Wo sich Libanons Chavisten treffen

Dass im Libanon Mein Kampf und Die Protokolle der Weisen von Zion in fast jedem kleineren Buchladen zu kaufen sind, dass in vielen Stadt- und Landesteilen Porträts von Khomeini und Khamenei oder Slogans wie „Die Waffe ist der Schmuck des Mannes“, „Die Waffen sind unser aller Entscheidung“ und „Israel ist ein Krebsgeschwür“ auf zahlreichen grossen Plakaten hängen und dass selbst in der als prowestlich verschrieenen Presse antiwestliche und antiisraelische Klischees Legion sind, ist bekannt. Dennoch trifft man hier immer wieder sehr klarsichtige Menschen. Es dauert nur oft lange, bis man so weit miteinander warm geworden ist, dass man über bestimmte Themen sprechen kann.

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Mitteilungen aus Kilis (10)

Die irakischen Stämme verkünden die Schaffung einer Stammesarmee und verbrennen den Steuerbescheid. Natürlich gibt es keinen Zweifel, dass al-Maliki auf einer Linie mit Bashar al-Assad liegt. Die Situation im Irak steht kurz vor einem Konfessionskrieg zwischen Schiiten und Sunniten.

Denn die irakische Regierung ist nichts als eine sektiererische Regierung, die einen Hass auf die Sunniten hat, und Nuri al-Maliki ist nicht mehr als ein Dieb, ein Diktator und ein Mafiaboss, der Sunniten tötet. Das ist nichts neues. Die durchgesickerten Wikileaks-Dokumente haben viele Fakten ans Licht gebracht. Nun scheint es, dass die Zeit reif ist.

Der syrische Widerstand gegen Assad wird mit dem irakischen Widerstand Hand in Hand gehen. Aus mehreren Gründen: einer gemeinsamen Stammeszugehörigkeit, aus konfessionellen Gründen und wegen der Geographie. Die kommende Woche wird sich stark zugunsten des syrischen Widerstandes entwickeln – Öl für Waffen.

Nachdem Assad das Land verbrannt hat, ist es an der Zeit, ihm einzuheizen und allen, die ihm beistehen. Schon bald wird es soweit sein. Syrer und Iraker werden nicht an den Grenzen ihres Landes haltmachen.

Der Westen, der dasteht und Assad grünes Licht für das Töten von Sunniten gibt, ist derselbe, der in Mali interveniert. Und die Welt, die der syrischen Tragödie zusieht, ist dieselbe, die Friedenstruppen nach Mali entsendet. Eine klare Doppelmoral, für die der Westen bald den Preis zahlen wird. Nicht ich sage das, sondern die Situation.

Nach der Zerstörung der Städte in Syrien und zuvor der Zerstörung der Städte im Irak glaube ich nicht, dass diese sunnitischen Stämme mit ihrer demographischen und finanziellen Kraft noch etwas zu verlieren haben. Wenn der Krieg das ist, was die Welt uns auferlegt hat, dann sind wir Meister des Krieges und die Araber berühmt für ihre langen Kriege, die vierzig Jahre dauern.

Ich frage mich, ob diejenigen, die den Krieg entfachen und uns in ihn hineindrängen, überhaupt in der Lage sind, die Resultate dieses Krieges auszuhalten? Der Krieg zieht am Horizont auf und mit ihm die grosse humanitäre Tragödie.

Viele Waisen und viele Witwen – es waren die Frauen und Kinder, die für die Rekrutierung in einem Krieg bezahlt haben, der ihnen aufgezwungen wurde. Es ist der Krieg um der Würde willen, um des Ausharrens willen. Die Syrer haben wieder und wieder an die Welt appelliert, doch ohne Erfolg. Oft haben wir gewarnt, doch wollte die Welt unsere Warnungen nicht hören.

Jetzt stehen wir am Rande des dritten Weltkrieges. Ich sage: Der Krieg wird früher oder später wie der Golfkrieg werden. Der islamische Radikalismus ist das Schreckgespenst, mit dem der Westen argumentiert, um Assad einen Vorwand für das Abschlachten des syrischen Volkes zu liefern.

Die Syrer sagen: Wenn der islamische Radikalismus uns von der Brutalität der Schiiten und der Brutalität Assads befreien wird, dann sind wir alle radikale Islamisten.

