Mitteilungen aus Kilis (5)

Hier in der Türkei ist heute die Abschiebung von syrischen Flüchtlingen das Tagesgespräch. Gestern sind 600 syrische Flüchtlinge – die genaue Zahl weiss ich nicht – abgeschoben, aus dem Land geworfen worden.

Darunter mögen einige Missetäter sein, doch wohin schicken wir sie? Schicken wir sie in den Tod? Das ist äusserst gefährlich und verantwortungslos.

Heute sind wir alle syrische Flüchtlinge. Wir überlegen uns, in einem anderen Land Zuflucht zu nehmen. Dort wird man vielleicht gnädiger mit uns sein, wenn wir etwas falsch gemacht haben sollten.

Die zweite Sache, mit der viele Syrer hier in der Türkei sich auskennen, ist äusserst gefährlich. Es handelt sich um das Wasser.

Hier in Kilis ist das Wasser nämlich nicht trinkbar. Die Türken wissen das und sind in den Verkauf von Trinkwasser eingestiegen – von kalkhaltigem Wasser. Dieses Wasser zerstört nach und nach die Nieren. Was würden Sie sagen, wenn Sie hören, dass mehr als fünfzig Prozent der Syrer hier in Kilis kalkhaltiges Wasser trinken? Manche sind sich der Gefahr gar nicht bewusst und kümmern sich aus ihrer Armut und ihrem Elend heraus gar nicht darum.

Es ist schrecklich. Seitdem ich hier in der Türkei, nahe der Grenze bin, habe ich begonnen, alles zu hassen.

Die Freunde, die ich hier um mich herum habe, benehmen sich wie Falken, die nur auf eine Gelegenheit warten, um sich auch auf mich zu stürzen und zu verschlingen. Leider wandeln sich die Syrer hier im Asyl in reissende Tiere, die sich gegenseitig zerfleischen.

Geld ist unabdinglich, wie man an es herankommt unwichtig. Viele Syrer lassen ihre Menschlichkeit hinter sich. Gier und Unmenschlichkeit haben sie überwältigt, viele von ihnen müssen zum Psychiater. Wären nicht die türkischen Sicherheitskräfte, so begingen die Syrer hier die abscheulichsten Vergehen und die schrecklichsten Verbrechen.

Ich gebe der türkischen Regierung nicht die Schuld für die Abschiebung der Flüchtlinge nach Syrien. Aber Syrien ist heute nichts als ein Kriegsgebiet. Die Kinder dieser Übeltäter werden Opfer dessen, was ihre Eltern getan haben. Und hier Opfer der Verantwortungslosigkeit.

Immer wieder gibt es Nachrichten, dass Assad verschwunden sein soll. Oder getötet. Aber die Frage ist, was nach Assad kommt. Werden sich die Syrer auf das stürzen, was vom Land übriggeblieben sein wird, um es zu stehlen und zu besetzen?

Vielleicht besteht hierin die Rolle der Syrischen Nationalen Allianz und die Bedeutung der internationalen Unterstützung, sich von einer blossen Allianz zum Kern eines echten Staates zu wandeln. Diejenigen, die von Bewaffnung reden, müssen zuerst einen Generalstab wollen, bevor dieser mit bestimmten Waffen ausgerüstet wird.

Ich war sehr froh darüber, dass die Allianz in Qatar die syrische Botschaft erhalten hat, und ich hoffe, dass es Botschaften in allen Ländern der Welt geben wird, weil dies ein richtiger Schritt ist. Es würde viel dazu beitragen, dass das Leiden der Syrer im Ausland und der Länder, die sie beherbergen, gelindert wird.

Was viele Leute nicht wissen: Es kann sein, dass jetzt in Syrien alle Behörden aus Gründen der Korruption zerfallen sind. Gegen Geld kann jeder Mensch auf der Welt einen echten syrischen Reisepass bekommen.

Türkisch-syrische Grenze, 29.3.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz)

Mitteilungen aus Kilis (4)

Die Syrer sitzen in diesen Tagen vor den Fernsehschirmen. Sie fassen sich mit ihrer einen Hand an ihre leeren Bäuche und mit der anderen nach der Fernbedienung. Sie suchen nach einer Nachricht, die da lautet: Raketenabschüsse und Luftangriffe werden eingestellt.

