04/9/14

Lektion aus Tiflis

Eigentlich sollte hier so bald nichts mehr zum Thema Ukraine erscheinen, doch wie es der Zufall will, hat der amerikanische Journalist Michael J. Totten bemerkenswerte Informationen zum Thema beizusteuern, die sich im Rückblick als so erhellend herausstellen, dass wir sie kurz erwähnen wollen.

“Where the West Ends” lautet der Titel von Tottens 2012 erschienenem Buch, das von den Ereignissen auf der Krim noch nichts wissen konnte. Totten berichtet darin von seiner Begegnung mit dem ungarischen Politiker Mátyás Eörsi in der georgischen Hauptstadt Tiflis.

Eörsi erklärt dem amerikanischen Journalisten, wie es zur russischen Besetzung von “Südossetien” kam. Auffällige Parallelen bestehen jedenfalls zwischen dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag 1956, den Ereignissen in der Tschechoslowakei 1968 und der Jahrzehnte später von Moskau erhobenen Behauptung, der georgische Präsident Saakaschwili habe Russland provoziert.

Diese Behauptung war in Moskau immer dann laut geworden, wenn ein der sowjetischen bzw. russischen Einflusssphäre zugehöriges Land versucht, seinen eigenen Weg zu gehen.

Während im Zuge der ersten NATO-Erweiterung gen Osten führende europäische Politiker reihenweise nach Moskau fuhren, um der russischen Seite zu versichern, man plane nichts, was den Interessen Moskaus schaden könne, war es der Sicherheitsberater der amerikanischen Regierung, Zbigniew Brzezinski, der vor dieser Beschwichtigungspolitik warnte.

Brzezinski hatte begriffen, dass der Verzicht auf eine Erweiterung in Moskau nur als Signal verstanden werde, die eigene Einflusssphäre auszubauen. Für einen Staat wie die russische Föderation sei es unmöglich, über den Verlust des Grossmachtstatus hinwegzukommen.

In der Sowjetunion, so Eörsi, haben Millionen Russen in Armut gelebt, aber immerhin Stolz darüber empfunden, eine Supermacht zu sein. Auf der Woge dieses empfundenen Verlusts segelt Wladimir Putin. Und an dieser Stelle, so schreibt Totten in seinem Buch, kam man auf das Thema Ukraine zu sprechen.

Wäre im Westen der politische Wille vorhanden gewesen, so Eörsi, hätte die Ukraine innerhalb eines einziges Tages NATO-Mitglied werden können – so wie es auch der Fall war mit Griechenland und der Türkei. Diese Chance wurde vertan, weswegen Eörsi prophezeite, dass die Ukraine stärker ins Fahrwasser Moskaus geraten werde. 

Er sollte recht behalten: 2010 wurde der pro-russische Viktor Janukowitsch Präsident der Ukraine. 

Das war aber noch nicht alles: Totten weiss auch zu berichten, was geschah, bevor es zum russischen Einmarsch in Südossetien kam. Russische Fernsehsender, so berichtete ihm eine Georgierin, hätten seinerzeit Georgien als faschistisches Land gezeichnet, das von Nazis regiert werde.

Kommt einem das nicht bekannt vor?

03/12/14

Sympathien für ein autoritäres System

Woher kommt eigentlich das Verständnis, das so viele in Deutschland für Putins autoritäres Russland aufbringen? Dass die Krim einmal zu Russland gehört und Chruschtschow sie 1954 auf eine Weise an die Ukraine abgetreten hat, die nicht ganz völkerrechtskonform war, ist irrelevant. Nach dem Niedergang des Sowjetsystems hat Russland die Ukraine in ihren Grenzen spätestens 2001 vollständig anerkannt und sich darauf eingelassen, für die Stationierung der eigenen Schwarzmeerflotte einen Pachtzins zu bezahlen.

Dass die Ukraine zuletzt nicht mehr bereit war, den Pachtvertrag zu verlängern, hing mit der Europaorientierung des Landes zusammen, der eine militärische Anbindung an Russland entgegenstand. Präsident der Ukraine war damals Viktor Juschtschenko, der Opfer eines Dioxinanschlages wurde – der Verdacht liegt nahe, dass dies das Werk des russischen Geheimdienstes war.

Mittlerweile sah sich die Ukraine trotz geklärter Grenzfrage durch Russland in seiner territorialen Integrität bedroht, als letzteres einen Damm im Asowschen Meer zu bauen beabsichtigte. Die davon betroffene Strasse von Kertsch trennt Russland von der Krim. Die Ukraine sah darin schon damals ein Vorgehen, das dazu bestimmt war, die Annäherung des Landes an Europa zu behindern.

Auch der drastische Preisanstieg für Rohöl 2005, das die Ukraine ganz überwiegend aus Russland bezieht, dürfte als Disziplinierungsmassnahme zu verstehen gewesen sein. Die Teuerungsrate betrug damals fünfzig Prozent innerhalb weniger Monate. Dass die russische Wirtschaft schwach ist und aussenpolitische Krisen zur Stabilität des Systems beitragen, sollte dem Westen Anlass genug zur Wachsamkeit sein.

Das riesige Russland, das eine gemeinsame Grenze mit Norwegen ebenso wie mit China teilt, will sich mit Vasallenstaaten umgeben, die bei Unbotmässigkeit zurechtgestutzt werden. Und das im ganz wörtlichen Sinne: Georgien (Abchasien- und Südossetien-Konflikt) und Moldawien (Transnistrien-Konflikt) bieten unrühmliche Beispiele für die Willkür eines Grossstaates. Man darf nicht verkennen, dass Russland eine ausgeprägte anti-europäische und anti-westliche intellektuelle Tradition hat. Noch heute wird in Russland von Europa gesprochen, als sei es ein fremdes Land, notierte der britische Historiker Timothy Garton Ash.