Türkische Republik, 27. April 2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz)

Syrien nach Assad (3)

Dass diese Zustände kein Alleinstellungsmerkmal der arabischsprachigen Welt sind, zeigen die Memoiren des iranischen Klerikers Scheich Ebrahim Zanjani, der von ganz ähnlichen Missständen im Iran zu Beginn des 20. Jahrhunderts berichtet. In jedem Falle gilt: Angesichts einer Staatsmacht, die für nichts als Repression und Korruption steht, während der einzelne Bürger eine Gegenleistung bekäme, wird niemals auf Loyalität der Bevölkerung zählen können.

In gewisser Weise ist es daher nur konsequent, wenn Arbeitsverträge in einem Land wie Syrien unüblich sind. Allenfalls grosse Firmen stellen auf vertraglicher Basis ein, der Grossteil der arbeitenden Bevölkerung ist dagegen der Willkür ihrer Vorgesetzten ausgelierfert. Zwar erhebt der syrische Staat mit seiner Baath-Ideologie einen sozialistischen Anspruch, d.h. es gibt ein Versprechen auf einen Arbeitsplatz, doch versagte der Staat in der Praxis. Zum einen mussten Antragsteller Jahre auf einen Arbeitsplatz warten, zum anderen war dieser Arbeitsplatz nichts, was diesen Namen verdiente.

Auch das politische System Syriens war immer nur ein Potemkinsches Dorf. Dass einfache Bürger von ihrem passiven Wahlrecht Gebrauch machen, war in der Praxis nicht vorgesehen. Kam jemand auf die Idee, es dennoch zu tun, konnte er sich darauf verlassen, Besuch vom Geheimdienst zu bekommen. Beharrte der kandidierungswillige Bürger auf seinem Vorhaben, so hielt man ihn von einer Kandidatur zwar nicht ab, liess ihn jedoch im Aaschluss an die inszenierten Wahlen mitteilen, dass er nicht genügend Stimmen für ein Mandat errungen habe. Die genaue Zahl der Stimmen würde er nie erfahren.

Das Parlament ist eine Farce, trotzdem nicht überflüssig. Zum einen gab sich das Regime so den Anschein einer Legitimation, zum anderen bedeutete es für die Abgeordneten völlige Handlungsfreiheit, wenn es um krumme Geschäfte ging. Und krumme Geschäfte gab es viele in Syrien, die meisten davon dürften mit dem Namen Rami Makhlouf in Verbindung stehen, einem der reichsten Männer des Landes, dem Telefoniedienstleister, Baukonzerne und Hotels gehören.

Der syrische Staat war und ist ein Staat, der auf den beiden Säulen Nepotismus und Repression beruht. Wenn ahnungslose westliche Intellektuelle beispielsweise fordern, man möge doch den Staaten des Nahen und Mittleren Ostens “nicht mit pauschaler Ablehnung” begegnen, sondern sich ihnen mit “Einfühlungsvermögen” nähern, dann zeigt das nur, dass hier elementare Dinge nicht verstanden worden sind.

Wie entscheidend inklusive Institutionen für den Wohlstand einer Gesellschaft sind, haben die Forscher Jared Diamond (“Kollaps”) sowie Daron Acemoglu und James A. Robinson (“Why Nations Fail”) überzeugend dargelegt, wenngleich sich nicht trauen, auch gesellschaftliche Werte als mögliche Faktoren zu benennen, wenn es um Fehlentwicklungen von Staatswesen geht. Das eigene empirische Material legt das durchaus nahe. Lieber gibt man der Politik die Schuld, für die dann nur ein Diktator oder eie Gruppe von Herrschern verantwortlich gemacht wird.

Damit wird jedoch keine Antwort auf die Frage gegeben, warum manche Gesellschaften auch nach mehreren Umstürzen immer nur autoritäre Strukturen hervorgebracht haben. Frieden, Freiheit und Wohlstand ergeben sich nicht einfach, indem man freie Wahlen abhält, solange diese nicht durch entsprechende Werte wie Individualismus, Diesseitigkeit etc. gestützt werden. Der von Harrison und Huntington herausgegeben Sammelband “Culture Matters – How Values Shape Human Progress” (2000) sollte Pflichtlektüre von mit Aussenpolitik befassten Politikern, Kommentatoren und Wissenschaftlern sein.

