Iran: Ein Mann will den Untergang

Quelle: leader.ir/fa

“Das zionistische Regime wird unter Einsatz der muslimischen Länder definitiv beseitigt werden.” Das verkündete Irans Revolutionsführer Ajatollah Khamenei dieser Tage.

Es ist kaum zu glauben. Iran steht dank Trump unter aussenpolitischem Druck wie nie zuvor, während im Inneren seit Ende letzten Jahres ununterbrochen Menschen gegen das Regime auf die Strasse gehen und in kreativen Aktionen deutlich machen, dass sie keine Reformen wünschen, sondern die Tyrannei einer islamischen Republik abschütteln.

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Unser Haus Europa

Der Nationalstaat ist ein ambivalentes Gebilde. Einerseits ist er Ausdruck einer fortschrittlichen Gesinnung, wonach der Staat nicht länger ein Instrument von Adel und König sein, sondern den Menschen gehören soll, die sich im Begriff der Nation wiederfinden. In der Nation liegt andererseits aber auch der Keim kollektiver Selbsterhöhung, die dann in Gewalt und Repression umschlagen kann. Im Konzept des Nationalstaates liegen Fortschritt und Rückschritt, Freiheit und Repression nahe beieinander, wie ein Blick in die Geschichte zeigt.

Frankreich hat mit der Französischen Revolution Demokratie und Volkssouveränität verwirklicht, aber eben auch den Nationalismus und Imperialismus vorangetrieben, als Napoleon die Parole ausgab, das Land müsse „à la tête de la civilisation‟ stehen. Frankreich, so hat es der Sozialphilosoph Pierre Bourdieu einmal formuliert, hat sich aufgrund der Besonderheit seiner Revolution immer als Träger eines Universalismus begriffen und dies auch in seinem Imperialismus zum Ausdruck gebracht. Hier dienten nicht nur die Ideen der Aufklärung der Legitimation, sondern der Bezug auf das Erbe des republikanischen Roms.

Die italienischen Freimaurerlogen, die mit dem Einmarsch der französischen Truppen in Rom zum ersten Mal von „Italien“ als politischer Grösse sprachen, sahen in Frankreich das Vorbild für einen eigenen Verfassungsstaat, den zu verwirklichen der Geheimbund der Carboneria in Neapel 1820 eine Revolution auslöste. Revolutionen und Revolten dieser Art gab es in ganz Europa, vor allem im Südosten des Kontinents, aber auch im Nahen Osten. Einer ihrer wichtigsten Vordenker war des Genueser Linksnationalist Giuseppe Mazzini (1805-72), der von Herders humanistischem Universalismus beeinflusst war und das politische Denken Italiens massgeblich prägte. In der Schweiz gründete Mazzini 1830 den Geheimbund des „jungen Europa‟, der Ableger in verschiedenen Ländern hatte und dessen Einfluss sich auch in Teilen der deutschen Gebiete bemerkbar machte.

In Griechenland kam es 1821 zum Aufstand gegen die osmanischen Besatzer und damit zur Entstehung einer Nationalbewegung, die anfangs säkular war und sie auf die Ideale der Französischen Revolution bezog. Vorreiter der griechischen Nationalidee wie Theofilos Kairis (gest. 1853) oder Adamantios Korais (gest. 1833) würdigten die Kirche als Retterin des Griechentums in der Zeit der Osmanischen Herrschaft, schmähten sie aber auch als Hort der Unfreiheit und Bildungsferne und damit als Hindernis auf dem Weg zu einer freien Nation. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die Schriften Voltaires unter den griechischen Intellektuellen populär. Aber auch hier war die Gegenaufklärung nicht weit: Etwa zur gleichen Zeit wurde die Abstammung als Kriterium nationaler Zugehörigkeit ins Spiel gebracht und konstruierte die griechische Geschichtswissenschaft eine Erbfeindschaft mit dem bulgarischen Nachbarn, der Teile des heutigen griechischen Territoriums für sich beanspruchte.

Davon war auch Deutschland erfasst. Die Deutschnationalen mögen einen Karl Ludwig Sand hervorgebracht haben, der den Dichter August Kotzebue 1819 ermordete, aber sie waren eben, wie Egon Friedell in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit schreibt, Teil einer Revolution, die überall in Europa brodelte. Als Neapel 1848 seine Verfassung erhielt, kam es im selben Jahr auch in Deutschland zur Revolution, über deren Erfolg die Historiker streiten mögen. Am Ende war es jedenfalls Bismarck, der weder ein Demokrat noch ein Verfechter des Nationalstaates war, sondern den preussischen Staat retten wollte, indem er die Auflösung des Deutschen Bundes anstrebte, um der preussischen Politik mehr Spielraum zu verschaffen, der aber letztlich, wie Sebastian Haffner schrieb, auch Realist war und als solcher „bereit, auch mit dem Nationalismus und sogar mit der Demokratie zu paktieren.‟ Die Forderung nach einem Nationalstaat und die nach einem freigewählten Parlament gehörten damals zusammen.

Der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama hat in seiner eindrucksvollen Studie Political Order and Political Decay (2014) gezeigt, wie die Nationalidee in den unterschiedlichsten Ländern dazu beigetragen hat, moderne Staaten hervorzubringen. Deutschland entwickelte den Kern eines modernen Staates in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, Japan fast gleich nach der Meiji,Restauration, Grossbritannien in den 1850ern, die USA zwischen den 1880ern und 1930ern. Als Nation mag Deutschland „verspätet‟ gewesen sein, als moderner Staat nicht.