Der Versuch von russischer Seite, die Ukraine zu beherrschen und sie dem eigenen Staatskörper einzuverleiben, ist jedenfalls nicht neu, sondern geht bis auf das 17. Jahrhundert zurück. Knapp hundert Jahre später hatte die russische Expansion eine Stossrichtung gen Schwarzes Meer eingemommen, das damals vom Osmanischen Reich beherrscht wurde. Dieses geriet mit der russischen Eroberung der Festung Asow auf der Krim im Jahre 1736 und dem Niedergang des Kosakenstaates unter massiven Druck.

Denn die osmanische Festungslinie, die Belgrad mit der Stadt auf der Krim verband, war nun zerstört worden. In den 1730er Jahren hatte Russland Festungen gebaut, die in einer “kaukasischen Linie” das Schwarze mit dem Kaspischen Meer verbanden. Zwar wurde Asow im Belgrader Frieden von 1740 Russland zugesprochen, doch hatte dieses sich u.a. zu verpflichten, Festungen zu zerstören und von einer Beschiffung des Schwarzen Meeres Abstand zu nehmen. Russland aber blieb hungrig.

Im Jahre 1771 unterwarf es die Krim, die die Osmanen im Vertrag von Küçük Kaynarca 1774 endgültig aufgeben mussten. Zugleich erhielt Russland ein Schutzrecht für die orthodoxen Christen unter osmanischer Herrschaft zugesprochen. Im Gegenzug rückte der Zar lediglich davon ab, die Uanbhängigkeit der Donaufürstentümer Moldau und Walachei von osmanischer Herrschaft zu fordern. Doch Russland blieb weiter hungrig.

Mitte des 19. Jahrhunderts fiel es dann in die Donaufürstentümer ein, angeblich um die Rechte der orthodoxen Christen im Osmanischen Reich zu schützen. Die Westmächte standen damals auf der Seite der Osmanen und griffen auf der Krim an. Russland erlitt eine Niederlage, doch erhielt es die besetzten Gebiete mit dem Pariser Kongress von 1856 offiziell wieder zurück. Dagegen drängten die Westmächte das Osmanische Reich zu inneren Reformen, um Russland keinen Vorwand für künftige Einmischungen zum Schutze der orthodoxen Minderheit mehr zu geben.

Muslimische Flüchtlinge hingegen, die ihre Heimat auf der Krim hatten verlassen müssen, kehrten nicht zurück. Sie liessen sich zunächst in Kleinasien und Rumelien nieder, bevor sie eine neue Heimat in Syrien fanden. Anfang des 20. Jahrhunderts betrug ihre Gesamtzahl in Syrien immer noch mehr als 30.000 und offenbar hatten sie sich nicht assimiliert, wie das britische Aussenministerium seinerzeit feststellte.

Heute bietet der Schutz der vermeintlich bedrohten russischen Minderheit wieder einmal den Anlass für die russische Expansion – und wieder einmal trifft es die Krim. Tatsächlich ist die Behauptung, Russen in der Ukraine seien gefährdet, mehr als fragwürdig. Das geleakte Telefonat zwischen dem estnischen Aussenminister Paet und der EU-Aussenbeauftragten Ashton ist zwar authentisch, als Indiz für einen gezielten Scharfschützenanschlag auf Russen aber wohl wertlos, wie das estnische Aussenministerium klarstellte.

Was die Rechtsradikalen betrifft, so kann man ihr Auftreten und ihre Rolle in der Ukraine kritisieren und anprangern – sollte es sogar! –, dies aber nicht zum Anlass nehmen, Putins Aussenpolitik zu legitimieren. Fragwürdig ist auch die Vorstellung, dass jeder, der Russisch spricht, sich automatisch zu Russland gehörig fühlt.

Das russische Aussenministerium hat unterdessen einen eigenen Sündenbock gefunden und beschuldigt Polen, Maidan-Kämpfer ausgebildet zu haben, was der polnische Verteidigungsminister Siemoniak zurückweist. Ohnehin fragt man sich in Polen und im Baltikum, wann Russland auf die Idee kommt, eine ähnliche Abspaltungspolitik zu betreiben, wie sie jetzt in der Ukraine zutage tritt.

Putin selbst hatte eine Annexion der Krim noch ausgeschlossen, als schon zwei Tage später die russische Staatsduma die rechtlichen Grundlagen für eine mögliche Annexion beriet. Tatsachen wurden auch dadurch geschaffen, dass Russland alle nicht-russischen Verbände auf der Krim als illegal betrachtet.

Hierzulande gibt es jedoch eine tolle Allianz aus Linken, Liberalen und Rechtskonservativen, die erstaunlich viel Verständnis für die russische Aussenpolitik aufbringen. Richard Herzinger hat in der “Welt” einiges zur Dimension des schwärmerischen Russlandbildes in Deutschland zusammengetragen. Natürlich muss Europa mit Russland in Frieden leben und natürlich sind gutnachbarschaftliche Beziehungen in beiderseitigem Interesse.

Bislang sind es aber das autoritäre System Putin und die anti-europäischen Kräfte Russlands, die dem entgegenstehen.

03/2/14

Blick zurück nach vorn

Noch nach fünfzig Jahren ist der überlieferte Briefwechsel zwischen Hans Blumenberg und Jacob Taubes aufschlussreich, wenn es um das intellektuelle Klima der 60er und 70er Jahre geht. Das gilt auch in Hinsicht auf den Umgang mit anderen Meinungen und Anschauungen seitens zweier Gelehrter in einer Zeit, in der der universitäre Betrieb noch stark von der Vergangenheit überschattet war.

Blumenberg, Philosoph zunächst in Giessen, dann in Münster, hielt überraschend wenig von Taubes, dieser von jenem aber umso mehr, wie der Briefwechsel, der im vergangenen Jahr aus dem Nachlass der beiden Gelehrten herausgegeben wurde, eindrucksvoll zeigt.1  Taubes umschmeichelte seinen Gesprächspartner bei jeder Gelegenheit, machte ihm Komplimente und versuchte, den Kontakt mit Blumenberg für sein Netzwerk am Laufen zu halten. Und das erfolgreich.

