Schach dem Nazi

Die Monster sind unter uns, doch kann man sie nicht sehen, so gut haben sie sich in unserer Welt eingerichtet, ihr Aussehen und Verhalten an die Gesellschaft angepasst. Einzig eine Truppe von hippen Monsterjägern, die Einsicht in die Wahrheit der Dinge hat, ist in der Lage, sie aufzuspüren und zu eliminieren, bevor sie der Menschheit Böses anzutun imstande sind.

Eine ganze Reihe von Filmen und Serien funktioniert nach diesem Prinzip, man denke nur an die “Men in Black”-Reihe oder auch die Serie “Ash vs. Evil Dead”. Bei “Hunters”, der neuen Serien auf Amazon Prime, sind die Monster aber keine Ausserirdischen, Mutanten, Androiden oder Dämonen – sondern Altnazis, womit die ganze Serie um eine historische Dimension erweitert wird, die sie aber zugleich überfordert.

Denn nunmehr kann sich die Serie nicht mehr damit begnügen, Monster aufspüren und eliminieren zu lassen, sondern sie muss eine Antwort auf die Frage finden, warum es gerade diese Monsterjägertruppe unter der Führung von Meyer Offerman (gespielt von Al Pacino) und seinem Adlatus Jonah Heidelbaum (Logan Lerman) ist, die hier ohne offizielles Mandat zu Werke geht.

Es sind die sechs Millionen im Holocaust Ermordeter, die zu rächen das Wirken der Nazijäger legitimiert, aber vor allem sind es die zahllosen Altnazis, die nach dem Weltkrieg nicht zufällig in den USA eine neue Heimart gefunden haben. Hier wird ein dunkles, aber im Film wohl eher selten behandeltes Kapitel der amerikanischen Geschichte ins Spiel gebracht, nachdem das amerikanische Kino so häufig die Sklaverei oder den Vietnamkrieg thematisiert hat.

Tatschlich waren Altnazis im Zuge der sog. “Operation Paperclip” ins Land geholt worden, weil man ihr technologisches Wissen nicht an den sowjetischen Rivalen in der politischen Weltarena verlieren wollte. Deswegen, so eine Prämisse der Serie, ist auf den Staat kein Verlass, wenn es um Gerechtigkeit geht. Erhalten Altnazis Protektion von ganz oben, muss der Widerstand von unten kommen, muss umso verwegener und entschlossener sein.

Da das ganze in den 70er Jahren spielt, hatten die Macher wohl den Einfall, popkulturelle Elemente ins Spiel zu bringen. Also gehören zur Truppe u.a. ein exzentrischer Schauspieler namens Lonny Flash (gespielt von Josh Radnoer), eine Kämpferin namens Roxy Jones (Tiffany Boone), deren Markenzeichen ein auffälliger Afro ist, und die unter einem weissen Velan kämpfende Schwester Harriet (Kate Mulvany), die im Kampf gegen ihre Feinde so abgebrüht ist, wie eine echte Schwester es nie sein könnte.

Auf der Gegenseite gibt es nicht minder illustre Figuren. Da ist der sardonisch grinsende Biff Simpson (gespielt von Dylan Baker), der, um seine Nazivergangenheit zu tarnen, schon einmal sämtliche Gäste seiner eigenen Grillparty dahinmetzelt, oder Trevis Leich (Greg Austin), ein Jungnazi und Factotum für schmutzige Aufträge aller Art, der noch im Gefängnis nur daran denkt, Juden zu töten; schliesslich “The Colonel” (Lena Olin), die Anführerin eine Organisation zur Errichtung des Viertes Reiches.

Natürlich ist das alles masslos überzeichnet, denn die Nazis waren keine Charismatiker; ihre Menschenverachtung hatte ebensowenig epische Grösse wie die der Neonazis von heute. Aber was soll’s, könnte man sagen, eine Fernsehserie ist nun einmal Fiktion, mag sie sich auch auf historische Begebenheiten beziehen. Damit aber niemand denkt, die Serie nehme das Thema Holocaust allzu leichtfertig auf, gibt es zahlreiche Rückblenden auf den Horror von Auschwitz, die zugleich einen Hinweis darauf geben, wie eng Jonah Heidelbaums Geschichte mit der von Meyer Offerman verflochten ist.

