Warum der Bohei?

Das besetzte Hamburger Flora-Theater (“Rote Flora”) versteht sich als “politisches Projekt” gegen die herrschende Ordnung. In Wahrheit ist alles nur Schau. Die Veranstaltungen, die in der Flora stattfinden, könnten harmloser und spiessiger kaum sein.

Der Veranstaltungskalender verzeichnet so revolutionäre Aktionen wie die montägliche “Motorradwerkstatt – schrauben und klönen”, eine “Fahrrad Selbsthilfe Werkstatt” (sic!) oder eine “offene Selbsthilfegruppe für Alkoholiker”. Selbsthelfende aller Länder, vereinigt euch.

Sonntags wiederum trifft man sich zu “leckeren Veranstaltungen und politischem Kaffee”. Damit “soll Menschen die Möglichkeit gegeben werden, einfach mal in die Flora reinzuschauen, sich in netter Atmosphäre über politische Themen zu informieren und auszutauschen, Leute zu treffen und vieles mehr.” Keine Fick-Orgien, kein revolutionäres Kiffen, und kein Singen von Arbeiterliedern in sturzbesoffenem Zustand.

Erlebnishungrige Sozialrevolutionäre erwartet ein wahrhaft trockenes Brot: “Von politischen Diskussionsrunden, Filmen und Dia-Shows über T-Shirt bedrucken ist alles mögliche denkbar es ist natürlich genauso o.k. einfach gemütlich abzuhängen.” Dia-Shows und Abhängen: Vorgeschmack aufs Altenheim.

Der Restverstand wird mittels eines “Archivs der Sozialen Bewegungen” sediert, das “als Beitrag zu aktuellen und zukünftigen theoretischen Arbeiten und praktischen Auseinandersetzungen” … Gähn. Themen sind “z. B. Stadtentwicklung, Repression, FrauenLesben, Antirassismus, Internationalismus, Hausbesetzungen.” Fehlt nur noch Jürgen Fliege.

Deutschland ist eine alternde Gesellschaft. Sein schleppende Müdigkeit schlägt sich auch in der revolutionären Szene nieder. Warum dann aber diese Gewalt? All das, vom Fahrradschrauben bis zum Musikhören und Abhängen könnte man auch legal in rechtmässig erworbenen oder angemieteten Räumlichkeiten durchführen. Was also soll der Bohei?

In Wahrheit haben die Besetzer ein Steuersparmodell erdacht, dass sie per Faustrecht gegenüber der Gesellschaft absichern. Wer auf Techno und Punk steht, kann zu einem der zahlreichen Konzerte in der besetzten Flora gehen. Mit fünf Euro ist man dabei. Steuern gezahlt werden keine.

Das kann Otto Normalunternehmer gerne einmal für sich ausprobieren. Vorausgesetzt er schafft es, ein paar tausend Chaoten zu mobiliseren, wenn die Steuerfahndung um fünf Uhr morgens an seine Tür klopft. In Wahrheit ist die besetzte Flora ein Projekt von Anarchokapitalisten und Sozialdarwinisten.

Auch wenn die Hausbesetzer das hinter einer Fassade des Altruismus verbergen mögen.

Boykott mit Hintertür

Schon seit einiger Zeit schlägt der Boykott-Aufruf einer amerikanischen Vereinigung namens ASA (American Studies Association) hohe Wellen. Ziel ist wieder einmal Israel, boykottiert werden sollen israelische akademische Institutionen nicht nur im Westjordanland, sondern auch in Israel selbst.

Dass ein solcher Aufruf ebenso töricht wie antisemitisch ist, liegt auf der Hand. Töricht ist er, weil er u.a. auch arabische Israelis und jordanische Gaststudenten trifft; antisemitisch, weil israelische Akademiker gleich welcher politischen Richtung kollektiv abgestraft werden sollen, aber auch, weil Israel wieder einmal unter den Nationen ausgesondert wird.

