Der letzte Christentumskritiker

Quod non est excellentior status, quam vacare philosophiae – “Es gibt keine ausgezeichnetere Lebensform, als sich frei der Philosophie zu widmen”, lautet die vierzigste These, die der Bischof von Paris 1277 als ketzerisch verurteilte und obgleich man heutzutage ungestraft die Religion hinauf- und wieder herunterkritisieren kann, stehen doch gerade an den Universitäten die Zeichen auf Dialog und Anschmiegung, will man doch die Religionsgemeinschaften als Akteure für den Zusammenhalt der Gesellschaft gewinnen.

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Das jüdisch-christliche Abendland ist keine Fiktion, aber …

Das jüdisch-christliche Abendland ist ein Topos, zu dem Rechtskonservative gerne Zuflucht nehmen, wenn es darum geht, dem Islam seine Zugehörigkeit zu Europa abzusprechen, was dann aus dem linken Teil des politischen Spektrums gerne mit dem Argument gekontert wird, dass das christlich-jüdische Abendland erstens eine Fiktion und zweitens eine Frechheit sei, wo doch der christliche Teil des Abendlands eine lange Geschichte der Verfolgung am jüdischen Teil vorzuweisen habe. Meist sind dann auch noch aus der politischen Mitte heraus Wortmeldungen zu vernehmen, wonach das Abendland nicht nur Christentum und Judentum, sondern ebenso sehr dem Islam seine Existenz verdanke.

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Zwischen Religion und Politik II – Religion und Imperium

Religionen tragen ein imperiales Erbe in sich, denn mit oder gegen ein Imperium sind sie grossgeworden. Die Herausbildung einer jüdischen, christlichen und muslimischen Zivilisation fand auf dem historischen Spielfeld von Imperien statt. Religionen haben haben dazu beigetragen, Imperien zu begründen und diese, jene zu verbreiten. In der Diskussion um das Spannungsverhältnis von Politik und Religion muss die Erkenntnis einen Platz haben, dass die Politik auf Glaubensfundamenten ruht, auf einem „religiösen Mutterboden‟ den es sichtbar zu machen gelte, wie Jacob Taubes formulierte, und der, wie wir hinzufügen möchten, von imperialen Bedingungen geprägt ist. Diese haben vielfältige Spuren an den Religionen hinterlassen.

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Mit apokryphen Texten zum gesellschaftlichen Frieden

In Paderborn, wie die „Welt am Sonntag‟ berichtet, ist kürzlich ein Projekt abgeschlossen worden, das sich den „koranischen Zugängen zu Jesus‟ widmete. Das könnte eine interessante Sache sein, aber skeptisch macht die Tatsache, dass ein solches Projekt gleich wieder ideologisch überformt werden muss, wonach die Forschungsergebnisse nichts weniger als „die Zukunft des gesellschaftlichen Friedens beeinflussen‟ könnten.

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Im Schaumbad des Dialogs

Paternalismus kann einem das Verständnis für Geschichte und Gesellschaft schon gründlich verhageln. Da widmet sich das “Interkulturelle Magazin” des BR der Überschreitung von Religionsgrenzen, fragt, warum die Menschen im christlich geprägten Westen sich eher für ostasiatische Religionen öffnen als für den Islam, und bittet sodann einen Religionswissenschaftler um Deutung.

Was dann kommt, ist das alte Wiegenlied von der historisch begründeten Feindschaft zwischen Christentum und Islam, vermeintlich verursacht nicht zuletzt durch eine “westliche Kolonialherrschaft”, unter der die gesamte Islamische Welt “mit Ausnahme von vier Ländern” gestanden habe (ab ca. 20:40), weswegen es heute diese ganzen Feindbilder gibt.

Und zwar vor allem von muslimischer Seite gegen das Christentum, die Religion der Kolonialherren. Aber irgendwie wohl auch umgekehrt, schliesslich geht es ja um die Frage, warum spirituell gestimmte Westler sich vor allem zu Buddhismus & Co. hingezogen fühlen, dagegen kaum zum Islam. Wie auch immer.

Aber es gibt ein Mittel, jetzt neu!, das gegen chronische Sympathieblockade wirkt – den Dialog. Erste Erfolge sind zu verzeichnen: Dialogversuche am Judentum haben gezeigt, dass alte Ressentiments überwindbar sind. Auch wenn die Redaktion uns nicht sagen mochte, von was für Ressentiments die Rede ist und wer als Dialogpartner des Judentums herhalten musste.

Aber das ist alles nicht wichtig. Wichtig ist nur, dass Religion ein Thema ist, das am besten in einem Schaumbad aus öliger Äquidistanz und blumiger Nächstenliebe abgehandelt wird. Dann kann man sich die Beschäftigung mit gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen sparen.

Die Hagia Sophia und das Ende des 1. Weltkrieges

Dass die Hagia Sophia in Istanbul wieder zu einer Moschee gemacht werden soll, ist ein Gedanke, der in der türkischen Politik und Öffentlichkeit immer wieder einmal aufkommt. Die Frage nach ihrer Bestimmung geht im wesentlichen bis auf das Jahr 1919 zurück, als in Paris die Friedenskonferenz tagte. Ein Artikel des Turkologen Klaus Kreiser in der “SZ” bietet eine gute Gelegenheit, sich einmal anzuschauen, welche Debatte damals ihrer Umwandlung in ein Museum vorausging.