In einer längeren Passage über seine recht isolierte Stellung in der akademischen Gelehrtenschaft gab Blumenberg preis, dass er bei Gadamer nicht wohlgelitten war, wie er überhaupt für alle Heidegger-Schüler (zu denen auch Gadamer gehörte) als untragbar galt. Dies war der Fall, seitdem Blumenberg der Freiburger Fakultät schriftlich erklärt hatte, dass er die Tradition jenes Lehrstuhls “auf gar keinen Fall” respektieren wolle.2

Blumenberg hatte nach eigenen Worten “nie persönliche oder sachliche Sympathie für Martin Heidegger” und seinen Einfluss hielt er für “unselig”, doch — und das ist das eigentlich Bemerkenswerte — hinderte ihn dies nicht daran, gegen dessen “neuere Zensoren” aufzubegehren, wie er noch mehr als zehn Jahre später gegenüber Taubes bekundete.3 Von dieser Haltung sollte Blumenberg auch Jahre danach nicht abrücken.

Das war keineswegs selbstverständlich, Heidegger hatte doch seinerzeit für den Nationalsozialismus nicht nur Partei ergriffen, sondern — was er nach dem Krieg zu relativieren suchte – diese Parteinahme auch mit seiner Philosophie begründet. Davon berichtet ein anderer Philosoph, nämlich Karl Löwith, der 1936 auf einer Vortragsreise nach Rom ebendort auf Heidegger getroffen war und diesen unmittelbar mit der Behauptung konfrontierte, dass das eine sich aus dem anderen ergäbe.

Wie aus Löwiths 1986 erschienenen Memoiren hervorgeht, hatte Heidegger, der während seines gesamten Aufenthaltes in Rom das Parteiabzeichen trug, ihm ohne Vorbehalte zugestimmt. Blumenberg wiederum, der Löwiths Memoiren gelesen hatte, warf Heidegger eine obstruktive Haltung seiner eigenen Vergangenheit gegenüber vor, verteidigte aber dessen “Recht auf Irrtum” – wenn auch nicht ohne den ironischen Zusatz “… das er gründlich wahrgenommen hat”.4

Ähnlich verfuhr Blumenberg mit Carl Schmitt, mit dem er selbst das Gespräch gesucht hatte.5 Dass der damals fast neunzigjährige Schmitt von manchen gemieden wurde, dafür hatte Blumenberg Verständnis, doch kritisierte er die damit so oft einhergehende “Selbstdarstellung” und die “moralischen Zensoren”, “die an allen Ecken und Enden ihre Gerichtstage halten, wieder Schilder umhängen und Plätze auf der Skala zwischen Rechts und Links verteilen”, um dann zu entscheiden, wer als verbrannte Figur zu gelten habe und wer nicht.6

Aber auch  Taubes, politisch der Linken zugehörig, sollte Courage beweisen, und das nicht nur im Umgang mit Blumenberg, der oft konträre Positionen vertrat. So wollte Taubes keinen geringeren als Emil Cioran für ein Kolloquium einladen, einen erzreaktionären Denker, den er jedoch als “zu der ganz seltenen Spezies der Rechtsintellektuellen” gehörend bezeichnete. Dass Taubes dessen Ansichten schätzte, kann ausgeschlossen werden. Sein Motiv war ein anderes: “Die Linke, wenn sich selbst überlassen, wird schal und oberflächlich” – da brauchte man einen Widerpart.7

Heute herrscht in der Gesellschaft eine gewisse Leichtfertigkeit vor, Meinungen und Personen zu skandalisieren. Seit damals hat sich wenig geändert. Umso eindrucksvoller bleibt daher, welche Lust an der Kontroverse und welcher Sportsgeist einen Jacob Taubes und einen Hans Blumenberg noch ausgezeichnet haben.


  1. Hans Blumenberg und Jacob Taubes, Briefwechsel 1961-1981 und weitere Materialien, hrsg. von Herbert Kopp-Oberstebrink, Martin Treml, Anja Schipke und Stephan Steiner, Berlin 2013. 

  2. Blumenberg an Taubes, Giessen, 22.3.1965, in: Briefwechsel … (wie Fussnote 1), S. 48. 

  3. Blumenberg an Taubes, Münster, 24.5.1977, in: ebd., S. 174. Zum “unseligen Einfluss” s. Hans Blumenberg, Die Verführbarkeit des Philosophen, Frankfurt/Main 2005, S. 109. 

  4. Karl Löwith, Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933: Ein Bericht, Stuttgart 1986, S. 57, 88, zit. nach Blumenberg, Die Verführbarkeit … (wie Fussnote 3), S. 100-3. 

  5. Hans Blumenberg und Carl Schmitt, Briefwechsel 1971-1978 und weitere Materialien, hrsg. von Alexander Schmitz und Marcel Lepper, Frankfurt/Main 2007. 

  6. Blumenberg an Taubes, Münster, 24.5.1977, in: Briefwechsel … (wie Fussnote 1), S. 174. 

  7. Taubes an Blumenberg, Berlin, 20.9.1966, in: ebd., S. 103. 

02/13/14

Die EU, ihr Parlamentspräsident und das Wasser in der Westbank

Was der Anlass der Rede war, die EU-Parlamentspräsident Martin Schulz in der israelischen Knesset hielt, ist nicht ganz klar, es dürfte jedoch mit der Tatsache zusammenhängen, dass Schulz am Tag zuvor die Ehrendoktorwürde der Hebräischen Universität entgegengenommen hat. Dann konnte man ihn auch gleich in die Knesset einladen.

Auch wenn es nur “rechtsgerichtete” Abgeordnete waren, die während der Rede empört den Saal verliessen, so lässt der Vorgang jedoch tief blicken. Schulz, der glaubt, er habe eine “pro-israelische Rede gehalten“, hat letztlich nur gezeigt, dass auch er zu dem Heer derer gehört, die eine Meinung zum Nahostkonflikt haben, aber die Dinge weder analysieren noch sie verstehen wollen.