Nun ist Israel ein sehr forschungsstarkes Land. Wer die Zusammenarbeit mit israelischen Forschern und Institutionen verweigert, schneidet sich daher leicht ins eigene Fleisch. Das weiss man auch bei der ASA, die sich just aus diesem Grunde ein Hintertürchen für ihre Mitglieder offenhält, mit israelischen Institutionen zusammenzuarbeiten, ohne gegen den Boykott zu verstossen:

… the Council developed guidelines specifying that collaboration on research and publications between individual scholars does not fall under the ASA boycott.

Wie die Vereinigung das schafft? Ganz einfach, indem sie sich hinter den Palästinensern verschanzt:

Be it resolved that the American Studies Association endorses and will honor the call of Palestinian civil society for a boycott of Israeli academic institutions.

Das ist so hasenfüssig wie ehrlos. Natürlich wäre der Boykott nicht besser, wenn er die Palästinenser nicht als Vorhut missbräuchte. Und er wäre auch nicht besser, wenn andere Länder – mit welcher Begründung auch immer – in den Boykottaufruf mit aufgenommen würden oder dieser nur israelische Institutionen im Westjordanland beträfe.

Akademische Boykotte wissenschaftlicher Institutionen sollte es nämlich überhaupt nicht geben und zwar ausschliesslich deshalb, weil sie nicht im Sinne der Wissenschaft sind. Diese lebt vom vorbehaltlosen Austausch von Fakten, Entdeckungen und Theorien. Es gibt keinen vernüftigen Grund, dieses Ideal infrage zu stellen.

Wer respektable Institutionen wegen ausseruniversitäter Gründe vom Diskurs ausschliessen will, wer sogar bereit ist, für die eigene Forschung Nachteile in Kauf zu nehmen, nur um aus politischen Motiven nicht aus den Arbeiten bestimmter Wissenschaftler zitieren oder mit diesen zusammenarbeiten zu müssen, der kann kein Freund der Wissenschaft sein.

Das Hintertürchen der ASA macht die Sache denn auch nicht besser. Nur kläglicher.

Erinnerungen an die Habsburgermonarchie

In der NZZ widmet sich der Historiker Timothy Snyder der Frage, was ein Reich wie die Habsburgermonarchie, die sechshundert Jahre Bestand haben konnte, zu Fall gebracht hat und welche Lehre ihr Ende für die heutige EU parat hält. Snyder bezweifelt, dass es innere Schwächen waren, die zum Zerfall des Staatsgebildes geführt haben, obwohl, wie er einräumt, im 19. Jahrhundert “der Nationalismus buchstäblich im ganzen Reich um sich griff”.

Die Erklärung, warum die Monarchie letztlich scheiterte, lag für ihn vielmehr in der physischen Beseitigung der Offizierskaste während der Balkankriege sowie in der “Balkanisierung” Ostmitteleuropas nach 1918, denn “der Nationalismus kam nicht von innen”. Gerade die inneren Kräfte aber scheint er zu unterschätzen, bedenkt man, wie sehr das habsburgische Wien eine wesentliche Rolle als Umschlagplatz reformistischen und erneuernden, später nationalistischen Gedankengutes spielte – und das schon seit dem 16. Jahrhundert. Die Stadt war ein Anziehungspunkt für alle jene Kräfte, die auf eine kulturelle und gesellschaftliche Erneuerung aus waren.

So hatte von Wien aus der bekannteste griechische Freiheitskämpfer, der berühmte Rhigas (eigtl. Rhigas Ferraios Velestinlis, 1754-1798) Propagandamaterial für die griechische Unabhängigkeitsbewegung erstellt, bis er von der Polizei festgenommen wurde. (Das Verhörprotokoll liest sich übrigens unfreiwillig komisch, wenn es heisst, Rhigas habe u.a. gestanden, den Thourios Hymnos (“Kriegslied”), “öfters gesungen und auf der Flöte geblasen” zu haben.) Daneben war Wien seit dem 18. Jahrhundert auch ein Zentrum serbischer kultureller Aktivitäten geworden; hier wurden Bücher und Zeitschriften auf Serbisch publiziert. Der serbische Sprachreformer Vuk Karadžić wirkte zeitweilig in Wien, ebenso wie viele andere serbische und slawische Reformer und Aktivisten. Ein weiterer wichtiger Reformer des Serbischen war der heute vergessene Grieche Panagiotis Papakostopulos (ca. 1820-1879), der in Wien Medizin studierte, bevor er 1853 nach Belgrad ging.

