Experten und Mythen

Es nützt ja alles nichts, manche Mythen lassen sich einfach nicht ausrotten. Einmal mehr darf ein zum “Experten” geadelter Religionswissenschaftler ungehemmt seine Ahnungslosigkeit zur Schau stellen und Desinformation verbreiten (vgl. hier). Und wieder einmal sind alle Ideologeme des Dialogunwesens vorhanden. Ich greife nur zwei Beispiele heraus, die beide sehr typisch sind:

“Es greift aber zu kurz, dem Islam zu unterstellen, er bezeichne jeden Nichtmuslim als Ungläubigen. Der Koran zum Beispiel bezeichnet Abraham als Musterbeispiel eines Muslims. Den Islam gab es aber zu Zeiten Abrahams noch gar nicht.”

Dass die Islam nicht jeden Nichtmuslim als Ungläubigen bezeichnet, mag vielleicht sein. Aber offenbar glaubt der “Experte”, die koranischen Aussagen über Abraham seien als eine Art Kompliment an die Frömmigkeit eines Nichtmuslims zu verstehen, dem man gewissermassen dadurch zu schmeicheln glaubt, dass man ihn als Musterbeispiel für einen Muslim rühmt. Tatsächlich jedoch ist aus islamischer Sicht Abraham, nicht Mohammed, der erste Muslim, und zwar im Wortsinne. Zusammen mit seinem Sohn Ismael soll er die Kaaba in Mekka erbaut haben (vgl. Koran 2,127). ((Der ägyptische Literaturwissenschaftler Ṭāhā Ḥusayn hat in einem 1926 erschienenen Buch die These vertreten, dass dies eine Geschichtskonstruktion sei, die der Stamm der Qurayš (dem auch Mohammed angehörte) in die Welt gesetzt habe, um eigene Herrschaftsansprüche zu legitmieren. Diese These löste damals einen heftigen Skandal aus, weil sie in letzter Konsequenz eine Geschichtsfälschung an den Ursprung des Islams setzt.))

Aus islamischer Sicht ist der Islam eben nicht erst mit Mohammed entstanden, sondern war vorher schon da, bevor ihn Juden und Christen verfälschten. Der Islam ist seinem Selbstverständnis nach “die Religion Abrahams” (millat Ibrāhīm, vgl. Koran 2,135), auf den Juden und Christen sich dann nicht länger berufen können. Abraham wird in die eigene Tradition “eingemeindet”, um sich von anderen Glaubensformen umso schärfer absetzen zu können. Das passt aber nicht so recht in das Weltbild dialogbewegter “Experten”! Und somit kommen wir zur zweiten Behauptung:

“Im 19. Jahrhundert stand zudem die gesamte islamische Welt bis auf vier Länder unter westlicher und damit auch christlicher Kolonialherrschaft. Die antiwestliche Stimmung in der islamischen Welt ist auch eine Nachwirkung dieser Herrschaft.”

Hierzu könnte man eine ganze Menge sagen, aber wollen wir diesen Unfug nicht übermässig ernst nehmen. Halten wir zunächst einmal fest, dass vor allem seit dem frühen 19. Jahrhundert mit dem Siegeszug der Druckerpresse, dem Aufkommen von Journalen und dem Aufstieg der Intellektuellen in der arabisch-islamischen Welt ein beispielloser geistiger Umbruch stattgefunden hatte, der dazu führte, dass man sich intellektuell am Westen abarbeitete und zugleich zur osmanischen imperialen Ordnung auf Distanz ging.

In seiner Spätphase hat das Osmanische Reich darauf reagiert, indem es zunächst politische Reformen einleitete, die jedoch später wieder suspendiert wurden und einer neuen Welle der Repression wichen. Das Osmanische Reiche hat selber vorderasiatische Städte nach französischem Vorbild umgebaut und sich auf verschiedene Weise zu europäisieren versucht, um sich so als fortschrittlich auszugeben. Dazu gehörte auch die Schutzherrschaft über das vorislamische antike Erbe in der Region.

Nicht nur in der arabischen Welt entstand in dieser Zeit ein Gebirge von Schriften, Essays, Artikeln und Büchern, die eine Einheit der eigenen Kultur mit Europa postulierten, basierend auf einem gemeinsamen mediterranean, d.h. vor allem griechischen Erbe. Eine Welle von Übersetzungen sollte das Bewusstsein dafür vorantreiben und es wurden alle Arten progessiver Projekte vorgestellt und diskutiert, seien sie politischer oder literarischer Art. Sogar über Schrift- und Sprachreformen wurde nachgedacht, auch in anderen Teilen des Osmanischen oder ehemaligen Osmanischen Reiches und nicht nur in Bezug auf das Arabische. Alexander der Grosse und der Hellenismus wurden als Wegbereiter einer Vereinigung von Osten und Westen gefeiert, die es nunmehr wiederzubeleben gelte.

Das alles ging etwa mit dem Zweiten Weltkrieg in die Brüche – aus einer Reihe von Gründen, die hier nicht diskutiert werden können – und neue Diskurse traten anstelle der alten Modernisierungspublizistik. Aus Platzgründen habe ich die Darstellung verkürzt; natürlich ist alles viel komplexer. Entscheidend aber ist, dass der Westen damals nicht das Feindbild abgab, zu dem es erst später werden sollte. Für die arabischen Intellektuellen hatte die französische und britische Herrschaft ohnehin nicht das Ende ihrer Eigenständigkeit bedeutet, da sie schon vorher nicht eigenständig waren, sondern Teil des Osmanischen Reiches. Paris bildete denn einen Anziehungspunkt gerade auch für Intellektuelle aus der Islamischen Welt.

Erst später setzten Islamismus und Nationalismus neue Narrative durch, in dem das kollektive Opferdenken und die Erinnerung an die Kreuzzüge einen zentralen Platz einnehmen sollten. Davor nämlich, bis ins 19. Jahrhundert hinein, hatten die Kreuzzüge kaum Spuren im kollektiven Denken der Araber und Muslime hinterlassen; ja, es gab noch nicht einmal ein arabisches Wort für Kreuzzüge. Das heute gebräuchliche (al-ḥurūb aṣ-ṣalībīya) ist eine Prägung des 19. Jahrhunderts, als man eine französische Darstellung der Kreuzzüge ins Arabische übersetzte. Die heutige antiwestliche Stimmung in der Islamischen Welt (und ausserhalb) richtet sich ohnehin vor allem gegen die USA, die aber gar nicht als Kolonialmacht aufgetreten waren.

An dieser Stelle versagen viele “Experten” regelmässig, indem sie glauben, Expertentum erschöpfe sich darin, die Narrative von Islamismus und Nationalismus ungeprüft weiterzuverbreiten. Denn davon, dass die arabische und im weiteren Sinne islamische Welt ein Modernisierungsproblem haben könnten, wollen ja die wenigsten etwas wissen. Also müssen sie alle dort vorhandenen Probleme auf westliche Machenschaften oder westliche Wahrnehmung zurückführen, gebe es doch “in Europa eine lange Tradition, den Islam als Feind zu sehen” – ein zentrales Ideologem des Saidismus, der in den geisteswissenschaftlichen Fakultäten des Westens massive intellektuelle Verwüstungen angerichtet hat.