Vielleicht gibt es nichts dringenderes, was am Horizont sich abzeichnet. Doch dass die Arabische Liga die neue Regierung als legitim und einzige Vertreterin des syrischen Volkes ist von enormer Bedeutung. Ich hoffe, dass die Europäer und Amerikaner dem Beispiel der Araber folgen werden.

Es ist die einzige Lösung, um die Opposition zu unterstützen, damit sie ein Staat wird und wir das Chaos der bewaffneten Milizen hier und dort loswerden. Vielleicht wird Assad demnächst das Töten intensivieren, um die Welt unter Druck zu setzen, damit sie sagt: er bleibt wo er ist.

Leider rückt dieses Szenario näher. Wenn die Welt sich nicht militärisch bewegt, um diesen Verbrecher zu stoppen, dann wird die Welt demnächst noch mehr Morde und Verbrechen erleben.

Hier an der türkisch-syrischen Grenze ist die illegale Einwanderung nach Europa gängig. Die Preise betragen 5.000 Euro pro Person und es besteht die Möglichkeit, sogar Menschen zu schleusen, die über keinen Reisepass verfügen. Mit jedem Tag kommen  Wellen von Syrern auf die Europäer zu.

Vielleicht gehört es zur Dialektik der Geschichte, wie es in einer historischen Quelle heisst, dass die Syrer zunächst nach Italien und Griechenland ausgewandert waren. Ihre Auswanderung geschah aufgrund der Blüte von Rom und Athen, was die grosse formale Ähnlichkeiten zwischen ihnen erklärt, ebenso wie die Tatsache, dass elf Kaiser syrischer Herkunft waren.

Heute kehrt die Geschichte wieder. Damals war der Grund für die Migration, dass die Perser viele Syrer getötet hatten – und heute genauso. Und Bashar al-Assads Wurzeln gehen auf die heutigen Perser zurück. Sie sind diejenigen, die ihn durch Fatwas von Khamenei, al-Buti und Nasrallah zum Mord befähigen.

Der syrische Schmerz ist gross. Die türkische Regierung öffnet die Tür einen Spalt weit für die Syrer, indem sie ihnen Aufenthalt gewährt. Aber was ist mit denen, auf deren Reisepässe Geldstrafen erhoben werden, weil sie ihren Aufenthalt in der Türkei überzogen haben, darunter auch ich. Auf meinem Pass sind Bussen in Höhe von rund 300 Euro angelaufen. Ich bin illegal in die Türkei zurückgekehrt – was ist mit solchen wie mir?

Der Weg ist lang, es gibt viele Schwierigkeiten und das Leben für die Syrer hier ist sehr schwierig. Noch einmal: Die Lösung besteht darin, die neue legitime Strömung des syrischen Volkes und die neue Regierung zu unterstützen. Die internationale Gemeinschaft muss uns, den syrischen Flüchtlingen, helfen.

In meiner Korrespondenz mit dem schwedischen Botschafter sagte mir dieser, dass, wenn ich keine Verwandte in Schweden hätte, es für mich keine Möglichkeit gebe, in das Land zu reisen, weil keine Flüchtlinge aufgenommen werden. Dann fügte er hinzu: Oder durch die Heirat mit einer Schwedin. Wo ist diese Frau? Gehören Aufnahme und Hilfe für syrische Flüchtlinge zu den Prioritäten der schwedischen Frauen?!

Es wäre in diesem Fall aber auch kein Problem, wenn es so wäre. Denn das syrische Gesetz erlaubt die Polygamie.

Türkisch-syrisch Grenze, 26.3.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz)

Syrien nach Assad (2)

Häufig macht sich eine gewisse Hilflosigkeit breit, wenn es um die Ursachen von Gewalt geht, wie derzeit in Syrien zu beobachten. Viele Kommentatoren wissen sich dann keinen anderen Rat, als die Misere auf ein verunglücktes nation building, verschuldet durch koloniale Willkür, zurückzuführen. Eine ethnisch wie konfessionell heterogene Menschenmasse, so das gängige Narrativ (hier eines von vielen Beispielen), sei in einem von fremden Mächten und aus eigennütizgen Gründen zusammengezimmerten Staatsgebilde zusammengepfercht worden, dessen Fliehkräfte nur durch die eiserne Faust eines Diktators in Schach gehalten werden.

