9/11, zwanzig Jahre später

Die macht der Bilder zeigt sich gerade an 9/11: Meist werden entsprechende Artikel mit Aufnahmen bebildert, die ein Flugzeug kurz vor dem Aufprall auf das World Trade Center zeigen oder kurz danach, wenn ein Feuerball diesen erschüttert. Was man selten sieht, sind Luftaufnahmen von Manhattan. Damals stand das ganze Gebiet in dichte Rauchwolken gehüllt. Wer die Bilder live vor dem Fernseher mitangesehen hat, musste glauben, hier nehme der dritte Weltkrieg seinen Anfang.

Ich selbst war auf dem zu meinen Hausarzt, weil ein längerer Aufenthalt in Israel bevorstand, als mich aufgeregt ein Freund anrief. Es war so unglaublich, was er mir erzählte, dass ich sofort mehr erfahren musste. Smartphones gab es noch nicht, also sprach ich die Ärztin darauf an. Sie erzählte mir, gerade von einem Patienten erfahren zu haben, dass sich in diesem Augenblick etwas Unglaubliches in Manhattan abspiele. Nach der Untersuchung bin ich nicht direkt nach Hause, sondern zu Freunden gefahren, um mich zu ihnen vor den Fernseher zu setzen.

Das waren typische Linke, samt Schlabberlook und Sandalen, sehr gastfreundlich und nett, aber vollkommen abgebrüht angesichts des grössten Terroranschlags, die die USA seit dem Zweiten Weltkrieg da erlebten. Ganz Manhattan schien eine einzige Trümmerlandschaft, alles war in Rauch gehüllt, aber die Haltung meiner Freunde war: Kein Wunder, bei dem was die USA in der Welt so anstellen, das musste schliesslich so kommen! Kein Grund zur Aufregung! Es war eine Lektion in linkem Zynismus, die ich damals erhielt.

Die nächste Lektion in linkem Zynismus war der Krieg gegen Saddam Hussein, der sich damals als Folge von 9/11 abzeichnete. Ich war an der Uni tätig und hatte mit nebenher etwas als Übersetzer hinzuverdient. Die Aufträge kamen von einem Iraker und so sass ich häufig mit ihm und anderen Irakern im Café und wir unterhielten uns darüber, wie es mit dem Irak weitergehe. Diese Iraker, allesamt Kurden, konnte es seinerzeit gar nicht abwarten, bis die USA endlich Saddam Hussein den Garaus machen würden.

Das stand nun in völligem Widerspruch zu all den Talkshows und schlaumeierischen Kommentaren in den Medien, die alle vor einem Krieg gegen Saddam Hussein warnten. Damals hat der Exiliraker Namo Aziz vor laufender Kamera Jürgen Todenhöfer in die Schranken gewiesen, als er diesem vorwarf, nur mit vom Regime handverlesenen Menschen vor Ort gesprochen und ansonsten keine Ahnung vom Irak zu haben. Aziz sollte keinen weiteren Auftritt im Fernsehen mehr bekommen, Todenhöfer hingegen blieb.

Im Gefolge von 9/11 gab es eine Lektion in linkem Zynismus

Als der Krieg ausbrach, war mein irakischer Freund enthusiastisch und als die Amerikaner in Bagdad einmarschierten, wurde in der lokalen irakischen Community gefeiert. Er selbst fuhr unmittelbar nach der Befreiung mit seiner Lebensgefährtin nach Bagdad und erlebte die Stimmung nach dem Ende der Herrschaft Saddam Husseins direkt vor Ort. In den Medien kamen jedoch weiterhin nur nichtirakische Friedensaktivisten zu Wort, sodass ich meinem Freund vorschlug, sich einmal selbst an die Medien zu wenden.

Tatsächlich zeigten zwei Medien Interesse: Ein kleiner Lokalsender und ein grosser Nachrichtensender. Der kleine Lokalsender schickte einen Journalisten vorbei, der zunächst ein Vorgespräch führte, bei dem ich zugegen war. Zu meinem Erstaunen bekannte der Journalist offen, dass er ein Linker sei und angesichts der deutschen Geschichte keinen Angriffskrieg gutheissen könne, was wir bitte verstehen mögen. Wo dieser Mensch das journalistische Handwerk gelernt hat, ist mir ein Rätsel.

