Die kommende Militanz

Der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama hat einmal darauf hingewiesen, dass nahezu das gesamte Europa einschliesslich England bis zu Beginn des 16. Jahrhunderts autoritär, hierarchisch und ungleich war. Dass dieser Zustand bald wiederkehren könnte, dafür sorgen nicht nur die rechtsextremen Wahntheoretiker, Impfgegner, Antiliberalen, Esoteriker, sogenannten Querdenker und Reichsbürger, sondern auch mehr und mehr die Vertreter sozial-ökologischer Weltanschauungen.

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Was das alles mit dem Islam zu tun hat

Was ist denn ‘der Islam’? … Wenn Sie heute mit Syrern oder Irakern um die 30 reden, dann werden eine ganze Reihe von denen sagen, dass Konfession für sie im persönlichen Alltag keine Rolle gespielt hat.” In einem Streitgespräch in der “Welt” treten all die falschen Argumente zum Vorschein, die die Islamdebatte hierzulande prägen.

Um es vorwegzunehmen: Der Unterschied zwischen Islam und Islamismus ist wichtig und nicht zu leugnen. Ebenso wenig zu leugnen ist aber die Tatsache, dass es zwischen beiden eine Schnittmenge gibt. Genau das will die Redakteurin, die auch Islamwissenschaftlerin sein soll, nicht wahrhaben, die im Streitgespräch den Islam gegen die Thesen des Publizisten Henryk Broder (“Hurra, wir kapitulieren!”) zu verteidigen versucht.

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Ein starkes Zeichen – Danke!

Heute hat der Zentralrat der Muslime mit einer Mahnwache am Brandenburger Tor ein starken Zeichen gegen die mörderische Ideologie der Attentäter von Paris gesetzt und unmissverständlich die Werte von Meinungsfreiheit und Pluralismus verteidigt.

Die Attentate in Paris rechtfertigen keinen Fremdenhass, keinen Rassismus, und keine Brandanschläge auf Moscheen – niemals und unter keinen Umständen!

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Diese meine Feinde

Gefragt, wie Christen Kreuzzüge führen, Ketzer verbrennen und Juden verfolgen konnten, wo Jesus doch zur Feindesliebe aufgerufen habe, weiss eine evangelische Theologin (“Pfarrerstochter in vierter Generation”) im Gespräch mit dem Magazin “chrismon” nichts besseres zu antworten als: “Ich weiß es nicht. Mich macht sprachlos, dass man Gewalt sogar mit dem Christentum begründete. Das passt gar nicht zu Jesus.”

Noch sprachloser freilich macht, wenn eine Theologin die Bibel nicht gelesen hat. Denn ganz so friedfertig ist auch das Neue Testament nicht, wie viele meinen. “Meinet nicht, dass ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen. ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert” heisst es in Mt 10:34 und in Lk 19:27 lesen wir:„Doch diese meine Feinde, die nicht wollten, dass ich über sie König würde, führet hierher und machet sie vor meinen Augen nieder!‟ Was das zweite Zitat angeht, so fällt das griechische Original noch drastischer aus, als die hierzulande verbreitete Zürcherbibel in ihrer Übersetzung erahnen lässt. Wo in letzterer von „niedermachen‟ die Rede ist, spricht der griechische Text vom “niedermetzeln” („katasfáxate!”).

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat vielleicht recht, wenn er es als eine Errungenschaft “ausgereifter Religionskulturen” bezeichnet, dass ihren Mitgliedern heute “viele Stellen aus den eigenen sakralen Büchern, aus denen der heilige Furor redet, wie peinliche Anarchismen vorkommen” ((Peter Sloterdijk, Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen, Frankfurt a.M. u. Leipzig 2007, S. 168.)) In Wahrheit aber ist es wohl eher so, dass selbst gläubige Christen solche Passagen kaum mehr kennen, was damit zusammenhängt, dass wir uns eine selektive Lesart anerzogen haben. Die oben zitierte Theologin scheint mir da ganz typisch zu sein.

Als sich das Christentum in Europa auszubreiten begann, war das religiöse Bewusstsein aber noch ein ganz anderes, wovon die Zerstörung heidnischer Tempel und jüdischer Synagogen beredtes Zeugnis gibt und es wäre eine Verharmlosung, hier von Einzelfällen zu sprechen. Die entscheidende Änderung trat erst ein, als das Christentum unter den Druck von Säkularisierung und Aufklärung geriet, um schliesslich, wie es er Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann formulierte, “so zahm und menschenfreundlich” zu werden,” wie es uns heute in der engagierten Arbeit von kirchlichen Institutionen begegnet.“ ((Jan Assmann, Monotheismus und die Sprache der Gewalt, Wien 2009, S. 15.))

Wie man theologisch damit umgeht, ob man solche Stellen des Neuen Testaments wie die oben zitierten historisiert oder sonstwie umdeutet, steht auf einem anderen Blatt. Ansonsten sollte es selbst für gläubige Menschen – es ist ja kein Geheimnis: ich selbst bin keineswegs ein Atheist oder aus der katholischen Kirche ausgetreten – keinerlei Tabu geben, die eigenen heiligen Schriften zu hinterfragen. Sie zunächst zu gelesen zu haben, ist freilich Voraussetzung.