Für die Arabische Welt stimmt das jedoch allenfalls zum Teil. In Wahrheit haben die Kolonialmächte es sich alles andere als leicht gemacht, was die Grenzziehung anbetrifft. Ihre Sorge galt – nicht nur, aber auch – der Stabilität der zukünftigen Staaten des Nahen Ostens, deren gegenwärtige Grenzen auch nicht einfach den lokalen Bevölkerungen aufoktroyiert worden, sondern in der Auseinandersetzung mit regionalen Kräften entstanden sind, die die Kolonialmächte für sich einzuspannen versuchten.

Belassen wir es vorerst bei dieser Feststellung. (Für all diejenigen, die mehr darüber wissen wollen, darf ich freundlich auf mein Büchlein “Das Ende des levantinischen Zeitalters” (2013) verweisen, und dort auf die Kap. “Friedenskonferenz in Paris”, 202 ff. und “Eine Wüste wird geteilt”, 209 ff; ebenso Efraim Karsh: “Islamic Imperialism” (2006), S. 95, 102; vom selben Autor “Empires of the Sand” (2001), dort im Kap. “The Entente’s Road to War”, S. 118 ff., bes. S. 119; s. auch hier.) Der Hass, der sich in Syrien gegen das Regime bahn bricht, ist jedenfalls nicht einfach eine Spätfolge vermeintlich willkürlicher Grenzziehungen, sondern hat andere Ursachen. Um das zu verstehen, muss man einen Blick in den syrischen Mikrokosmos werfen.

Vor allem die Ohnmacht des einzelnen angesichts eines allmächtigen Staatsapparats, der immer nur nimmt ohne zu geben, ist ein zentrales Problem. Obwohl der syrische Staat jedem Bürger einen Arbeitsplatz verspricht, war schon vor dem Bürgerkrieg die Armut grosser Teile der Bevölkerung unübersehbar. Auch muss ein Antragsteller zum Teil Jahre warten, bis ihm eine Stelle zugewiesen wird, doch wird er selbst dann nur so wenig verdienen, dass er damit über die Runden kommt – vorausgesetzt, er hat keine Miete zu zahlen.

Frustration baut sich auf, wenn die junge Generation eine Familie gründen wollen, es mangels Einkommen aber noch nicht einmal schaffen, einen eigenen Haushalt zu finanzieren. Da ohne Ehe ein Zusammenleben kaum möglich ist, müssen viele in zwei Jobs arbeiten, ohne jemals Aussicht darauf zu haben, die eigene Situation entscheidend verbessern zu können.

An dieser Stelle muss einiges zur Korruption gesagt werden. Diese besteht nicht einfach darin, dass Beamte staatliche Leistungen nur gegen Entgelt in die eigene Tasche zur Verfügung stellen. Vielmehr ist es so, dass Geheimdienstler und andere der Staatsmacht Nahestehende sich selbst zu den Läden, Hotels und Firmen begeben, um den Umsatz zu taxieren und vom Inhaber eine entsprechende, als realistisch eingeschätzte Summe zu kassieren. Mitarbeiter des Ordnungsamtes schliessen denn auch keine Restaurants oder Metzgereien, wenn diese gegen Hygienevorschriften verstossen, vielmehr diese sind das Instrument, mit denen die Ladenbesitzer erpresst werden.

In arabischen Ländern wie Syrien hat der einzelne Bürger vom Staat nichts zu erwarten. Das geht so weit, dass jemand, der beispielsweise Opfer eines Verbrechens wird, nicht darauf zählen kann, dass die Polizei ihm hilft. Es ist möglich, dass diese unter dem Vorwand, kein Benzin zu haben, gar nicht erst ausrückt. Die Polizei schreitet auch nicht in Fällen von Kinderarbeit ein, obgleich diese in Syrien omnipräsent ist. Kinder stehen dabei nicht nur häufig hinter dem Tresen, sie verrichten teilweise auch schwere Arbeiten – am hellichten Tag und in aller Öffentlichkeit, ohne dass Polizei oder Ordnungsamt eingriffen.

