Die Erfindung eines Versprechens

In der der Redaktion der “Zeit” interessiert man sich derzeit für die Kolonialgeschichte des Irak und hat sich ein bisschen in die ältere Literatur zum Thema eingelesen. Herausgekommen ist ein Artikel, der seiner Leserschaft vermittelt, dass “die Araber”, die von einem unabhängigen Grossreich träumten, von den Briten schmählich hintergangen wurden.

So soll dem Scherif Hussein von Mekka – dessen Anspruch, “die Araber” zu vertreten, im “Zeit”-Artikel gar nicht erst hinterfragt wird – vom “britischen Botschafter in Ägypten”, Arthur Henry McMahon, eine “entsprechende Führungsrolle in Aussicht gestellt” und die arabische Stämme mit “Selbstbestimmung” gelockt worden sein. “Doch aus McMahons Verheissungen”, heisst es lapidar, “wird nichts.” Denn die Briten selber, so der Artikel weiter, haben solche Visionen “torpediert”, als sie im Sykes-Picot-Abkommen von 1916 die arabischen Provinzen des Osmanischen Reiches untereinander aufteilten.

Dieses Narrativ, so populär es in der Arabischen Welt auch sein mag, ist aber schon vor längerem korrigiert worden. Zum einen ist mehr als fragwürdig, ob die arabischen Massen überhaupt an einem eigenen Grossreich interessiert waren. Als sich der Scherif Hussein an die Briten wandte, um diese für seine eigenen politischen Ambitionen einzuspannen, bot er als Gegenleistung an, aktiv gegen das Osmanische Reich vorzugehen, weswegen er einen grossen Rückhalt bei den Massen vorgab, der in Wirklichkeit weit geringer gewesen sein dürfte.

Der britische Hochkommissar in Ägypten, McMahon, liess seinen Gesprächspartner denn auch lediglich wissen, dass seine Regierung einer Übertragung des Kalifats auf eine arabische Dynastie nicht entgegenstehen werde. Auf präzise Grenzen wollte sich McMahon aber nicht festlegen, zumal man auf britischer Seite Zweifel hegte, dass eine Mehrheit der Araber sich so einfach gegen die Hohen Pforte stellen würde. Bis 1916 kamen die Unterredungen daher es zu keinen greifbaren Ergebnissen.

Das im selben Jahr geschlossene Sykes-Picot-Abkommen konnte einem britischen Versprechen, einen grossarabischen Staat unter Einschluss von Syrien zu errichten, daher nicht entgegenstehen, weil es ein solches nämlich gar nicht gab. Diese Lesart entstand erst später. Vor allem die Forschung von Elie Kedourie hat hier mit groben Missverständnissen aufgeräumt. Aber der deutsche Arabist Carl Brockelmann  hatte schon 1943 (!) darauf hingewiesen, dass Hussein von McMahon niemals „bindende Versprechungen, die mit dem Hinweis auf die Interessen Frankreichs abgelehnt wurden“, erhalten habe.

Im Schlussschreiben der Korrespondenz mit McMahon vom 30. Januar 1916 habe dieser, so Brockelmann, lediglich die Bereitschaft gezeigt, dass man die Zukunft der Provinz Bagdad zu gegebener Zeit erörtern werde. Zwar wurde der Wunsch nach einem Grossreich anerkannt, einen Vertrag gab es jedoch nicht, er ist eine Fiktion Husseins. Der Historiker Efraim Karsh hat zu recht darauf hingewiesen, dass vielmehr Hussein und sein Sohn es waren, die in täuschender Absicht Verhandlungen aufnahmen, indem sie vorgaben, die gesamte arabische Nation zu repräsentieren. Zudem hatten sie Geheimverhandlungen mit den Osmanen geführt, während sie den Briten signalisierten, mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Die Behauptung des Historikers James Barr, derzufolge die arabische Fassung aufgrund eines fehlenden Kommas (!) im englischen Text falsch übersetzt worden sei und so Hussein glauben machte, man habe ihm ein grossarabisches Reich vertraglich zugesichert, ist ebensowenig haltbar. Denn auch in diesem Punkt war schon Brockelmann, der die arabische Fassung kannte, zum Ergebnis gekommen, dass der in der Zeitung al-Manār abgedruckte arabische Text überhaupt als ein ratifizierter Vertrag anzusehen sei.

 

Der Skandal bleibt aus

Nicht unbedingt hilfreich, die allgemeine Skepsis gegenüber dem Islam abzubauen, ist der Umstand, dass manche seiner Wortführer die tatsächliche oder angebliche Diskriminierung von Muslimen nicht beklagen können, ohne dem Eindruck entgegenzuwirken, dass sie doch ein gewisses Verstehen für das Vorgehen fanatischer Glaubenskrieger hegen.

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Immer der Ami

Als die Amerikaner diverse nahöstliche Potentaten unterstützten,  waren nicht wenige im Westen der Meinung, dass es kaum Demokratie im Osten geben werde, solange die Amerikaner an jenen Potentaten festhielten. Seitdem eine amerikanisch geführte Koalition das irakische Baath-Regime gestürzt hat, heisst es, dass Amerika nun ein beispielloses Chaos im Land zu verantworten habe.

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