Der tunesische Politiker und ehemalige Vorsitzende tunesischen Liga für Menschenrechte Mohamed Charfi schrieb in seinem Buch “Der Islam und die Freiheit” (1999), dass die islamische Welt bis heute keine kulturelle und pädagogische Revolution gehabt habe. Pensum und Organisation des Unterrichts mögen in den verschiedenen islamischen Ländern variieren, doch ob nun in der Türkei oder in Saudi-Arabien, überall werden die Scharia und die Geschichte des Islam auf die gleiche Weise gelehrt, nämlich als Katalog von Vorschriften.

Dazu zählen immer, so monierte Charfi, die Leibesstrafen, das Töten von Abtrünnigen, das Schliessen der Banken und der Kampf gegen die Ungläubigen. Auch werde das Kalifat als dasjenige System präsentiert, das in Sachen gesetzgeberischer Kompetenz ohne Vergleich sei. Paradoxerweise, so Charfi weiter, ist die politische, wirtschaftliche und juristische Realität jedoch eine andere, sodass sich für die Gläubigen eine Verwirrung aus zweierlei Arten von Denken ergebe, indem sie das eine lehrten und die andere praktizierten. Am Ende bedürfe es dann nur noch eines Zornfaktors, der die Menschen in Richtung eines Fundamentalismus treibt.

Wie wir es gerade in Syrien erleben.

Siehe auch:

Syrien nach Assad (1)
Syrien nach Assad (2)

Wir, wir, wir!

ICH will weniger Egoismus, ICH will mehr Gemeinwohl – so denkt es im hippen Neokollektivisten von heute. Heraus kommen dabei Schrullen wie die geplante Frauen-Zwangsquote, die Roland Tichy (“WirtschaftsWoche) kurz und bündig wie folgt abbürstet:

Mit rund 102 Aufsichtsrätinnen in Dax-Konzernen ist jede fünfte Position schon heute mit Damen besetzt; die Quote fast schon erfüllt. Putzig, wie sich die neue Frauenbewegung um die Einkommensmaximierung einiger Millionärinnen bemüht; Gehaltspegel also, die man in der nächsten Rede dann als gierig geißelt.

Denn Bevormundung, Sozialklempnerei und Menschenoptimierung schaffen immer neue Probleme, die sodann, als Auswüchse des “Neoliberalismus” etikettiert, weiterer Gegenmassnahmen bedürfen.

Mitteilungen aus Kilis (9)

Ich setzte mich, während die Stimme des grossen Künstlers Abdelhalim Hafez erscholl, der ein Gedicht von Nizar Qabbani intonierte, und las. Das Gedicht sagte sinngemäss: „Mein Sohn, gestorben ist als Märtyrer wer sich für den Geliebten geopfert hat.“

Ich frage mich: Jeden Tag werden mehr als einhundert Syrer getötet und alle sind sie Märtyrer, alle haben sie sich für den Geliebten geopfert. Aber für welchen Geliebten? Ist es das Geld? … der Reichtum? … das Vaterland? … Bashar al-Assad oder etwas anderes? Was ist mit den Menschen, die durch Chemiewaffen und Skud-Raketen in ihren Häusern sterben?

Ich setzte mich, um über die Zukunft nachzudenken, als das Lied den nächsten Abschnitt erreichte: „Aber dein Himmel regnet und dein Weg ist versperrt, versperrt, versperrt …“

Ja, vielleicht ist es nicht mein Weg, der versperrt ist, aber der Weg aller Syrer. In dem Land, in dem wir Zuflucht gefunden haben, sind wir nicht besser dran – denn mein Laden, mit allem, was darin ist, wurde gestohlen. Dank der Abwesenheit von Recht und Gesetz.

Aus Syrien erreichte mich die Nachricht, dass sich die Menschen dort Sorgen machen, man könnte ihnen ihr Haus mit allen Sachen wegnehmen! Was soll ich tun? Soll ich nach Aleppo zurückkehren, das sich unter Kontrolle des Regimes befindet und wo der Tod herrscht?

Vor zehn Tagen habe ich ein Haus gemietet, das mich fast $ 1000 pro Monat kostet – und es gibt keine Möglichkeit hier zu arbeiten. Auch wenn ich von mir spreche, so ist meine Lage doch typisch für Syrer. Wenn ich mich umhöre, so bin ich überrascht zu sehen, wie viele versuchen, mit Antiquitäten oder Metallen u.a. zu handeln.