Auch das Justizwesen ist ein potemkinsches Dorf. Wer vor Gericht zieht, um sein Recht zu bekommen, wird rasch die Erfahrung machen, dass derjenige als Sieger aus dem Verfahren hervorgeht, der am besten zu bestechen weiss. Hierbei geht es nicht nur um die Höhe der Summe für Richter und Staatsanwälte, auch Zeugen wollen gekauft sein. Es gibt sogar professionelle Zeugen, die ihr Einkommen auf diese Weise bestreiten. Das alles sind nicht jedoch nicht spezifische Missstände eines bestimmten Regimes wie dem syrischen, sondern hat eine lange Tradition.

Willkür statt Rechtsstaatlichkeit war schon in osmanischer Zeit Normalzustand – trotz der Versuche, einen funktionierenden Verfassungsstaat zu errichten. Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte der britische Konsul von Aleppo, James H. Skene, mit seinem französischen Kollegen und dem Segen des Sultans versuchte, ein Handelsgericht für Streitigkeiten, in denen Euroäer involviert waren, einzurichten, musste das Vorhaben bereits nach einem Jahr für gescheitert erklärt werden. Grund war der Umstand, dass die neue Institution es nicht vermochte, sich den nötigen Respekt zu verschaffen. (Auch dies kann, wer will, detailliert in meinem Buch “Das Ende des levantinischen Zeitalters” nachlesen und zwar in den Kap. “Mit und gegen den Staat”, bzw. “Gescheiterter Rechtstaat”, S. 84 ff.)

(Forts. folgt. – Hier geht’s zum ersten Teil.)

 

Mitteilungen aus Kilis (3)

Die sich überschlagenden Meldungen aus Syrien machen einem Angst: Armut, Obskurantismus, Mord, Hunger – und takfirische Organisationen. All dies lässt den syrischen Bürger nicht schlafen.

Armut: Viele Reiche oder Angehörige der Mittelschicht gibt es nicht mehr in Syrien. Alle haben sie das Land verlassen, sind verstorben, wurden umgebracht oder entführt, um Lösegeld zu erpressen. Wer von ihnen zurückgeblieben ist, hat Angst, sein Luxusauto zu benutzen.

Obskurantismus: Die meisten derer, die zu den Waffen greifen, sind von geringer Bildung. Infolgedessen tragen sie Waffen zuallerst zur Selbstverteidigung und dann als Instrument, um andere für eine Frau zu töten oder um eine Meinung zu bekämpfen oder einfach nur so.

Mord: Auf den Strassen Syriens kann man Leichen sehen, die von Hunden und Katzen gefressen werden. Man kann ein Leichenteil sehen, ohne zu ahnen, von welchem Menschen er überhaupt stammt. Am schlimmsten aber ist die Tatsache, dass Kinder, die täglich einen Mord und Leichen zu Gesicht bekommen, zusätzlich allen Arten von Missbrauch und Gewalt asugesetzt sind, und zwar seelischer und sexueller Natur.

Hunger: Es genügt, wenn Sie die Berichte der internationalen Organisationen nehmen und die Zahlen mit Fünf multiplizieren, um die wahre Statistikzu erhalten. Es ist alarmierend.

Die takfirischen Organisationen (Gemeint sind fanatische Gruppen, die anderen Muslimen den Glauben absprechen. Von takfīr = für ungläubig erklären. Anm. d. Ü.) sind bei weitem die gefährlichsten. Es gibt viele Berichte über Tötungen, Diebstahl oder Vergewaltigung im Namen der Religion. Im Krieg ist alles zulässig, islamischer Ethik braucht es nicht. Das ist die traurige Wahrheit.

Es ist schrecklich. Was in Syrien geschieht, kann nicht toleriert werden. Als Syrer kann ich nicht genau sagen, wo diese Gedanken und diese Gruppen herkommen und wie sie sich finanzieren. Oder aus welcher Richtung sie Unterstützung erhalten. Alles deutet jedoch auf Extremisten aus Saudi-Arabien und einigen Golfregionen hin. Ich wäre auch nicht von Hilfe aus anderen Gegenden überrascht, die nichts mit dem Islam zu tun haben.

