Erinnerung an 1821

Zweihundert Jahre ist es nun her, dass die Griechen sich gegen die osmanische Kolonialmacht erhoben, wobei „Kolonialmacht“ ein Wort ist, das im Zusammenhang mit dem Osmanischen Reich, in älteren Texten: „die Türken“, kaum gebräuchlich ist. Die Begriffe Kolonialismus und Imperialismus haben sich mittlerweile auf die politischen Expansionsbestrebungen Europas im Rest der Welt verengt, wobei der Begriff „Europa“ keine Verengung, sondern eine Erweiterung darstellt: Die Schweizer, Litauen oder Griechenland sind Teil Europas, haben aber keine Kolonialgeschichte, zumindest nicht in der Neuzeit, sieht man einmal vom kurzfristigen, weil gescheiterten Versuch der griechischen Nationalbewegung ab, ganz Kleinasien unter ihre Kontrolle zu bekommen.

Wer vom „europäischen“ Imperialismus spricht, ohne die Attribution zu präzisieren, erweckt den Eindruck, ganz Europa habe eine koloniale Vergangenheit; wer das Osmanische Reich ausschliesslich als „Vormacht“ bezeichnet, leistet der Polarisierung weiter Vorschub: Die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft dann mitten durch das Mittelmeer. Dass das grundverkehrt ist, zeigt wie in einem Brennglas die Geschichte der griechischen Befreiung, die mit dem Londoner Protokoll von 1829 in einen eigenen Staat mündete. Aber im Zeitalter der Prävalenz postkolonialer Theorien ist das Studium dieses Teils der Geschichte wohl wenig opportun.

Das Ende der Geschichte

Ausserhalb akademischer Kreise wenig Aufmerksamkeit gefunden hat die Verlautbarung der englischen Universität Leicester, englische Literatur des Mittelalters und der frühen Neuzeit faktisch abzuschaffen. Offiziell geht es darum, die Universität international wettbewerbsfähiger zu machen und da scheinen geisteswissenschaftliche Fächer eher hinderlich. Auch Corona soll ein Grund sein für den Überhang von Stellen, die demnächst abgebaut werden.

Wer jetzt fiesen Neoliberalismus am Werk vermutet, dem sei gesagt, dass sich die Universität Leicester der Dekolonisierung ihrer Curricula verschrieben hat verschrieben hat und das Lehrpersonal für sich in Anspruch nimmt, Fragen wie Gender, Rasse, Ethnizität oder eben der Dekolonisierung längst auch in vermeintlich verstaubten Fächern wie der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen englischen Literatur zu behandeln.

Aber warum an etwas kritisch herangehen, wenn es man auch ganz abschaffen kann? In der Welt der Postcolonial Studies und ihrer zahlreichen Ableger sind Fakten ohnehin nur gewünscht, wenn sie geeignet sind, die eigenen Prämissen zu bestätigen. Da erscheinen Studienfächer wie englische Literatur des Mittelalters und der frühen Neuzeit wie aus der Zeit gefallen. Wieder einmal frisst die Revolution ihre Kinder.

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An amerikanischen Eliteuniversiäten ist Militärgeschichte ein aussterbendes Fach und wird Geschichte immer weniger studiert. Stattdessen gilt das Augenmerk zunehmend der Kultur, Rasse und Ethnizität: “… in centers of learning across North America, the study of the past in general, and of wars in particular, is in spectacular eclipse“, heisst es in einem Kommentar bei “Bloomberg”.

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