Dann kam der grosse Nachrichtensender. Der hat einen ganz guten Job gemacht und einen kleinen Dokumentarfilm gedreht, in dem mein irakischer Freund und seine Lebensgefährtin ausführlich zu Wort kamen, um von ihren Erfahrungen in Bagdad zu berichten, nach denen allgemeine Erleichterung unter der Bevölkerung herrschte. Die Menschen waren einfach froh, dass Saddam Hussein nicht mehr an der Macht war (auch wenn sein Sturz aus den falschen Gründen geführt sein mochte und der Terrorismus mit den falschen Mitteln bekämpft wurde).

Vielleicht war es nicht das, was der Sender von Irakern erwartet hat, vielleicht waren es andere Gründe – aber der Film wurde um halb vier nachmittags gesendet und dürfte daher von kaum irgendjemandem gesehen worden sein. Die Hauptsendezeit war dann wieder von lauter Möchtegernexperten bevölkert, die wenig Ahnung hatten, aber genau wussten, warum die Amerikaner einmal mehr alles falsch machen.

Nach 9/11: Seine Zeit lief ab.

So ging es weiter, bis nach Bekanntwerden der Folterungen in Abu Ghraib und den fortgesetzten Terroranschlägen auch im Irak die Stimmung sich zu drehen begann. Hatten erste Umfragen nach dem Sturz Saddam Husseins noch eine optimistische Stimmung im Irak gezeigt, kehrte sich diese in ihr Gegenteil um. Diejenigen in Deutschland, die schon immer gegen den Einsatz der USA waren, haben freilich nur solchen Umfragen Glauben geschenkt, die sie in ihrer Ansicht bestätigten. Die frühen Umfragen, die ein anderes Bild zeichneten, galten ihnen als unglaubwürdig.

Dabei hätten gerade die Linken für das Vorgehen der USA sein müssen. Ich kann mich noch gut an die eifrigen Diskussionen erinnern, die wir im Fachbereich Orientalistik über die These des amerikanischen Politikwissenschaftlers Samuel P. Huntington vom “Kampf der Kulturen” (so zunächst der Titel eines Aufsatzes, später der eines Buches) führten. Das linke Milieu, in dem ich damals schwamm, war sich einig: In der muslimischen Welt würde es schon Demokratien geben, wenn nicht wir, der Westen, diese ganzen Diktatoren installiert hätten!

Die logische Konsequenz wäre, dass mit dem Sturz Saddam Husseins die Demokratie Einzug halten müsste, aber als genau dies nicht geschah, wussten Linke sofort den Grund: Jetzt war es die westliche Einmischung, die mit dem Sturz Saddam Husseins den Islamisten Auftrieb verschafft hat! Arabische Nationalisten, muslimische Fundamentalisten, sowie linke (und rechte!) Westler treffen sich bis heute in der Überzeugung, dass der Westen immer schuld ist: Wenn er eingreift. Wenn er seine Truppen abzieht (s. Afghanistan). Oder wenn er gar nichts unternimmt.

Derweil zeigen Bilder von 9/11 meist nur ein einzelnes Flugzeug.

Der talentierte Mr. L

Es ist ja nicht so, dass man an der westlichen Politik im Nahen Osten im allgemeinen und an der amerikanischen im Besondern nichts kritisieren könnte. Aber die Kritik von ehemaligen Militärs wie Andrew Bacevich oder Daniel Bolger, die die Unsitte amerikanischer Regierung kritisieren, Militäreinsätze ohne klar umrissenen Auftrag zu beschliessen, ist eine ganz andere als die von Pazifisten mit einer radikal gesinnungsethischen Agenda, die überall westliche Heuchelei am Werk sehen.