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Warum Ägyptens Kirchen?

Das ägyptische Militär greift hart gegen die Mursi-Sympathisanten durch. Mehr als 500 Tote sind das Ergebnis. Bei den Unruhen gerieten immer wieder auch Kirchen in Brand, was wohl auf das Konto der Muslimbrüder geht. Aber warum? Warum werden gerade Kirchen angezündet?

In einem Beitrag für “Middle East Online” macht Mohammed al-Hamamsi im wesentlichen zwei mögliche Motive aus: Zum einen wäre denkbar, dass Christen geradezu zwangsläufig ins Visier geraten, weil die Muslimbrüder überall einen Krieg gegen den Islam am Werk  sehen. Auch sollen die Christen nicht abseits stehen, während Muslime mit Muslimen zusammenstossen.

Mittlerweile soll es schon mehrere Fatwas geben, die den Krieg gegen Christen zur Pflicht eines jeden Muslims erklärt haben (wobei unklar ist, wie einflusssreich die Verfasser dieser Fatwas sind.) Auch gab es schon Anschuldigungen, dass Kirchen als Waffenlager missbraucht würden. Diese Anschuldigungen sind sicherlich aus der Luft gegriffen, aber sie liefern das Motiv für Brandanschläge auf Kirchen.

Das zweite mögliche Motiv besteht darin, dass mit den Brandanschlägen auf Kirchen auch eine Warnung an den Westen gerichtet, bzw. dieser unter Druck gesetzt werden soll – nach dem Motto: wenn der Westen nicht auf unserer Seite ist, werden es nicht nur Kirchen sein, die Anschlägen zum Opfer fallen. Anders gesagt: Solange der Westen uns nicht beisteht, müssen die Christen daran glauben.

Dieser Schuss könnte freilich nach hinten losgehen und den Westen dazu veranlassen, im Militär noch das kleinere Übel zu sehen.

Siehe dazu auch diesen Beitrag auf dem Blog Beer7. (18. Aug. 2013)

Diese meine Feinde

Gefragt, wie Christen Kreuzzüge führen, Ketzer verbrennen und Juden verfolgen konnten, wo Jesus doch zur Feindesliebe aufgerufen habe, weiss eine evangelische Theologin (“Pfarrerstochter in vierter Generation”) im Gespräch mit dem Magazin “chrismon” nichts besseres zu antworten als: “Ich weiß es nicht. Mich macht sprachlos, dass man Gewalt sogar mit dem Christentum begründete. Das passt gar nicht zu Jesus.”

Noch sprachloser freilich macht, wenn eine Theologin die Bibel nicht gelesen hat. Denn ganz so friedfertig ist auch das Neue Testament nicht, wie viele meinen. “Meinet nicht, dass ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen. ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert” heisst es in Mt 10:34 und in Lk 19:27 lesen wir:„Doch diese meine Feinde, die nicht wollten, dass ich über sie König würde, führet hierher und machet sie vor meinen Augen nieder!‟ Was das zweite Zitat angeht, so fällt das griechische Original noch drastischer aus, als die hierzulande verbreitete Zürcherbibel in ihrer Übersetzung erahnen lässt. Wo in letzterer von „niedermachen‟ die Rede ist, spricht der griechische Text vom “niedermetzeln” („katasfáxate!”).

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat vielleicht recht, wenn er es als eine Errungenschaft “ausgereifter Religionskulturen” bezeichnet, dass ihren Mitgliedern heute “viele Stellen aus den eigenen sakralen Büchern, aus denen der heilige Furor redet, wie peinliche Anarchismen vorkommen” ((Peter Sloterdijk, Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen, Frankfurt a.M. u. Leipzig 2007, S. 168.)) In Wahrheit aber ist es wohl eher so, dass selbst gläubige Christen solche Passagen kaum mehr kennen, was damit zusammenhängt, dass wir uns eine selektive Lesart anerzogen haben. Die oben zitierte Theologin scheint mir da ganz typisch zu sein.

Als sich das Christentum in Europa auszubreiten begann, war das religiöse Bewusstsein aber noch ein ganz anderes, wovon die Zerstörung heidnischer Tempel und jüdischer Synagogen beredtes Zeugnis gibt und es wäre eine Verharmlosung, hier von Einzelfällen zu sprechen. Die entscheidende Änderung trat erst ein, als das Christentum unter den Druck von Säkularisierung und Aufklärung geriet, um schliesslich, wie es er Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann formulierte, “so zahm und menschenfreundlich” zu werden,” wie es uns heute in der engagierten Arbeit von kirchlichen Institutionen begegnet.“ ((Jan Assmann, Monotheismus und die Sprache der Gewalt, Wien 2009, S. 15.))

Wie man theologisch damit umgeht, ob man solche Stellen des Neuen Testaments wie die oben zitierten historisiert oder sonstwie umdeutet, steht auf einem anderen Blatt. Ansonsten sollte es selbst für gläubige Menschen – es ist ja kein Geheimnis: ich selbst bin keineswegs ein Atheist oder aus der katholischen Kirche ausgetreten – keinerlei Tabu geben, die eigenen heiligen Schriften zu hinterfragen. Sie zunächst zu gelesen zu haben, ist freilich Voraussetzung.

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