ob dieser Tag früher oder später eintrete, hänge vom Vorgehen der islamischen Länder und der muslimischen Völker ab. Im Klartext: Israel wird nicht von alleine verschwinden, sondern nur durch Gewalt.4

Man nehme es bitte zur Kenntnis: Hamas, Hisbollah & Co. wollen einen Nahen Osten ohne Israel – und zwar aus ideologischen Gründen. Der Hass in der Region, der Israel entgegenschlägt, hat nichts mit einem erlittenen historischen Unrecht, mit Besatzung oder Siedlungen zu tun, wie auch der dazugehörige Konflikt nicht der zweier Völker um dasselbe Land ist.

Vielmehr sind wesentliche Kräfte und Stimmungen in der Islamischen Welt darauf aus, einen Nahen Osten ohne Israel zu schaffen, weswegen mit ihnen kein Kompromiss zu machen und keine Einigung zu erzielen ist.

(Bild: Webseite von Khamenei.)


  1. http://bit.ly/1kiyJGA 

  2. http://www.leader.ir/langs/fa/index.php?p=contentShow&id=12118 

  3. http://www.iribnews.ir/NewsBody.aspx?ID=53860 

  4. http://www.farsnews.com/newstext.php?nn=8811061600 

07/16/14

Schwarz. Rot. Gold.

Deutschland ist Fussball-Weltmeister, die Deutschen jubeln, und wieder stellt sich die Frage nach der Zulässigkeit von soviel Schwarz-Rot-Gold auf den Strassen. Tobt da etwa die neue deutsche Volksgemeinschaft?

Persönlich stehe ich dieser ganzen Fahnenschwenkerei reserviert gegenüber, halte es eher mit dem argentinischen Individualismus eines Jorge Luis Borges und überhaupt hat Daniel Fallenstein das so ziemlich Gescheiteste zu diesem Thema gesagt, was man nur sagen kann. Womit wir das Thema eigentlich abhaken könnten.

Eigentlich. Denn ein paar Dinge wollen doch noch gesagt werden angesichts der reflexhaften linken Gereiztheit, wenn es um die bundesdeutschen Farben geht. Denn Schwarz-Rot-Gold, die am 9. März 1848 erstmals deutsche Nationalfarben wurden, stehen nicht einfach für Deutschland, sie stehen für das demokratische Deutschland in der Tradition der Paulskirche.

Das ganze Projekt Bundesrepublik zielte von Anfang an auf einen Bruch mit der schwarz-weiss-roten Tradition Deutschlands und die Nazis wussten genau, warum sie Schwarz-Rot-Gold verachteten (Hervorhebung von mir):

1914 wurde ein furchtbarer Weg beschritten, 1919 ward er nicht rückgängig gemacht, die friedfertigen Regierungen der Weimarer Koalition fanden nirgendwo Ermutigung, nur Rückschläge, die sie schließlich ihren erbitterten Gegnern im eigenen Lande auslieferten. Jetzt ist die schwarz-rot-goldene “Judenfahne” endgültig begraben. An ihrer Stelle flattert die judenfeindliche Gewaltfahne mit dem Hakenkreuz.

… schrieb Arnold Zweig 19331. Dass die Bundesrepublik zum Teil von ehemaligen Funktionären des Naziregimes aufgebaut wurde, ändert nichts daran, dass ihre gesamte politische Symbolik darauf ausgerichtet ist, mit dem Obrigkeitsstaat und vor allem mit Nazi-Deutschland zu brechen.

Das schwarz-rot-goldene Deutschland in der Tradition der Paulskirche ist ein bürgerliches Projekt und die Verachtung des Bürgers war Preussentum und Romantik gleichermassen zu eigen. Beide hat der Historiker Hans Kohn nicht ohne Grund als wichtige Kräfte ausgemacht, aus denen sich der spätere Nationalsozialismus speisen sollte2

Auch wenn die Revolution von 1848 es nicht geschafft hat, den Obrigkeitsstaat abzuschaffen, so bleibt die Paulskirchentradition eine ehrwürdige, weil es ihr doch gelungen ist, Parlamentarismus und individuelle Grundrechte im Rahmen einer verfassungsmässigen Ordnung durchzusetzen. Damit taugt sie auch heute als Vorbild. Und dafür steht Schwarz-Rot-Gold.

Nein, es ist nicht die neue Volksgemeinschaft, die sich da auf Deutschlands Strassen austobt und deutscher Nationalismus ist ohnehin nur noch in rechtskonservativen Zirkeln präsent. Diese Dämonen sind gebannt. Rassistisch motivierte Gewalt gibt es, aber sie wird parteiübergreifend geächtet. Heute ist man weltoffen, bunt, tolerant. Die Probleme in Deutschland, wie sie vor allem unter Intellektuellen zutage treten, sind andere.

