Dossier: Putins Krieg in Europa

Dossier: Putins Krieg in Europa

(Keine strikte Chronologie, mehr ein Streifzug durch die Medienlandschaft. Wird fortlaufend aktualisiert. Neueste Beiträge oben.)

Über Deutschlands Verhältnis zu Russland schreibt Andrew Karnitschnig in “Politico”: “From Germany’s veto of NATO membership for Ukraine and Georgia in 2008 to its pursuit of gas deals with Moscow to its resistance to send arms to Kyiv — the country’s leaders have served as Putin’s useful idiots.”

Die ARD-Sendung “Monitor” zeigt, wie Corona-Leugner und Rechtsextreme zu Putin halten:

Die Russlandkennerin Barbara Kerneck erklärt in der “taz” ihren Abscheu vor linken Putinverstehern: “Hinter der Liebedienerei von Ministerpräsident Bodo Ramelow oder seiner Kollegin Manuela Schwesig vor den russischen Energiebossen steht neben der Gier der Manager eine tiefe Verachtung dieser Linken und Sozialdemokraten für die kleinen Leute auf der russischen Straße.

Syriens al-Assad, neben Irans Khamenei Russlands stärkster Verbündeter im Nahen Osten, übernimmt das russische Lügennarrativ von der Entnazifizierung der Ukraine und der Heuchelei des Westens:

Der griechische Konsul Manolis Androulakis, einer der letzten europäischen Diplomaten in der Ukraine, hat das Land gen Athen verlassen und berichtet: “Mariupol wird in eine Liste von Städten in der Welt aufgenommen werden, die durch den Krieg völlig zerstört wurden, wie Guernica, Stalingrad, Grosny, Aleppo.”

Ein Beitrag im “Spiegel” erinnert an den Sozialpsychologen Irving Janis, der vor fünfzig Jahren beschrieben hat, aufgrund welcher Psychodynamik (“Groupthink”) politische Führer fatale Fehlentscheidungen treffen. Dieser Dynamik ist offenbar auch Putin unterlegen.

Investigativjournalisten von CNN haben minutiös den russischen Angriff auf Krankenhaus Nr. 3 in Mariupol recherchiert und grafisch aufbereitet. Ergebnis: Sie fanden keine Belege für die russische Behauptung, das Krankenhaus sei ausser Betrieb gewesen und habe ukrainischen Milizen als Basis gedient.

Der in Russland gehoastete “Anti-Spiegel”, eine deutschsprachige prorussische Webseite, behauptet, die Bilder von Überlebenden des bombardierten Krankenhauses in Mariupol seien gestellt. Der Investigativjournalist Christo Grozev von “Bellingcat” zeigt, dass diese Behauptung in Sekundenschnelle als Lüge zu entlarven ist.

Der Investigativreporter Elliot Higgins von “Bellingcat” rät, sich von der russischen Kriegspropaganda nicht aufs Glatteis führen zu lassen (vgl. meinen einige Stunden zuvor veröffentlichen Artikel), die auf Täuschung und Verwirrung zielt:

Nach aussen tut Berlin so, als stünde es an der Seite der Ukraine. Doch einem Bericht der “Welt” zufolge sind von den versprochenen 2700 Strela-Lufabwehrraketen offenbar erst 500 geliefert worden. Die “Welt” beruft sich auf ukrainische Regierungskreise.

In der Pressemitteilung zur Neuauflage seines Buches “Religion in der Moderne” (mit Gergely Rosta) konstatiert der Münsteraner Soziologe Detlef Pollack: „Die meisten Russen halten die russische Kultur gegenüber anderen für überlegen. (…) Kultureller Pluralismus, Homosexualität und Meinungsvielfalt gefährden in diesem Weltbild die Identität der russischen Kultur.” (idw-online/ WWU Münster)

Ein Beitrag auf “Belltower News” von Anton Lifshits konzediert, dass es zwar Rechtsextremismus in der Ukraine gibt, ein Faschist wie Stepan Bandera aber ebenso populär wie umstritten ist. Auch mache das rechtsextreme Asow-Regiment personell nur einen geringen Teil der ukrainischen Kämpfer aus: “Dass die russische Presse das Nazi-Narrativ in den Vordergrund rückt, hängt deshalb nicht mit den Fakten, sondern mit Russlands ideologischem Selbstverständnis zusammen.” (Belltower News)

In der “taz” empört sich Klaus Hillenbrand über die Behauptung der russischen Führung, sie kämpfe in der Ukraine gegen ein Naziregime: “Dabei ist es genau andersherum. In der Ukraine konnte der Einfluss von Rechtsextremen (die es selbstverständlich auch dort gibt) in den letzten Jahren minimiert werden. Putins Russland dagegen hat auf mannigfaltige Weise rechtsradikale Bewegungen in Europa unterstützt, um die westliche Politik zu schwächen.” (taz)

Der israelische Menschenrechtler Natan Sharansky, selbst ukrainischer Herkunft, erklärt im Interview, was Putin umtreibt: “So his mission is to bring back that unique Russian superpower. He doesn’t want to bring back communist ideology, which he is not interested in. Putin views himself as filling the shoes of Peter the Great, Ekaterina [Catherine the Great], and Stalin. These are three of his big heroes, who brought historical “Russian” lands under one rule.” (Tablet)

his mission is to bring back that unique Russian superpower. He doesn’t want to bring back communist ideology, which he is not interested in. Putin views himself as filling the shoes of Peter the Great, Ekaterina [Catherine the Great], and Stalin. These are three of his big heroes, who brought historical “Russian” lands under one rule.