Aber immer war die Reaktion nur einen Katzensprung entfernt. Besonders deutlich wird das an Johann Gottlieb Fichte (gest. 1814), der ein Anhänger der Französischen Revolution war, in seiner Utopie vom „geschlossenen Handelsstaat‟ aber das politische Modell eines totalitären Staates entwarf. Von den weiteren Wegbereitern einer völkischen Nationalidee wie Paul de Lagarde und anderen, die mit verschwiemeltem Pathos schrieben, müssen wir nicht weiter sprechen. Halten wir einfach fest, dass die Nationalidee weder nur gut noch nur schlecht ist – sie ist beides; auf ihr lässt sich ebenso eine liberale Demokratie aufbauen wie Jagd auf Menschen machen. Das hat man auch an den Ereignissen im Zuge der deutschen Wiedervereinigung gesehen: Einerseits erscholl der Ruf nach Mitbestimmung und Bürgerrechten, sowie Teilhabe an der westlichen Konsumwelt – andererseits gab es massenhafte Übergriffe auf Asylunterkünfte durch einen nationalistischen Pöbel.

Aufgabe der liberalen Politik ist es nun, das fortschrittliche, freiheitliche Potential des Nationalstaates zur Entfaltung zu bringen, den potentiell repressiven Charakter, der sich gegen alles richtet, was ihm fremd erscheint, nach Möglichkeit zu entschärfen. Aussenpolitisch heisst dies, mit anderen Ländern zu kooperieren und in gemeinsamer Anstrengung Frieden, Wohlstand und Sicherheit zu fördern. Diese Anstrengungen manifestieren sich u.a. in supranationalen Organisationen, deren Mitgliedstaaten etwas von ihrer Souveränität abgeben, um sich zum gegenseitigen Nutzen einem grösseren Ziel zu verschreiben.

Dieses Modell der liberalen Demokratie auf dem Sockel des Nationalstaates ist das Erfolgsmodell seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und ursächlich für die Schaffung der Europäischen Union. Die Union ist gewissermassen das Dach, das auf den Säulen unterschiedlicher liberal-demokratischer Nationalstaaten ruht.

Linke und rechte Populisten wollen dieses Modell zerstören.

Die Linke, keineswegs nur die Radikalen unter ihr, will die Säulen zerschlagen und das Dach behalten, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass damit auch das Dach selbst Schaden nähme. Der bereits zitierte Francis Fukuyama, der dem amerikanische System der checks and balances attestiert, nur mit Mühe das Bedürfnis nach einem starken Staat mit dem nach Recht und Rechenschaftspflicht zu vereinbaren, sieht europäische Länder wie Deutschland, die Niederlande oder die skandinavischen Länder in Sachen Demokratie zwar besser aufgestellt. Dort nämlich ist das Vertrauen der Bürger in ihren Staat besonders hoch. In dem Masse jedoch, wie die Politik mehr und mehr in Brüssel gemacht wird, zeigt die EU Krisensymptome, die denen der USA immer ähnlicher sehen.

Rechte wiederum (Rechtspopulisten, Rechtskonservative), konkret: die AfD, wollen die EU zwar reformieren und begründen ihr Reformvorhaben mit einer durchaus ernstzunehmenden Kritik an den Strukturen der Union, machen aber deutlich, dass eine Reform nur der Zwischenschritt zur Abschaffung der EU ist. Während das Parteiprogramm der AfD noch an der EU festhält und allenfalls von einem möglichen Austritt Deutschlands spricht, ist die AfD-Co-Vorsitzende Alice Weidel schon längst einen Schritt weiter, indem sie deutlich macht, dass selbst eine Reform der EU nach den Vorstellungen der AfD nie genug sein würde. Sie begründet dies damit, dass Europa ethnisch zu vielfältig sei, um von einer Institution wie der EU demokratisch abgebildet zu werden. Es fehle ein europäisches Staatsvolk, was zwar richtig ist, von ihr aber gegen die EU ausgespielt wird, als ob supranationale Institutionen per se illegitim und zum Scheitern verurteilt seien.

Abstruserweise bringt sie den früheren britischen Premier David Cameron ins Spiel, den sie dafür lobt, dass die die EU vor die Wahl gestellt hat, sich zu reformieren oder ein britisches Referendum über den Austritt abzuhalten. Weidel verschweigt aber, dass Cameron bei all seiner Kritik an der EU doch ebenso ihr leidenschaftlicher Verfechter war. Sein Einwand, den er 2013 in die Öffentlichkeit trug, dass es nämlich keinen europäischen Demos gebe, mündete bei ihm in die Forderung nach einer Beibehaltung der Nationalstaaten und infolgedessen einer flexibleren EU, nicht danach, die Union abzuschaffen oder aus ihr auszutreten.

Demos meint übrigens das Staatsvolk im Gegensatz zu den Herrschenden und im Gegensatz zum ethnos, dem Volksstamm oder der Abstammungsgemeinschaft. Die Mitgliedsstaaten der EU sind Demokratien, keine Ethnokratien. In christlich-orthodoxen Ländern wo der ethnos eine grössere Rolle spielt als im Westen, sind Pluralismus und Individualismus viel schwächer ausgeprägt als im Weste. Das hat auch mit der Orthodoxie zu tun, die die Einheit der Gläubigen in Gott über den Einzelnen stellt, während die Autokephalie dafür sorgt, dass die Nation im wesentlichen Deckungsgleich ist mit der Kirchengemeinde.