Derweil suchen kämpfende Milizen nach Geld zur Finanzierung von Waffen, was sie nicht davon abhält, die wirtschaftlichen und historischen Reichtümer des Landes zu verkaufen. Leute wie ich sehen sich gezwungen, jeder Tätigkeit nachzugehen, auch wenn sie sich mit der eigenen Überzeugung nicht vereinbaren lässt.

So ganz allmählich verwandele ich mich von einem Autoren in einen Mafiaboss. Nachdenklich lehne ich mich zurück und bedaure es, aber so ist nun einmal der Krieg. Ich bin davon überzeugt, dass es im Krieg keine Ehre und kein Gewissen gibt. Die Welt schaut uns zu, wähend wir brennen.

Soll ich es wagen über das Meer an die Gestade Europas zu fahren oder was sonst? Und was gäbe es in Europa? Andererseits: Soll ich in der Türkei sitzen und betteln? Die Situation treibt den Menschen im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte in den Selbstmord.

Vielleicht werde auch ich mich eines Tages dazu erniedrigen, Waffen zu tragen und in einer radikalen islamischen Organisation zu kämpfen. Ich denke über meine Zeichnungen nach, mit denen ich mich ablenke. Ich sage: Was ist der Wert der Kunst in Zeiten des Dschungels?

Ost und West sprechen von einigen radikalen Milizen und al-Qaida. Ich sage: Wer hat sie denn gemacht? Wenn du zulässt, dass das süsse Kätzchen von allen Seiten geschlagen wird, wird es nicht lange ein süsses Kätzchen bleiben.

Es wird sich in einen tollwütigen Hund verwandeln.

Türkische Republik, 18.04.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz.)

Mitteilungen aus Kilis (8)

Neulich sass ich nahe der syrischen Grenze und trank Tee, während ich über die schmerzliche syrische Lage nachdachte. Dauernd wird aus Syrien berichtet, dass die Heftigkeit des Tötens zugenommen habe. Dieses Mal sind es die bewaffneten Milizen, die sich gegenseitig ausradieren.

Ich besann mich, wie einmal ein bedauerlicher junger Muslim aus Deutschland kam, um in Syrien zu kämpfen. Natürlich tat er nichts falsches, aber vielleicht hat er falsch verstanden, worum es geht.

In Syrien gibt es heute einen kriminellen und geistesgestörten Diktator, während die Welt danebensteht, und ein Volk, das noch nicht einmal leicht bewaffnet ist, sich ihm entgegenstellt. In kurzer Zeit hat der Konflikt religiöse Züge angenommen. Die Situation in Syrien ist keine von enormem Aussmass, den die Medien aufbauschen, aber dennoch ein Kriegsgebiet, wo der Tod in jeder Strasse in jedem Augenblick möglich ist.

In Syrien wird man sich nicht wundern, wenn man eine kopflose Leiche sieht oder eine verbrannte oder wenn es der Körper eines Kindes oder Mädchens ist, das vielleicht durch einen iranischen Heckenschützen den Tod fand.

Iraner und Schiiten haben begonnen, die Trommeln des Dschihād zu schlagen. Sie haben dafür gesorgt, dass der grösste Dschihād in Syrien stattfindet, während im Gegenzug sunnitische Extremisten auf dieselben Trommeln zu schlagen begonnen haben. Vielleicht gibt es im Westen, im Iran oder in der Hisbollah viele junge Leute, die sich dafür begeistern, in den Himmel zu kommen. Es ist das „Opium des Volkes“, wie Karl Marx sagte. Ich bitte Euch, Ihr Jugendlichen, der Weg ins Paradies führt nicht über Syrien!

Ich denke wieder zurück, als ich in Aleppo war und um Kinderbekleidung zu spenden aufrief. Glauben Sie mir: Jemand aus Deutschland, den ich nicht kenne, schickte mir zwei Pakete mit Kleidung, die ich, Gott sei Dank, an die Kinder verteilte. Ich glaube, dass dieser Mann, dessen Identität ebenso wie seine Religion mir unbekannt sind, viel besser als diese Burschen und jungen Frauen ist, die nach Syrien kommen, um zu töten. Syrien hat keinen Bedarf an Kämpfern; es hat einen Bedarf an Waffen und an einer Koordinierung der bewaffneten Kräfte.

