Wer hinter den Säureattacken steckt

Die Säureattacken auf mindestens vierzehn Frauen in der iranischen Stadt Isfahan hat weltweit Empörung ausgelöst, auch im Iran selbst. Nicht so recht klar geworden ist, wer eigentlich dahinter steckt.

Vor kurzem erst wurde bekannt, dass wohl eine radikale Gruppe namens Ansar-e Hojjat die Verantwortung für die Säureattacken trägt. Westlichen Medien scheint der Name der Gruppe bis heute nicht bekannt zu sein (versch. Schreibweisen berücksichtigt). Einzig bei der spanischen “El Tiempo” findet sie Erwähnung.

Über die Gruppe ist nicht viel in Erfahrung zu bringen. Eine beim iranischen Provider avistak.com gehostete und der Ansar-Hojjat offenbar zugeordnete Webpräsenz ist erst im Aufbau. Ihr Anführer ist dafür umso bekannter: Es soll sich dabei um Mohammad-Taqi Rahbar handeln, dem Imam der Freitagsmoschee von Isfahan, der zu den Hardlinern gehört und früher einmal Regierungsmitglied war.

Rahbar, ein enger Vertrauter des bekannten radikalen Ajatollah Mesbah-Yazdi, ist internationalen Medien ein Begriff. Schlagzeilen machte er, als die damalige Regierung unter Ahmadinejad Frauen in Führungsämtern berief, wogegen es, so Rahbar damals, religiöse Vorbehalte gebe.

Vor einigen Wochen hat Rahbar verkündet, dass die Zeit der bloss mündlichen Ermahnung, islamische Werte in der Öffentlichkeit einzuhalten (im Koran als Prinzip des “al-amr bi-l-maʿrūf wa-n-nahy ʿan al-munkar” bekannt), vorbei sei. Dabei ging es vorrangig um die korrekte Verschleierung. Rahbar hatte in der Vergangenheit schon ähnliche Äusserungen gemacht.

Und nun distanziert sich Rahbar von den Säureattentaten, verurteilt sie gar in der Öffentlichkeit!

Wer “al-amr bil-mʿrūf wa-n-nahy ʿan al-munkar” machen wolle, müsse dies im Rahmen des Gesetzes tun, entgegnete Rahbar, der niemals intendiert haben will, dass die bloss mündliche Ermahnung nicht genug sei. Mehr noch, Rahbar will die Öffentlichkeit sogar glauben machen, dass die Säureattacken der Versuch seien, den Islam in den Schmutz zu ziehen.

Von hier ist es nicht weit zur verschwörerischsten aller Verschwörungstheorien: die Zionisten waren es! Schon hat ein namentlich nicht genanntes Mitglied der nationalen Sicherheitskommission verlautbart, dass man zwar noch nicht wisse, wer genau hinter den Säureattacken stecke, dass aber auf jeden Fall “ausländische Nachrichtendienste und Israel” ihre Hand im Spiel hätten.

Alltag in der Islamischen Republik Iran.

Die Deutung des Gazakonflikts aus dem Geist des akademischen Kämmerleins

Recht besehen ist die Sache einfach: Israel ist von Ländern umgeben, in denen eine Mehrheit der Bevölkerung gar keinen Frieden mit Israel will, weil sie schlicht keinen jüdischen Staat im Nahen Osten akzeptiert. Nicht, dass man etwas gegen Juden hätte, im Gegenteil, Juden sind doch “unsere Brüder”, nur der Zionismus, sagen Leute, die keinen Schimmer vom Judentum haben, sei eben eine Ideologie, die nichts mit dem Judentum zu tun habe.

Nicht alle, die so sprechen, sind auch bereit, Gewalt anzuwenden. Aber alle klammern sie sich an die Vorstellung, dass Israel in der Region keinen Bestand haben könne – und bereiten so den Boden für diejenigen, die Israel mit Gewalt beseitigen wollen.

Denn wäre es der Hisbollah jemals ausschliesslich um die Befreiung des Südlibanon von der israelischen Besatzung gegangen, dann wäre im Jahre 2000 der Zeitpunkt gewesen, mit dem jüdischen Staat in Friedensverhandlungen zu treten. Damals hatte Israel unter Ehud Barak sich in einer einzigen Nacht aus dem Südlibanon zurückgezogen.

Und ebenso gilt: Wäre es jemals der Bevölkerung des Gazastreifens um das Ende der Besatzung gegangen, dann hätte auch sie 2005 die Gelegenheit gehabt, einen Frieden mit Israel auszuhandeln. Stattdessen ist mit dem Rückzug der israelischen Truppen die Region nur noch gefährlicher geworden. Die israelische Blockade des Gazastreifens war eine Reaktion auf die Feindseligkeiten der Hamas, nicht umgekehrt.