Der Syrer Hareth Almukdad  berichtet von seinen Erfahrungen mit der russischen Armee in seinem Land: “Die russische Armee beginnt ihren Krieg immer mit schwerem Bombardement, das auf die gesamte Infrastruktur abzielt, angefangen bei Regierungshauptquartieren, Polizeistationen und Feuerwachen bis hin zu Krankenhäusern und Schulen. ” (Tagesspiegel)

Russlands Oberrabbiner Berel Lazar ruft zur Beendigung des Krieges in der Ukraine auf und bietet seine Vermittlung an. (Jüdische Allgemeine)

Ukrainische Juden äussern sich zum Antisemitismus in der Ukraine und zu Putins Behauptung, er wolle die Ukraine entnazifizieren. (Times of Israel)

In der “Welt am Sonntag” (gedruckte Ausgabe, Nr. 10 vom 6. März, S. 43, Titel “Der Vorhang fällt”) drückt Christian Meier sein Unbehagen gegenüber den Absagen an russische Künstler aus und erinnert daran, “dass auch ein Peter Handke, der in den Balkankriegen ‘Gerechtigkeit für Serbien’ forderte und später am Begräbnis für Slobodan Milosevic teilnahm, am Ende den Literaturnobelpreis bekam. Über Handkes Jugoslawien-Bücher wurde gestritten, doch wurden sie – zu Recht – nie aus dem Sortiment genommen. Hier unterschied man zwischen dem literarischen Werk und einer politischen Haltung …” Meier plädiert dafür, dass wir uns “eine grundsätzliche Offenheit auch in der Krise bewahren“.

Dass die russische Armee den Zivilisten in Mariupol einen humanitären Korridor ermöglichen will, sei beileibe keine gute Nachricht, kommentiert Margit Hufnagel in der “Augsburger Allgemeinen”. Putins Ziel nämlich sei es, “die Bevölkerung zur Flucht zu bewegen, damit er selbst freie Bahn hat. Der erbitterte Widerstand auch der Zivilisten ist es, der der russischen Armee das Vorankommen schwer macht.” Dieses Vorgehen habe Putin schon in Syrien erprobt, zumal Mariupol eine wichtige strategische Bedeutung zukomme. Deren Einnahme nämlich kappe die ukrainische Wirtschaft von einer wichtigen Exportroute ab.

Die Propaganda des Kreml verfängt in Deutschland vor allem bei Coronaleugnern. (FAZ)

Putin ist nicht zuletzt in den USA zu einem Helden von Anhängern eines weissen Suprematismus avanciert, wobei die Ideologie von Aleksandr Dugin als massgeblicher Transmissionsriemen wirkt: “Dugin’s ideology is steeped in Russian Christian nationalism and has chimed with Putin’s world view. At the same time, it echoes much of the Christian nationalist activism in the US, where liberal values, gay rights and a desire to keep religion out of the state, are seen as decadent and responsible for American decline.” (Guardian)

Der russische Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow, der schon seit Jahren vor Putin warnt, schreibt in einem Beitrag: “Ich habe schon 2014 und auch vor dieser einen schicksalshaften Woche erklärt, dass der Preis dafür, einen Diktator aufzuhalten, immer weiter steigt.” (Welt)

Aus Mariupol, das eine grosse griechische Gemeinde hat, wird berichtet, dass das rechtsextreme ukrainische Asow-Regiment die Griechen daran hindert, die Stadt zu verlassen. (Greek City Journal) Der in Mariupol lebende griechische Ökonom Thrasos Eftychidis berichtet. dass Mariupol vom rechtsextremen ukrainischen Asow-Regiment verteidigt wird, das keine Zivilisten aus der Stadt lässt. Allerdings seien die Russen auch nicht zimperlich: Russischsprachige Separatisten der östlichen Provinzen übernahmen die Kontrolle über mehrere griechische Dörfer, während die russische Armee wiederholt Krankenwagen angehalten, sie konfisziert und in einigen Fällen die Insassen getötet haben soll. (Ethnos) Anderen Berichte bestätigen den Vorwurf, dass Asow die Griechen daran hindert, Mariupol zu verlassen, obwohl die russischen Armee ihnen freies Geleit zugesichert haben soll. (Protothema) Gegenüber einem griechischen Sender sagt eine Griechin, dass man sie nicht aus der Stadt herauslasse, fügt aber hinzu, dass es die Russen seien, die Menschen töteten und dann das Gegenteil behaupten. (ERTnews) Heute sollen etwa 240.000 Bürger griechischer Herkunft und mehr als 150.000 im Grossraum Mariupol und im Bezirk Danieck leben. (CNN)