Das zeigt der Wortlaut der Rede nur zu deutlich, dessen Tenor darin besteht, dass der Konflikt ganz einfach zu lösen wäre, wenn sich die israelische Seite nur einen Ruck geben würde. Man müsse nur verhandeln, sich zurückziehen, weniger Wasser in der Westbank verbrauchen – und schon sei der Frieden nicht fern.

Klar, Frieden ist besser als Krieg, und haben nicht Itzchak Rabin, Schimon Peres und Willy Brandt gezeigt, wie weit man kommen kann, wenn man mit dem Feind verhandelt? Sind Kompromisse nicht besser als sturres Beharren auf der eigenen Position? Führen Besetzung und Siedlungsbau nicht zwangsläufig zu Terror? Und musste das nicht einmal gesagt werden?

Was Leute vom Schlage eines Martin Schulz allerdings nicht sehen, ist die Tatsache, dass Israel schon lange verhandelt, Kompromisse geschlossen und sich zurückgezogen hat. Doch hat Israel weder für das Oslo I-Abkommen, mit dem mind. 60% der Bevölkerung in der Westbank der Verwaltung durch die PA unterstellt wurden, noch für den Abzug der israelischen Truppen aus dem Südlibanon 2000 oder durch die Evakuierung der jüdischen Bevölkerung Gazas 2005 eine Friedensdividende erhalten. Im Gegenteil.

Auch beim Wasserverbrauch in der Westbank liegen die Dinge nicht so einfach. Zwar berichtet die palästinensische Wasserbehörde (die Website ist derzeit nicht erreichbar, nur ihr Auftritt auf Facebook), dass es ein Problem mit Wasserdiebstahl gibt und ebenso temporäre Konflikte über die Wasserverteilung mit der Siedlung Efrat. Auch werden Sabotageakte am Kanalisationssystem beklagt – zugleich wird eingeräumt, dass technische Probleme die Sabotageakte gar nicht nötig gemacht hätten.

Der zentrale Denkfehler, der nicht nur Schulz bei diesem Thema unterläuft, liegt jedoch in dem Irrglauben, es handele sich allein um Wasser aus der Westbank, das in der Westbank verbraucht wird und von dem die israelischen Siedler einen überproportional hohen Anteil für sich beanspruchen.

Tatsächlich gibt es einen Nettozufluss von Wasser aus Israel ins Westjordanland, von dem nicht nur die Siedler profitieren, sondern auch die Palästinenser. Wilde Brunnenbohrungen haben grundwasserführenden Schichten der Westbank ebenso zugesetzt wie sie in Gaza ein ökologisches Desaster verursacht haben.

Alles nur israelische Propaganda? Wer das glaubt, soll es beweisen. Dass den Palästinensern allein dadurch Unrecht geschehe, dass israelische Siedler mehr Wasser zur Verfügung haben, ist jedenfalls nicht schlüssig. Wie auch manch anderes Argument, das so gerne vorgebracht wird, wenn es um die Ursache des Nahostkonfliktes geht.

01/16/14

Die Hagia Sophia und das Ende des 1. Weltkrieges

Dass die Hagia Sophia in Istanbul wieder zu einer Moschee gemacht werden soll, ist ein Gedanke, der in der türkischen Politik und Öffentlichkeit immer wieder einmal aufkommt. Die Frage nach ihrer Bestimmung geht im wesentlichen bis auf das Jahr 1919 zurück, als in Paris die Friedenskonferenz tagte. Ein Artikel des Turkologen Klaus Kreiser in der “SZ” bietet eine gute Gelegenheit, sich einmal anzuschauen, welche Debatte damals ihrer Umwandlung in ein Museum vorausging.

Heute macht man sich kaum eine Vorstellung davon, wie gross seinerzeit die internationale Anteilnahme war, als es um die Zukunft der Hagia Sophia ging. Wer einmal im britischen Nationalarchiv in London ist, kann anhand der zahlreichen Dokumente zum Thema einen faszinierenden Einblick in diese Epoche gewinnen.

Die Hagia Sophia war mehr als nur eine Kirche, vielmehr ein Symbol griechischer und christlicher Präsenz am Schnittpunkt von Europa und Asien – aber eben auch Trophäe osmanischen Vordringens gen Westen. Jahrhundertelang diente sie dem osmanischen Staat als Hauptmoschee. In Europa tendierte man dazu, die Kirche in griechische Hände zu geben. 

Schon damals stand aber auch die Möglichkeit im Raum, sie in ein Museum umzuwandeln, seitdem der osmanische Kriegsminister Fethi Ahmed Paşa 1846 eine Antikensammlung  in der byzantinischen Kirche Hagia anlegte. Man hatte also schon ein Vorbild für die Säkularisierung von Kirchengebäuden.

Derweil hatte sich in London ein St. Sofia Redemption Committee gegründet, das die Zeit für beendet hielt, in der die Osmanen über die Kirche gebieteten. Das Committee hob hervor, dass selbst die Islamische Welt sich von osmanischer Grausamkeit abgewandt habe. Schon habe sich der Scherif von Mekka gegen den Sultan erhoben.

Mit dem Argument, die christlichen Bevölkerung bilde die “grosse Mehrheit” in Konstantinopel, sei es allein von daher nur gerecht, die Hagia Sophia den Christen zu überlassen, während die Muslime doch andere Grossmoscheen zur Verfügung haben, darunter die Süleymaniye-Moschee. Auch habe die Hagia Sophia für die Muslime nicht die Bedeutung wie für Christen, zumal auch Konstantinopel keine den Muslimen heilige Stadt sei. Der muslimische Anspruch auf die Hagia Sophia sei doch eher ein politischer.

Dagegen verabschiedete die Anglo-Osmanische Gesellschaft im März 1919 eine Resolution, die von der Tatsache ausging, dass die Hagia Sophia nunmehr 500 Jahre die Hauptmoschee im Herzen der Islamischen Welt gewesen sei. Ohnehin sei die Mehrheit der Bevölkerung von Konstantinopel und dessen Umland türkisch bzw. islamisch, und nicht griechisch bzw. christlich.

