Desinformation und Journalismus

Die Öffentlich-Rechtlichen brüsten sich gerne damit, unabdingbar im Kampf gegen Desinformation und Fake News zu sein, und das sind sie auch, soweit es Desinformation und Fake News von rechts betrifft. Sie sind hingegen eine offene Flanke, wenn der gleiche Irrsinn aus anderer Richtung kommt.

Der Nahosterklärer Michael Lüders kommt daher ungestraft davon, wenn er einmal mehr Propaganda aus Teheran verbreitet. Seit vielen Jahren schon stellt Lüders Israel als Aggressor und Iran als Opfer einer hegemonialen Politik des Judenstaates dar. Niemand widerspricht ihm, kritische Fragen von Journalisten hat Lüders nicht zu befürchten.

Kürzlich erklärte Lüders im Interview mit dem “Deutschlandfunk” über die Zukunft des Libanon und die Rolle der Hisbollah:

“Israel spielt eine wesentliche Rolle, indem es vor allem die Souveränität des Libanon ständig missachtet und über libanesisches Territorium Angriffe in Syrien fliegt, was man im Libanon nicht sehr schätzt. Und natürlich will Israel genauso wie die USA die Hisbollah geschwächt sehen.”

Für solche Äusserungen wird Lüders nicht verlacht oder gescholten, sondern gilt weiterhin als ernstzunehmender Gesprächspartner. Die Hisbollah ist für Lüders nur irgendeine Organisation, irgendeine Partei, anstatt sie als die Terrororganisation zu bezeichnen, die sie ist. Mehr noch: Die Hisbollah ist im Libanon ein Staat im Staate und unterhält ein eigenes Waffenarsenal, ohne dafür irgendeine Legitimation zu haben.

In manchen Vierteln Beiruts kann es passieren, dass man von der Hisbollah auf offener Strasse mitgenommen und verhört, bevor man an die reguläre Polizei weitergereicht wird. Die Hisbollah ist so stark, dass die politischen Parteien sie in das Machtgefüge des Landes einbinden müssen, obwohl die Hisbollah keinerlei Mandat hat, parastaatliche Strukturen aufzubauen.

Hinter der Organisation steht, wir alle wissen es, der iranische Staat, der die Souveränität des Libanon ebenso permanent untergräbt wie die des Irak. Nichts davon wird man je bei Lüders lesen oder von ihm hören. Lüders, der seine Thesen seit vielen Jahren vertritt, kann sich darauf verlassen, dass kein Journalist sie ernsthaft hinterfragt. Denn Desinformation und Fake News kommen bekanntlich immer nur von rechts.

Inflation der Nahostexpertise

Im Internet kann man bombastische Webpräsenzen von Leuten finden, die Islamwissenschaften oder Orientalistik studiert, aber noch keinen einzigen Fachaufsatz, keine einzige Rezension und kein einziges Buch, geschweige denn eine Doktorarbeit publiziert haben, sich aber erfolgreich als Referenten für den Nahen Osten anbieten, um ihr Halbwissen unter die Leute zu bringen.

Daran sind die Universitäten schuld, die dieser Inflation der Nahostexpertise durch ein Absenken akademischer Standards und einer zunehmenden Ideologisierung der Geisteswissenschaften Vorschub geleistet haben. Aber auch Journalisten tragen ihren Anteil daran. Womit wir beim “Tagesschau”-Constantin Schreiber und einer Webseite namens “Belltower News” wären.

Ich habe keines der Bücher von Schreiber, der immerhin Arabisch kann und viel Erfahrung in arabischen Ländern gesammelt hat, gelesen, weil mich populärwissenschaftliche Bücher nicht interessieren. Schreiber hat zudem einen Roman verfasst, der ausgeprochen islamkritisch sein soll, was nun “Belltower News” auf den Plan gerufen hat, einer Art Beobachtungsstelle für Rechtspopulismus und -extremismus.

Zwar sind viele Artikel auf “Belltower News” sehr gut recherchiert und sehr lesenswert und ich will hier keine Pauschalkritik an “Belltower News” üben, deren Beiträge ich selber des öfteren geteilt habe. Aber der Verriss von Schreibers Roman hat es in sich, denn sein Verfasser hat bei der Gelegenheit auch noch auf dessen Buch über Schulbücher in islamischen Ländern eingedroschen.

Genauer gesagt: Der “Belltower”-Verriss verlinkt einen Artikel, der nachzuweisen versucht, dass Schreiber nicht auf dem Stand der Wissenschaft ist. Der verlinkte Artikel, den man bei “Belltower News” für zitierfähig hält, versucht Schreibers Buch Übertreibungen und unhaltbare Aussagen nachzuweisen, bietet aber keinerlei Abgleich der Schreiberschen Thesen mit z.B. den Erkenntnissen des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung.

Autor des verlinkten Artikels ist denn auch kein Wissenschaftler, sondern ein Student der Nahostwissenschaft, der offenbar gar nicht weiss, dass es so etwas wie eine akademisch betriebene Schulbuchforschung gibt. Hier zeigt sich die Inflation der Nahostexpertise als Kehrseite einer zunehmenden Ideologisierung der Geisteswissenschaften im Verein mit einem aufsteigenden Empathie-Journalismus: Wenn es darum geht, den Islam vor kritischer Betrachtung in Schutz zu nehmen, ist man nicht mehr wählerisch.

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