Die lautesten Posaunisten, die zu dieser Melodie spielen, sind im deutschsprachigen Raum Jürgen Todenhöfer und sein Bruder im Geiste Michael Lüders. Anders als Todenhöfer, der gerne für bare Münze nimmt, was seine Gesprächspartner im Nahen Osten ihm erzählen, gibt Lüders sich den Anschein, historische Hintergrundfakten recherchiert zu haben.

So zitiert Lüders in seinem Buch “Die den Sturm ernten” (2017) aus einem freigegebenen Dokument des amerikanischen Militärgeheimdienstes DIA zur Vorgeschichte des sog. “Islamischen Staates” im Irak und in Syrien. Ihm zufolge zeichnet sich dieses Dokument dadurch aus, dass es

… klarsichtig erkennt, wie die Lage im Irak sich zu entwickeln droht – und was das Ganze für Syrien bedeutet. Die Quelle, aus der Lüders zitiert, spricht davon, dass in Syrien die Ausrufung eines islamischen Staates durch den IS droht, und zwar “gemeinsam mit anderen Terrororganisationen im Irak und in Syrien, was eine große Gefahr darstellt mit Blick auf die Einheit des Irak und sein Territorium.

Michael Lüders, 2017

Die von Lüders zitierte Quelle schreibt weiter, da sich de das syrische Regime aus den östlichen Landesteilen und der Grenzregion zum Irak zurückziehe, könne dort ein “salafistisches Herrschaftsgebiet” entstehen, “was die die Opposition unterstützenden Mächte wollen, um das syrische Regime zu isolieren”, weil es als strategische Tiefe des schiitisches Einflussgebietes gesehen wird.

In seinem Buch “Armageddon im Orient” (2018) beruft Lüders sich abermals auf dieses Dokument, wonach verschiedene islamistische Gruppen die treibenden Kräfte des Aufstands in Syrien seien und die Opposition Unterstützung durch westliche Länder, die Türkei und die Golfstaaten bekomme. Auch in einem aktuellen Beitrag für das “ipg-journal” der Friedrich-Ebert-Stiftung bezieht Lüders sich darauf:

In einem freigegebenen Dokument der DIA, des amerikanischen Militärgeheimdienstes, vom 12. August 2012 heißt es unmissverständlich, dass inzwischen verschiedene islamistische Gruppen, darunter der „Islamische Staat“, „die treibenden Kräfte des Aufstands in Syrien“ seien. Die westlichen Länder, die Golfstaaten und die Türkei, die einen Regimewechsel anstrebten, würden das Entstehen eines „salafistischen Herrschaftsgebietes“ im Osten Syriens begrüßen, um Damaskus dadurch zu „isolieren.“

Michael Lüders, 2019

Wer sich das freigegebene Dokument einmal anschaut, wird jedoch enttäuscht sein. Zwar hat Lüders die Passagen korrekt zitiert. Eine davon, derzufolge die mögliche Ausrufung eines islamischen Staates “eine grosse Gefahr darstellt mit Blick auf die Einheit des Irak und sein Territorium” darstellt, ist die erste von drei Punkten in Abschnitt C, der sich mit den Konsequenzen einer sich verschlechternden Situation im Irak befasst.

Der zweite Punkt ist komplett geschwärzt, vom dritten ist nur die Überschrift lesbar gelassen. Sie lautet: THE RENEWING FACILITATION OF TERRORIST ELEMENTS FROM ALL OVER THE ARAB WORLD ENTERING INTO IRAQI ARENA, was in etwa bedeutet, dass Terroristen aus der ganzen Welt es einmal mehr leicht haben würden, in den Irak einzudringen.

Insgesamt ist etwa die Hälfte des Textes geschwärzt, das ganze Dokument daher von zweifelhaftem Nutzwert. Die verstümmelten Abschnitte in dem von Lüders zitierten Dokument deuten darauf hin, dass hier vor allem ein Szenario beschrieben wird, das von der Annahme ausgeht, der Westen, die Golfstaaten und die Türkei würden die syrische Opposition weiterhin unterstützen und ein salafistisches Herrschaftsgebiet aus taktischen Gründen willkommen heissen.

