Des Eiferers Biograph

Wahrscheinlich haben Sie es schon gesehen: Im Internet kursiert gerade ein Video, das den amerikanischen Publizisten Reza Aslan im Interview mit dem Fernsehsender Fox zeigt. Weil die Moderatorin offensichtlich mit der Tatsache überfordert ist, dass ausgerechnet ein muslimischer Autor ein Buch über Jesus schreibt, obgleich dieser im Islam als Prophet gilt,  gerät das Interview im letzten Dritten zu einem Desaster. Die Moderatorin, so hat es den Anschein, versucht geradezu verbissen, Aslan einer geheimen Agenda zu überführen, denn wenn ein Muslim ein Buch über die zentrale Heilsgestalt des Christentums schreibt, muss ja etwas faul sein. Hier also das Interview, falls Sie es noch nicht kennen sollten.

Nicht minder amüsant ist allerdings der Interviewte, von dem man wusste, dass er seine Brötchen mit Kursen über kreatives Schreiben verdient und in seiner Freizeit ein apologetisches Buch über den Islam geschrieben hat. Nun erfahren wir, dass Aslan auch ein ausgebildeter Religionswissenschaftler ist und damit es auch wirklich jeder begreift, weist er selbst mehrfach in der Sendung darauf hin. Auch verfügt er nach eigener Auskunft über eine “fluency in Biblical Greek”, was auch immer man sich darunter vorzustellen hat. Sein Buch über Jesus beinhaltet schon im Titel eine Provokation. Es heisst “Zealot”, auf Deutsch: Eiferer.

Man darf gespannt sein, aber die Erwartungen sollte man auch nicht allzu hoch stecken. Soweit man der Vorschau bei Amazon entnehmen kann, scheint er nur Sekundärquellen benutzt zu haben, doch das kann täuschen. In seinem Islam-Buch jedenfalls gleitet er in einen “Sumpf aus Kitsch und Apologie” ab, wie sein deutscher Rezensent moniert, und auch sonst flössen seine Publikationen wenig Vertrauen ein. Als vor zwei Jahren am Flughafen meine Augen zufällig auf das “Time”-Magazin fielen, wurde ich neugierig, weil die Titelgeschichte dem arabischen Reiseschriftsteller Ibn Battuta aus dem 14. Jahrhundert gewidmet war.

Ich kaufte ein Exemplar und las. Autor der Geschichte war Reza Aslan, der seiner Leserschaft die Vorstellung nahezubringen versuchte, dass sein Held Ibn Battuta, der bis nach China gekommen sein soll, in einer Welt gelebt hat, die nicht minder globalisiert war als die heutige. Wir Westler, so der Basso continuo, bildeten uns ein, dass erst mit uns die Globalisierung auf dem Planeten Einzug gehalten habe, doch war die Islamische Welt schon 700 Jahre vor uns auf diesem Stand. Das ist nicht ganz abwegig, doch ist Ibn Battuta der falsche Gewährsmann, wenn es um mittelalterliche Weltbeschreibungen aus arabischer Sicht geht.

Was die Leser von Aslans Geschichte, die bis heute im Internet zu finden ist, nämlich nicht erfuhren, ist dies: Ibn Battuta war, nach allem was wir heute wissen, wohl ein Schwindler. Die meisten der von ihm geschilderten Gegenden hat er offenbar nie selbst bereist. Durch genaue Textstellenanalyse weiss man mit ziemlicher Sicherheit, aus welchen Quellen er sich bedient hat. Davon erfuhren die Leser des “Time”-Magazins nichts, denn Aslan zeigte sich einmal mehr als Apologet der Islamischen Welt denn als blosser Vermittler von Fakten an ein grösseres Publikum.

Das kommt davon, liebe “Time”-Redaktion, wenn man Leute über islamische Geschichte schreiben lässt, deren Qualifikation sich darin erschöpft, Eltern aus dem Iran zu haben. Pech für alle, die ihr Geld für ein “Time”-Heft ausgegeben haben. Wir schlussfolgern: So ungeschickt die Fragestellerin sich im obigen Interview verhalten haben mag, so hatte sie doch guten Grund, seine Behauptung, er schreibe einzig als Religionswissenschaftler, Aslan nicht ohne weiteres abzukaufen.

