367 Tage

Der “Welt”-Journalist Deniz Yücel frei und das Bangen und Warten hat glücklicherweise ein Ende – für ihn, seine Angehörigen, seine Freunde und Kollegen. Der Vorwurf der Terrorunterstützung, wie er von türkischer Seite erhoben wurde, war und ist absurd und die Inhaftierung eines Journalisten über ein Jahr hinweg, ohne Anklage zu erheben, jenseits aller Rechtsstaatlichkeit. Befremdlich aber bleibt, wie Yücel hierzulande als Volksheld gehandelt wird. Dazu gibt Yücels eigenes, wenig professionelles Verhalten keinen Anlass.

Nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei witterte der Machtapparat überall Feinde und rückt jede Kritik an der Regierung in die Nähe eines Verrates an der Türkei. Während die staatlichen Institutionen von einer politischen Säuberungswelle erfasst wurden, verloren Journalisten reihenweise ihre Akkreditierung. Anders als in Deutschland ist in der Türkei eine solche Akkreditierung notwendig, um überhaupt als Journalist tätig sein zu dürfen.

Viele westliche Medien mussten daraufhin ihre Korrespondenten abziehen oder austauschen. Seitdem berichtet z.B. für den “Spiegel” nicht mehr Hasnain Kazim, sondern Maximilian Popp aus Istanbul. Auch Deniz Yücel verlor seine Akkreditierung und durfte fortan nicht nur für türkische, sondern auch für ausländische Medien nicht mehr aus der Türkei berichten. Da er neben der deutschen auch die türkische Staatsangehörigkeit besitzt, war es ihm jedoch noch möglich, in die Türkei einzureisen. Was er auch tat.

Was dann geschah, macht einen fassungslos. Wenn man sich als deutscher Tourist in Gebiete begibt, vor deren Betreten das Auswärtige Amt warnt, um dann in die Hände philippinischer oder algerischer Islamisten zu geraten, die mit der Köpfung ihrer Geisel drohen, wenn kein Lösegeld gezahlt wird, dann ist das Auswärtige Amt zwar dazu verpflichtet, sich für seinen Staatsbürger einzusetzen. Dieser kriegt im Falle seiner Befreiung u.U. aber eine saftige Rechnung vorgesetzt. Man begibt sich eben nicht wissentlich in Gefahr.

Selbst dort, wo keine unmittelbare Gefährdung für Leib und Leben gegeben ist, wo aber autoritär-faschistoide Verhältnisse herrschen, wie in Iran oder Nordkorea, ist man folglich gut beraten, sich peinlich genau an die örtlichen Gesetze zu halten, ganz egal, ob man sich dort als Journalist, Geschäftsperson oder Tourist aufhält. Oder man fährt dort einfach nicht hin.

Yücel wusste das alles sehr genau und sehr viel besser als die meisten Menschen in Deutschland, denn er hatte ja lange aus und über die Türkei berichtet. Er wusste, dass der türkische Staatsapparat paranoid ist. Er wusste, dass man in Erdogans Türkei wegen irgendwelcher unverfänglich scheinender Kleinigkeiten schnell in den Verdacht geraten kann, ein Sympathisant der PKK oder der Cemaat zu sein. Dennoch berichtete, recherchierte, textete er.

Dabei braucht man nur eins und eins zusammenzuzählen: Die Tatsache, dass Yücel seine Akkreditierung verloren hatte, ist schon ein Zeichen dafür, dass er im Visier des türkischen Staates stand. Jede, auch nur kleinste Gesetzesübertretung könnte Yücel ins Gefängnis bringen. Dachte er wirklich, wenn die “Welt” seine Artikel abdruckte, die er aus der Türkei schickte, dass die türkische Botschaft in Berlin nicht mitlesen würde?

Auch Yücels Arbeitgeber, die “Welt”, hat sich unprofessionell verhalten, als sie ihn trotz entzogener Akkreditierung berichten liess und seine Texte unter seinem Klarnamen veröffentlichte. Wie die FAZ in Erfahrung gebracht hat, sind aus diesem Grund einige im Auswärtigen Amt nicht gut auf die Verantwortlichen bei der “Welt” zu sprechen. Man habe die Redaktion sogar gewarnt, dass das Amt nicht viel für Yücel würde tun können, sollte dieser ohne Akkreditierung in der Türkei arbeiten und in Schwierigkeiten geraten.

Dass die “Welt” Yücel dennoch nicht aus der Türkei abziehen wollte, ist umso weniger verständlich, als Doppelstaatler sich in einer rechtlich besonders prekären Situation befinden: Yücel und die “Welt” mussten wissen, dass der Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit in solch einem Falle wie dem vorliegenden wenig nützt, wenn der Betreffende auch noch die türkische Staatsangehörigkeit innehat. Dann nämlich wird ein in der Türkei Inhaftierter wie ein türkischer Staatsangehöriger behandelt und bleiben deutsche Ansprüche aussen vor.