Sie lauten Kulturrelativismus; ein selbstgefälliger Pazifismus als vermeintliche Lehre aus Auschwitz; Ökologismus; Scheinheiligkeit und Idiosynkrasie in Bezug auf Dinge wie Wirtschaft, Wohlstand und Leistung; ein latenter Antiamerikanismus und Antiisraelismus sowie eine aussenpolitische Äquidistanz zwischen freiheitlichen und autoritären Kräften.

Hier muss angesetzt werden.


  1. Bilanz der deutschen Judenheit [1934], Leipzig 1990, S. 253. 

  2. Das zwanzigste Jahrhundert, Zürich et al. 1950, S. 90. 

07/13/14

Fatales Signal

Man kann nicht glauben, was sich gestern in Frankfurt abgespielt hat. Darauf muss man erst einmal kommen: Die Polizei gibt Anti-Israel-Hetzern Zugang zum Lautsprecherwagen, damit die ihre Parolen lautstark verbreiten können.

Möglich wurde das, weil die angemeldete “Free Palestine”-Kundgebung sehr viel mehr Unterstützer als die fünfzig, mit denen die Organisatoren angeblich gerechnet hatten, auf sich zog. Was dann geschah ist schier unvorstellbar, aber durch Filmmaterial belegt: “Allahu Akbar”- und “Kindrmörder Israel”-Rufe aus dem Megaphon eines deutschen Polizeiwagens!

Offenbar bedarf es nur einer genügend grossen Unterstützerzahl auf seiten der Demonstranten, schon ist staatlicherseits Deeskalation angesagt. Das hat man bei dem Hamburger “Flora”-Besetzern gesehen, und das sieht man bei den Verkündern eines “free Palestine”, womit ein Naher Osten ohne Israel gemeint ist.

Welch fatales Signal ausgesandt wird, wenn die Polizei ihren Lautsprecherwagen einem solchen Mob zur Verfügung stellt, scheint den Verantwortlichen gar nicht klar zu sein.

Was nützt eine Armada von Terrorismus- und Salafismusforschern, die sich um Syrien-Heimkehrer und Dschihadisten aller Art kümmert, wenn die Abwehrkräfte der Demokratie gleich beim nächsten Anti-Israel-Flashmob in sich zusammensinken wie Salzburger Nockerl an der kühlen Luft?

Natürlich hat die Polizei sich die Parolen nicht zu eigen gemacht – es ging ihr nur um die Beruhigung der Lage. Die Beruhigung der Lage ist nämlich das wichtigste in Deutschland. Aber um welchen Preis!

Aufgegangen ist die Strategie auch nur halb, denn die getroffene Absprache, den Polizeilautsprecher nur für Parolen in deutscher Sprache zu benutzen, wurde nicht eingehalten.

Aber das ist nur noch ein Detail dieser abstrusen und fatalen Geschichte, die sich gestern in Frankfurt zugetragen hat.

 

07/2/14

Nur keinen Flächenbrand, bitte!

“Keine noch so drastischen militärischen Maßnahmen werden die Sicherheit von Hunderttausenden Siedlern in der Westbank gewährleistet können, solange keine politische Lösung zur Beendigung der Besatzung gefunden wird”, schreibt da einer auf Qantara.de vor dem Hintergrund der jüngsten Entführung (und wie wir jetzt wissen: Ermordung) dreier israelischer Jugendlicher durch die Hamas. War es wirklich die Hamas? Wer soll es sonst gewesen sein?

Wen der Autor des Zitats mit seiner Forderung nach einer “politischen Lösung zur Beendigung der Besatzung” meint, mag er nicht offen aussprechen, aber sein Text lässt keinen Zweifel: Gemeint ist natürlich Israel, das sich schleunigst aus der Westbank zurückziehen und endlich einen Palästinenserstaat zulassen soll. Das Klischee von der “Spirale der Gewalt”, die durchbrochen werden müsse, konnte der Autor gerade noch vermeiden. Nicht die Hamas, soll ihren Frieden mit Israel machen und das Tor öffnen für einen eigenen Palästinenserstaat, sondern Israel soll in der Pflicht sein.

Und dann gibt es Frieden. Die Hamas entführt keine israelischen Jungs mehr, die Hisbollah legt die Waffen nieder und der ISIS singt Hava Nagilah.

