Was wollen die Muslime?

Was wollen die Muslime? Mehrheitlich jedenfalls Demokratie und individuelle Freiheit, hat das amerikanische PEW-Meinungsforschungsinstitut herausgefunden:

A substantial number in key Muslim countries want a large role for Islam in political life. However, there are significant differences over the degree to which the legal system should be based on Islam.

Kein Zweifel, das sind erfreuliche Nachrichten. Doch Anlass zu ein wenig Kritik gibt es auch:

Moreover, while many support the general principle of gender equality, there is less enthusiasm for gender parity in politics, economics, and family life. For instance, many believe men make better political leaders, that men should have more of a right to a job than women when jobs are scarce, and that families should help choose a woman’s husband.

Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal äusserte sich kürzlich im Interview mit der “Zeit” wie folgt darüber[1]:

Wenn ich meine Freunde frage: Akzeptiert ihr, dass eure Frauen und Töchter in einer demokratischen Gesellschaft unabhängig sind? Dann sagen sie mir: Grundsätzlich sollen die Frauen natürlich frei sein, nur meine eigene Frau gehört mir. Und Töchter sollen ein freies Leben führen, nur meine Tochter nicht, sie bleibt ja bis zu meinem Tod meine Tochter.

Es ist paradox: Individuelle Freiheit kann zugleich gewollt und doch nicht gewollt sein. Was aus dieser Haltung praktisch erwächst, wird die Zukunft erweisen.


Siehe auch:

  1. ”Arabellion” am Abgrund, 4.5.2012.

Kein Angriff auf den Iran

Ein Angriff auf den Iran noch in diesem Sommer? Die Frage war auf diesem Blog zu lesen – vor fünf Jahren. Ein präemptiver Schlag hat bekanntlich bis heute nicht stattgefunden, weder von amerikanischer noch von israelischer Seite. Warum sich daran zumindest so bald nichts ändern wird, erläutern Dan Raviv und Yossi Melman im “Tablet Magazine”[1]:

There is a more nuanced reality revealed by some Israeli officials who prefer not to be named because their analysis could be seen as undermining Netanyahu-Barak’s tough stand. Some in Jerusalem’s political world, and many in the Israeli military and the intelligence community, say it is highly unlikely that the Jewish state will strike Iran this year for several sound reasons.

Dass die Cyberkriegsführung so ausgezeichnet funktioniert, dürfte jedenfalls nicht der schlechteste Grund sein.

Siehe auch:

Das Wesen der Zensur

Dass in Diktaturen wie der iranischen Zensur herrscht, ist bekannt. Weniger bekannt dürfte sein, was Zensur eigentlich bedeutet. Und wer jetzt glaubt, Zensur heisse, dass da eine rote Grenze bestehe, die nicht übertreten dürfe, wer etwas publizieren will, der könnte sich irren. Es ist subtiler.

Die islamische Zensur verfügt seit einigen Jahren über eine Kontrollsoftware, die unzulässige und verbotene Wörter ohne Rücksicht auf den Sinnzusammenhang löscht oder durch ein erlaubtes Wort ersetzt. (…) Der Übersetzer von “Der Zauberberg” von Thomas Mann übersetzte den deutschen Ausdruck “schamrot im Gesicht” mit dem persischen Äquivalent “der Schweiß (araq) der Scham legte sich auf die Stirn”. Das persische Wort “araq” hat zwei Bedeutungen: Schweiß und Wodka. Die Software änderte den Satz kurzerhand in “der Kaffee der Scham legte sich auf die Stirn”.

schreibt der iranische Exilschriftsteller Faraj Sarkohi auf Qantara.de (s.a. hier). Was so amüsant klingt (und tatsächlich Anlass von viel Spott über die Islamische Republik war), verweist auf den Kern dessen, was Zensur eigentlich bedeutet: Einschüchterung durch Unsicherheit. Der einzelne Schriftsteller und Journalist wird im Unklaren darüber belassen, was er eigentlich schreiben darf und was nicht. Das ist kein Alleinstellungsmerkmal des Iran.