Starkes Pferd statt lahmer Gaul

Von Journalisten verfasste Bücher über den Nahen Osten basieren üblicherweise auf persönlichen Begegnungen und Eindrücken, die dann  mit historischem Hintergrundwissen angereichert werden. Nicht so das Buch „The Strong Horse“ des amerikanischen Journalisten Lee Smith, der sich das ehrgeizige Ziel vorgenommen hat, den kulturellen Ursachen der eruptiven Gewalt, von der die Arabische Welt geprägt ist, auf den Grund zu gehen, um so weit mehr als eine Momentaufnahme der Arabischen Welt zu geben.

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“… wie einer, der die ganze Menschheit ermordet hat”

Eine “apologetische Nichtauseinandersetzung” macht Jörg Lau von der “Zeit” unter den Islamverbänden aus, wenn es um die Frage geht, inwieweit Gewalttaten im Namen der eigenen Religion tatsächlich etwas mit ebendieser Religion zu tun haben. Dann werden allzu eilfertig all jene, die dem Namen des Islam Schaden zufügen könnten, zu Nichtgläubigen erklärt und  schon liegen die Ursachen religiöser Gewalt ausserhalb der Umma.

Der Bewunderung für einen Text, den Lau auf der Seite von Islam.de gefunden hat, mag man sich allerdings nicht so recht anschliessen. Dessen Verfasser möchte sich zwar der Herausforderung stellen, dass die Möglichkeit einer gewissen Affinität zur Gewalt im Islam als solche der Erörterung wert sein könnte, jedoch läuft es dann doch darauf hinaus, dass der Wahhabismus Ursache allen Übels ist. Dem Leser bleibt es dann überlassen, den Wahhabismus als etwas zu betrachten, was wahlweise entweder nichts mit dem Islam zu tun hat oder diesen nur falsch versteht.

Ausgangspunkt der Argumentation ist Vers 5:32 des Koran, wo es heisst: “Aus diesem Grunde haben wir den Kindern Israel verordnet, daß, wer eine Seele ermordet, ohne daß er einen Mord oder eine Gewalttat im Lande begangen hat, soll sein wie einer, der die ganze Menschheit ermordet hat. Und wer einen am Leben erhält, soll sein, als hätte er die ganze Menschheit am Leben erhalten.” (Übers. von Max Henning.) Den leichtfertigen Umgang mit diesem Vers hat allerdings schon der Islamwissenschaftler Tilman Nagel vor Jahren kritisiert (aus Zeitgründen habe ich im folgenden weitgehend darauf verzichtet, Nagels Worte zu paraphrasieren).

“In der muslimischen Apologetik versucht man,” so Nagel, “andersgläubigen Gesprächspartnern, die häufig ohne Sachkenntnis sind, weiszumachen, alle muslimischen Eroberungskriege seien in Wahrheit Verteidigungskriege gewesen, da der Koran das Töten von Menschen verbiete und daher auch den offensiven Einsatz von Waffen. Besonders seit den Anschlägen vom 11. September ist diese Art der Desinformation beliebt geworden: Jene Verbrechen hätten mit dem Islam nichts zu tun, verkünde doch der Koran, wer nur einen Menschen töte, habe gleichsam die ganze Menschheit getötet.”

Tatsächlich geht es bei dem angeführten Koranzitat historisch um das Problem der Blutrache. So “schützt das in Sure 5,32 ausgesprochene Tötungsverbot lediglich die Mitglieder der eigenen, der “gläubigen” Solidargemeinschaft vor Übergriffen, die von ihresgleichen ausgehen könnten.” In der medinensischen Zeit mussten bis zum Grabenkrieg Muslime fürchten, ausserhalb Medinas von anderen Muslimen überfallen zu werden, wenn sie mit ihnen in Blutfehde lebten. Die entsprechenden Koranverse beziehen sich auf diesen Sachverhalt.

“Mohammed warb”, so Nagel weiter, “möglicherweise um dem Kampfeseifer jener Beutegierigen neue Ziele zu eröffnen, sicher jedoch zur Ausdehnung seiner religiös-politischen Herrschaft, zur selben Zeit um eine Fortsetzung des Dschihad (…). Die Aufkündigung der bei der Inbesitznahme Mekkas den Heiden gegebenen Zusage, sie dürften weiterhin die Pilgerriten nach der herkömmlichen Weise vollziehen, verknüpfte Mohammed mit der Aufforderung, die Beigeseller nach Ablauf der heiligen Monate zu töten, wo immer man sie treffe (…). Daß der Koran ein allgemeines Tötungsverbot enthalte, ist somit ein Propagandamärchen.”[1]

Es mag gewiss Spielräume in der Interpretation von Texten, zumal heiligen, geben, und auch der Koran ist darin keine Ausnahme. Wer den Islam von jeglichem Hang zu nicht-defensiver Gewalt freisprechen will, sollte allerdings schon etwas geistreicher zu Werke gehen.

  1. Tilman Nagel, Mohammed: Leben und Legende. München: Oldenbourg, 2008, 942-5, Fussnote 230.
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