Warum nur glauben das soviele westliche Intellektuelle? Warum glauben sie, dass der Terrorismus und Fanatismus, mit der die Region so gestraft ist, doch immer nur die Reaktion auf israelische oder westliche Politik seien? In dieser Sicht sind die arabischen und muslimischen Massen wie Billardkugeln, die einen Stoss von aussen bekommen und sich in einer Weise bewegen, die sie nicht zu verantworten haben. Was für ein Menschenbild!

Palestine_Damaskus_Kreutz

Sicher hat es immer wieder Schikanen an Palästinensern durch Siedler gegeben, doch liegt darin nicht die Ursache für den Nahostkonflikt, der weit älter ist als die israelische Besatzung. Was viele im Westen nicht verstehen wollen, ist, dass sich die Massen in der Arabischen Welt für Siedlungen in der Westbank gar nicht interessieren.

Was die Massen interessiert, ist eine Welt ohne Israel. Für sie ist Israel etwas fremdartiges, künstliches; etwas, das nicht in der Region zuhause ist; etwas, das verdammt ist unterzugehen; etwas, das früher oder später verschwinden wird. Mit Gewalt oder ohne. Juden werden als Religionsgemeinschaft zwar einigermassen akzeptiert – aber nicht als Nation. Die umfangreiche antisemitische Publizistik der Arabischen Welt spricht eine deutliche Sprache.

Wäre es anders, hätten die Palästinenser im Gazastreifen den Rückzug Israels als wichtigen Schritt hin zu Friedensverhandlungen begriffen. Mag sein, dass die Hamas vor allem als Protest gegen die Korruption der Fatah gewählt wurde – Tatsache bleibt, dass Israel für seinen Abzug keine Friedensdividende erhalten hat. Auch der im Jahr 2000 erfolgte israelische Abzug aus dem Südlibanon durch Ehud Barak hat Israel keinen Frieden mit dem Libanon gebracht.

Dabei ist es keineswegs so, dass es in der Arabischen Welt keine vernünftigen Leute gäbe. Viele, mit denen man als Westler ins Gespräch kommt, äussern sehr vernünftige Dinge. Ich selbst habe in den arabischen Ländern nie schlechte Erfahrungen mit den Menschen gemacht, ganz im Gegenteil. Das Problem ist das Kollektiv, das jeden Fortschritt in der Arabischen Welt verhindert oder langfristig zunichte macht.

Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal hat im Interview mit der “Zeit” dafür ein Beispiel gegeben: Fragt er seine Freunde, ob ihre Frauen und Töchter in einer demokratischen Gesellschaft unabhängig sein sollen, dann bejahen sie. Als Individuen denken sie fortschrittlich, akzeptieren Gleichberechtigung und Emanzipation der Frauen. Aber das übermächtige Kollektiv bremst sie aus: Keiner will bei der eigenen Familie anfangen, denn jeder fürchtet die Missbilligung durch die Gesellschaft. Also ändert sich nichts.

Was die arabisch-islamische Welt braucht, ist denn auch kein Reformislam oder eine Islamreform, sondern selbstbewusste Individuen, die den repressiven Charakter ihrer Gesellschaften (und nicht nur ihrer Regime) beenden. Solange ein übermächtiges Kollektiv das Sagen hat, wird es keinen Frieden und kein Ende der Gewalt geben. Einer aktuellen Umfrage des Washington Institute zufolge unterstützen weniger als 30% der Palästinenser das Projekt eines eigenen Staates an der Seite Israels.

Die Hamas zehrt davon, dass Gewalt gegen israelische Zivilisten weithin gebilligt wird: Als Israel vor mehr als zehn Jahren die UN in einem Resolutionsentwurf aufforderte, Selbstmordanschläge auf israelische Kinder zu verurteilen, waren es Länder wie Bahrain, Malaysia, Saudi-Arabien, Sudan und Ägypten, die den ursprüngliche Sinn des Entwurfes entstellten und letztlich zunichte machten.

Von solchen Dingen wollen westliche Kommentatoren wenig wissen. Stattdessen sind sie eilends bemüht zu erklären, dass Israel jetzt bloss nicht dieses oder jenes tun dürfe und dass die Aktionen der Hamas zwar verbrecherisch seien, aber … – Tatsächlich wusste die Hamas ganz genau, mit welchen Antworten sie rechnen muss, als sie drei israelische Jugendliche entführte.

Sie wusste genau, dass Israel immer sehr empfindlich reagiert, wenn man seine Staatsbürger entführt und sie ermordet. Wie sollte es auch anders ein? Das ganze Gerede vom “Flächenbrand” kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Entführung und Ermordung von Jugendlichen feige und ehrlos ist und nach einer entschlossenen Antwort verlangt.

Abb. Auslage eines Geschäftes in Damaskus (2010). Foto: Michael Kreutz.