Das alles ist hinlänglich bekannt und wurde auch auf diesem Blog wieder und wieder thematisiert und mit dem Verweis auf Originalquellen nahöstlicher Führer untermauert. Aber noch geringer als die Aussicht auf eine Beilegung des israelischen Konflikts mit Gaza ist wohl die Chance, dass auch unsere Orientschwärmer begreifen, worum es im Nahen Osten, und besonders in Gaza, wirklich geht:

Eigentlich wäre dieser Konflikt ausgesprochen einfach zu lösen: Zweistaatlichkeit, sowie die Räumung der besetzten Gebiete. Es gibt nur wenige Akteure und eine Lösung, die jeder seit zwanzig Jahren kennt. Trotzdem ist sie unerreichbar, weil insbesondere von der israelischen Rechten nicht politisch gewollt.

Der das in einem Interview mit der Zeitschrift “Bene” von sich gibt, ist Jochen Hippler, ein nicht ganz unbekannter Friedens- und Konfliktforscher, der sich schon seit Jahrzehnten mit diesen Dingen befasst. Dabei sind sämtliche Berichte über eine De-facto-Anerkennung der israelischen Existenz durch die Hamas, wie sie hier einfach vorausgesetzt wird, nichts weiter als: Gerüchte. Diese geistern noch heute durch westliche Mainstreammedien und linke Blogs, obgleich sie schon längst dementiert worden sind.

Da sitzt also einer jahrzehntelang im akademischen Kämmerlein und alles, was er zustandebringt, ist, diejenigen Deutungsmuster zu reproduzieren, die schon immer falsch waren, aber vor dem Hintergrund der Ereignisse der vergangenen Dekade nun erst recht als falsch hätten erkannt werden müssen. Doch nichts dergleichen.

Laut der gedruckten Ausgabe (nicht online) fand das Interview mit unserem Friedensforscher übrigens im September statt, “bevor er zu einer dreiwöchigen Reise in den Iran aufbrach.” – Was er dort gemacht hat? Vielleicht hat er ja ein paar ältere Fehleinschätzungen zum Thema Iran korrigieren gelernt. Und vielleicht fällt dann auch der Groschen in Sachen Gazakonflikt, auch wenn man es nicht so recht glauben mag. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Unser Wunschislam

Wenn es um die akademische Beschäftigung mit dem Islam geht, wird es häufig romantisch. Ein aktuelles Beispiel da für gibt ein Vertreter der “komparativen Theologie”, der im Interview mit dem “Tagesspiegel” einige recht erstaunliche Dinge verkündet. Grundtenor ist wieder einmal die Behauptung, dass der Islam nicht den Terroristen überlassen werden dürfe. So lobenswert dieses Unterfangen ist, so zweifelhaft sind einzelne Aussagen. So wird über die Steinigung behauptet:

“Tatsächlich ist dieses Recht bis zum 19./20. Jahrhundert nie angewendet worden.”

Eine solche Annahme ist gewagt. Auch der Theologe hat keine Kristallkugel, die ihm mit Sicherheit verraten kann, ob es die Steinigung vor dem 19. Jahrhundert gegeben hat oder nicht. Tatsache ist, dass die Steinigung als besonders demütigende Strafe immer nur halb-öffentlich vollstreckt wurde, d.h. unter einem Kreis ausgesuchter Zuschauer, die zugleich Steinewerfer waren. Sie wurde daher grundsätzlich nicht dokumentiert.

Bei den Osmanen waren die Arten der Todesstrafe nämlich nach ihrer Ehrenhaftigkeit abgestuft, wobei das Hängen an oberster Stufe der Hierarchie stand, das Steinigen an unterster. Deshalb auch liess man sie, anstatt von einem staatlich bestellten Henker, von Frauen oder Kindern ausführen. Verhängt wurde die Steinigung für Prostitution und Ehebruch, zuweilen wurde sie durch das Ertränken ersetzt. Möglicherweise war sie über Jahrhunderte hinweg tatsächlich nicht praktiziert worden, aber mit Sicherheit können wir das nicht sagen.

Immerhin können heutige Islamisten ins Feld führen, dass schon Muḥammad einen Ehebrecher gesteinigt haben soll. Davon erzählt z.B. ein Gedicht des mittelalterlichen Dicherts al-Maʿarrī. Berichte von Steinigungen im 20. Jahrhundert stammen von westlichen Reisenden, aber das heisst, wie gesagt, nicht zwingend, dass es sie vorher nicht gegeben hat. Merkwürdig auch folgende Behauptung, ebenfalls zum Thema Steinigung:

“Es ist eine moderne Erfindung, so eine bestialische Interpretation islamischer Normen vorzunehmen. Diese Entwicklung war eine Reaktion auf die Kolonialzeit, auf Versuche einer gewaltsamen „Aufklärung von oben“.”