Daraus lässt sich keineswegs die Schlussfolgerung ableiten, dass der Westen, die Golfstaaten und die Türkei die syrische, dschihadistisch unterwanderte Opposition tatsächlich weiterhin unterstützt und ein salafistisches Herrschaftsgebiet tatsächlich aus taktischen Gründen willkommen geheissen haben.

Das ganze Dokument ist zudem mit INFORMATION REPORT, NOT FINALLY EVALUATED INTELLIGENCE überschrieben, es handelt sich also nur um eine Diskussionsgrundlage. Welche Bewertung dieses Dokument intern erfahren hat, wissen wir nicht. Dass die USA und einige andere Länder im Jahre 2012 die Entstehung eines salafistischen Herrschaftsgebietes gewollt haben, um das Regime in Damaskus zu isolieren, ist daher möglich, aber nicht gewiss.

Lüders nimmt dieses Dokument gleichwohl als unumstösslichen Beweis für seine These von einer heuchlerischen Politik des Westens, die vorgibt, Islamisten zu bekämpfen, während sie sie in Wahrheit unterstützt. In seinem Buch von 2017 stellt er zwar die rhetorische Frage, ob die USA sich von solchen Geheimdienstpapieren tatsächlich leiten liessen, beantwortet sie aber dahingehend, dass der Inhalt des Dokuments ganz der Politik der USA entspreche, die auf eine Destabilisierung Syriens abziele.

Letzteres mag zwar der Fall sein. Aber daraus lässt sich kaum ableiten, die USA und andere westliche Länder hätten ein “salafistisches Herrschaftsgebiet” zwischen Syrien und dem Irak nicht nur in Kauf genommen, sondern gewollt. Weil auch Lüders gemerkt hat, dass seine These auf wackeligen Füssen steht, schwächt er sie sogleich wieder ab und konstatiert, dass die USA und ihre Verbündeten den IS erst ins Visier genommen hätten, als dieser sie offen herausgefordert hätte.

Lüders hat hier nicht zum ersten Mal ein Talent für zweifelhafte Thesen bewiesen. Erst wird geraunt, auf eine scheinbar eindeutige Quelle verwiesen, dann wieder etwas zurückgenommen, abgeschwächt und neu formuliert, bis es irgendwie passt und beim Leser der Eindruck hängenbleibt, dass die USA im besonderen und der Weste im allgemeinen jede Menge Dreck am Stecken haben. Wenn kritische Besprechungen des Buches ausbleiben, kann man im nächsten Buch und im nächsten Aufsatz alles, was bisher nur eine Theorie war, einfach als Tatsache verkaufen.

Freilich, sollten die westlichen Länder unter Führung der USA tatsächlich ein salafistisches Herrschaftsgebiet in Syrien und dem Irak gewollt haben, mag es natürlich auch daran liegen, dass sie bei Lüders gelernt haben, die Morddrohungen von Salafisten und Dschihadisten als Friedensangebot zu deuten. Im Nahen Osten ist schliesslich nichts so absurd, als dass es in Deutschland nicht geglaubt würde.


Nachtrag 30. Mai 2019

Am 19. Mai machte US-Präsident Trump gegenüber dem iranischen Regime deutlich, dass es nie wieder den USA drohen solle. Dies würde das “offizielle Ende des Iran” bedeuten. Hintergrund war ein Raketeneinschlag nahe der US-Botschaft in Bagdad. Das iranische Regime bestritt entgegen den Erkenntnissen amerikanischer Geheimdienste, damit etwas zu tun zu haben. Eine Woche später ruderte Trump zurück. Er erklärte, dass ein “regime change” nicht das Ziel seiner Regierung sei und sprach sogar davon, dass der Iran die Gelegenheit habe, “to be a great country with the same leadership.” Zwei Tage später, am 29. Mai, erschien dazu ein Kommentar von Michael Lüders bei “Deutschlandfunk Kultur”. Lüders verliert darin kein Wort über den Kontext, innerhalb dessen Trump von einem “offiziellen Ende des Iran” sprach, noch darüber, dass Trump schon längst zurückgerudert war. Ein typischer Kommentar von Lüders also, der exemplarisch dessen Arbeitsweise zeigt.