Alles fängt mit Jonahs Grossmutter, seiner Safta an, die Opfer eines Rachemordes wird und Jonah auf die Spur von Meyer Offeman und seiner Nazijäger-Truppe bringt. Diese Nazijäger-Truppe spürt also Altnazis in den USA auf und eliminiert sie, mitunter auf sehr originelle Weise. Aber die Nazis haben Wind davon bekommen, wer für die Todesfälle ihrer Gemeinschaft verantwortlich ist, und machen nun Jagd auf Offermans Truppe.

Das ganze ist eine Art blutiges Schachspiel, in dem jede Seite eine Figur aus den Reihen des Gegners nimmt, und das Schachspielmotiv kommt mehrfach in der Serie selbst vor: Zum einen im Vorspann, aber auch in den Flashbacks vom Horror in Auschwitz, als in einer fiktiven Szene ein SS-Offizier ein grausames, perverses Schach mit Gefangenen als lebenden Figuren spielt. Diese Szene hat übrigens nicht zu Unrecht die Kritik des “Auschwitz Memorial” eingebracht, Auschwitz-Leugnern in die Hände zu spielen.

Damit sieht sich Offermans Truppe jedoch einer zweiten Front gegenüber, denn natürlich lässt auch die Staatsmacht die Todesfälle nicht kalt. Zu den Glanzpunkten der Serie gehört der Nebenplot um die FBI-Agentin Millie Morris (Jerrika Hinton), einer der sympathischsten Figuren im “Hunters”-Universum überhaupt, die gegen Offermans Truppe ermittelt, es aber in ihrer eigenen Behörde nicht eben leicht hat. “Operation Paperclip” soll nicht an die grosse Glocke gehängt werden. Morris hat auch noch privat eine Schlacht zu schlagen und zwar mit ihrer sozialen Umgebung, lebt sie doch mit einer Frau zusammen.

Jeden einzelnen dieser Aspekte könnte man zur Grundlage für eine eigene Serie machen. Das wäre auch angebracht. In “Hunters” jedenfalls wollen sie sich nicht zu einem grossen Ganzen fügen, denn die Serie weiss nicht, was sie sein will: Eine Pop-Story im Stil von Tarantino? Ein Thriller? Ein Drama? Eine Horror-Komödie? Eine Hommage an die Siebziger? Die Geschichte wechselt andauernd die Richtung und spitzt sich schliesslich auf Offerman zu, um vollends aus dem Ruder zu laufen.

Nein, “Hunters” muss man nicht gesehen haben. Die Serie setzt sich letztlich selbst schachmatt, wenn auch auf hohem Niveau. Aber vielleicht ringt man sich ja in einer zweiten Staffel dazu durch, die Holocaust-Thematik fallenzulassen und ein gesellschaftskritisches Kampfkunstmärchen im Tarantino-Stil daraus zu machen. Das wäre doch mal was.

Stilvoll und tödlich – Atomic Blonde

Jede Menge Filmzitate in Atomic Blonde: Eine mal platinblonde, mal brünette Geheimagentin mit meisterlicher Beherrschung der Nahkampftechnik und einer gekonnten Art, das Whiskyglas zu leeren – das erinnert an The Long Kiss Goodnight (dt. Tödliche Weihnachten), wo Geena Davis jedoch um einige Zacken cooler wirkt als Charlize Theron.

Auch der Partner und Gegenspieler von Theron alias Lorraine Broughton, dargestellt von James McAvoy, mutet wie ein spätes Echo von Craig Berko an, der eine ähnlich ambivalente Figur im Davis-Film spielt. Schade, dass man Theron nicht noch einen oberlässigen Typen wie Samuel L. Jackson als catalyst dauerhaft zur Seite gestellt hat.

Die Sprungszene aus dem Fenster hat man auch schon gesehen, und zwar im James Bond-Film Die Welt ist nicht genug, wo der Held auf dieselbe Weise einem Büro im spanischen Bilbao entkommt. Ebenfalls bekannt kommt einem die Szene mit den Regenschirmen vor. Richtig, das hatten wir schon einmal in Steven Spielbergs Minority Report.