Diese Haltung traf in der britischen Diplomatie auf ein gewisses Verständnis. Im britischen Aussenministerium wurde darauf hingewiesen, dass Religionsfreiheit und die Gleichbehandlung der Religionen eine Sache sei, die Übergabe der Hagia Sophia an die Griechen jedoch eine andere. Die ganze Frage um die zukünftige Bestimmung der Hagia Sophia war auch deshalb so heikel, weil allgemein die Gefahr gesehen wurde, dass die Rückgabe der Kirche an die christliche Bevölkerung mit der Notwendigkeit verbunden sein könnte, die Türken aus Konstantinopel zu vertreiben. Diese Furcht war nicht ganz von der Hand zu weisen.

Im Verlauf der Debatte meldete sich nämlich auch eine Gruppe von Angehörigen der Universität Oxford in einem gemeinsamen Brief an die Teilnehmer der Friedenskonferenz zu Wort. Da die osmanischen Herrscher als auch die Bevölkerung sich unfähig gezeigt hätten, über andere Völker und Religionen zu gebieten, so argumentierten sie, müsse eine Politik her, die ein Ende der osmanischen Herrschaft in Europa sicherstelle. Anderenfalls würde ihre Präsenz eine schwärende Wunde bilden und unablässig Zwietracht hervorrufen.

Die Ostkirche galt den Unterzeichnern als “wahre Erbin derer, die sie bauten”, an sie die Hagia Sophia zu übergeben bestehe grösste Notwendigkeit. Die osmanische Hoheit über die Kirche sei Ausdruck der Dominanz einer Religion über eine andere. Auch die Unterzeichner glaubten, dass die Griechen den grössten Teil der Bevölkerung ausmachten, die überdies Abkömmlinge der einstigen byzantinischen Herrscher und damit legitime Erben der Hagia Sophia seien.

Die Anglo-Osmanische Gesellschaft – die sich nach eigenen Angaben aus englischen Bürgern zusammensetzte, denen “Grossbritannien als muslimische Macht” eine Herzensangelegenheit sei – war dagegen der Auffassung, dass der politische Verlust Konstantinopels ein ausreichend sichtbares Zeichen für das Ende der osmanischen Vorherrschaft sei. Eine Rückgabe der Hagia Sophia an die Christenheit würde erneut religiöse Leidenschaften im Nahen Osten entfachen und damit den Zielen gerade der Friedenskonferenz entgegenstehen.

Man hielt es für unverantwortlich, allein zur Befriedigung der nostalgischen Gefühle einiger Individuen die Saat des Verderbens auszustreuen. Bevor ein noch so prächtiges Gebäude wie die Hagia Sophia zum Grund für Hass und Blutvergiessen werde, solle man es doch besser dem Erdboden gleichmachen. Das britische Aussenministerium freilich gab zu verstehen, dass das Argument der Verletzung religiöser Gefühle zwiespältig sei: schliesslich hätten auch Christen religiöse Gefühle.

Das Aussenministerium umtrieb aber noch eine weitere Sorge, dass nämlich die Geheimhaltung der Friedensverhandlungen auf eine römisch-katholische Intrige gegen das Foreign Office förderlich wirke. Gewisse Vertreter des Vatikan, so hiess es in einem internen Bericht, setzten alles daran, die Rückkehr der Hagia Sophia in den Schoss der Orthodoxie zu verzögern, weil sie insgeheim hofften, in einem günstigen Moment selbst die Kontrolle über das Gebäude zu übernehmen.

Der Vatikan glaube, politisches Kapital aus den Unruhen in Ägypten und dem Aufruhr der Hindus in Indien schlagen zu können, wenn Grossbritannien sich gezwungen sähe, den Muslimen zur Beruhigung der Lage Zugeständnisse zu machen – z.B. in Form einer Überlassung der Hagia Sophia in türkischen Händen. Dies habe man aber ohnehin nicht vor, würde es doch nur dazu führen, dass die Muslime der übrigen Länder Grossbritannien mit Verachtung schlügen. Auch wäre dies ein Verrat an christlichen Interessen und würde nur dazu führen, dass die englischen Gläubigen auf die Barrikaden gingen – was nur der päpstlichen Vorherrschaft im Osten Europas in die Hände arbeiten würde.

In diesem Sinne wurde das vatikanische Argument auch von osmanischer Seite bemüht: Als die Kunde bis nach Konstantinopel gedrungen war, dass sich in England und anderen Ländern Gesellschaften mit dem Ziel formierten, die Hagia Sophia wieder zu einer griechischen Kirche zu machen, wandte sich das osmanische Aussenmininsterium an den britischen Staatssekretär im Büro des Hochkommissars, Sir Thomas Hohler. Dieser unterbreitete einen Kompromissvorschlag, der die Hagia Sophia zu einem rein architektonischen Monument machen sollte. Allerdings wollte man die Entscheidung der Friedenskonferenz abwarten.

Das osmanische Aussenministerium war davon nicht übermässig begeistert und verwies auf ein angebliches Telegramm des päpstlichen Delegaten, demzufolge der Vatikan die Auffassung vertrete, die Hagia Sophia solle in muslimischen Händen verbleiben und die Rückwandlung in eine griechische Kirche sei nicht erstrebenswert. Tatsächlich sollte Hohlers Vorschlag derjenige sein, der am Ende umgesetzt wurde – von Mustafa Kemal Paşa, dem späteren Atatürk.

Lit.: Michael Kreutz, Das Ende des levantinischen Zeitalters: Europa und die Östliche Mittelmeerwelt 1821-1939, Hamburg 2013, S. 213-8. 

01/15/14

Zum Tode von Ariel Scharon

Bei all den Nachrufen auf Ariel Scharon scheint mir ein wichtiger Aspekt zu kurz gekommen, der für eine abschliessende Würdigung seiner Lebensleistung von Bedeutung ist. Sharon nämlich verkörperte eine israelische Tradition – und das im besten Sinne des Wortes.

Israel kann immer nur aus einer Position der Stärke heraus der arabischen Seite die Hand zum Frieden zu reichen, niemals aus einer Position der Schwäche. Das Land darf sich auch keinen verlorenen Krieg leisten, die arabischen Nachbarstaaten haben diesen Nachteil nicht.