Töten gehörte nie zu den Geboten Gottes. Gott sagt im Koran: „Aus diesem Grund haben wir den Kindern Israels vorgeschrieben, dass, wenn einer jemanden tötet, und zwar nicht aus Rache für jemand anderes oder aus Strafe für Unheil, das er auf der Erde angerichtet hat, es sein soll, als ob er alle Menschen getötet hätte (Koran 5,32). Gott weiss es am besten.

Daher wende ich mich an Euch junge Menschen im Westen und im Osten, Schiiten gleichermassen wie Sunniten, zu welcher Konfession ihr auch immer gehören mögt. Wenn Ihr wahrhaftig ins Paradies wollt, so liegt der Schlüssel dafür im Lachen der Kinder, in der Freude der Witwen und in der Annahme der Waisen. Und wer von euch einen Vater und eine Mutter hat, der muss, um ins Paradies einzutreten, ihnen zu Diensten sein – auch wenn er ein Ungläubiger sein sollte. So verstehe ich den Islam als ein muslimischer Araber.

All diese Arten von kämpfenden Milizen in Syrien haben ihre jeweiligen Agenden, aber keine von ihnen arbeitet für Gott. Denn der Weg zu Gott unterscheidet sich nicht für Juden, Christen, Muslime oder Buddhisten.

Ich sehe mit Abscheu, was in Burma geschieht, wo Muslime getötet werden. Und ich frage mich: Sind die Lehren des Buddhismus die, dass man sich zusammenrottet, um diejenigen zu töten, die nicht zum Buddhismus konvertieren? Oder sind es nur kranke Menschen, die aus konfessionellem Hass gegen die Lehren ihrer eigenen Religion zu Felde zogen?

Es ist dasselbe wie in Syrien zwischen Arabern und Arabern, zwischen Muslimen und Muslimen. Das hässliche Morden mit den hässlichsten Mitteln und das Morden gegeneinander – jeder denkt, dass er Gott am besten dient. Es gibt auf der Welt nicht so etwas wie Töten zum Zwecke der Annäherung an Gott.

Gott sagt: „Tötet niemanden, den zu töten Gott verboten hat, ausser wenn ihr dazu berechtigt seid!“ (Sure 17,33).

Türkisch-syrische Grenze, 11.04.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz.)

Querelen vor dem NSU-Mordprozess

Die rassistisch motivierten Morde des sog. NSU gehören ohne Zweifel zu den erschütterndsten Serienverbrechen der deutschen Nachkriegszeit, der ab dem 17. April stattfindende Strafprozess zieht schon jetzt zu Recht eine hohe mediale Aufmerksamkeit auf sich. Auch die unrühmliche Rolle deutscher Ermittlungsbehörden muss dabei zur Sprache kommen, ebenso wie die näheren Motive zweier Mörder, von denen der eine, vor die Wahl gestellt, Abitur zu machen oder aus dem Untergrund heraus Menschen umzubringen, sich tatsächlich für letzteres entschieden hat.

Dass Türken und Türkdeutsche in und ausserhalb Deutschlands ein gesteigertes Interesse am Verlauf des Strafprozesses haben, ist also mehr als verständlich, hätte doch jede in Deutschland lebende Person türkischer Herkunft ein Anschlagsziel der NSU-Terroristen sein können. Umso ärgerlicher ist, dass es in diesem Zusammenhang einige Vorkommnisse gibt, die nicht nur mir unangemessen erscheinen.

Da ist zum einen die verpatzte Sitzreservierung türkischer Medienvertreter, die jetzt Zeter und Mordio schreien, weil ihre Teilnahme am Prozess nicht gesichert ist. Doch abgesehen davon, dass dies mehr oder weniger selbst verschuldet sein dürfte, ist die Forderung nach einer Bevorzugung bei der Sitzplatzvergabe nur auf den ersten Blick einleuchtend.

Denn wer eine solche Forderung erhebt, der muss auch konsequent sein – dann müssen ebenso bei einem Frauenmörderprozess weibliche Journalisten gegenüber ihren männlichen Kollegen bei der Sitzplatzvergabe bevorzugt werden, ebenso bei einem Kinderschänderprozess Journalisten mit Kindern vor solchen ohne Kinder usw. Dass ein Gericht eine solche Auswahl  nicht treffen kann, ohne sich selber in den Verdacht der Befangenheit zu bringen, ist offensichtlich.