Dann sind da noch die Russen und der ganze Hardrock-Untergrund von Berlin. Woran erinnert einen das nur? Ach ja, das war in xXx –Triple X. Dank der Filmmusik, die eine Hommage an die 80er bildet und einige Einstellungen komplett beherrscht, fühlt man sich zuweilen wie in einem Film von Quentin Tarantino.

Die Musik, mit der man so kräftig beschallt wird, kommt u.a. von Depeche Mode und David Bowie, aber auch viele deutsche Titel sind darunter, u.a. von Peter Schilling, Falco (!) und Nena, wie überhaupt recht viel Deutsch in dem Film gesprochen wird. Soll ja alles möglichst authentisch klingen, obgleich fast immer mit leichtem Akzent gesprochen wird.

Und dann die Kampfszenen. Welcher Barbar geht schon wegen irgendwelcher Kampfszenen ins Kino? Auch wenn jene nicht die Klasse von Kill Bill oder The Transporter haben, muss man sagen: Sie gehen unter die Haut, auch schon wegen der Soundeffekte. Charlize Theron soll sich bei den Dreharbeiten zwei Zähne ausgeschlagen haben. Sieht man die Szenen, glaubt man ihr das sofort.

Die Personen wirken freilich recht klischeehaft und lassen Tiefe vermissen. Dass es sich um einen Actionstreifen handelt, ist keine Entschuldigung. Hatte Geena Davis es noch mit knorrigen Charakteren zu tun, verlangt Atomic Blonde seinen Nebendarstellern eher wenig ab. Weder John Goodman noch Til Schweiger finden hier Gelegenheit zu brillieren (allenfalls Toby Jones).

Der Film hat Schwächen, ohne Zweifel. Was ihn dennoch sehenswert und interessant macht, sind die Geschichte, die Atmosphäre und die Kampfszenen, also die Frauenpower. Die Geschichte spielt am Vorabend des Mauerfalls in Berlin, es geht um Geheimagenten, jeder spielt ein doppeltes Spiel und alle jagen nach einer Liste mit Geheiminformationen, dem klassischen MacGuffin des Agentengenres.

Daher auch der Name des Films: Die Liste ist so brisant, dass sie einer “atomic bomb” gleichkommt. Da braucht es schon eine Agentin von besonderem Format, sich gegen all die Schurken zur Wehr zu setzen, die hinter der Liste her sind – eine “Atomic Blonde”. Lorraine, unsere wasserstoffperoxidblonde Superagentin (sie arbeitet für den MI6, aber ist das wichtig?), hat ihre Verbündeten, aber niemand weiss, ob sie ihnen trauen kann.

Die Geschichte pendelt zwischen der grauen Welt sozialistischer Ödnis, der bunten Welt des freien Westens, zwischen der Stille des Verhörzimmers und der Raserei der Gewalt, zwischen Demonstranten oben (Osten) und der Hardrockszene unten (Westen). Im Labyrinth der Interessen traut keiner dem anderen, selbst der MI6 seiner eigenen Agentin nicht (“she plays by her own rules”).

Irgendwo in diesem Labyrinth läuft ein kleiner Mann unter dem Decknamen “Spyglass” um sein Leben. Er ist wertvoll für die einen und ein Verräter für die anderen und wie Lorraine versucht, ihn aus der Gefahrenzone zu schaffen (“I never lose a package”), muss man einfach gesehen haben. Es ist einer der Höhepunkte dieser Geschichte.

Das ganze hat nicht die Leichtigkeit ähnlicher Genrefilme wie Codename U.N.C.L.E. oder Kingsman. Aber er hat Stil, spielt mit Elementen des Film Noir und ist hübsch pulpig. Wohl noch nie zuvor sind die späten Achtziger mit solch atmosphärischer Dichte umgesetzt worden wie sonst nur die Vierziger in Agentenfilmen wie Agent Carter, auch dieser eine Comicverfilmung.

“I fucking love Berlin”, sagt einer, der es wissen muss, bevor er niedergeknallt wird. So ist auch der ganze Film: Er will eine liebevolle Hommage an so vieles sein und mehr als einmal, wenn er sich beinahe zur Grösse seiner filmischen Vorläufer erhebt, kommt er ins Straucheln. Doch selbst wenn er noch am Boden liegt, macht er eine gute Figur.

(Grafik: Michael Kreutz)