Erst wenn Israel als Sieger dasteht und nicht der leiseste Schatten eines Verdachtes auf ihm lastet, nur aus Schwäche zum Frieden gewillt zu sein, kann es sich auf Verhandlungen einlassen. Dafür standen Yitzchak Rabin und Ehud Barak genauso wie Ariel Scharon – Persönlichkeiten, die stark genug waren, im Zweifelsfalle auch unpopuläre Massnahmen umzusetzen und die israelische Bevölkerung für diese zu gewinnen.

Die palästinensische Seite wäre gut beraten, in starken israelischen Führern eher eine Chance denn einen Fluch zu sehen. Nicht Friedensaktivisten, Publizisten oder Politiker von ausserhalb können den Palästinensern helfen, ihren eigenen Staat zu erlangen, sondern Leute vom Schlage eines Ariel Scharon.

Daran, dass diese Lektion gelernt wurde, kann man freilich Zweifel haben: Der Sprecher der PA, Jibril ar-Rajoub, bezeichnet Scharon als “Verbrecher”, während die Hamas sein Ableben als “göttliches Zeichen und Lektion für alle Tyrannen” bejubelt und auf den Strassen Süssigkeiten verteilt.

 

01/14/14

Immer nur Israel (2)

Es geht immer noch ein bisschen absurder. Shlomo Sand, ein israelischer Historiker, der durch die These bekannt wurde, dass es ein jüdisches Volk nicht gebe, legt in der NZZ nach. Seine Argumente lassen sich wie folgt zusammenfassen: Das Judentum sei kein Volk, sondern nichts weiter als eine Religionsgemeinschaft, deren Mitglieder in der Geschichte nur durch gemeinsame Riten miteinander verbunden waren. Erst der Staat Israel habe so etwas wie ein Volk geschaffen, jedoch kein jüdisches, sondern ein israelisches. (Forts. des Blogbeitrags vom 04.01.2014)

I.

Sands Argumentation ist abwegig – und das nicht nur, weil die jüdische Tadition seit jeher davon spricht, dass nicht “unsere Vorfahren”, sondern “wir” aus Ägypten ausgezogen seien (vgl. Exodus 13,8: “Und du sollst das deinem Sohn an jenem Tage erklären und sagen: …”). Das Judentum ist historisch immer mehr als ein Katalog von Ritualen gewesen; der Philosoph Peter Sloterdijk hat von einem “starken psychischen Engramm” gesprochen, das der Mythos des Exodus erzeugt, womit er für das Judentum konstitutiv bleibt. Natürlich kann man individuell bzw. theologisch anderer Meinung sein. Hier soll uns aber nur die historische Sichtweise interessieren.

Ein anderer Historiker, Michael A. Meyer, hat darauf hingewiesen, dass viele Konvertiten das Judentum auf eine christliche Weise missverstünden, nämlich als reine Glaubensgemeinschaft, sodass sie ihre Konversion nicht als Schritt betrachten, sich dem jüdischen Volk anzuschliessen. Dies gibt die traditionelle Eigensicht des Judentums wieder, die mindestens so legitim wie die von Sand ist, der das Judentum auf eine Ritualgemeinschaft reduziert. Historisch jedenfalls ist der “deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens” eine neuzeitliche Erscheinung, eine reine Ritualgemeinschaft nie gewesen.

Der entscheidende Punkt aber ist ein ganz anderer, wie sich am Beispiel von Griechenland demonstrieren lässt, das sich für einen Vergleich mit Israel sehr gut eignet. In osmanischer Zeit war eine Rechtsautonomie der Religionsgemeinschaften eingeführt worden, was dazu führte, dass die späteren Nationalismen sich zunächst stärker anhand der Religion, als an irgendeiner säkularen Kultur definierten. Für den griechischen Nationalstaat, der – wie auch Israel und einige andere Länder – auf dem Boden des ehemaligen Osmanischen Reiches entstanden ist, bedeutet dies, dass das Konzept der griechischen Nation eng mit der Religion verbunden sein musste.

Obowohl es ein griechisches Kontinuum gibt, das bis in die Antike reicht, hatte die griechische Nationalbewegung lange nicht gewusst, welches Kriterium die Zugehörigkeit zum griechischen Volk definieren sollte. Die Sprache konnte es nicht sein, denn viele, die sich selbst als Griechen sahen, waren des Griechischen nicht oder kaum mächtig. Das gilt z.B. für viele Vlachen, die es unter den Vorkämpfern der griechischen Befreiungsbewegung gab. (Der bekannteste ist Rhigas, der allerdings Griechisch sprach.)

Folglich wurde die griechische Sprache, die in der Nationalversammlung zu Astros 1823 noch als massgebliches Kriterium genannt worden war, mit dem bürgerlichen Gesetzbuch von Trizina 1827 durch die Formulierung ersetzt, dass jeder Grieche sei, der von väterlicher Seite eine griechische Abstammung aufweise. Diese Regelung entstammt der griechischen Orthodoxie, nach der jeder als Christ gilt, dessen Vater dem Christentum angehört. An anderer Stelle wurde jeder als Grieche definiert, “der die Waffen gegen die osmanische Herrschaft erhebt oder erhob.” Es versteht sich von selbst, dass solche Definitionen problematisch sind. Was war mit denjenigen, die nur von mütterlicher Seite griechischer Abstammung waren? Was mit denen, die Griechisch sprachen, aber nicht gegen die Osmanen kämpften?

Nationalbewegungen, die territoriale Ansprüche aus der Geschichte heraus ableiten, haben meist das Problem, dass sie ihre Nation relativ leicht in diachroner Hinsicht definieren können, aber nur mit Mühe in synchroner Hinsicht. Sie können ein historisches Kontinuum vorweisen, stehen aber vor der Schwierigkeit, genau sagen zu können, wer im einzelnen zur Nation dazugehört oder nicht.

