Libyer gegen Gewalt

Bei aller Enttäuschung über den Verlauf des “Arabischen Frühlings” wollen wir doch auch ein paar positive Dinge nicht verschweigen. Zum einen gab es offenbar mehrere Libyer, die dem ums Leben gekommenen amerikanischen Botschafter in Libyen, Chris Stevens, zu Hilfe geeilt waren. Die “Washington Post” hat recherchiert:

Ahmed Shams, a 22-year-old arts student who works with the two, said the group cried out “God is great” in celebration after discovering he wasn’t dead. “We were happy to see him alive. The youth tried to rescue him. But there was no security, no ambulances, nothing to help,” he said.

Dazu passt, dass viele Libyer im Anschluss an den Tod Stevens öffentlich ihren Abscheu über die Mordtat zum Ausdruck brachten. Und schliesslich zeigt eine Umfrage, dass eine satte Mehrheit  von 95% der Libyer einer Entwaffnung der Milizen im eigenen Land zustimmt. Bei allen Negativ-Schlagzeilen: Auch das gibt es.

[Aus dem Archiv.]

Der Unterschied zwischen Syrien und Libyen

Warum hat die NATO in Libyen eingegriffen, während sie keine Anstalten macht, dasselbe in Syrien zu tun, fragt sich mancher. Ein MIT-Arbeitsppapier versucht darauf eine Antwort zu geben. Kostprobe:

[…] the notion that Syrian air defenses are “five times” more sophisticated than Libya’s or “ten times” more than Serbia’s should not be understood as an indication of the time it would take to neutralize Syria’s by comparison, but as an indication of the high level of persistent threat NATO would likely face from a moderately capable adversary for the duration of any air campaign. […] The original “low-risk” rationale for humanitarian intervention from the air thus appears far less persuasive for this particular form of intervention in Syria.

Im Klartext: ein Sieg wäre weitaus schwieriger zu erringen und liesse eine höhere Zahl an zivilen Opfern erwarten. So sieht’s aus.

Bitte eine militärische Drohkulisse (ohne Gewalt)!

Wenn die Welt wieder einmal im Chaos versinkt, ist man für jeden Vordenker dankbar, der dem Medusenblick des Unwägbaren standzuhalten und mit einer Moral hart wie Beton den Weg zu zeigen weiss.

Darum hat jetzt der Jürgen Todenhöfer, Fachmann für militärische Konflikte, interkulturellen Dialog und menschliche Herzenswärme, aufgedeckt: Die meisten Libyer sind gar keine extremistischen Islamisten, “sondern liebenswerte, aufgeschlossene und großzügige Frauen und Männer.” Weil das im Westen noch keiner wusste, läuft wieder einmal alles aus dem Ruder.

Todenhöfer, der in Libyen “über zweieinhalb Stunden […] flächendeckend mit Raketen und Granaten bombardiert” worden war, bevor er mit letzter Kraft seine Erlebnisse für die FAZ zu Papier bringen konnte, weiss genau, was die internationale Gemeinschaft, die sich überall einmischen muss, zu tun hat: Sich einmischen, und zwar am besten so:

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen muss sich sofort nach Benghasi begeben, um Gespräche mit der Führung des Volksaufstandes zu führen. Er sollte anschließend auch nach Tripolis reisen. Ziel müssen eine strikte Durchsetzung des Waffenstillstands und die Einleitung eines demokratischen Prozesses ähnlich dem in Ägypten und Tunesien sein.

Ein Szenario, so knackig wie ein Radieschen. Auch an den Fall, dass Gaddafi keine Lust haben könnte mitzuspielen, hat Jürgen gedacht:

Zum Schutz der Zivilbevölkerung sollte die UN unverzüglich Blauhelme als Friedenstruppen nach Benghasi und Tobruk schicken. Wenn die UN nicht genügend Freiwillige findet, könnten sich all jene als menschliche Schutzschilder melden, die sich schon für mutig halten, nur weil sie die Bombardierung Libyens gefordert haben. Parallel dazu sollte eine effektive militärische Drohkulisse aufgebaut werden. Im Auftrag der UN könnten Kriegsschiffe in die Häfen von Benghasi und Tobruk einlaufen. Sie sollten operativ unter arabisch-muslimischer Führung stehen.

“Militärische Drohkulisse” ist dabei ganz wörtlich zu nehmen: Mehr als eine Pappkulisse darf es nicht sein, die Todenhöfer da von “arabisch-muslimischen” Strohmännern herankarren lassen will, sonst ist wieder ein öliges Buch wider die menschliche Grausamkeit fällig. Soweit muss es aber gar nicht erst kommen: Alles wird gut, solange die Akteure nur nach Jürgens Pfeife tanzen.

Bleibt zu hoffen, dass alle auch mitlesen. Sonst wird es wieder nichts mit dem Weltfrieden.