Ich persönlich habe von vielen Augenzeugen gehört, dass einige dieser Elemente sich die Frau irgendeines Mannes mitsamt ihrer Kinder greifen und in die sexuelle Sklaverei führen. Einige der Ausbeuter selbst verteilen internationale Hilfe gegen sexuelle Dienste. Diese Organisationen sind die einzigen, die ihren Kämpfern faire Löhne zahlen, während einige Kämpfer der Freien Armee nicht einen einzigen Qirsch (Währungseinheit, Anm. d. Ü.) erhalten haben, obowohl sie seit mehreren Monaten ausgeharrt haben. Manche sind korrupt geworden, wie diese Gruppierungen mit ihren befremdlichen Ideologien.

Vielleicht sind die sexuellen und finanziellen Anreize der Grund für ihre so bemekenswerte und rasche Zunahme. Ich mache den Menschen keine Vorwürfe, denn die Menschen in Syrien sind keine Platoniker. Jeder hat seine Wünsche und Launen, zudem werden sie getrieben von Armut, Elend und Hunger.

Vielleicht würden sich diese Gruppen eines Tages soweit vergrössern, dass auch ich zu ihnen gehöre, wo ich doch ein Obdach nur finde, wenn ich nach Syrien zurückkehre. Wie ich es in einem Romans namens „Fluss des Wahnsinns“ gelesen habe.

Da gibt es einen Fluss, dessen Wasser jeden wahnsinnig macht, der davon trinkt. Schliesslich bleibt nur noch der König bei Verstand, während das Volk dem Wahnsinn anheimgefallen ist. Im letzten Kapitel des Romans sitzt der König um den Verstand  weinend, während er vor sich ein Glas mit Wasser aus dem Fluss des Wahnsinns setzt, bis er sich gezwungen sieht, wie die anderen wahnsinnig zu werden. So trinkt er von dem Flusswasser, vor dem es kein Entkommen gibt.

Meine Worte an meine Freunde in West- und Osteuropa, Amerika und Japan richtend, sage ich: Den Vernünftigen gehört die Stimme der Freiheit und des Gewissens.

Bitte stoppt den Wahnsinn, der in Syrien geschieht.

Türkisch-syrische Grenze, 23.3.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz)

Mitteilungen aus Kilis (2)

Heute ist Muttertag, wir wünschen den Müttern alles Gute. Doch angesichts des gegenwärtigen Zustands der Mütter in Syrien ist überhaupt nichts gut. Meine Herren, die Lage in Syrien bedarf keiner Erläuterung.

Unterdessen geht die Entwicklung dahin, dass das Staatsoberhaupt Scud-Raketen auf sein Volk zu feuern beginnt, um es für die bewaffneten Milizen aufzuscheuchen. So bewegen sich die Menschen in Richtung der tödlichsten Waffen, den Scud-Raketen mit chemischen Sprengköpfen. Wie soll das weitergehen?

Nero, der Rom niederbrannte, war wahrscheinlich klüger oder weiser als Bashar al-Assad. Dieser Mann hat nicht nur seine Legitimitation verloren, sondern seine Menschlichkeit. In jeder Ecke Syriens hockt der Tod, der die Kinder mit ihren Müttern fortreisst. Oder nur die Kinder, sodass die Herzen der Mütter brennen. Wenn wir am Muttertag nach Syrien schauen – wieviele Mütter heute werden bald um ihre Kinder weinen und wieviele andere werden wehklagen. Wieviele Kinder weinen um ihre Mütter…?

Muttertag … Es soll auf ein altes Fest namens „Ni-Roz“ zurückgehen, ein Wort, das im Altägyptischen „Göttin der Blüte“ bedeutet. Es ist genau wie das Wort Nifartiti „erhabene Königin“, d.h. Königin der Fruchtbarkeit.

Es ist die Zeit der Frühjahrsblüte, sie stimmt mit der Zeit des Arabischen Frühlings überein. Es scheint, dass die Dämonen, die Feinde der Demokratie, den Arabischen Frühling zu vernichten versuchen. Sie brennen die Bäume nieder, töten die Blüten und zertrampeln das Grün – tonnenweise, um die Geburt des Frühlings zu stoppen. Und dann werden sie No-Ruz schon im Ansatz vernichten.

Glauben Sie, dass einige Verrückte die Geburt des Frühlings stoppen können? Ein Verrückter wie Nero hat das Leben im grossen Rom nicht aufhalten können und genauso wenig wird ein Verrückter wie Bashar al-Asad die Lebensadern Syriens unterbrechen.