Bis zur Klärung dieser Frage behalf man sich mit Symbolen, die stark identifikatorischen Charakter besassen. Die griechische Nationalbewegung suchte ein antikes Vorbild und fand es im spartanischen Heeresführer Leonidas, der im fünften vorchristlichen Jahrhundert bei den Thermopylen gegen die Perser kämpfte. Die zionistische Bewegung suchte ebenfalls ein antikes Vorbild und fand es im jüdischen Widerständler Simon bar Kochba, der sich gegen die Römer erhob.

Die griechische Nation konnte letztlich, trotz einer langen, bis auf die Antike zurückreichenden Geschichte der griechischen Kultur, nur im Rahmen nationalstaatlicher Strukturen definiert und ausgeformt werden. Die Gründung eines eigenen Staates ermöglichte die Bildung der Massen in griechischer Sprache und die Herausbildung eines griechischen Geschichtsbewusstseins, das nicht auf die Eliten beschränkt war. Damit das Griechische Nationalsprache werden konnte, musste es in einem langen Prozess reformiert werden, um den Anforderungen einer Hochsprache, die auch als Verkehrssprache dienen konnte, zu genügen. Die griechische Sprachenfrage begann im 19. Jahrhundert und endete offiziell erst 1976!

Yehuda George

Gegenstand einer Reform im Zuge wurden auch das Hebräische, das Türkische und das Albanische – allesamt Sprachen, die im Laufe der Jahrhunderte eine grosse Kluft zwischen ihrer geschriebenen und ihrer gesprochenen Form ausgebildet hatten. Das Albanische war sogar zwischen zwei Hauptdialekten, dem Gegischen und dem Toskischen, gespalten. Eine Reform des Arabischen wurde debattiert, aber schliesslich verworfen.

Das Hebräische wiederum wurde im Zuge seiner Wiederbelebung als gesprochene Sprache reformiert, aber ganz tot war es zuvor schon nicht gewesen. Von jemenitischen Juden war es noch gesprochen worden, worüber Shlomo Morag (ha-ivrit she-be-pei yehudei teyman, 1963) geforscht hat; ihre Sprachtradition führt über die babylonischen Geonim (talmudische Akademien) auf das Hebräische Palästinas zurück.

II.

Auch die Türkei konnte ihre Nation erst von oben schaffen. Der türkische Unabhängigkeitskampf gegen die Griechen hatte noch stark islamische Züge getragen und war bis zuletzt im Namen von Kalifat und Sultanat geführt worden. Wie wenig selbstverständlich eine nationale türkische Identität noch zu Beginn des 20. Jahrhundert war, zeigt eine Szene aus dem autobiographisch geprägten Roman Yaban (dt. “Der Fremdling”) des jungtürkischen Schriftstellers Yakup Kadri Karaosmanoğlu, in der die Begegnung eines jungtürkischer Offiziers mit einigen Bauern in Ostanatolien geschildert wird.

Die Bauern sprachen Türkisch, der Offizier konnte sich mit ihnen verständigen, doch  die Idee des Türkentums war ihnen offenbar fremd. Mit Mustafa Kemal konnte sie überhaupt nichts anfangen. Biz Türk değiliz ki, beyim – ”Wir sind keine Türken”, erklärten sie dem Offizier. Was sie denn dann seien, wollte dieser wissen. Worauf sie ihm entgegneten: Biz İslâmız, elhamdülillâh – “Wir sind Muslime, Herr.” Was Shlomo Sand für ein israelisches Spezifikum hält, ist also eher typisch für die gesamte Region.

Mustafa Kemal Atatürk selbst dachte noch bis mindestens 1919 in Kategorien, die eher religiös als national waren. Die muslimische Bevölkerung Kleinasiens wurde zu dieser Zeit noch als “Türken und Kurden” bezeichnet, um sie von den ebenfalls muslimischen Arabern in den Provinzen abzugrenzen. Später begann man, die kurdische Bevölkerung der türkischen Nation zuzurechnen (und halste sich damit eine Menge Probleme auf). Auch Syrien sieht sich als rein arabischer Staat, trotz einer beträchtlichen kurdischen Minderheit.

In diesem Zusammenhang müssen noch die Vertreibungen erwähnt werden, die jeder der neugegründeten Nationalstaaten vorgenommen hat, sowie die damit einhergehende Homogenisierungspolitik. Dass es heute aber nur eine palästinensische Flüchtlingsfrage gibt und keine griechische oder türkische etc., hängt damit zusammen, dass die arabischen Nachbarstaaten Israels bis heute kein Interesse daran haben, die Palästinenser als gleichberechtigte Bürger bei sich aufzunehmen.

Sonst nämlich könnte die Flüchtlingsfrage schon längst gelöst sein. Griechenland hat selbstverständlich alle griechisch-orthodoxen Flüchtlinge aus Kleinasien aufgenommen, die Türkei alle muslimischen Flüchtlinge aus Griechenland. Juden aus islamischen Ländern, die vielfach ein Dasein als Bürger zweiter Klasse führten, können bis heute nach Israel gehen, das eine grosse Zahl der etwa 800.000 jüdischen Flüchtlinge aus arabischen Ländern aufgenommen hat.

Was die Geschichte angeht, so verfügen Griechenland und Israel über die stärkste Legitimation. Wer meint, Israels historischer Anspruch auf Palästina sei irgendwie konstruiert und künstlich, der schaue einmal nach Albanien, auf die Türkei oder den Libanon. Der albanische Anspruch auf eine Abstammung von den Illyrern der Antike ist fragwürdig; das von Atatürk initiierte Vorhaben, den Türken eine Abstammung von den Sumerern und Hethitern nachzuweisen, Humbug; der noch heute unter libanesischen Maroniten populäre Anspruch, die Libanesen seien die Nachfahren der Phönizier, ahistorisch.

III.

Letztlich unterscheiden sich aber auch die Religionsnationen am Mittelmeer nicht grundsätzlich von den Nationalstaaten westlicher Prägung. Natürlich ist Israel ein Staat für alle seine Bürger, auch wenn er um der jüdischen Nation willen gegründet wurde. Dass ein arabischer Christ oder Muslim sich mit Israel tendentiell weniger identifizieren kann, heisst noch nicht, dass er diskriminiert wird, geschweige denn, dass Israel deswegen ein Apartheidstaat wäre.