Auch die Haskala, die jüdische Aufklärung, die in Königsberg und Berlin entstand, breitete sich über Wien ostwärts im habsburgischen Reich aus, gelangte so nach Böhmen, Mähren und Galizien. Der 1879 unter dem Titel “Eine ernste Frage” erschienene Artikel des hebräischen Sprachreformers Eliezer Ben-Yehuda (1858-1922), der nach der Zukunft des jüdischen Volkes im Zeitalter der Nationalstaaten fragte und die Notwendigkeit einer eigenen Nationalsprache formulierte, erschien in der hebräischsprachigen Zeitschrift ha-Shakhar (“Die Morgenröte”) in – Wien.

In Wien wirkte auch Theodor Herzl, dessen zionistische Ideen vom bosnischen Rabbiner Yehuda Alkalai inspiriert waren, den er bei dessen Reise nach Wien 1873 persönlich kennenlernte. Yehuda Ben Shlomo Hai Alkalai (1798-1878) aus Sarajevo trat unter dem Eindruck der sog. Damaskus-Affäre 1840 in diversen Schriften für die Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina ein. Auch der deutsche Zionist Moses Hess kannte Alkalais Schriften, wie man seinem Band Rom und Jerusalem (1862) entnehmen kann, den Herzl zwischen 1898 und 1901 in Jerusalem gelesen hatte. Alkalai selbst, der seine Schriften im serbischen (damals ungarischen), der Habsburgermonarchie zugehörenden Semlin verfasste, war stark von dem aus Sarajewo stammenden Rabbiner Eliezer Papo beeinflusst, aber mehr noch von dem auf Korfu tätigen Rabbiner Yudah b. Samuel Bibas (1780-1852), einem der Begründer der Hibbat Zion (“Zionsliebe”), einer Vorläuferbewegung des Zionismus.

Man könnte hier noch viele weitere Beispiel nennen, um die Bedeutung Wiens für den Nationalismus Ostmittel- und Südosteuropas und selbst des Nahen Ostens zu demonstrieren, doch wollen wir an dieser Stelle nur noch auf den Einfluss Herders für die Entstehung nicht nur der slawischen Nationalbewegungen hinweisen, hatte Herder doch verkündet, dass die Zukunft den Völkern des Ostens gehören solle, v.a. den slawischen Völkern. Herders Denken wurde weithin rezipiert, bis ins Osmanische Reich hinein. Das alles ist tief romantisch geprägt und vieles, was in dieser Zeit geschrieben und propagiert wurde, trug zugleich aufklärerische und humanistische Züge. Aber dieses Völkererwachen hatte auch eine Schattenseite.

Vor allem im Revolutionsjahr 1848 erhob sich in den südslawischen Gebiete eine antideutsche, antiösterreichische und antidynastische Stimmung, die die Habsburgermonarchie sogar noch überdauern sollte. Darüber, so berichtet der österreichische Slawist Josef Matl in seinen Südslawischen Studien (1965), gerieten die positiven Aufbauleistungen der Monarchie, ihre Reformen in Justiz und Verwaltung, in Vergessenheit. Matl, der selber aus Slowenien stammte, hatte diese Stimmung nach eigenen Angaben “in hunderten von Debatten im Schützengraben des ersten Weltkrieges” selbst miterlebt.

Letztlich muss man sagen, dass es wohl gar nicht so bedeutsam ist, was im einzelnen zum Ende der Monarchie geführt hat, wenn man sich vor Augen hält, dass fast alle heutigen Nationalstaaten aus Imperien hervorgegangen sind: aus dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, aus dem Osmanischen Reich, aus den britischen und spanischen Kolonialreichen usw. Die Habsburgermonarchie ist letztlich untergegangen, weil die Zeit der Grossreiche zu Ende gegangen war. Was genau den Todesstoss schliesslich versetzt hat, erscheint da nur noch zweitrangig.

Daraus lässt sich auch eine Lehre für die Europäische Union ableiten – aber eine andere als Snyder glaubt. Vielmehr wird die EU, so könnte man schlussfolgern, nur dann Bestand haben, wenn ihre Eliten anerkennen, dass es kein europäisches Demos gibt, die EU also nur stark als ein Verbund von Nationalstaaten sein kann. Der britische Premier David Cameron hat das ganz richtig erkannt. Alle Versuche, aus der Einigung Europas einen europäischen Superstaat zu machen, werden scheitern. Da hilft auch keine Offizierskaste und keine Militärakademie.

Für Samuel Huntington war übrigens alles, was östlich der früheren österreichisch-ungarischen Grenze liegt, kein kultureller Teil Europas mehr. Vielleicht dieser Grenzlage wegen weckt die Habsburgermonarchie so oft romantische Gefühle. Vielleicht aber auch, weil sie sich besonders gut als Projektionsfläche für das Bonmot von Alexander Roda Roda eignet, der einst schrieb: „Es gibt zwei schöne Dinge auf der Welt: Erinnern und Vergessen. – Und zwei hässliche: Erinnern und Vergessen.“

Frohe Festtage!

Allen Leserinnen und Lesern der transatlantic annotations wünschen wir frohe Festtage und ein gutes neues Jahr! Lassen Sie sich reichlich beschenken und … bleiben Sie uns gewogen!

Leuchter_Münster

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Hamburg schafft sich ab

An den Ausschreitungen um das besetzte Hamburger Flora-Theater (“Rote Flora”) zeigt sich, dass eine Anbiederung an extremistische Kräfte nur noch mehr Unheil bringt. Die Grünen empören sich zwar – jedoch über die Polizei, weil diese möglicherweise die Demonstration zu früh gestoppt hat. “Die vielen verletzten Polizisten und Polizistinnen, aber auch die unbekannte Zahl der Verletzten insgesamt sind auch eine deutliche Mahnung an die gesamte Stadt und an uns in der Politik” findet Antje Möller von der Grünen Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft.

Das Verhalten gewaltbereiter Chaoten ist also eine “Mahnung” und damit jeder versteht, was gemeint ist, heisst es ergänzend: “Gewalt darf kein Mittel der Politik sein.” Das passt zur gemeinsamen Outing-Kampagne von Grüner Jugend und Linksjugend von vor acht Monaten, in der stolz verkündet wurde: “Ich bin linksextrem.” Teile der Grünlinge (immerhin hat sich die Grüne Jugend in Hessen von der Kampagne distanziert) haben offenbar noch immer nicht ihren Frieden mit der bürgerlichen Republik gemacht.

Ausbaden muss das Desaster die Polizei: 120 Polizisten wurden verletzt, neunzehn davon mussten im Krankenhaus behandelt werden. Die CDU-Bürgerschaftsfraktion sprach von “bürgerkriegsähnlichen Attacken” auf die Polizei. Die Flora ist Ausgangspunkt “gezielter Gewalt”, so Kai Voet van Vormizeele von der Hamburger CDU. Was die friedlichen Demonstranten (gibt es noch andere?) anbetrifft, so dürfen sie sich bei den Chaoten bedanken, dass ihr Anliegen um den Erhalt des Status Quo (= fortgesetzte Tolerierung der Besetzung) nunmehr kein Gehör fand.

Für dieses Anliegen darf in einer liberalen Demokratie demonstriert werden, auch wenn moralische Zerrüttung aus ihm spricht. Bei den Hamburger Grünen ist die Besetzung des Flora-Theaters ganz in diesem Sinne nur eines von vielen “strittigen Themen”, für die man “politische Lösungen” finden müsse. Vielleicht müssen erst die Häuser Hamburger Grünen-Politiker besetzt werden, um zu erkennen, dass es nicht um ein “strittiges Thema”, sondern um Kriminalität geht. 

Nützen wird den Hamburger Grünen ihre Anbiederung an die Chaoten freilich nichts. Die Webpräsenz der Besetzer verkündet unverdrossen die Parole: “Regierung stürzen!!! Vielleicht nicht heute oder morgen aber übermorgen. Steter Tropfen höhlt den Stein.” 

Ein Krankenhaus in Aleppo

Wohl kein Krieg der Geschichte stand jemals so sehr im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit wie derjenige im gegenwärtigen Syrien. Beinahe im Minutentakt wird Filmmaterial ins Internet hochgeladen, das den Schrecken des Krieges immer wieder aufs Neue demonstriert. Nachdem das Assad-Regime erhebliche Erfolge im Kampf mit den Rebellen erzielt haben soll, haben diese gestern einen bedeutenden Sieg errungen, als es ihnen gelang, das Kindi-Krankenhaus in Aleppo zu erobern.

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Noch ist es nicht zu spät!

Alle machen es und so wollen wir nicht zurückstehen. Hier also unsere Buchempfehlungen für Weihnachten oder auch für danach. Obwohl ganze Bücherstapel im Wochentakt über meinen Schreibtisch wandern, fanden nur vergleichsweise wenige Titel in die Auswahl – nämlich solche, die für eine grösseres Publikum von Interesse sind, noch im Buchhandel erhältlich, zudem im Preis erschwinglich und in keiner anderen Sprache als Deutsch oder Englisch verfasst. Vorläufig sollen hier auch nur Sachbücher genannt werden. Wer über eine Anschaffung vor Weihnachten nachdenkt: noch ist es nicht zu spät!

1.) James Barr, A Line in the Sand: Britain, France and the Struggle That Shaped the Middle East (2012).
Viel ist dieser Tage davon die Rede, dass die alte, mit den Namen Sykes und Picot verbundene Ordnung im Nahen Osten bald der Vergangenheit angehören könnte. Trotz einiger Schwächen (so in der Schilderung der sog. Hussein-McMahon-Korrespondenz) gebührt dem Autor das Verdienst, in umfangreicher Weise unveröffentlichtes Material aus nicht weniger als sechzehn Archiven in Frankreich und Grossbritannien erschlossen zu haben. Mag manche Schlussfolgerung eher vorsichtig zu geniessen sein (mit den Thesen von Efraim Karsh oder Elie Kedourie setzt er sich kaum auseinander, auch fehlt ihm der Zugang zu Quellen in arabischer Sprache, ebenso zu Forschungsliteratur auf Deutsch), so bietet Barrs Buch allein wegen des verarbeiteten archivarischen Materials eine unverzichtbare Lektüre für die Vorgeschichte der heutigen Nationalstaaten Westasiens.

2.) Eric Nelson, The Hebrew Republic: Jewish Sources and the Transformation of European Political Thought (2010).
Auf den ersten Blick mag die Thematik ein wenig abseitig wirken: Da haben westeuropäische Reformer des 17. und 18. Jahrhunderts die Hebräische Bibel politisch gelesen und allerlei Schrifttum verfasst, in dem sie die Geschichte des jüdischen Volkes zum Leitfaden für Reformen in ihrem Land machten. Nelson stellt nun aber die These auf, dass diese Texte, die ein riesiges Korpus neulateinischer Literatur bilden, ganz entscheidend das politische Denken der Neuzeit geprägt haben. Ein wegweisendes Buch in einer aufstrebendes Disziplin namens “Politischer Hebraismus”.

4.) Klaus Oehler, Blicke aus dem Philosophenturm: Eine Rückschau (2007).
Oehler, emeritierter Professor für Philosophie, hat nicht nur von der Philosophie Platons zum Pragmatismus eines Charles Sanders Pierce eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen, sondern war auch ein erbitterter Gegner der Achtundsechziger, die an seiner Hamburger Universität besonders viel Unheil stifteten, wie auch des Antiamerikanismus unter den Universtitätsgelehrten der Nachkriegszeit. Oehlers Erinnerungen führen durch alle Höhen und Tiefen der Geisteswissenschaften und sind ihres anekdotengesättigten Charakters wegen ein echter Lesegenuss. Auch Adorno und Carl-Friedrich von Weizsäcker bekommen ihr Fett weg.

5.) Michael Totten, The Road to Fatima Gate: The Beirut Spring, the Rise of Hezbollah, and the Iranian War against Israel (2012).
Zugegeben, das Buch fängt schwach an. Totten will das Geheimnis der Hisbollah ergründen, tritt zunächst in das eine oder andere Fettnäpfchen im Umgang mit der Organisation und scheint zunächst nicht viel neues zu bieten. Doch dann nimmt das Buch Fahrt auf und zieht den Leser in seinen Bann. Am interessantesten sind die Begegnungen mit Schlüsselfiguren der libanesischen Politik. Die „Fatima Gate‟ des Titels bezieht sich übrigens auf den halboffiziellen, für Drusen geschaffenen Übergang zwischen dem Libanon und Israel (dort „The Good Fence‟ genannt).

6.) Jürgen Osterhammel, Die Entzauberung Asiens: Europa und die asiatischen Reiche im 18. Jahrhundert (2013).
Im 18. Jahrhundert wuchs das europäische Wissen über Asien rasant. Vor dem Hintergrund westlicher Expansion  bekam das Wissen aber auch eine politische Bedeutung und schlug zuweilen in eine Herrschaftsideologie um. Wer sich jetzt an Edward Saids bekannte Thesen („Culture and Imperialism‟) erinnert fühlt hat, irrt, wenn er glaubt, hier handele es sich um einen neuaufgelegten Orientalism: Osterhammel grenzt sich explizit von Said ab und zeigt, wie eine Kulturgeschichte westlichen Wissens über Asien auch sehr viel differenzierter aussehen kann.

7.) Jan Assmann und Florian Ebeling, Ägyptische Mysterien: Reisen in die Unterwelt in Aufklärung und Romantik – Eine kommentierte Anthologie (2011).
Ägyptische Mysterien, wenn soll das denn interessieren? Aber ähnlich Nelsons The Hebrew Republic (s.o.) handelt auch dieses Buch von Dingen, die bei weitem nicht so abwegig sind, wie sie zunächst scheinen mögen. Reisen in die Unterwelt bilden ein beliebtes Motiv in der Literatur der Aufklärung und der Romantik und finden sich bei Wieland und in Mozarts Zauberflöte ebenso wie in Texten der Freimaurer und solchen der Gegenaufklärung – ein faszinierendes Kapitel europäischer Literatur- und Kulturgeschichte.

8.) Daron Acemoglu und James A. Robinson, Why Nations Fail: The Origins of Power, Prosperity, and Poverty (2012).
Warum es manche Länder zu Wohlstand bringen und andere nicht, dafür mag es mehr als einen Grund geben, aber eine unzweifelhaft zentrale Rolle spielt die Rechtssicherheit mitsamt den entsprechenden Institutionen. Von ihrer Existenz hängt vielleicht nicht alles, aber sehr viel ab. Die Autoren des Buches schliessen sich dieser These an, die sie in einem Rundgang durch die Weltwirtschaftsgeschichte eindrucksvoll belegen.

9.) Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit: Politisch-psychologischer Versuch (2006).
Ein grosser Fan von Sloterdijkt bin ich zugegebenermassen zwar nicht – manches erscheint mir abstrus, anderes reaktionär – aber Zorn und Zeit ist auf jeden Fall der Lektüre wert. In typisch Sloterdijk’scher Sprache („Das Leben des Furorsubjekts ist das Prickeln im Kelch der Situation‟) zeigt das Buch, wie der Zorn (gr. Thymos) eine wesentliche Triebfeder gesellschaftlicher Veränderung darstellt. Auch Freiheit ist nach Sloterdijk ein Begriff, der nur im Rahmen einer thymotischen Menschensicht sinnvoll erscheint.

10.) Hans Blumenberg, Die Verführbarkeit des Philosophen (2005).
Mittlerweile habe ich fast alle Bücher des Philosophen Hand Blumenberg gelesen und die meisten haben ihren dauerhaften Platz in meinem Regal eingenommen. Die Verführbarkeit des Philosophen gehört zu dem etwa halbes Dutzend Werken, die aus dem Nachlass heraus entstanden sind. Als Einführung in die Philosophie Blumenbergs eignet es sich zwar nicht, aber zur Diagnose der Gegenwart hat der Band umso mehr zu bieten. Aufgeteilt nach lose zusammenhängenden Stichwörtern handelt der Autor unterschiedlichste Themen von Hitchcock bis Heidegger ab – manchmal amüsant, aber immer geistreich.

11.) Michael Kreutz, Arabischer Humanismus in der Neuzeit (2007).
Dass die Araber im Mittelalter in grossem Masse griechische Literatur übersetzten und an Europa vermittelten, ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert eine zweite Welle arabischer Übersetzungen aus dem Griechischen stattgefunden hat, diesmal im Zeichen modernistischen Denkens. Vor allem die poetischen Werke der Griechen, die von den mittelalterlichen Übersetzern ausgespart worden waren, standen im Zentrum des Interesses. Ziel war eine Modernisierung der arabischen Gesellschaften auf allen Ebenen, in der Literatur ebenso wie in der Politik – eine Modernisierung, die nicht primär aus der Religion hergeleitet wurde. Auch der Gedanke einer Kulturgemeinschaft mit Europa spielt hierbei eine Rolle. Das Buch basiert auf einer ausgedehnten Lektüre arabischer Quellen und ist für alle von Interesse, die sich für das Thema Modernisierung (und ihr Scheitern) im Nahen Osten sowie die Rezeptionsgeschichte der griechischen Antike aus einem ganz anderen Blickwinkel interessieren.

Muslimischer Fundamentalismus in Europa

Besonders kleine Kinder leiden unter dem autoritäten Erziehungsstil im Elternhaus, der auch mit körperlicher Gewalt einhergeht. Sie werden so zu unbedingtem Gehorsam erzogen, weiss die Islamkundelehrerin Lamya Kaddor in ihrem Buch „Muslimisch–Weiblich–Deutsch‟ (2010) über ihre muslimischen Schüler im Dinslakener Stadtteil Lohberg zu berichten. Und: „Die aus einer Mixtur von Religion und Tradition stammenden Regeln greifen vor allem mit Beginn der Pubertät.“

Ob dieser Befund auf andere Schüler muslimischer Herkunft verallgemeinerbar ist, bleibt freilich offen. Eine aktuelle Studie des Wissenschaftzentrums Berlin für Sozialforschung ist nun jedoch zum Ergebnis gekommen, dass fundamentalistisches, also autoritäres religiöses Denken unter europäischen Muslimen stark verbreitet sein soll.

Fast 60% der Befragten stimmen demnach der Aussage zu, dass Muslime zu den Wurzeln ihrer Religion zurückkehren sollen; 75% glauben, dass es nur eine einzige mögliche Interpretation des Koran gibt, an die der Gläubige sich halten solle; und 65% geben an, dass die Gesetze der Religion wichtiger seien als die Gesetze ihres Landes. Ein gefestigtes fundamentalistisches Weltbild hat demnach, wer allen drei Aussagen zustimmt. Und das sind der Studie zufolge stolze 44%.

An dieser Stelle erhebt sich jedoch ein leiser Zweifel. Offenbar wurde nämlich nicht danach gefragt, inwieweit die eigene Religion im Widerspruch zur jeweiligen herrschenden Gesellschaftsordnung gesehen wird. Wenn ein frommer Muslim glaubt, die Rückkehr zu den religiösen Wurzeln, die koranische Ethik und allgemein die religiösen Gesetze stünden gar nicht im Widerspruch zu den weltlichen Gesetzes des Landes, in dem er lebt, dann ist er wohl eher kein Fundamentalist.

Um sicherzugehen, hätte man Fragen wie folgende stellen müssen: „Glauben Sie, dass es einen Konflikt zwischen den Gesetzen Ihrer Religion und denen Ihres Landes gibt?‟ Und wenn ja: „Gilt Ihre Loyalität dann eher den Gesetzen Ihrer Religion oder denen Ihres Landes?‟ – Wenn die letzte Frage dann immer noch dahingehend beantwortet wird, dass die Religion höher steht, dann haben wir es unzweifelhaft mit Fundamentalismus zu tun. Wenn daraus eine Handlungsanweisung abgeleitet wird, diesen Konflikt gewaltsam auszutragen, dann handelt es sich um Extremismus.

Es soll hier nicht die Studie als ganze infrage gestellt werden. Aber man sollte sich schon einmal darauf gefasst machen, dass die nächste Studie, die mit Sicherheit kommen wird, den Anteil der Fundamentalisten unter den europäischen Muslimen womöglich geringer einschätzt (s. auch hier).

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