So sind die mehrheitlich orthodoxen Länder heute zwar weitgehend demokratisch, meist aber von illiberaler Prägung. Das Modell Nationalstaat plus liberale Demokratie ist hier noch gar nicht vollständig verwirklicht. Vor diesem Hintergrund erscheint es besonders absurd, wenn ein Vertreter des rechten Flügels der AfD im Ernst vorschlägt, Deutschland möge sich orthodoxen Ländern wie Russland nicht nur politisch, sondern kulturell annähern und in der orthodoxen Spiritualität ein Vorbild finden.

Dieser Vorschlag ist erklärtermassen gegen den „westlichen Liberalismus‟ gerichtet und nur ganz am Rande sei erwähnt, dass der Urheber dieses Vorschlages den Begriff noch nicht einmal richtig versteht, weil er das deutsche Wort „liberal‟ mit dem amerikanischen verwechselt, das auf Deutsch etwa mit „links‟ oder „linksliberal‟ zu übersetzen wäre. Entscheidend ist vielmehr, dass die Begeisterung für die Orthodoxie und für Russland in eine Empfehlung der Ideen Alexander Dugins mündet, der in der Tat den Liberalismus in seiner klassischen Bedeutung restlos überwinden will.

Hier zeigt sich das ganze Elend des Rechtskonservatismus, der Europa nur als fertiges Produkt denken kann, als Baukasten einzelner Nationen, die eine gemeinsame Geschichte verbindet, selbst aber keinen Fortschritt kennt. Dabei ist die Europaidee selbst ein Produkt des 17. Jahrhunderts im Einflussbereich des westlichen Christentums und damit Teil der Fortschrittsidee. Die Geschichte Europas wird daher fortgeschrieben und die Europäische Union ist ihre bislang vornehmste Errungenschaft.

Die EU ist nicht nur das entscheidende Friedensprojekt nach den Grausamkeiten und Zerstörungen des 2. Weltkrieges, sondern bildet auch den Gegenentwurf zum alten, von Kriegen zerfleischten Europa des 16. und 17. Jahrhunderts. Dazu zählen u.a. die französischen Hugenottenkriege, der achtzigjährige Krieg der Niederlande, der Dreissigjährige Krieg, der englische Krieg gegen Irland, Schottland und Spanien, sowie der anschliessende Bürgerkrieg. Die EU ist auch der Gegenentwurf zum Europa des Kräftegleichgewichts, wie ein Fürst Metternich sie 1815 geschaffen hatte. Metternich war Urheber der berüchtigten Karlsbader Beschlüsse, die sich gegen Nationalismus und Liberalismus richteten.

Der amerikanische Publizist Robert Kagan hat freilich zu Recht darauf hingewiesen dass die europäische Ordnung nach dem Krieg, die dieses alte System des Kräftegleichgewichts abgelöst hatte, auf Moral statt Machtpolitik bauen mochte, in der Praxis aber nur unter dem Schirm amerikanischer Macht gedeihen konnte. Im Westen des europäischen Kontinents gerät das zuweilen in Vergessenheit, aber noch mehr in zwei Ländern weiter östlich: Im EU-Mitgliedsland Griechenland und in der EU-Anwärterin Türkei, die beide nach dem Krieg von der Militär- und Finanzhilfe der USA profitiert haben.

Das geschah im Rahmen der 1947 verkündeten Truman-Doktrin, mit der der sowjetische Einfluss eingehegt werden sollte und man möchte meinen, in Griechenland und der Türkei würde man sich dieser Unterstützung erinnern, die immerhin dazu geführt hat, dass beide Länder das Schicksal erspart geblieben ist, Teil des Sowjetimperiums zu werden. Doch weit gefehlt. In der griechischen Hauptstadt Athen existiert wohl eine Truman-Statue, aber beide Länder, obgleich NATO-Mitglieder, weisen eine massive und konstante antiamerikanische Stimmung in der Bevölkerung auf.

Griechenland hat eine Links-Rechts-Regierung, die bald auch anderswo entstehen könnte. Die Koalition von SYRIZA und ANEL ist in etwa so, als würde Deutschland von einer Regierung aus LINKE und AfD geführt. In Italien hätte es eine solche Regierung beinahe gegeben, bestehend aus Lega Nord und Fünf Sterne. Vor allem in Deutschland haben linke und rechte Populisten in TTIP ein parteiübergreifendes Feindbild gefunden, das sie zunehmend unwahrscheinlich gemacht und damit Trumps Handelskrieg eine Steilvorlage geliefert haben. So wird der Liberalismus in der EU zurückgedrängt.

Die liberale Demokratie auf der Grundlage souveräner Nationalstaaten, die gemeinsam die Säulen der Europäischen Union bilden, hat Europa Frieden und Wohlstand beschert. Vielleicht wird dieses Modell eines Tages ausgedient haben, aber dieser Tag ist noch fern. Bei aller möglichen Reformbedürftigkeit der EU besteht die Gefahr nicht darin, dass sie der Demokratie verlustig geht. Aber es könnte ihr Schicksal sein, zunehmend illiberal zu werden, ohne dass ihre demokratischen Institutionen zu existieren aufhören.


Nachtrag 04.01.2019

Ausgerechnet in der taz weist ein treffender Kommentar darauf hin, dass “gerade diese sich selbst als pro-europäisch verstehende Position etwas sehr Deutsches” an sich habe und letztlich eine Bewältigung der deutschen und österreichischen Geschichte meine: “Weil Deutschland (und Österreich) mit Auschwitz ein einmaliges Verbrechen in der europäischen Geschichte begangen haben, sollen auch alle anderen ihre Nationalstaatlichkeit aufgeben.”