Doch als Yücel verhaftet wurde, verfiel man in der “Welt” auf einen PR-Trick, der vom eigenen Versagen wunderbar ablenkte: Anstatt sich die eigene Schuld einzugestehen, inszenierte man sich als warmherzige Journalistenfamilie, die mit Yücel und dessen Angehörigen gemeinsam bangt, fiebert, leidet und hofft. Auf einmal wurde Yücel zu einer Ikone des selbstlosen Einsatzes für die Pressefreiheit, die stellvertretend für die vielen unter Erdogan Inhaftierten steht, die ihrerseits zum Teil ohne Anklage und auf ungleich längere Zeit im Knast sitzen werden.

Die Frage, die sich stellt, ist daher nicht allein, ob Aussenminister Gabriel irgendeinem Deal mit der türkischen Regierung zugestimmt hat, wobei ein solcher Deal, sofern er die deutschen und europäischen Sicherheitsinteressen nicht berührt, keineswegs ehrenrührig wäre. Wenn man es mit einem Entführer zu tun hat, steht das Leben der Geisel immer über allem anderen.

Nein, die Frage ist vielmehr, ob Yücel und die “Welt” für ihr unverantwortliches Verhalten vom Auswärtigen Amt eine Rechnung für die politischen Anstrengungen präsentiert bekommen, die nötig waren, um den “Welt”-Journalisten zu befreien – oder ob der Status einer Pop-Ikone des Journalismus schwerer wiegt.

Sicherlich wird Yücel in den kommenden Wochen in den Talkshows herumgereicht werden und bald seine Erfahrungen in einem Buch unter die Menschen bringen, vielleicht unter dem Titel “Meine 367 Tage in Erdoğans Knast”. Aber sonst? In der Videobotschaft, die Yücel nach seiner Freilassung an seine Unterstützer gerichtet hat, ist kein Wort der Entschuldigung zu hören. Stattdessen spricht er davon, dass seine Verhaftung nichts mit Recht und Gerechtigkeit zu tun hatte.

Er scheint ehrlich überrascht, dass beides in Erdogans Türkei abgeschafft ist.


Nachtrag 10. Mai 2019

Nach eigenen Angaben ist Yücel während seiner Haft gefoltert worden. Die “Welt” berichtet von systematischen Schlägen, Bedrohungen und Entwürdigungen, wofür Yücel den türkischen Präsidenten Erdogan persönlich verantwortlich macht. — Ganz klar, hier gebührt Yücel unsere volle Solidarität.

Mit wem will Erdoğan sich noch anlegen?

Die gegenwärtigen Spannungen zwischen der Türkei und einigen europäischen Ländern sind alarmierend, denn noch ist die Türkei unser Verbündeter und es sollte im Interesse Europas und des Westens liegen, sie nicht zu einem weiteren gescheiterten Staat in der Region werden zu lassen. Klar ist aber auch, dass Deutschland und die Niederlande sich gegen das aggressive Gebahren der türkischen Regierung entschieden verwahren und deutlich machen müssen, dass die türkische Praxis, sämtliche Einwohner der EU mit türkischen Wurzeln als eine Art fünfte Kolonne zu betrachten, die man nach Belieben für eigene Zwecke aktivieren kann, verwerflich ist und nur Zwietracht sät.

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Beitrittsperspektive muss erhalten bleiben

Es mag ohnehin zweifelhaft sein, ob die Türkei auch ohne Erdogan auf absehbare Zeit eine realistische Chance auf eine Mitgliedschaft in der EU hätte, aber auszuschliessen ist es auch nicht. Tatsache ist, dass eine Mitgliedschaft in der EU kein Gnadenakt ist, sondern auf dem Gedanken einer Win-Win-Gemeinschaft beruht. Vom Freihandel profitieren alle.

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Die Hagia Sophia und das Ende des 1. Weltkrieges

Dass die Hagia Sophia in Istanbul wieder zu einer Moschee gemacht werden soll, ist ein Gedanke, der in der türkischen Politik und Öffentlichkeit immer wieder einmal aufkommt. Die Frage nach ihrer Bestimmung geht im wesentlichen bis auf das Jahr 1919 zurück, als in Paris die Friedenskonferenz tagte. Ein Artikel des Turkologen Klaus Kreiser in der “SZ” bietet eine gute Gelegenheit, sich einmal anzuschauen, welche Debatte damals ihrer Umwandlung in ein Museum vorausging.

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Immer nur Israel (2)

Es geht immer noch ein bisschen absurder. Shlomo Sand, ein israelischer Historiker, der durch die These bekannt wurde, dass es ein jüdisches Volk nicht gebe, legt in der NZZ nach. Seine Argumente lassen sich wie folgt zusammenfassen: Das Judentum sei kein Volk, sondern nichts weiter als eine Religionsgemeinschaft, deren Mitglieder in der Geschichte nur durch gemeinsame Riten miteinander verbunden waren. Erst der Staat Israel habe so etwas wie ein Volk geschaffen, jedoch kein jüdisches, sondern ein israelisches. (Forts. des Blogbeitrags vom 04.01.2014)

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