Amerika, das schwächelnde Rückgrat des Westens

Demokratie ist eine feine Sache. Für den amerikanischen Präsidenten Donald Trump gilt das aber wohl nur für die medienwirksame Rhetorik gegenüber autoritären Staaten, denen gegenüber er demokratische Werte zu verfechten vorgibt: China, Iran, Belarus. Er verkörpert demokratische Werte nur dort, wo es darum geht, lokale Demokratiebewegungen zu unterstützen.

Weiterlesen

Flug LY971 von Tel Aviv nach Abu Dhabi

Historisch” nennen israelische Medien das Ereignis und auch auf emiratischer Seite überschlägt man sich fast vor Enthusiasmus. Die als “Abraham Accords” gefeierten Abkommen zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) , die einen Friedensvertrag zwischen beiden Ländern vorsehen, könnten den Nahen Osten in Bewegung bringen.

Weiterlesen

Erinnerung an ein legendäres Treffen

In diesem Jahr feiert dieses Blog seinen fünfzehnten Geburtstag. Dieser ist zwar nicht heute, aber heute vor fünfzehn gab es ein Ereignis, das mit diesem Blog in enger Verbindung steht und geradezu nach einer Rückbetrachtung schreit.

Weiterlesen

Attitüde in schwarz-weiss

Ich gestehe, eine gewisse Sympathie für den derzeitigen Bildersturm zu haben, dem ehemalige Sklavenhändler zum Opfer fallen. Solche Menschen verdienen in der Regel kein Andenken, wobei es Ausnahmen geben mag und manches Verhalten vor dem Hintergrund damaliger Normen gewertet werden muss. Aber grundsätzlich gehören Sklavenhändler und Tyrannen auf den Schrotthaufen der Geschichte geworfen und gewiss nicht in Marmor verewigt.

Weiterlesen

Hisbollah und die Umkehrung der Fakten

Stellen Sie sich vor, eine Gruppe von Neonazis in Deutschland würde von einer ausländischen Macht mit einer stetigen und umfangreichen Waffenlieferung bedacht, infolgedessen sie zu einem so gewaltigen Machtfaktor würden, dass der Staat damit überfordert wäre, ihre Strukturen zu zerschlagen. Stattdessen bliebe dem deutschen Staat nichts übrig, als sich mit den Neonazis zu arrangieren und es zu tolerieren, wenn diese im Land Strassensperren errichten und Menschen nach Belieben festnehmen.

Weiterlesen

Schach dem Nazi

Die Monster sind unter uns, doch kann man sie nicht sehen, so gut haben sie sich in unserer Welt eingerichtet, ihr Aussehen und Verhalten an die Gesellschaft angepasst. Einzig eine Truppe von hippen Monsterjägern, die Einsicht in die Wahrheit der Dinge hat, ist in der Lage, sie aufzuspüren und zu eliminieren, bevor sie der Menschheit Böses anzutun imstande sind.

Eine ganze Reihe von Filmen und Serien funktioniert nach diesem Prinzip, man denke nur an die “Men in Black”-Reihe oder auch die Serie “Ash vs. Evil Dead”. Bei “Hunters”, der neuen Serien auf Amazon Prime, sind die Monster aber keine Ausserirdischen, Mutanten, Androiden oder Dämonen – sondern Altnazis, womit die ganze Serie um eine historische Dimension erweitert wird, die sie aber zugleich überfordert.

Denn nunmehr kann sich die Serie nicht mehr damit begnügen, Monster aufspüren und eliminieren zu lassen, sondern sie muss eine Antwort auf die Frage finden, warum es gerade diese Monsterjägertruppe unter der Führung von Meyer Offerman (gespielt von Al Pacino) und seinem Adlatus Jonah Heidelbaum (Logan Lerman) ist, die hier ohne offizielles Mandat zu Werke geht.

Es sind die sechs Millionen im Holocaust Ermordeter, die zu rächen das Wirken der Nazijäger legitimiert, aber vor allem sind es die zahllosen Altnazis, die nach dem Weltkrieg nicht zufällig in den USA eine neue Heimart gefunden haben. Hier wird ein dunkles, aber im Film wohl eher selten behandeltes Kapitel der amerikanischen Geschichte ins Spiel gebracht, nachdem das amerikanische Kino so häufig die Sklaverei oder den Vietnamkrieg thematisiert hat.