Qualitätssicherung

In seinem Buch “Freiheit, Gleichheit und Intoleranz” (2013) holt der Erfurter Politikwissenschaftler Kai Hafez zum grossen Rundumschlag gegen eine vermeintlich weitverbreitete Islamophobie in der deutschen Gesellschaft aus und äussert sich in diesem Zusammenhang u.a. über den Philosophen Peter Sloterdijk, den Historiker Hans-Ulrich Wehler, den Schriftsteller Ralph Giordano und den Journalisten Henryk Broder, denen er bescheinigt, einen “ungewöhnlichen Spagat” zu vollführen: “Während sie jahrzehntelang darum bemüht waren, bestimmte Freiheitsrechte zu erkämpfen oder zu verteidigen, wollen sie Muslimen ähnliche Rechte heute verweigern. Grundrechte wie die Religionsfreiheit (…) sollen ausgesetzt werden. Um dies zu rechtfertigen, werden Muslime pauschal als Verfassungsfeinde bezeichnet (…).” (S. 259)

Hafez, der anderen vorwirft, ohne Faktengrundlage zu argumentieren oder über einen Mangel an Expertise zu verfügen, nennt keinerlei Beleg für seine Behauptung. Man muss die Ansichten der genannten Personen  zum Thema Islam nicht notwendigerweise teilen, um zu verstehen, dass man keine Thesen aufstellen sollte, die man nicht belegen kann. Ich bezweifle, dass sich auch nur eine der oben genannten Personen den Vorwurf zu eigen macht, Muslimen Grundrechte vorenthalten zu wollen oder sie pauschal als Verfassungsfeinde zu bezeichnen. Die Beweislast dafür liegt bei dem, der diese Behauptung aufgestellt hat, bei Kai Hafez also, dem “Qualitätssicherung durch eine akademische Gemeinschaft” (S. 256) ein Anliegen ist, für sich selbst aber offenbar andere Regeln in Anspruch nimmt.

Schon längst kein Modell mehr

Vor einiger Zeit hat das amerikanische PewResearchCenter in einer Umfrage zutage gefördert, dass 72% der Indonesier einer Durchsetzung der Scharia positiv gegenüberstehen. Kein Grund zur Besorgnis sei das, meint man auf Qantara.de, verstehe man in Indonesien doch ganz unterschiedliche Dinge unter dem Begriff Scharia, der doch nur “Weg” oder “Pfad” bedeute, ähnlich dem tao im Chinesischen.

Viele verbänden mit dem Begriff nämlich soziale Gerechtigkeit und Fairness, auch wenn man bei Pew oder Qantara.de nicht sagen kann, wie hoch der Anteil derer ist, die das so sehen mögen. Dann erfahren wir auch noch, dass in Indonesien Nicht-Muslime “nach strenger Auslegung des islamischen Rechts” als Bürger zweiten Ranges betrachtet werden, was aber in der Praxis ohne Bedeutung sei, würde dies doch der UN-Menschenrechtserklärung widersprechen, die das Land unterzeichnet hat. Denkbar wäre natürlich, dass zumindest ein Teil der Indonesier die Durchsetzung der Scharia gegen die UN-Menschenrechtserklärung wünscht. Man weiss es nicht.

Da Indonesien weit weg ist, könnte das ganze für uns als relativ belanglos eingestuft und ad acta gelegt werden, wenn da nicht der grössere Kontext wäre: der Islamischen Welt nämlich gehen die Vorbilder aus. Noch Mitte der 90er Jahre hatte der Göttinger Politologe Basam Tibi gerade Indonesien als mögliches Modell eines Islam für das 21. Jahrhundert gepriesen, bevor es Jahre später zu einigen unschönen Szenen kam – und nun die Pew-Umfrage. Irren ist menschlich. Andere islamische Länder mit Modellfunktion sind jedoch nicht in Sicht.

 

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