Auch die USA sind ein Staat für alle seine Bürger, gleichwohl ist das amerikanische Gründungsnarrativ, das von protestantischen Auswanderern auf der Mayflower handelt, die 1620 an der amerikanischen Ostküste landeten, um eine calvinistische Theokratie zu gründen, nicht dazu angetan, es der indigenen Urbevölkerung leicht zu machen, sich mit ihm zu identifizieren. Ähnliches gilt für Australien, dessen moderne Staatsgründung ebenfalls aus einer britischen Kolonie hervorging und die viel ältere Geschichte der indigenen Bevölkerung ignoriert.

Sind die USA und Australien aber deswegen Apartheidsstaaten? Natürlich nicht. Und auch wenn sich vielleicht nicht alle ihre Bürger mit dem Staat und der Nation sich in gleicher Weise identifizieren können, liegt allein darin auch noch keine Diskriminierung. Für Israel gilt genau dasselbe. Die Behauptung, “[r]ecognizing Israel as a Jewish State is like saying the US is a White State”, wie ein “Experte” aus Michigan meint, ist daher nicht nur falsch, sondern grotesk – schon allein deshalb, weil man zum Judentum konvertieren kann, zum Weiss-Sein aber nicht.

Die Forderung gegenüber der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA), Israel als jüdischen Staat anzuerkennen, ist auch kein Spezifikum der Regierung Netanjahu, sondern wird in Israel überparteilich akzeptiert: Würde Israel seinen Anspruch aufgeben, ein jüdischer Staat zu sein, müsste es entweder sein Rückkehrgesetz aufheben, das es jedem Juden erlaubt, sich in Israel niederzulassen. Oder es müsste der arabischen Minderheit ein vergleichbares Gesetz zubilligen, was unweigerlich dazu führen würde, dass die Nachfahren all jener im Unabhängigkeitskampf von 1948 vertriebenen Palästinenser nach Israel einwandern.

Es versteht sich von selbst, dass Israel das nicht wollen kann. Die Forderung nach Anerkennung Israels als jüdischer Staat hat denn auch nichts mit Metaphysik zu tun, sondern damit, dass die jüdische Nation nicht zur Minderheit in ihrem eigenen Staat werden will. Wer das nicht versteht oder akzeptiert und immer nur Israel dafür kritisiert, was andernorts als selbstverständlich gilt, kann kein ehrlicher Makler sein, wenn es um den Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinensern geht.

Lit.: Michael Kreutz, Das Ende des levantinischen Zeitalters: Europa und die Östliche Mittelmeerwelt 1821-1939, Hamburg 2013, S. 50, 127, 136-7, 140, 229, 232, 288,

01/5/14

ISIS und die Falken

Ist der sog. Islamische Staat in Irak und Syrien (ISIS, arab. dāʿash) bereits eine unumkehrbare Tatsache und droht nun ein islamistischer Flächenbrand?. Vielleicht Aber vielleicht sollte man al-Qaida auch nicht überschätzen. Tatsächlich ist zweifelhaft, ob die mit al-Qaida verbundenen ISIS-Kämpfer ihre Herrschaft auf eine dauerhafte Basis stellen können. Ihre Feinde haben sie nämlich nicht nur in Form der FSA, sondern auch in Form der Regierungarmeen und – untereinander.

Wie mehrere arabische Medien melden, geraten die ISIS-Kämpfer jetzt auf beiden der Grenze unter Druck. Im Norden Syriens mussten sie schon strategisch wichtige Gebiete räumen, nachdem sie sowohl von anderen islamischen Gruppen als auch von der “Freien Syrischen Armee” (FSA), die hauptsächlich gegen Assad kämpft, heftig beschossen wurden. Eine wichtige Zone für den Nachschub von Gütern ist nun verloren. Mehr noch: Der FSA soll sogar der ISIS-Anführer für das Umland von Aleppo in die Hände gefallen sein.

Zwar herrschen noch immer die zu ISIS gehörenden Kämpfer der Jabhat an-Nusra und der Ahrar ash-Sham über das Gebiet, ihr Quasi-Staat aber wird brüchig. Mindestens sechzig Kämpfer sollen ihr Leben verloren haben – wenig im Vergleich zur Gesamtzahl der Toten, die der Krieg bis jetzt gekostet hat, aber viel für ein Scharmützel unter den Kräften, die doch eigentlich der Kampf gegen Assad eint.

Diese Entwicklung mag das Zustandekommen eines Vertrages zwischend den kämpfenden islamistischen Gruppen erhöhen, aber wohl ohne die FSA. Damit aber nicht genug. Denn auch von irakischer Seite gerät ISIS unter Druck. Dort nämlich macht sich die irakische Armee daran, zunächst Ramadi und dann das 60 km von Baghdad entfernte Falludscha zurückzuerobern. Beide werden bislang von ISIS kontrolliert.

Alle Terroristengruppen sollen restlos ausgemerzt werden, verkündete der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki selbstbewusst, der auch auf lokale Stammesverbände zurückgreifen kann. Schon jetzt soll das normale Leben in Ramadi wieder halbwegs hergestellt worden sein. Die Umgebung von Falludscha ist unter Kontrolle der örtlichen Polizei, wie es heisst. Hier hat es bei ersten Gefechten schon 160 Tote gegeben. Die ganze Operation soll in wenigen Tagen durchgeführt werden.

Update 08. Jan. 2014:

Hier ein aktueller Bericht der “New York Times” zum Thema.

Update 09. Jan. 2014:

Die Vertreibung der ISIS-Soldaten aus Aleppo fördert Grausames zutage: Verstümmelte Leichen (Vorsicht!).

Update 16.01. 2014:

Dieses Video zeigt die vorsätzliche Zerstörung von Wohngebäuden mutmasslicher “Ungläubiger” durch ISIS-Terroristen: