Politik und Geschichte

Die Hagia Sophia und das Ende des 1. Weltkrieges

Dass die Hagia Sophia in Istanbul wieder zu einer Moschee gemacht werden soll, ist ein Gedanke, der in der türkischen Politik und Öffentlichkeit immer wieder einmal aufkommt. Die Frage nach ihrer Bestimmung geht im wesentlichen bis auf das Jahr 1919 zurück, als in Paris die Friedenskonferenz tagte. Ein Artikel des Turkologen Klaus Kreiser in der “SZ” bietet eine gute Gelegenheit, sich einmal anzuschauen, welche Debatte damals ihrer Umwandlung in ein Museum vorausging.

Heute macht man sich kaum eine Vorstellung davon, wie gross seinerzeit die internationale Anteilnahme war, als es um die Zukunft der Hagia Sophia ging. Wer einmal im britischen Nationalarchiv in London ist, kann anhand der zahlreichen Dokumente zum Thema einen faszinierenden Einblick in diese Epoche gewinnen.

Die Hagia Sophia war mehr als nur eine Kirche, vielmehr ein Symbol griechischer und christlicher Präsenz am Schnittpunkt von Europa und Asien – aber eben auch Trophäe osmanischen Vordringens gen Westen. Jahrhundertelang diente sie dem osmanischen Staat als Hauptmoschee. In Europa tendierte man dazu, die Kirche in griechische Hände zu geben. 

Schon damals stand aber auch die Möglichkeit im Raum, sie in ein Museum umzuwandeln, seitdem der osmanische Kriegsminister Fethi Ahmed Paşa 1846 eine Antikensammlung  in der byzantinischen Kirche Hagia anlegte. Man hatte also schon ein Vorbild für die Säkularisierung von Kirchengebäuden.

Derweil hatte sich in London ein St. Sofia Redemption Committee gegründet, das die Zeit für beendet hielt, in der die Osmanen über die Kirche gebieteten. Das Committee hob hervor, dass selbst die Islamische Welt sich von osmanischer Grausamkeit abgewandt habe. Schon habe sich der Scherif von Mekka gegen den Sultan erhoben.

Mit dem Argument, die christlichen Bevölkerung bilde die “grosse Mehrheit” in Konstantinopel, sei es allein von daher nur gerecht, die Hagia Sophia den Christen zu überlassen, während die Muslime doch andere Grossmoscheen zur Verfügung haben, darunter die Süleymaniye-Moschee. Auch habe die Hagia Sophia für die Muslime nicht die Bedeutung wie für Christen, zumal auch Konstantinopel keine den Muslimen heilige Stadt sei. Der muslimische Anspruch auf die Hagia Sophia sei doch eher ein politischer.

Dagegen verabschiedete die Anglo-Osmanische Gesellschaft im März 1919 eine Resolution, die von der Tatsache ausging, dass die Hagia Sophia nunmehr 500 Jahre die Hauptmoschee im Herzen der Islamischen Welt gewesen sei. Ohnehin sei die Mehrheit der Bevölkerung von Konstantinopel und dessen Umland türkisch bzw. islamisch, und nicht griechisch bzw. christlich.

Diese Haltung traf in der britischen Diplomatie auf ein gewisses Verständnis. Im britischen Aussenministerium wurde darauf hingewiesen, dass Religionsfreiheit und die Gleichbehandlung der Religionen eine Sache sei, die Übergabe der Hagia Sophia an die Griechen jedoch eine andere. Die ganze Frage um die zukünftige Bestimmung der Hagia Sophia war auch deshalb so heikel, weil allgemein die Gefahr gesehen wurde, dass die Rückgabe der Kirche an die christliche Bevölkerung mit der Notwendigkeit verbunden sein könnte, die Türken aus Konstantinopel zu vertreiben. Diese Furcht war nicht ganz von der Hand zu weisen.

Im Verlauf der Debatte meldete sich nämlich auch eine Gruppe von Angehörigen der Universität Oxford in einem gemeinsamen Brief an die Teilnehmer der Friedenskonferenz zu Wort. Da die osmanischen Herrscher als auch die Bevölkerung sich unfähig gezeigt hätten, über andere Völker und Religionen zu gebieten, so argumentierten sie, müsse eine Politik her, die ein Ende der osmanischen Herrschaft in Europa sicherstelle. Anderenfalls würde ihre Präsenz eine schwärende Wunde bilden und unablässig Zwietracht hervorrufen.

Die Ostkirche galt den Unterzeichnern als “wahre Erbin derer, die sie bauten”, an sie die Hagia Sophia zu übergeben bestehe grösste Notwendigkeit. Die osmanische Hoheit über die Kirche sei Ausdruck der Dominanz einer Religion über eine andere. Auch die Unterzeichner glaubten, dass die Griechen den grössten Teil der Bevölkerung ausmachten, die überdies Abkömmlinge der einstigen byzantinischen Herrscher und damit legitime Erben der Hagia Sophia seien.

Die Anglo-Osmanische Gesellschaft – die sich nach eigenen Angaben aus englischen Bürgern zusammensetzte, denen “Grossbritannien als muslimische Macht” eine Herzensangelegenheit sei – war dagegen der Auffassung, dass der politische Verlust Konstantinopels ein ausreichend sichtbares Zeichen für das Ende der osmanischen Vorherrschaft sei. Eine Rückgabe der Hagia Sophia an die Christenheit würde erneut religiöse Leidenschaften im Nahen Osten entfachen und damit den Zielen gerade der Friedenskonferenz entgegenstehen.

Man hielt es für unverantwortlich, allein zur Befriedigung der nostalgischen Gefühle einiger Individuen die Saat des Verderbens auszustreuen. Bevor ein noch so prächtiges Gebäude wie die Hagia Sophia zum Grund für Hass und Blutvergiessen werde, solle man es doch besser dem Erdboden gleichmachen. Das britische Aussenministerium freilich gab zu verstehen, dass das Argument der Verletzung religiöser Gefühle zwiespältig sei: schliesslich hätten auch Christen religiöse Gefühle.

Das Aussenministerium umtrieb aber noch eine weitere Sorge, dass nämlich die Geheimhaltung der Friedensverhandlungen auf eine römisch-katholische Intrige gegen das Foreign Office förderlich wirke. Gewisse Vertreter des Vatikan, so hiess es in einem internen Bericht, setzten alles daran, die Rückkehr der Hagia Sophia in den Schoss der Orthodoxie zu verzögern, weil sie insgeheim hofften, in einem günstigen Moment selbst die Kontrolle über das Gebäude zu übernehmen.

Der Vatikan glaube, politisches Kapital aus den Unruhen in Ägypten und dem Aufruhr der Hindus in Indien schlagen zu können, wenn Grossbritannien sich gezwungen sähe, den Muslimen zur Beruhigung der Lage Zugeständnisse zu machen – z.B. in Form einer Überlassung der Hagia Sophia in türkischen Händen. Dies habe man aber ohnehin nicht vor, würde es doch nur dazu führen, dass die Muslime der übrigen Länder Grossbritannien mit Verachtung schlügen. Auch wäre dies ein Verrat an christlichen Interessen und würde nur dazu führen, dass die englischen Gläubigen auf die Barrikaden gingen – was nur der päpstlichen Vorherrschaft im Osten Europas in die Hände arbeiten würde.

In diesem Sinne wurde das vatikanische Argument auch von osmanischer Seite bemüht: Als die Kunde bis nach Konstantinopel gedrungen war, dass sich in England und anderen Ländern Gesellschaften mit dem Ziel formierten, die Hagia Sophia wieder zu einer griechischen Kirche zu machen, wandte sich das osmanische Aussenmininsterium an den britischen Staatssekretär im Büro des Hochkommissars, Sir Thomas Hohler. Dieser unterbreitete einen Kompromissvorschlag, der die Hagia Sophia zu einem rein architektonischen Monument machen sollte. Allerdings wollte man die Entscheidung der Friedenskonferenz abwarten.

Das osmanische Aussenministerium war davon nicht übermässig begeistert und verwies auf ein angebliches Telegramm des päpstlichen Delegaten, demzufolge der Vatikan die Auffassung vertrete, die Hagia Sophia solle in muslimischen Händen verbleiben und die Rückwandlung in eine griechische Kirche sei nicht erstrebenswert. Tatsächlich sollte Hohlers Vorschlag derjenige sein, der am Ende umgesetzt wurde – von Mustafa Kemal Paşa, dem späteren Atatürk.

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