Lebt, ihr Mütter, ihr Göttinnen der Fruchtbarkeit! Es lebe der Frühling! Lang lebe Syrien – das freie, das blühende! Frohes Nowruz!

Türkei, 21.3.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz)

Mitteilungen aus Kilis (1)

In Syrien wurden heute Todesfälle durch chemische Waffen registriert. Assad ist bankrott gegangen und hat begonnen, seine jüngsten Schläge gegen die Zivilbevölkerung mit chemischen Waffen auszuführen. Natürlich wird er sagen: Es war die Opposition, die getötet hat.

„Meine Herren, ich will Ihnen gestehen: Ich bin mit chemischen Waffen gegen die Menschen vorgegangen.“ Und das Geständnis ist der Herr der Beweise: „Ich habe viele Chemikalien und Chemiefabriken und werde auch vom Iran unterstützt.“

In der Diaspora gibt es einen neuen Regierungschef und das ist gut – aber der zweite Schritt. Denn wie der Premierminister sagte, ist es an der internationalen Gemeinschaft, die Anerkennung der Regierung zu beschleunigen, um ihr eine echte Legitimation zu geben, nicht nur eine Regierung.

Für das reale Leiden gibt es einen Ausweg, nämlich die Ausgabe von Reisepässen. Die Syrer fliehen vor dem Tod in die Länder der Welt und das schreckliche ist, dass viele Länder sich weigern, die Syrer aufzunehmen. Vielleicht gibt es ja das Gerücht, dass die Syrer böse ausserirdische Wesen seien.

Hier in der türkischen Diaspora leiden wir unter vielen Problemen. So haben sich die Mieten für Syrer verdoppelt und viele Türken wollen ihr Haus nicht an Syrer vermieten. Hinzu kommt, dass alle Syrer illegalen Arbeiten nachgehen und der Staat das Recht hat, jeden zu bestrafen, der ihnen Arbeit gibt. Am schlimmsten jedoch ist, dass ein Syrer die Hälfte oder weniger von dem verdient, was ein türkischer Staatsbürger erhält.

Wir respektieren jeden Staat, der uns aufnimmt, insbesondere die Türkei. Aber helfen Sie uns, in unsere Häuser zurückzukehren, das wäre für uns besser!

An die Welt gerichtet sage ich: Sie müssen jetzt der neuen Regierung die helfende Hand geben und sie darin unterstützen, eine nationale Armee aufzubauen, die frei ist von extremistischen Ideologien und Gruppendenken – ansonsten wird die gesamte Region zur echten Gefahr.

Leider sind aufgrund international verbotener Waffen, die Assad schon bald grossflächig einsetzen wird, noch mehr Opfer zu erwarten. Die internationale Gemeinschaft schaut erwartungsvoll auf das tragische Ende.

Assad ist bankrott gegangen und mit ihm seine Herrschaft. Es scheint, dass das Ende der Hisbollah nach dem baldigen Ende von Khamenei und Ahmadinejad ein tragisches sein wird.

Türkei, 19.03.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz)

Michael Kreutz: Das Ende des levantinischen Zeitalters

Kreutz_DEdlZ 2013Es ist wieder einmal soweit: Hiermit beehre ich mich, die Publikation eines weiteren Buches anzukündigen. Es heisst “Das Ende des levantinischen Zeitalters” und handelt von der Nationswerdung der zum Osmanischen Reich gehörenden Völker in einem gemeinsamen Kontext.

Bislang waren es nur wenige Versuche einer Geschichtsschreibung in dieser Richtung unternommen worden, üblicherweise werden die Nationen Südosteuropas vornehmlich im Kontext der europäischen Geschichte studiert, die westasiatischen Länder und Ägypten im islamischen Kontext.

Dass es auch anders geht, will dieses Buch zeigen. Es ist aufschlussreich, die Regionen des Östlichen Mittelmeeres vor dem Hintergrund der gemeinsamen osmanischen Geschichte in Augenschein zu nehmen, so die zentrale These. Viele Dinge erscheinen so in einem neuen Licht und das gilt auch für Erscheinungen der Gegenwart.