Wer ist Migrant?

Auf “Spiegel Online” fordert die Diversitätsaktivistin Ferda Ataman eine Abschaffung des Migrationshintergrundes aus der Bevölkerungsstatistik, weil ein solcher ohnehin schwer ermittelbar sei und als Kategorie mehr Verwirrung als Klarheit schaffe. So weit, so gut.

Dann jedoch macht sie eine 180-Grad-Kehrtwende und behauptet, dass mehr als die Hälfte der Deutschen einen Migrationshintergrund habe, weswegen die “frenetischen Volksfreunde, die Arier für Deutschland” nun einpacken könnten. In einer Gesellschaft, in der die meisten Menschen einen Migrationshintergrund haben, macht die Vorstellung, sie möglichst homogen zu halten, keinen Sinn.

Moment mal: Wer sind denn die “frenetischen Volksfreunde, die Arier für Deutschland”? Damit müssen Neonazis gemeint sein, Frau Ataman spezifiziert sie nicht. Aber lohnt sich eine öffentliche Auseinandersetzung mit Neonazis? Die Gesellschaft jedenfalls hat längst akzeptiert, eine Einwanderungsgesellschaft zu sein. Was also soll hier gesagt werden?

Frau Ataman kritisiert an einem Beitrag der ARD den laxen Umgang mit Statistik. Ihr eigenen Umgang damit ist allerdings nicht weniger lax. Ihre Behauptung, die Mehrheit der Deutschen habe einen Migrationshintergrund hat sie beim Schriftsteller Navid Kermani gefunden, der einfach Aussiedler und Vertriebene mit einbezieht.

Sog. “Volksdeutsche” Beleg für die Behauptung zu nehmen, Deutschland sei mehrheitlich ein Land von Migranten, ist allein schon haarsträubend, weil sie die deutsche Herkunft ausklammert. Ein Deutscher, der nach Deutschland übersiedelt, ist eben kein Einwanderer, sondern ein Übersiedler. Die Unterscheidung wird aus gutem Grund gemacht, denn jeder Nationalstaat, nicht nur der deutsche, ist um einer Titularnation willen gegründet worden, deren Mitglieder zum Teil auch jenseits der Landesgrenzen leben.

Diese Menschen sind Teil der (Vorsicht, altmodisches Wort:) Nation. So hat Griechenland Anfang des 20. Jahrhundert griechische Flüchtlinge aus Kleinasien aufgenommen, weil sie Teil der griechischen Nation waren. Sie haben ihre eigenen lokalen Traditionen, die sie aus Kleinasien mitbrachten, und pflegten ihren eigenen Dialekt, sind aber keine Fremden, keine Ausländer, im strengen Sinne des Wortes: keine Einwanderer.

Diese Dinge festzustellen hat nichts mit Nationalismus zu tun. Sicherlich kann die Vorstellung, in einer ethnisch homogenen Gesellschaft zu leben, im Zeitalter der Globalisierung kein Ideal mehr sein und in der Tat sollten wir nicht nur über die Probleme, sondern auch über die Vorzüge von Migration reden, zumal Deutsche auch immer in andere Länder ausgewandert sind. Aber solange wir ein Nationalstaat sind, bleibt die Unterscheidung von Migranten und Übersiedlern gültig.

Wie kommt Navid Kermani nun aber auf die Idee, mit Übersiedlern und Vertriebenen eingerechnet sei die Mehrheit der deutschen Bevölkerung eingewandert? Das ist die Frage. Insgesamt beträgt die Zahl der Menschen, die seit 1950 aus Osteuropa in die Bundesrepublik übergesiedelt ist, etwa viereinhalb Millionen. Rechnet man sie rein hypothetisch zu den Gastarbeitern der ersten bis dritten Generation, sowie weiteren Einwanderern hinzu, kommt man nie im Leben auf eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung, also auf insgesamt mehr als 40 Millionen.

Und die Vertriebenen? Der “Bund der Vertriebenen” liefert keine Statistik, weil die deutschen Flüchtlinge aus den Ostgebieten “juristisch definitorisch nicht erfasst” sind. Aber das ist noch nicht alles. Ataman verweist auf eine Studie des “Mediendienstes Integration”, wonach bei der Zuschreibung des Migrationsstatus in der amtlichen Statistik mit zweierlei Mass gemessen werde: Während bei Zuwanderern mit deutscher Staatsangehörigkeit ihre Migration nicht berücksichtigt wird, wird sie nicht-deutschen Zuwanderern selbst noch in der dritten Generation angehängt.

Dazu muss gesagt werden, dass sich viele Migranten selbst dann nicht als Deutsche sehen, wenn sie eingebürgert sind. Ich spreche hier aus eigener Erfahrung. Inwieweit sich dies über die Generationen abmildert, ist nicht ganz klar. Es muss keinesfalls so sein, dass jemand, dessen Grosseltern aus der Türkei eingewandert sind, sich als Deutscher versteht, aber auch nicht unbedingt als Türke. Es kann sein, dass seine muslimische Identität umso ausgeprägter ist.

Folgen wir aber der Argumentation der Studie, wonach allgemein Menschen, deren Grosseltern Einwanderer waren, selbst keine mehr sind, dann ist die Behauptung von Navid Kermani und Ferda Ataman, wonach die Mehrheit der Deutschen einen Migrationshintergrund haben soll, erst recht fragwürdig, wenn nicht kompletter Unsinn.

Wenn Frau Ataman als Sprecherin der Organisation “Neue deutsche Organisationen” die Botschaft vermittelt, Deutschsein sei heute “mehr, als deutsche Vorfahren zu haben”, dann  möchte man ihr zurufen: Willkommen im 21. Jahrhundert! Dass Deutschsein keine Frage der Herkunft ist, hat die Mehrheit der deutschen Bevölkerung seit gut zwei Dekaden akzeptiert.

Dafür ist etwas anderes umso deutlicher geworden: Dass die Fixierung auf Identität und Herkunft selbst bei denen noch zu beobachten ist, die gegen die Fixierung auf Identität und Herkunft ankämpfen.

Auf den Leim gegangen

Manche Mythen sind nicht totzukriegen. Dazu gehört der vom Sturz des iranischen Ministerpräsidenten Mossadegh 1953. Thomas Gutschker macht sich mit einem Artikel in der FAS zum willigen Werkzeug iranischer Staatspropaganda, wenn er die Expansionspolitik des Regimes mit historischen Erfahrungen zu verstehen versucht, wie sie Funktionäre ebendieses Regimes formulieren.

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Siebzig Jahre Israel

Israel wird siebzig und noch immer wird es hierzulande wenig verstanden. Es ist daher an der Zeit, mit einigen Mythen aufzuräumen.

Die Vorgeschichte des jüdischen Staates im 19. und 20. Jahrhundert wird meist so erzählt: Jüdische Siedler, die vor Pogromen in Osteuropa nach Palästina ausgewandert waren, besiedelten das Land in der Absicht, den jüdischen Staat der Antike wiederaufleben zu lassen. Die Inspiration dazu bezogen sie von einem Wiener Journalisten namens Theodor Herzl, dem Begründer des politischen Zionismus. Dabei bedienten sie sich der Hilfe der Briten und nahmen keine Rücksicht auf die lokale arabische Bevölkerung, die sie an den Rand drängten und damit einen Konflikt schufen, der bis heute andauert.

In dieser Erzählung wird der jüdische Staat zu einer historischen Kuriosität, zu einer Anomalie, einer Art Betriebsunfall der Geschichte. Zwar ist Israel, was seine spätere Entwicklung anbetrifft, tatsächlich die grosse Ausnahme im Nahen Osten, ein Erfolgsmodell in Sachen Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Kreativität und Prosperität, kurz: eine „Villa im Dschungel‟, wie es der frühere israelische Ministerpräsident Ehud Barak einmal nannte. Was jedoch seine Vorgeschichte anbetrifft, so wurzelt sie in der Region selbst und muss im Kontext der damaligen Nationalbewegungen studiert werden. Der Blick allein auf Vorgänge in Europa verstellt diese Tatsache. Weiten wir ihn auf die Region aus, so erhebt sich vor unseren Augen ein ganz anderes Bild.

Tatsächlich waren auch Länder wie Syrien, die Türkei, Griechenland, Albanien oder Ägypten keineswegs immer schon da, jedenfalls nicht als politische Grössen. Kulturelle Erneuerungsbewegungen, französische Revolutionsideale und die Schaffung einer Nationalsprache sind die Marksteine eines intellektuellen Prozesses, der im 19. Jahrhundert im Osmanischen Reich um sich zu greifen begann.

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Im 19. Jahrhundert transformierte sich nicht nur der Nahe Osten, sondern die ganze Welt. Damals wurde die nationalstaatliche Ordnung geschaffen, die heute alle Erdteile erfasst und Grossreiche und Imperien verdrängt hat. Im Osmanischen Reich, das über Palästina herrschte, ging der Impuls zur Neuordnung von der griechischen Nationalbewegung aus, die sich 1821 erhob. Inspiriert war sie von den Philosophen der Französischen Revolution, aber auch von Herder, dessen Ideen sich von Südosteuropa aus über das Osmanische Reich verbreiteten.

Schon bald griff der Gedanke des Nationalgedankens auf andere Völker des Osmanischen Reichs über, zunächst auf die Serben. Auch ausserhalb des Osmanischen Reiches erhoben sich Nationalbewegungen, man denke hier nur an die italienische oder polnische. Häufig sassen die Vordenker und Stichwortgeber im Exil. Vor allem Wien war als Brückenkopf für Ideen von immenser Bedeutung, die aus dem Westen des Kontinents kommend im Osten begeisterte Aufnahme fanden.

Hier war auch Rhigas Ferraios Velestinlis aktiv gewesen, der für die griechische Sache Propaganda betrieb, bevor er festgenommen und an die osmanischen Behörden überstellt wurde, die ihn 1798 in Belgrad hinrichteten. In Wien hatte auch Theodor Herzl eine produktive Zeit. Herzl ist zweifelsohne die überragende Figur, was die Idee eines jüdischen Nationalstaats anbetrifft, die er wie kein anderer populär zu machen verstand. Überhaupt war Wien eine Metropole, die kulturell stark mit dem Südosten Europas verbunden war.

Dort sassen zwei wichtige Vordenker der jüdischen Nationalidee, die dann von Herzl weitergedacht wurde: Judah Ben Samuel Bibas (gest. 1852) im griechischen Korfu und Yehuda Ben Shlomo Hai Alkalai (gest. 1878) im serbischen Zemlin. Beide waren Rabbiner und beide traten für die Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina ein, wobei ihre Vorbilder nicht zuletzt die nationalen Aspirationen der Serben und Griechen waren.