Bei einem Handelskrieg hat Russland mehr zu verlieren als Europa, so eine Studie des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) und des Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo). (n-tv)

Der Historiker und Holocaustforscher Jeffrey Veidlinger erläutert auf seinem Blog, wie absurd Putins Behauptung ist, die Ukraine entnazifizieren zu wollen – gerade vor dem Hintergrund der Geschichte: “During the unrest that followed the Bolshevik Revolution of 1917, about 100,000 Jews died as a result of attacks perpetrated against them by soldiers fighting to restore a united Russia (…). (…) The Ukrainian state that declared its independence from Russia in the aftermath of the 1917 Revolutions, envisioned a Ukraine for all ethnicities and religious groups living within its territory.” (Times of Israel)

Aeksandr Dugin, russischer Rechtsextremist, Esoteriker und Vordenker eines antiwestlichen Eurasien, ruft schon seit Jahren zum Krieg gegen die Ukraine auf. Diese sieht er zu Eigenstaatlichkeit als unfähig an und ihre Existenz als wesenhaft antirussisch. (Belltower News)

Die polnisch-amerikanische Historikerin Anne Applebaum, die seit Jahren vor Putin warnt, konstatiert: “Finally, Germans have understood that the lesson of their history is not that Germany must remain forever pacifist. The lesson is that Germany must defend democracy and fight the modern version of fascism in Europe when it emerges.” (The Atlantic)

Putin will ausgerechnet mit Neonazis der berüchtigten “Gruppe Wagner” Jagd auf den Präsidenten der Ukraine, Selenskij, machen. Selenskij ist übrigens Jude. (Jüdische Allgemeine, Belltower News, Charlotte Knobloch auf Twitter) Kreml-treue Medien streuen schon seit Jahren die Propagandalüge, die Ukraine wolle Hitlers Konterfei auf ihre Geldscheine drucken. (Welt)

Deutschlands Aussenministerin Annalena Baerbock hat vor den UN eine bemerkenswert undiplomatische Rede gehalten, Applaus kassiert und überwältigenden Zuspruch erfahren. (Wortlaut, Zeit)

Ein paar Loser versuchen aus dem Krieg ideologisches Kapital zu schlagen. Dagegen erinnert Serap Güler (CDU):

Ukrainisch ist seit dem frühen 19. Jahrhundert eine eigenständige Literatursprache. (Britannica, Academic Studies Press) Die Sprache unterscheidet sich signifikant vom Russischen. (Langfocus)

Auch Russen sind gegen den Krieg. (Focus, Tagesspiegel)

Syrer stellen sich auf die Seite der Ukraine. (Guardian)

Welche Länder stehen eigentlich noch zu Putin? Zumindest, was die UN-Kriegsresolution angeht, ist die Liste kurz: Nordkorea, Syrien, Belarus, Eritrea.

WDR über Putins Propagandisten in Linkspartei und AfD. (WDR) Zumindest bei den linken gab es auch Selbstkritik: “Wir lagen falsch. Weite Teile der politischen Linken in Deutschland hingen bis zuletzt einer Illusion an.” (taz) Putin-Streichler und Putin-Versteher von AfD bis Linkspartei fressen Kreide. (Guardian)

Chinesische Historiker rufen ihre Regierung dazu auf, sich von Putin zu distanzieren. (Guardian)

Der Bundeswehr fehlen Aufklärungsdrohnen: “… wir erinnern uns an die gescheiterte Euro-Hawk-Drohne vor nunmehr acht, neun Jahren. Die hätte genau das leisten sollen, ist aber nie gekommen.” (MDR)

Wissenschaftler mit den Schwerpunkten Genozid, Nationalsozialismus and und 2. WK protestieren gegen Putins Behauptung, die Ukraine sei ein Nazi-Staat oder faschistisch: “This rhetoric is factually wrong, morally repugnant and deeply offensive to the memory of millions of victims of Nazism …” (Jewish Journal)

Wie der Kreml einen Kriegsgrund konstruierte. (Bellingcat)

“Da sich schwerlich behaupten lässt, dass es um die Werktätigen und ihre Freiheiten in Russland besser bestellt sei als in der Ukraine, gibt sich die putinistische Linke als Vertreterin geopolitischer Weisheit und Mäßigung. In Verbindung mit dem in dieser Linken verbreiteten Antiamerikanismus ermöglicht das eine kaum camouflierte Parteinahme für Russland.” (Jungle World)

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