Käme nämlich das Gericht auch noch der Forderung des Koordinierungsrates der Muslime in Deutschland (KRM) nach einem festen Sitzplatz nach, so würde es damit noch vor Prozessbeginn einen Hass auf Muslime als tragendes Motiv der NSU-Morde vorwegnehmen. Doch ein solches Motiv ist alles andere als sicher, ebenso wie schlichter Ausländerhass als zentrales Mordmotiv in Frage kommt.

Denn da wir es beim sog. NSU (wie schon der Name sagt: “Nationalisozialistischer Untergrund”) mit Neonazis zu tun haben, stellt sich die Frage, warum nur Türken bzw. Türkischstämmige (mit lediglich zwei Ausnahmen) ins Visier genommen wurden. Nicht zuletzt der Anschlag auf die Kölner Keupstrasse war ein versuchter Massenmord in einer Gegend, die hauptsächlich von Türkischstämmigen frequentiert wird.

Doch Neonazis hassen meist auch andere Ausländer oder solche, die sie als Ausländer ansehen. Warum gab es keine Mordversuche an Afrikanischstämmigen? Und warum keine an Juden, sind Neonazis doch ausnahmslos Antisemiten! Wären diese aus Sicht der Mörder nicht ebenfalls naheliegende Anschlagsziele gewesen?

Ob der Prozess etwas zur Klärung der Motive wird beitragen können, bleibt zu hoffen. Eine bevorzugte Sitzplatzvergabe würde daher ein Urteil über die näheren Motive der NSU-Terroristen vorwegnehmen, das Gericht sich damit selbst dem Vorwurf der Befangenheit aussetzen. Diesen Fehler zu begehen wäre fatal und würde den Prozess schon im vorhinein unnötig belasten.

Und darum muss an dieser Stelle noch etwas zur Haltung der türkischen Regierung gesagt werden, die eigene Vertreter beim NSU-Mordprozess entsenden will – was von einer gewissen Impertinez und Heuchelei zeugt. Denn die Türkei hatte ihre eigene NSU-Mordserie, und zwar vor dreissig Jahren im südtürkischen Kahramanmaraş, als über Nacht die Häuser von Aleviten markiert wurden, bevor in den darauffolgenden Tagen mindestens 100 ihrer Bewohner gezielten Mordanschlägen zum Opfer fielen.

Dieses “Pogrom von Kahramanmaraş” ist bis heute nicht nur nicht aufgeklärt worden, sondern es ist die AKP-geführte Regierung unter Ministerpräsident Recep Erdogan, die jegliche Aufklärung verweigert, noch nicht einmal einen Gedenkstein für die Opfer errichten und überhaupt das ganze Verbrechen in Vergessenheit geraten lassen will! Diese Doppelmoral ist leider typisch für die türkische Regierung:

– Da werden dem Nachbarn Griechenland, mit der Begründung, die Türkei habe das internationale Seerechtsabkommen nicht unterzeichnet, anstelle von zwölf Seemeilen Hoheitsgebiet um ihre ägäischen Inseln nur sechs zugestanden, während man selbst im Schwarzen Meer ganz selbstverständlich zwölf Seemeilen beansprucht.

– Da erklärte Erdogan 2008 in der Kölnarena die Assimilation seiner Landsleute an die deutsche Gesellschaft zum Verbrechen, während die Zwangsassimilation der Kurden an die türkische Leitkultur seit jeher türkische Praxis ist.

– Und als Hamas-Terroristen in Gaza massenhaft Raketen auf Israel herabregnen liessen, womit sie einen Gegenangriff Israel provozierten, war es ebenfalls Erdogan, der den Israelis zurief, sich nicht so anzustellen, während er selbst angesichts einiger Querschlägern, die von Syrien aus auf türkischem Territorium landeten, gleich den NATO-Bündnisfall ausrief.

All dies sollte man angesichts der schrillen Töne, die im Zusammenhang mit der Sitzplatzvergabe beim NSU-Mordprozess angestimmt werden, im Hinterkopf behalten. Es wäre dem Prozess angemessen, wenn KRM und türkische Regierung von allen Forderungen Abstand nehmen würden, die so aussehen, als wolle man politisch Honig aus der Sache saugen.

 

Mitteilungen aus Kilis (7)

Die Tage vergehen ohne eine Lösung am Horizont. Zu Beginn des letzten Berichts über die Rückführung einiger syrischer Flüchtlinge war von Aljazeera eine Zahl von 600 genannt worden und so gab es immer wieder Nachrichten von der Deportation der Syrer aus dem Lager Mar’ash, doch ist die Zahl wohl nicht korrekt und dürfte geringer sein.