Alkalai hatte eine ganze Reihe von Schriften verfasst, in denen er die Rückkehr der Juden nach Palästina und die Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina forderte, wozu er verschiedentlich die grossen jüdischen Gemeinden Europas, Konstantinopels und Palästinas selbst aufsuchte. Unterstützung erhielt er von einem weiteren Rabbiner, Zwi Hirsch Kalischer, mit dem zusammen er 1860 eine Bewegung ins Leben rief, die sich die Schaffung eines jüdischen Staates zum Ziel setzte. Kalischer forderte die Juden auf, dem Beispiel der Italiener, Polen und Ungarn zu folgen.

Herzl hatte Alkalai 1873 in Wien kennengelernt, während er mit Kalischers Ideen durch die Programmschrift „Rom und Jerusalem‟ des deutschen Zionisten Moses Hess in Berührung kam, die im selben Jahr 1862 erschienen war wie Kalischers „Drischat Zion‟ (Sehnsucht nach Zion). Auch Hess (gest. 1875) verstand die Rückkehr der Juden nach Palästina im Kontext der Nationalbewegungen Europas, vor allem Italiens, aber auch Griechenlands, Polens und Ungarns.

Die Vordenker des Zionismus konnten darauf bauen, dass es nicht nur schon immer Juden in Palästina gegeben hat, sondern seit dem Mittelalter – also lange vor Entstehen eines säkularen Zionismus – immer wieder Juden in grosser Zahl nach Palästina eingewandert waren. Nach der verstärkten Zuwanderung seit dem 12. Jahrhunderte hatte die Zahl der Juden in Palästina unter osmanischer Herrschaft weiter zugenommen, vor allem in den grossen jüdischen Zentren Jerusalem und Safad. Im 18. Jahrhundert entstand ein weiteres jüdisches Zentrum in Tiberias. Die Einwanderung war zwar religiös motiviert und die Juden noch keine Nation im modernen Sinne, aber dieser Prozess der Nationswerdung stand allen Völkern der Region noch bevor, die nach Unabhängigkeit strebten.

Um noch einmal das Beispiel der Griechen zu bemühen: Im 19. Jahrhundert gab es viele, die sich als Griechen empfanden, aber kein Griechisch sprachen. 1823 hatte die Nationalversammlung zu Astros zunächst die griechische Sprache als Kriterium für die Zugehörigkeit zum Griechentum genannt, war davon jedoch wieder abgerückt, weil zu wenige Griechisch sprachen. Fortan sollte jeder als Grieche gelten, der autochthoner Bewohner des griechischen Hoheitsgebietes war und sich zum Christentum bekannte. Später kam die Definition auf, dass Grieche sei, der sich als solcher definiert und die Waffen gegen die osmanische Herrschaft erhebt oder erhoben hat.

Wie fragil das Nationalbewusstsein damals war, zeigt beispielhaft folgende Episode: Als der deutsche Historiker Jacob Philipp Fallmerayer behauptete, die Griechen seiner Zeit seien in Wahrheit keine Nachfahren der alten Griechen, sondern Abkömmlinge slawischer Stämme, die seit dem Mittelalter nach Südosteuropa vorgedrungen waren, sah sich die Regierung des 1833 entstandenen griechischen Rumpfstaates genötigt, eine Historikerkommission einzuberufen, um diese Behauptung zu widerlegen.

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Es bedurfte es eines zeitgemässen Bildungswesens, um ein Nationalbewusstsein zu schaffen, aber mehr noch einer Nationalsprache, die erst in der Lage war, den Anforderungen moderner Literatur, des Journalismus, der Wirtschaft und der Verwaltung zu genügen. Meist waren die Sprachen der einzelnen Völker in verschiedene Varietäten zersplittert, existierte es eine altertümliche Variante für sakrale und höfische Texte neben einer Vielzahl an Dialekten. Was fehlte, war ein Sprachstandard, der in mündlicher wie schriftlicher Form übergreifendes als sprachliches Medium der Gesellschaft dienen konnte.

Das Hebräische war einerseits nie wirklich tot. Die jemenitischen Juden hatten es im mündlichen Gebrauch bewahrt. Noch im 19. Jahrhundert war die bevorzugte Schriftsprache etwa der Juden Ägyptens das Hebräische oder europäische Sprachen, nicht etwa das Arabische. Andererseits war das Hebräische weit davon entfernt, die Rolle einer modernen Nationalsprache auszufüllen. Viele Begriffe des Alltags wie auch der Verwaltung mussten überhaupt erst geschaffen werden. Für diesen Vorgang steht vor allem der Name Ben Yehuda, der viele moderne hebräische Begriffe überhaupt erst schuf.

„Wiederbelebung‟ hiess für die hebräische Sprachbewegung Neu-Aneignung und Modernisierung zugleich. Diesem Vorgang wurden auch das Arabische, Türkische, Griechische und Albanische unterzogen, die ebenfalls mit der Zersplitterung in verschiedene Varietäten zu kämpfen hatten und den Erfordernissen einer modernen Schriftsprache, die zugleich der alltäglichen Kommunikation dienen sollte, nicht entsprachen. Die einzelnen Nationalbewegungen strebten folglich danach, solche Nationalsprachen zu schaffen. Dies geschah ganz wesentlich in Form von Übersetzungen, die zum Teil über die zahlreichen neugegründeten Literaturjournale Verbreitung fanden.