Tatschlich waren Altnazis im Zuge der sog. “Operation Paperclip” ins Land geholt worden, weil man ihr technologisches Wissen nicht an den sowjetischen Rivalen in der politischen Weltarena verlieren wollte. Deswegen, so eine Prämisse der Serie, ist auf den Staat kein Verlass, wenn es um Gerechtigkeit geht. Erhalten Altnazis Protektion von ganz oben, muss der Widerstand von unten kommen, muss umso verwegener und entschlossener sein.

Da das ganze in den 70er Jahren spielt, hatten die Macher wohl den Einfall, popkulturelle Elemente ins Spiel zu bringen. Also gehören zur Truppe u.a. ein exzentrischer Schauspieler namens Lonny Flash (gespielt von Josh Radnoer), eine Kämpferin namens Roxy Jones (Tiffany Boone), deren Markenzeichen ein auffälliger Afro ist, und die unter einem weissen Velan kämpfende Schwester Harriet (Kate Mulvany), die im Kampf gegen ihre Feinde so abgebrüht ist, wie eine echte Schwester es nie sein könnte.

Auf der Gegenseite gibt es nicht minder illustre Figuren. Da ist der sardonisch grinsende Biff Simpson (gespielt von Dylan Baker), der, um seine Nazivergangenheit zu tarnen, schon einmal sämtliche Gäste seiner eigenen Grillparty dahinmetzelt, oder Trevis Leich (Greg Austin), ein Jungnazi und Factotum für schmutzige Aufträge aller Art, der noch im Gefängnis nur daran denkt, Juden zu töten; schliesslich “The Colonel” (Lena Olin), die Anführerin eine Organisation zur Errichtung des Viertes Reiches.

Natürlich ist das alles masslos überzeichnet, denn die Nazis waren keine Charismatiker; ihre Menschenverachtung hatte ebensowenig epische Grösse wie die der Neonazis von heute. Aber was soll’s, könnte man sagen, eine Fernsehserie ist nun einmal Fiktion, mag sie sich auch auf historische Begebenheiten beziehen. Damit aber niemand denkt, die Serie nehme das Thema Holocaust allzu leichtfertig auf, gibt es zahlreiche Rückblenden auf den Horror von Auschwitz, die zugleich einen Hinweis darauf geben, wie eng Jonah Heidelbaums Geschichte mit der von Meyer Offerman verflochten ist.

Alles fängt mit Jonahs Grossmutter, seiner Safta an, die Opfer eines Rachemordes wird und Jonah auf die Spur von Meyer Offeman und seiner Nazijäger-Truppe bringt. Diese Nazijäger-Truppe spürt also Altnazis in den USA auf und eliminiert sie, mitunter auf sehr originelle Weise. Aber die Nazis haben Wind davon bekommen, wer für die Todesfälle ihrer Gemeinschaft verantwortlich ist, und machen nun Jagd auf Offermans Truppe.

Das ganze ist eine Art blutiges Schachspiel, in dem jede Seite eine Figur aus den Reihen des Gegners nimmt, und das Schachspielmotiv kommt mehrfach in der Serie selbst vor: Zum einen im Vorspann, aber auch in den Flashbacks vom Horror in Auschwitz, als in einer fiktiven Szene ein SS-Offizier ein grausames, perverses Schach mit Gefangenen als lebenden Figuren spielt. Diese Szene hat übrigens nicht zu Unrecht die Kritik des “Auschwitz Memorial” eingebracht, Auschwitz-Leugnern in die Hände zu spielen.

Damit sieht sich Offermans Truppe jedoch einer zweiten Front gegenüber, denn natürlich lässt auch die Staatsmacht die Todesfälle nicht kalt. Zu den Glanzpunkten der Serie gehört der Nebenplot um die FBI-Agentin Millie Morris (Jerrika Hinton), einer der sympathischsten Figuren im “Hunters”-Universum überhaupt, die gegen Offermans Truppe ermittelt, es aber in ihrer eigenen Behörde nicht eben leicht hat. “Operation Paperclip” soll nicht an die grosse Glocke gehängt werden. Morris hat auch noch privat eine Schlacht zu schlagen und zwar mit ihrer sozialen Umgebung, lebt sie doch mit einer Frau zusammen.

Jeden einzelnen dieser Aspekte könnte man zur Grundlage für eine eigene Serie machen. Das wäre auch angebracht. In “Hunters” jedenfalls wollen sie sich nicht zu einem grossen Ganzen fügen, denn die Serie weiss nicht, was sie sein will: Eine Pop-Story im Stil von Tarantino? Ein Thriller? Ein Drama? Eine Horror-Komödie? Eine Hommage an die Siebziger? Die Geschichte wechselt andauernd die Richtung und spitzt sich schliesslich auf Offerman zu, um vollends aus dem Ruder zu laufen.

Nein, “Hunters” muss man nicht gesehen haben. Die Serie setzt sich letztlich selbst schachmatt, wenn auch auf hohem Niveau. Aber vielleicht ringt man sich ja in einer zweiten Staffel dazu durch, die Holocaust-Thematik fallenzulassen und ein gesellschaftskritisches Kampfkunstmärchen im Tarantino-Stil daraus zu machen. Das wäre doch mal was.

Unbeirrbarer Trump

Trump habe keine Strategie für den Iran, liest man dieser Tage wieder einmal. Die Tötung Soleimanis sei ein blosser Racheakt, ein Muskelspiel, Trump führe sich auf wie in Halbstarker. Das ist zu einfach. Trump ist immerhin so geschickt, nicht mehr von “regime change” zu sprechen, sondern davon, dass Iran sich wie ein normales Land verhalten solle: Das ist eine klare Ansage.

Denn vielleicht mit Ausnahme Russlands wird man derzeit wohl kein Land finden, das in Nachbarstaaten Milizen ausbildet, die die Souveränität ebenjener Staaten dauerhaft unterminiert. Selbst für autoritäre Regime, von denen es einige auf diesem Planeten gibt, ist das ein ungewöhnliches Gebaren. Vor zwei Jahren hatte die US-Regierung eine Reihe von Bedingungen genannt, bei deren Erfüllung die Sanktionen beendet würden. Später wurde die Zahl der Bedingungen reduziert.

Wer “regime change” sagt, bewirkt keine Verhaltensänderung. Eine solche akzeptiert nur, wer weiss, dass er überleben kann. Natürlich war es immer äusserst unwahrscheinlich, dass Teheran seine Politik ändern würde. Aber der Ball war nun im iranischen Feld. Und Trump ist unbeirrbar in seinem Kurs.

Die Aggressivität des Regimes, das seine Revolution zu exportieren trachtet, hat es zwar nicht gemildert. Anders als Obama, der gegen solche Regime eine rote Linie nach der anderen gezogen, dabei jedesmal einen Schritt zurück getan hat, was Karikaturisten nur zu gern aufgegriffen haben, hat Trump die Bereitschaft der USA bewiesen, roten Linien Geltung zu verschaffen. Das könnte eine gute Nachricht sein.

Die schlechte ist, dass Trump kein Freund von Rechtsstaatlichkeit ist. Der Tod Soleimanis ist gut für die Menschen im Nahen Osten und vielleicht sogar im Einklang mit dem Völkerrecht (vielleicht aber auch nicht). Wirklich töricht aber war Trumps Äusserung, iranische Kulturstätten angreifen zu wollen. Dass die US-Regierung dem iranischen Aussenminister Zarif, mag dieser auch ein Verbrecher sein, das Visum für die Anreise zur UN in New York verweigert, missachtet ebenfalls das internationale Recht.

Das gilt gleichermassen für Trumps Versuche, die WTO zu schwächen, wie auch seine vor einigen Jahren erfolgte Ankündigung, gegen Terroristen die Folter anwenden und ihre Familien töten zu wollen. Letzten Endes sind es nur die starken “checks and balances” der amerikanischen Demokratie, die Trump im Zaum halten. Er selbst verkörpert das Prinzip der Rechtstaatlichkeit, eine der grössten Errungenschaften des Westens, einfach nicht mit der nötigen Glaubwürdigkeit, die das Präsidentenamt verlangt.

Eine Regierung Trump ist derzeit nur das kleinere Übel gegenüber einer von Demokraten geführten Regierung. Immerhin, den bösartigen Charakter des iranischen Regimes schätzt er richtig ein, die Lobbyisten Teherans hat er aus dem Weissen Haus vertrieben und eine arabisch-israelische Allianz gegen das Mullahregime und dessen Aussenpolitik geschmiedet. Eine Strategie ist damit in groben Zügen erkennbar. Besser wäre es, Trump wäre auch noch ein glaubwürdiger Verfechter des Rechts.

Warten auf den Krieg

Es gibt erst dann einen Krieg im Nahen Osten, wenn die USA ihn wollen. Punkt. Alles andere ist Gerede und Propaganda im Dienste einer klerikalen Diktatur, die alles daransetzt, eine regionale Grossmacht zu werden, den USA militärisch aber nie das Wasser wird reichen können. Wer so tut, als sei Iran ein Gegner der USA auf Augenhöhe und die Tötung Qasem Soleimanis öffne die Büchse der Pandora oder die Pforten der Hölle (oder welch starke Metapher einem auch immer in den Sinn kommen mag), der leidet unter Realitätsverlust.

Natürlich, für die Islamische Republik ist ein asymmetrischer Krieg das Mittel der Wahl, aber einen asymmetrischen Krieg führt sie ohnehin schon. Ihre ganzen Lobbyisten, die jetzt in westlichen Medien die Apokalypse heraufbeschwören, zum tausendsten Mal davor warnen, dass in Teheran die “Hardliner” gewinnen und die USA den Nahen Osten in Brand setzen könnten, betreiben das Geschäft der Propagandaabteilung ebenjenes Regimes, das sich immer schon terroristischer Mittel im In- und Ausland bedient hat, aktuell aber so stark unter Bedrängnis geraten ist wie nie zuvor.

Der Tod Soleimanis ist auch kein Pyrrhussieg für US-Präsident Trump, denn Irans Diktator Khamenei und Soleimanis Nachfolger Esmail Qaani wissen jetzt, wie weit die USA zu gehen bereit sind. Khamenei hat gelernt, dass ihm russischer und europäischer Beistand gegen die USA nichts nützt. Auch Qaani wird sich vorsehen müssen, wenn er das Werk Soleimanis fortsetzt, das Netz schiitischer Terrorgruppen im Nahen Osten auszubauen. Um Soleimani auszuschalten, brauchten die USA noch nicht einmal Bodentruppen. Eine Drohne reichte aus.

Der darauf folgende massive Anstieg der Lügenpropaganda war zwar zu erwarten. Erstaunlich ist aber eigentlich nur, wie wenig sich die Warnung vor dem drohenden Krieg abnutzt. Seit über einem Jahrzehnt warnen Regimelobbyisten, -versteher und -schönredner vor einem Krieg gegen Iran, der dann doch nicht kommt. Mit abgedroschenen Phrasen versuchen sie, das Regime als ein Opfer amerikanischer Aggression darzustellen und jedesmal springen Medien und die Öffentlichkeit darauf an.

Das Regime wird mit Terrorismus antworten, aber Terrorismus war schon immer sein Geschäft. Sicher werden in Teheran Pläne geschmiedet werden, wie Soleimani zu rächen sei und vielleicht findet es einen Weg, Unschuldige zu töten, sog. weiche Ziele zu treffen, neues Leid über Menschen zu bringen und einen weiteren Gegenschlag der USA zu provozieren – aber einen Game Change wird es nicht geben, dazu fehlen dem Regime bislang die Mittel. Solange die USA keinen Krieg wollen, wird es ihn nicht geben.


Nachtrag 6. Januar 2020

Der iranische Analyst Babak Taghvaee weist darauf hin, dass die angekündigte Vergeltung Teherans bislang schwach ausgefallen ist. Nicht eine einzige Rakete hat die amerikanische Botschaft in Bagdad treffen können.

Der irakisch-libanesische Analyst Hussain Abdul-Hussain kommt nach Abwägung der Handlungsoptionen des Regimes zu dem Schluss, dass Teherans Antwort auf die Tötung Qasem Soleimanis am ehesten eine Fortsetzung des bestehenden Stellvertreterkrieges sein wird.


Nachtrag 24. Januar 2020

Für den “National Review” kommt der Analyst Hassan Hassan zur selben Einschätzung der Lage: “In reality, the alarmism was never warranted. […] Specifically, the idea that Iran can inflict damage on the U.S. is an outdated view about the situation in the region. In 2020 […] the U.S. has little footprint in conflict zones such Iraq and Syria. Iran, on the other hand, has invested heavily in keeping its allies in power, almost all of them now under domestic pressure. In other words, in a reverse of the Iraq War dynamics, the U.S. can mess with Iran in many more ways than Iran can retaliate.”