Was ich aber mit meinen eigenen Augen sah, war, dass vor einer Woche Brot verteilt wurde, welches sich dem Verfallsdatum näherte, seitdem es im April 2012 hergestellt worden war. Als es vor einigen Tagen verteilt wurde, war das zwei Tage vor Ablauf der Haltbarkeit. Ich habe von vielen Fällen gehört, bei denen Syrer hier in Kilis vergiftet worden sein sollen. Deswegen wurde auch eine Beschwerde bei der türkischen Regierung eingericht, damit sie sich der Sache annimmt.

Die letzte positive Sache, die die türkische Regierung für die Syrer getan hat, war die Aufhebung von Verzugsgebühren [für Visaüberziehungen] und die Gewährung von offenen Aufenthaltsbewilligungen, sowie das Ausstellen von Arbeitsgenehmigungen für alle, die arbeiten wollen. Für die Syrer ist das von äusserster Wichtigkeit, denn es wird die bittere Realität der Syrer, die hier leben, umkehren.

Doch der Weg ist noch lang und voller Dornen. Die Dinge bleiben kompliziert und besonders die hohen Mieten, die den Syrern abverlangt werden. Ich kenne einige Familien, die Syrien gen Türkei verlassen haben, ohne irgendwelche offiziellen Papiere. Allerdings erfolgte es die Aufnahme ihrer Kinder in den türkischen Schulen ohne offizielle Urkunden.

Die Nachrichten aus Syrien sind alles andere als gut. Wo manchmal Stromausfälle mehr als fünf Tage andauern und danach nur für einige Stunden wiederkommen. Die Sicherheitslage ist total schlecht.

Vor zwei Tagen war ich in einem Café überrascht zu sehen, dass ein Europäer kommt, um sich den syrischen Kämpfern anzuschliessen. Einer der Kämpfer, die dem Beschuss ausgesetzt waren und eine Behandlung hier in der Türkei erhielten, kämpfte unter dem Banner der Nusra-Front. Man hatte ihn nach Syrien mitgenommen.

Mir persönlich gefiel das nicht. Ich würde von dem Deutschen verlangen zurückzugehen – zurück nach Deutschland.Denn was Syrien mangelt, sind nicht Kämpfer, sondern vernünftige Waffen. Um mich herum sind mehr als 5.000 Kämpfer, und auch wenn sie mir nicht unterstehen, so bin ich mit ihren Führern allesamt befreundet. Sie alle beklagen sich über die Schwäche und den Mangel an Munition, aber nicht über einen Mangel an Kämpfern.

Hätten wir einen Mangel an Kämpfern, so würde ich mich dem Deutschen bei der Verteidigung meines Landes anschliessen. In jedem Fall ist der Deutsche, den man nach Syrien mitgenommen hat, von der Nusra-Front im Stich gelassen worden, als er verwundet wurde. Nicht einen Qirsch hat man ihm gegeben. Dennoch hatte man den Deutschen nach Syrien mitgenommen.

Vielleicht ist das der Wahnsinn und das Opium des Volkes, wie Karl Marx sagte. Aber die syrische Katastrophe ist jetzt ein Präsident, der in Syrien in einem Versteck kauert. Er verbrennt das Land, während die gesamte Welt dem Lodern zusieht.

Türkisch-syrische Grenze, 04.07.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz.)

Nahosterklärer wider die “Medienmeute”

Vielleicht die FAZ? Nein, dort werden die syrischen Anti-Assad-Kräfte als “Rebellen” oder “Aufständische” bezeichnet. Als “Freiheitskämpfer” jedenfalls nicht oder nur in Anführungszeichen. Oder der amerikanische Sender CNN? Nein, dort spricht man von “freedom fighters” meist in Anführungsstrichen. Grundsätzlich bevorzugt man auch hier die Ausdrücke “rebels” oder “insurgents“.

Was ist mit der britischen BBC? Fehlanzeige, dort wird “freedom fighters” gelegentlich als Eigenbezeichnung erwähnt, sie selbst gibt aber den Begriffen “rebels” und “insurgents” den Vorzug. Dann aber bei der ARD? Auch falsch, dort scheint man von “Freiheitskämpfern” im Zusammenhang mit Syrien überhaupt nur zwei Mal gesprochen zu haben. Ansonsten ist auch hier von “Aufständischen” oder “Rebellen” die Rede. Und das ZDF? Auch das ZDF meidet die Bezeichnung “Freiheitskämpfer” im Zusammenhang mit syrischen Rebellen.