Als ultimative Herausforderung galten den Übersetzern die Werke von Homer, vor allem die Ilias. Nicht nur stand die Ilias im literarischen Kanon Europas immer ganz oben, vor allem der poetische Charakter und der reiche Wortschaft stellten höchste Anforderungen an die Übersetzer wie auch an die Sprache. Eine Übersetzung würde den Beweis erbringen, dass die reformierte Sprache den älteren Sprachstandards ebenbürtig ist. So finden wir in einem Zeitraum von mehreren Jahrzehnten eine ganze Reihe von Übersetzungen der Ilias in verschiedene Sprachen. Sie mögen aus heutiger Sicht wie Produkte aus der Studierstube erscheinen, waren damals aber hochpolitisch.

Den Anfang machte 1887 eine Teil-Übersetzung der Ilias ins Osmanisch-Türkische, angefertigt von Sami Frashëri, einem der führenden albanischen Intellektuellen seiner Zeit. Ins moderne Türkeitürkische übersetzte der noch heute bekannte Ömer Seyfettin, das Gesicht der türkischen Sprachbewegung. Es gab mehrere Übertragungen in die neugriechische Volkssprache, darunter von Iakovos Polylas 1900 und Alexandros Pallis. Ebenfalls von einem Griechen, Panagiotis Papakostopoulos, stammt eine serbische Übertragung der Odyssee, die posthum 1881 in Belgrad erschien. Der libanesische Politiker und Publizist Sulayman Bustani dichtete die Ilias auf Arabisch nach und zwar direkt vom altgriechischen Original. Das Ergebnis rief bei seiner Erscheinung 1904 ein grosses gesellschaftliches Echo hervor.

Schliesslich wurde die Ilias auch Gegenstand der hebräischen Sprachbewegung, namentlich der Übertragung durch Saul Tschernichowsky. Der in der Ukraine geborene Dichter, dessen Gesicht heute auf der 50-Schekel-Note prangt, widmete sich um die Jahrhundertwende dem Unterfangen, poetische Werke der griechischen Antike auf Hebräisch wiederzugeben, um dieses literarisch voranzubringen. Seine Übertragung der Ilias wie auch der Odyssee, die er 1917 in Angriff nahm, trug dazu bei, dass ihn die Ungarische Akademie der Wissenschaften den „König der hebräischen Poeten“ nannte.

Die einzelnen Nationalbewegungen auf dem Boden des Osmanischen Reiches waren einerseits zukunftsorientiert, was Sprache, Literatur, Verwaltung und Recht anging, sie waren aber ebenso auf die Vergangenheit fixiert, die unabdingbar war, um den eigenen territorialen Anspruch zu rechtfertigen. Manch einem vermeintlich aufgeklärten Zeitgenossen mag es heute merkwürdig, ja anrüchig erscheinen, dass Israel seine Existenz im Nahen Osten mit seiner antiken Vorgeschichte legitimiert, aber genau dies haben die anderen Nationalbewegungen in der Region eben auch getan.

Während im Libanon zum Teil bis heute der „Phönizismus‟, also die Projektion libanesischer Geschichte bis zurück zu den Phöniziern, seine Blüten treibt, beruht das albanische Nationalbewusstsein auf dem „Illyrismus‟, der Idee von einer Abstammung, die bis auf die Illyrer der Antike zurückgeht. Auch die türkischen Nationalisten versuchten sich an eine Rückbindung der Geschichte, indem sie sich in die Tradition eines alten ionischen Erbes stellten. Von den Griechen müssen wir gar nicht reden, die die Antike in ihrer ganzen Breite heranzogen, um die griechische Herrschaft über ein Territorium zu rechtfertigen, das noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts weitaus grösser sein sollte, als es die Grenzen des heutigen Griechenland auch nur erahnen lassen.

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Wie wenig verstanden dieser geschichtliche Hintergrund noch heute in Europa ist, zeigt das Beispiel des Historikers Tony Judt, der ein vehementer Kritiker der zionistischen Idee war. Judt glaubte, den jüdischen Staat dadurch zu delegitimieren, dass er dessen Staatsidee mit der seines ägyptischen Nachbarn verglich und behauptete, ein Land wie Ägypten existiere nicht aufgrund einer Theorie von „Ägyptischheit“. Doch dieses Argument geht ins Leere.

Tatsächlich hatten die ägyptischen Nationalisten bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts den Mythos von einer ägyptischen Geschichte gepflegt, die bis zu den Pharaonen zurückreicht – eine Einstellung, die unter dem Namen „Pharaonismus‟ Eingang in die Geschichtsbücher gefunden hat. Die Idee der Wiedergeburt kursierte eben nicht allein unter Zionisten, sie war das grosse Thema aller Nationalbewegungen auf dem Boden des zerfallenden Osmanischen Reiches. Immer ging es darum, die Herkunft der eigenen Nation möglichst tief in der Geschichte festzuschreiben und sie über territoriale Ansprüche Dritter erhaben zu machen.

Während die Zionisten Simeon bar Kochba heraufbeschworen, den heroischen Widerstandskämpfer, der 135 n. Chr. in einem Aufstand gegen die römische Besatzung über Judäa sein Leben liess, nahmen sich die Griechen den spartanischen Heeresführer Leonidas zum Vorbild, der 390 v. Chr. gegen die Perser den Märytertod erlitt. Einen ähnlichen Stellenwert erlangte Alexander der Grosse, der nicht nur von den Griechen in Anspruch genommen wurde.

Türkische Nationalisten wiederum entdeckten Dschingis Khan und Dede Korkut, den „türkischen Homer‟, neu für sich. Manche dieser Nationalideologien, die auf dem Boden des ehemaligen Osmanischen Reiches gediehen, sind sicherlich fragwürdig, was ihre historische Fundierung anbetrifft, aber entscheidend ist: Alle Nationalbewegungen teilten dieselben Themen und dieselben Einflüsse, standen vor ähnlichen Schwierigkeiten und griffen auf ähnliche Strategien zurück.