Bereits 1985 schrieb der britische Historiker Timothy Garton Ash über das kommunistische Ungarn, wie der Schriftstellerverband um klare Regeln für das Veröffentlichen geradezu bettelte. Ähnliches war zuvor in Polen passiert. Da regimekritische Texte zuweilen die Zensur passierten, währende andere, völlig harmlose, verboten werden konnten, waren klare Regeln zumindest das kleinere Übel. Die zu erwarten aber stellte sich als illusorisch heraus:

“Die Zensoren verfügen über keine objektiven Kriterien, um entscheiden zu können, wo die Grenzen liegen. Auch sie irren verloren im Labyrinth. ‘Die Realitäten akzeptieren’, heisst der Slogan. Aber was sind die Realitäten der meisten Redakteure oder Verleger? Sie sind die Einschätzung dessen, was ihre Vorgesetzten akzeptabel finden. Doch deren Realitäten sind auch keine anderen als die, die ihre Vorgesetzten akzeptieren. Und so geht es immer weiter, bis hinauf zur Spitze.”[1]

Ganz ähnlich geht es im heutigen Syrien zu. Mit dem Amtsantritt von Baschar al-Asad haben sich die Zustände sogar noch verschlimmert.[2] Noch einmal zum Iran: Unter der Amtszeit Khatamis (1997-2005) konnte man in iranischen Periodika Ansätze einer Ideologiekritik lesen, während schon damals offensichtlich unpolitische und auch mit dem Islam nicht in Konflikt stehende Publikationen der Zensur zum Opfer fielen. Das hat viele Intellektuelle zu dem Glauben verführt, es gebe einen Spielraum für kritische Intellektuelle, den es nur auszutesten gelte.

Ein Irrtum. Nicht nur, weil unter Ahmadinejad die Zügel wieder angezogen wurden, sondern auch, weil diese Unsicherheit und Unberechenbarkeit der Zensur erst die Schere im Kopf entstehen lässt – während in einem letzten Winkel des Bewusstseins sich die trügerische Hoffnung hält, es könnte vielleicht doch noch einen Spielraum geben.

Siehe auch:

  1. Timothy Garton Ash, Ein Jahrhundert wird abgewählt. Aus den Zentren Mitteleuropas 1980-1990, Hamburg 1990, 150.
  2. Fouad Hamdan, Einige Illusionen über Syriens Regime. Verspielte Kompromisse: Präsident Baschar al Assad zeigt durch seine Gewaltpolitik, dass nur sein Sturz zur Stabilität im Land und in der Region führen kann. FAZ, Montag, 13. Februar 2012, Nr. 37, S. 23.

Der Paternalist

Glaubt noch irgendwer, dass Assad-Interviewer Jürgen Todenhöfer ein Freund der Muslime ist? Sein denkwürdigster Satz in der gestrigen Sendung von “Hart aber fair”, in der es um Syrien ging, war folgender:

(…) wie ein Vater, wenn meine drei Kinder Krach haben, frage ich nicht, wer angefangen hat.

Das ist es: Für Todenhöfer sind die Syrer, überhaupt die Araber und Muslime, nichts als Kinder, die sich kabbeln. (Podcast vom 9.7., bei ca. 36:50.)

Siehe auch:

Das Leid der Iraker, 9. März 2008.

Orient mit Zuckerguss

Manche Mythen sterben nie. Denn wenn es darum geht, was Europa nicht alles dem Islam zu verdanken habe, dann wird gerne dick aufgetischt: Wie tolerant Andalusien war, wie wegweisend die arabischen Übersetzungen aus dem Griechischen, und wie verhängnisvoll Kreuzzüge und Kolonialismus.

Da will auch der Nahosterklärer Michael Lüders nicht zurückstehen und so darf er in der “Zeit” noch einmal all das auftischen, was trotz Wiederholung beim besten Willen nicht richtiger wird. Lüders glaubt:

Durch Übersetzungen aus dem Griechischen ins Arabische und schließlich ins Lateinische fand damals auch das Wissen der griechischen Antike wieder Eingang in die westliche Kultur. Es wäre sonst wohl zu großen Teilen verloren gegangen und in Vergessenheit geraten.

In Wirklichkeit hat sich das Wissen auch über die Römer und die lateinische Sprache, sowie über die Bewahrung der byzantinischen Handschriftenschätze, die für die Renaissance so bedeutsam wurden, nach Europa verbreitet, worauf der Gräkoarabist Gotthard Strohmaier schon vor vielen Jahren hingewiesen hat. “Wohlmeinende Europäer”, so Strohmaier weiter, stünden vielen muslimischen intellektuellen gerne in ihrem Stolz bei, zur Vermittlung des griechischen Erbes nach Europa beigetragen zu haben, wobei sie allerdings die Wirkung der mittelalterlichen Rezeption aus dem Arabischen überschätzen.