Bleibt noch das Internet. Sucht man allgemein nach Seiten, in denen “Syrien” und Freiheitskämpfer” in einem Atemzug genannt werden, stösst man ebenfalls auf nur wenige Resultate. Meist steht “Freiheitskämpfer” in Anführungszeichen, praktisch keine seriöse Nachrichtenseite will sich den Begriff zu eigen machen. Auch Aljazeera bedient sich offenbar eher Begriffen wie “syrische Opposition” (muʿāraḍa sūriyya) oder (auf der englischen Seite:) “rebels“.

Soweit die Faktenlage. Das kann einige Nahosterklärer jedoch nicht daran hindern, die alte Parole “Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit” ungeniert wie eine Monstranz vor sich herzutragen und “Medienlügen über Syrien” zu beklagen. Angeblich würden die syrischen Rebellen vn einer in- und ausländischen “Medienmeute” bar jeglicher kritischen Distanz immer wieder zu “Freiheitskämpfern” hochgejubelt – von Aljazeera bis CNN, BBC, ARD und ZDF. Tatsächlich, so steht es da.

Die Wahrheit jedoch ist eine andere, wie man oben sieht. Klar und deutlich: Die Medien meiden den Begriff “Freiheitskämpfer” im Zusammenhang mit den Aufständischen, weil er als tendenziös gilt.

(N.B. Der Beitrag wurde am 7.4.13 sprachlich überarbeitet.)

 

 

 

 

 

Mitteilungen aus Kilis (6)

Ein Monat geht zuende, ein neuer beginnt. Vielleicht in einem Monat wird Syrien seinen Rekordstand an Auswanderung und Ermordung erreicht haben.

In einem Café, in dem Syrer hier in der Türkei häufig verkehren, gab es zwei junge Burschen, die sich unterhielten. Der erste sagte: „Hast du mal einen getötet?“ Worauf der zweite engegnete: „Bis jetzt noch nicht.“

Der erste sagte zu ihm: „Sitz hier nicht mir zusammen, sondern geh los und töte jemanden. Dann kannst du wiederkommen und dich zu mir setzen!“

Vielleicht haben sie nur im Scherz geredet, vielleicht auch im Ernst. Es ist jedenfalls bedauerlich, welchen Zustand die Syrer erreicht haben. Gibt es vielleicht auch Menschen, die nach dem Sinn des Mordens fragen?

Ich weiss es nicht, aber die Situation in Syrien muss schnell bereinigt werden, bevor sich ein grosser Teil der Syrer in Mörder verwandelt. Nichts und niemand mehr wird vom Morden verschont. Es ist nichts als eine psychische Krankheit.

Ich bin davon überzeugt, dass die Dinge in Syrien den schlimmsten Zustand erreicht haben. Manche Leute in Syrien töten ohne besonderen Grund – sie töten nur zum Spass!

Die Syrer suchen Tag und Nacht zu überleben. Es scheint, dass die Chance zu leben Tag für Tag geringer wird.

Manche Syrer, die in die Türkei gehen, kehren ganz schnell nach Syrien zurück. Um mit allen Mitteln Geld zu machen, verkauft mancher sein Haus, oder er stiehlt, oder er entführt den Sohn von jemandem. Es gibt keine grossen Unterschiede. Es ist die Kultur des Dschungels, des Überlebens des Stärkeren.

Vielleicht machen meine Worte ja deutlich, wie unabdingbar es ist, eine schnelle und rasche Lösung zu unterstützen, bevor es zu spät ist.

Denn mit jedem Tag gibt es neue Brandherde und noch mehr Zusammenstösse und Auswanderung. Schliesslich fragt sich, welche Seite diese Syrer noch umarmen und sie empfangen kann?

In der Erwartung, dass die Welt sich ernsthaft bewegen wird, werde ich weiter das Café aufsuchen, wo ich mich nicht neben den jungen Mann setzen werde, weil ich noch nicht umstande bin, einen Menschen zu töten.

Vielleicht nicht wirklich.

Türkisch-syrische Grenze, 31.3.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz)

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