Auch ihre geographische Zerstreuung war keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal der jüdischen Bevölkerung. Vor 1922 lebte die Mehrheit der griechischen Bevölkerung ausserhalb des heutigen Staatsgebietes, Albaner waren über den Balkan verteilt und besassen eine starke Präsenz in Ägypten, Armenier und andere waren im ganzen Vorderen Orient verstreut. Die Entflechtung der Völker, die zum Teil gewaltsam betrieben wurde, führte zu einer demographischen Homogenisierung der Region zu beiden Seiten des Mittelmeeres und war nicht auf Palästina beschränkt.

Die Tatsache, dass sich die Zionisten der Unterstützung durch die Briten bedienten, entsprach ebenfalls einem gängigen Muster: Alle Nationalbewegungen dieser Epoche, die sich vom Osmanischen Reich loszulösen versuchten, versuchten die Grossmächte, für ihre Interessen einzuspannen. In den britischen National Archives kann man ein Dokument finden, das von Versuchen der türkischen Seite Anfang 1919 berichtet, Grossbritannien die Garantie für einen türkischen Nationalstaat abzutrotzen. Weitere Beispiele liessen sich nennen. Immer richteten sich solche diplomatischen Bestrebungen auch gegen die konkurrierenden Nationalbewegungen, mit denen man zum Teil um Territorien und künftige Grenzverläufe stritt.

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Wenn Israel jedoch kein Sonderfall ist und wie alle anderen Staaten der Region seinen historisch gewachsenen Platz am Mittelmeer hat, warum gibt es dann einen Konflikt, der seit siebzig Jahren ungelöst ist?

Dies lässt sich kaum mit der israelischen Politik erklären, sondern vor allem mit der Tatsache, dass in der islamischen Kultursphäre das nationalstaatliche Prinzip, wenngleich von einer Elite gewollt, bei den Massen nie Anklang gefunden hat. Umfragen belegen, dass es in den heutigen muslimischen Gesellschaften eine ausgeprägte Tendenz gibt, sich zuerst als Muslim und dann als Staatsbürger zu betrachten.

Der Nationalstaat konkurriert so mit den älteren Konzepten der islamischen Umma und des Waqf (Stiftungsland). Alles was einmal islamisch beherrscht war, gehört demnach zur islamischen Sphäre, zum Waqf. In dieser Wahrnehmung wird der jüdische Staat zu einem Stachel im Fleisch der Region und damit zur „palästinensischen Wunde‟ (al-ǧurḥ al-filasṭīnī). Tatsächlich war die Entflechtung der Völker, die zum Teil gewaltsam betrieben wurde und zu einer demographischen Homogenisierung der Region führte, nicht auf Palästina beschränkt.

Doch während die griechisch-orthodoxen Flüchtlinge aus Kleinasien und die türkisch-muslimischen Flüchtlinge aus Griechenland Anfang des 20. Jahrhunderts Aufnahme und Integration in den beiden Nationalstaaten fanden, zu deren jeweiliger Titularnation sie gehörten, weigerten sich die arabischen Staaten, die von Israel vertriebenen Araber als gleichberechtigte Bürger bei sich aufzunehmen. Arabische Länder lehnen es vielfach ab, palästinensische Flüchtlinge zu integrieren und eine Lösung des Nahostkonflikts zu verhindern. Zugleich erkennen sie die Zugehörigkeit der Palästinenser zur arabischen Kulturgemeinschaft an, um sich in der politischen Rhetorik ihre Sache zu eigen machen zu können.

Auch wenn im Alltag nicht immer Feindseligkeit herrscht und es auch fortschrittliche Kräfte in den arabischen bzw. islamischen Ländern gibt, die nicht unterschätzt werden sollten, so lebt Israel zweifelsohne in einer schwierigen Nachbarschaft. Während Europäer gerne glauben, durch Verbesserung der Wirtschaft und der Wasserversorgung, durch gemeinsame Theateraufführungen und Konzerte, durch Diplomatie und Studentenaustausch einer Friedenslösung in Palästina den Weg zu bereiten, interessiert das die Massen in den islamischen Ländern wenig.

Wer durch die Buchhandlungen von Beirut, Kairo oder Damaskus streift, wird sofort die vielen Hetzschriften bemerken, die Titel tragen wie „Die geheimen Verbindungen zwischen Judentum, Freimaurertum und Zionismus‟, „Der Holocaust von Gaza‟, „Zionismus, der Feind des Friedens und des gesellschaftlichen Fortschritts‟, „Israel, der Dolch Amerikas‟, „Die Verbrechen der Juden‟, „Wie die Juden die heiligen Schriften verfälschten‟, „Der jüdische Terror‟, „Das jüdische Krebsgeschwür in der Geschichte‟ und andere mehr. Hier scheint die Zeit im 19. Jahrhundert stehengeblieben zu sein.

Besser wäre, ganz grundlegenden Dingen zur Einsicht zu verhelfen: Dazu gehört dass Israel sich hinsichtlich seiner Entstehung nicht von der seiner Nachbarstaaten unterscheidet, soweit diese ebenfalls aus der Konkursmasse des Osmanischen Reichs erwuchsen. Der entscheidende Schritt zur Lösung des Konflikts wird erst dann getan sein, wenn die Welt akzeptiert hat, dass Israel kein Fremdkörper in der Region ist, sondern genau dort hingehört, wo es sich seit nunmehr siebzig Jahren befindet.

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