Denn auch wenn nicht alles, was in der Gegenwart sich abspielt, mit der Geschichte erklärt werden kann, so immerhin doch vieles. Der Schlüssel zum tieferen Verständnis mancher Entwicklungen des Nahen Ostens und Südosteuropa liegt denn auch im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Davon handelt dieses Buch.

[pullquote]Kaufleute und Missionare, Gouverneure und Generäle, Poeten und Visionäre – und das Abenteuer einer Epoche. Vom Zerfall eines Reiches und der Wandlung einer Weltregion am Schnittpunkt von Zivilisationen und Religionen. (Umschlagtext)[/pullquote]

Quellen und Forschungsliteratur waren in solcher Überfülle vorhanden, doch habe mich auf das Wesentliche beschränkt. Um der Lesbarkeit willen wurde vieles gestrafft. Die Thematik ist komplex, das Buch dennoch mit dem Anspruch auf Leichtverständlichkeit geschrieben.

Neben Primärtexten hauptsächlich arabischer und neugriechischer Provenienz, haben viele Quellen in westlichen Sprachen Eingang in das Buch gefunden, darunter bislang unveröffentlichte Archivmaterialien. Allein in London habe ich zu diesem Zweck tausende von Dokumenten durchgesiebt. Viele Ereignisse, von denen die Quellen erzählen, stehen im Zusammenhang mit Akteuren, die in der Literatur bislang übergangen wurden.

Erzählt wird u.a. die Geschichte des letzten Khediven Ägyptens, der vergeblich seine Macht zurückzuerobern suchte, während ihm die europäischen Geheimdienste auf den Fersen waren. Oder die Geschichte des britischen Kolonialbeamten James H. Skene, der im syrischen Aleppo eine Gerichtsbarkeit nach westlichem Muster einzurichten sich bemühte – und grandios scheiterte.

Weitere Themen, die behandelt werden, sind die Diskussion um die Zukunft der Hagia Sophia; die Frage, inwieweit Israel zu Recht seinen Platz im Nahen Osten behauptet; der Kampf um Kleinasien; das Verhältnis von Staat und Religion in den Nachfolgestaaten des Osmanischen Reiches; die Instrumentalisierung von Geschichte und vieles mehr.

Zu den Herausforderungen, denen ich mich gestellt habe, gehört nicht nur, die Geschichte der Länder dreier Kontinente miteinander zu verweben, sondern auch, real- mit kultur- und ideengeschichtlichen Aspekten zu verknüpfen. Und das, ohne allzu viele Brüche in Kauf zu nehmen. Inwieweit ich diesem Anspruch gerecht geworden bin, möge der geneigte Leser selbst beurteilen.

Als echtes Rundum-Kunstwerk ist auch dieses Mal der Umschlag von mir selbst gestaltet worden (mit einem Bild, das sonst niemand hat). Dass der Leserschaft die eine oder andere neue Einsicht beschert werde, ist meine stille Hoffnung. Vielleicht wird sie auch ein wenig von der Freude angesteckt, die seinem Verfasser das Anfertigen des Buches bereitet hat.

Michael Kreutz: Das Ende des levantinischen Zeitalters. Europa und die Östliche Mittelmeerwelt, 1821-1939. Hamburg: Kovač, 2013. 434 Seiten, € 118,80. (Link)

Leistungsschutzrecht

Habemus papam. Und jetzt zu etwas ganz anderem: Deutsche Presseverleger möchten von Google & Co. doppelt profitieren, indem diese dafür zahlen sollen, ihnen eine kostenlose Dienstleistung, nämlich Leser zuzuführen, anbieten zu dürfen.

Klingt irre, aber wie vieles, was irre klingt, durfte dieses Vorhaben erfolgreich auf den Zuspruch der Politik hoffen, die nun ein Gesetz zusammengefrickelt hat, das dazu geeignet ist, Verwirrung und Unklarheit zu schaffen.

Für dieses Blog bedeutet das: Eine Verlinkung auf die Webpräsenzen deutscher Zeitungen wie FAZ, Welt, Zeit etc. wird auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Eine reine Vorsichtsmassnahme, sicher ist sicher.

Ebenfalls auf unbestimmte Zeit ausgesetzt wird damit das Vorhaben, die Datenbank mit den Beiträgen von 2005-2012 zugänglich zu machen. Man kann nie wissen.

Und nun weiter im Text.

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