Überdies war die europäische Rezeption etwa der Aristoteleskommentare des Averroes nicht einfach nur eine blinde Übernahme, sondern musste erst auf fruchtbaren Boden fallen, um ihre Wirkung tun zu können – etwas, das in der islamischen Welt in dieser Form offenbar nicht vorhanden war. Strohmaier[1]:

Der relativ schnelle Aufstieg Westeuropas, des Landes der Franken, beruht auf politischen und sozialen Konstellationen, an denen der Islam unbeteiligt war, und in diesem Punkt verdanken wir ihm nichts.

Was den Mythos vom Gelehrtenparadies Andalusien betrifft, lassen wir einfach Hans-Rudolf Singer sprechen[2]:

“Sowohl die Übertragung arabischer Wissenschaft, die auf der Grundlage des griechischen Erbes gediehen und ausgebaut worden war, als auch die Einflüsse arabischer Literatur auf das europäische Mittelalter vollzogen sich allein an Gebieten und Orten, die der islamischen Herrschaft entrissen worden waren und christlichen Fürsten unterstanden.”

Strohmaier und Singer sind übrigens alles andere als Aussenseiter der Wissenschaft; Singers Beitrag findet sich in einem Sammelband, der zur Elementarliteratur aller Studenten der Arabistik gehört. Diese wunderbaren Geschichten von der arabischen Wissensvermittlung und dem Gelehrtenaustausch in Andalusien hat natürlich einen wahren Kern, er wurde aber vor allem im 19. Jahrhundert idealistisch erhöht. Im Falle Andalusiens ist dies nicht zuletzt einem marrokanischen Historiographen namens al-Maqqarī zu verdanken, der im 17. Jahrhundert ein enzyklopädisches Werk über Andalusien verfasst hatte, das in Vergessenheit geriet, bis Europäer es wiederentdeckten. Der arabische Text selbst wurde erstmalig zwischen 1855 und 1861 in Leiden gedruckt, später fand er mit einer türkischen Übersetzung auch von muslimischer Seite Interesse.[3]

Man könnte noch einiges hinzufügen zu Lüders Orientbild, doch wollen wir es dabei belassen. Viel interessanter ist die Frage, warum solche ollen Kamellen immer und immer wieder vorgetragen werden und das jedesmal auch noch mit dem Gestus des Aufklärers. Die Antwort liegt in einem Paradoxon: Denn obwohl der Islam grosses Modethema geworden ist, mit dem sich mittlerweile Heerscharen von Geisteswissenschaftlern und Journalisten beschäftigen, haben die wenigsten ein echtes Interesse an ihm.

Denn für viele, die heutzutage Vorträge über den Islam halten oder Aufsätze wie Lüders schreiben, geht es nicht um die Vermittlung von Erkenntnis, sondern um die eigene Rolle als Brückenbauer und Kulturvermittler. Und da eine Brücke zu bauen nur dort Sinn macht, wo eine Schlucht ist (eine Schlucht des Missverständnisses!), und Kulturen nur dort vermittelt werden können, wo Unwissenheit und Vorurteil herrschen, werden Unwissen, falsches Wissen und Vorurteil immer vorausgesetzt, um sich vor diesem Hintergrund als Aufklärer erst glaubhaft und wirkungsvoll präsentieren können. Und das ist das ganze Elend.

  1. Gotthard Strohmaier, Was Europa dem Islam verdankt, in: (ders.), Hellas im Islam, Interdisziplinäre Studien zur Ikonographie, Wissenschaft und Religionsgeschichte, Wiesbaden 2003, 1-27, hier 25-6.
  2. Hans-Rudolf Singer, Der Maghreb und Die Pyrenäenhalbinsel bis zum Ausgang des Mittelalters, in: Geschichte der arabischen Welt, hgg. von Ulrich Haarman und Heinz Halm, München 2004, 265-322, hier 293.
  3. Bernard Lewis, History. Remembered, Recovered, Invented, Princeton 1975, 72-4; Ralf Elger, Selbstdarstellungen aus Bilâd ash-Shâm. Überlegungen zur Innovation in der arabischen autobiographischen Literatur im 16. und 17. Jahrhundert, in: Historische Zeitschrift, Beiheft 35/2003, 123-37, hier 128-9.
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