Wann und wo hat es in der Kolonialzeit Versuche einer gewaltsamen Aufklärung gegeben? Und welche Kolonialzeit ist hier gemeint: die osmanische oder die britisch-französische? Wahrscheinlich spielt der Theologe auf Bauers These vom “Gesetz der Asynchronizität” an, aber abgesehen davon, dass es auch in Bauers Buch von Ungereimtheiten nur so wimmelt, hat dieses Gesetz nichts mit einer “Aufklärung von oben zu tun”.

Tatsächlich waren arabische Intellektuelle des 19. und frühen 20. Jahrhunderts von Westeuropa so begeistert, dass sie dessen Kultur umfassend rezipierten, während sich unter ihnen ein antitürkisches Feindbild breitmachte, dass den Osmanen die Schuld am wissenschaftlichen Rückstand der Arabischen Welt gab. Die “bestialische Interpretation islamischer Normen” lässt sich sicherlich auf einen gescheiterten Aufklärungsprozess zurückführen, aber dieser war kein von oben gesteuerter. Bestenfalls eine Halbwahrheit bedeutet auch die Aussage zum Kopftuch:

“Eine Vorschrift für Frauen, ein Kopftuch zu tragen, lässt sich aus dem Koran nicht so ohne weiteres ableiten, eine Totalverschleierung überhaupt nicht. Das ist reine Tradition.”

Sicher. Der Korankenner Rudi Paret hat diese Beobachtung gemacht und vor ihm manch anderer, auch der grosse Frauenbefreier Qāsim Amīn. Wenn wir allerdings den Islam auf den Koran reduzieren, dann müssen wir feststellen: So ganz eindeutig findet sich dort auch kein Verbot des Alkoholgenusses oder der Knabenbeschneidung. Die Frage ist also, ob man den Islam wirklich auf den Koran reduzieren kann, oder ob nicht auch viele Traditionen der islamischen Kultur islamisch genannt zu werden verdienen, sofern sie  mit der Religion begründet werden. Zweifelhaft ist auch folgende Aussage:

“Auch den sogenannten Ehrenmord gibt es weder im Koran noch in der Scharia.”

Daran ist soviel richtig, dass das Wort “Ehre” (šaraf) im Koran nicht vorkommt. Der Ehrbegriff hat indes eine vorislamische Wurzel: Das arabische murūʾa bezeichnet die äusserlich sich zeigende Ehre, wie sie im Wettkampf angestrebt wird; daneben gibt es den (ebenfalls schon in vorislamischer Zeit anzutreffenden) Begriff des ʿirḍ, der einen gesellschaftlichen Vorrang begründete und Gegenstand einer ritualisierten Schmähung, mufāḫara, werden konnte, an deren Ende mitunter Mord und Stammesfehde standen.

Andererseits gibt es die koranische Aufforderung zur Keuschheit (24,33), die zwar für beide Geschlechter gilt, doch wird bei Übertretung faktisch nur die Frau zur Rechenschaft gezogen, weil der Mann ausserhalb der Ehe auch Konkubinen haben darf (70,29-30; 23,5-6) und auch sonst über der Frau steht. Ehrenmorde werden fast immer für Überschreitungen der Sexualmoral (Koran 70,31) vollzogen und sind keine Affekttaten.

Natürlich lässt sich hier manches auch zeitgemäss interpretieren, aber das heisst nicht, dass man den Ehrenmord nicht aus dem Koran ableiten könnte. Naheliegend ist jedenfalls, ihn mit dem koranischen Prinzip des al-amr bi-l-maʿrūf wa-n-nahy ʿan il-munkar in Verbindung zu bringen, das sich an den einzelnen Gläubigen richtet, die Durchsetzung islamischer Werte in die eigenen Hände zu nehmen. 

Auch bei der “Süddeutschen” hat man sich einen Wunschislam ausgedacht, der natürlich nichts mit dem zu tun hat, was junge Dschihadisten so antreibt: Diese nämlich, wie die Leserschaft erfährt, würden vielmehr “angefeuert von Predigern eines pervertierten Dschihad, der eigentlich der “Weg Gottes” sein soll, den diese Prediger aber als Karawane des Terrors inszenieren.” Denn Gott ist schliesslich barmherzig und der Weg Gottes muss dann der der Barmherzigkeit sein.

Eine hübsche Theorie, sie basiert aber nicht auf dem Koran, sondern auf einem Gerücht. Das koranische “fī sabīl Allāh”, auf das hier angespielt wird, heisst eben nicht “auf dem Weg Gottes”, wie ich an anderer Stelle (s.a. hier) dargelegt habe, sondern “für die Sache Gottes” oder “um Gottes willen”. In diesem Kontext bezeichnet “Gott” keine Art und Weise, sondern ein Ziel – und das ist eben auch das Ziel der Dschihadisten. Aber Fakten sind natürlich zweitrangig, wenn es um das noble Ziel geht, den Islam nicht den Terroristen zu überlassen.