Debatte

Fallstricke der Islamapologetik

Dass Verteidiger des Islam häufig auf eine Art und Weise argumentieren, die eigentlich das Gegenteil von dem bewirkt, was sie beabsichtigen, fasziniert mich immer wieder ungemein. Viele sind sich nicht bewusst, dass das, was sie da als fortschrittlich am Islam preisen, alles andere als fortschrittlich ist und eher Teil des Problems denn Teil der Lösung. Solcherlei Argumentation findet dann meist den Beifall einen nichtmuslimischen dialogbewegten Publikums, das sich bereitwillig in die Irre führen lässt.

Hier sind vor allem drei Punkte zu nennen. Der erste lässt sich gut am Beispiel eines Pakistaners namens Muhammad Usman Malik demonstrieren, auf dessen Doktorarbeit ich vor einigen Jahren durch reinen Zufall gestossen bin. Die Arbeit unter dem Titel Mensch und Gesellschaft im Islam ist schon etwas älter, nämlich von 1969, und setzt sich zunächst mit den Ansichten von Karl Marx und Max Weber über Religion auseinander. Diese werden dann mit der Behauptung zurückgewiesen, dass für den Muslim die muslimische Gesellschaft identisch mit seinem Leben als Mensch sei, während die Gemeinschaft wiederum nur durch den „kollektiven‟ Menschen bestehen könne.

Die apologetische Absicht, die hinter dieser Argumentation steckt, wendet sich gegen den Vorwurf, dem Islam sei der heilige Krieg in die Wiege gelegt: Indem der Islam „nach Versöhnung eines Seienden mit seinem Sein‟ strebe, sei er auf Identität und damit auf Frieden mit seiner Umwelt ausgerichtet, folglich könne er gar keine kriegerische Religion sein.

Bemerkenswert ist, dass genau dies, nämlich die Ganzheitlichkeit der islamischen Sicht auf die Welt, ein Kritiker des Islam, Ismail Ahmad Adham (1911-1940), auf sehr intelligente Weise auseinandergenommen hat. Auf Adham bin ich ebenfalls eher durch Zufall gestossen, als ich vor Jahren in Damaskus auf einer Buchausstellung war, wo seine Schriften als Klassikerausgabe angeboten wurden. Die Ausgabe ist sehr dünn, denn Adham war schon mit 29 Jahren gestorben und hatte kaum Zeit, umfangreichere Werke zu schaffen.

Adham, Sohn eines muslimischen Vaters türkischer und einer protestantischen Mutter deutscher Herkunft, gehört zu den Vordenkern eines philosophischen Atheismus in der Arabischen Welt. Seine Analyse mag heute etwas veraltet erscheinen und viele würden ihm wohl Essentialismus vorwerfen, behauptet er doch, dass es so etwa wie „östliches‟ und „westliches‟ Denken gebe, die er zudem in einen scharfen Gegensatz zueinander stellt. Dennoch muss man ihm zubilligen, dass er eine Problematik im islamischen theologischen Denken erkannt hat, die noch immer aktuell ist.

Den Unterschied zwischen Ost und West bringt er folgendermassen auf den Punkt: Während das „östliche‟ Denken dazu neige, das Eins-Sein der Umwelt zum Ausgangspunkt zu nehmen, beginne das westliche Denken stets mit der Suche nach Differenz. Adham hat erkannt, dass in diesem Eins-Sein ein autoritäter Zug liegt, denn Gottes Wille wird damit in ein Seinssystem eingebunden, dessen Aktivitäten auf dem Element der Notwendigkeit und der Zwangsläufigkeit gründen. Wenn Gott also eine Sache festsetzt, dann gibt es dagegen kein Aufbegehren; wenn Er etwas will, so sagt er ‚sei!‘ und es ist.

Zwar billige der Islam dem Menschen so etwas wie Willensfreiheit zu, doch da der göttliche Wille an der Sache, deren Eintreten vorherbestimmt ist, festhalte, verhalte sich der Wille des Menschen zu den Dingen lediglich so, als ob er eine Wahl hätte – nicht aber wirklich hat. So sei der Mensch an das ewige göttliche Wissen und den göttlichen Willen gebunden, der gegenüber jeglichem Willen den Ausschlag gibt.

In den Augen des Westlers dagegen, fährt Adham fort, sei der Mensch, selbst wenn er in seinem Verhalten die Gesetze des Lebens befolgt und sich ihnen unterwirft, imstande, seine Umwelt den eigenen Bedürfnissen entsprechen anzupassen. Ganz in diesem Sinne hat der Sozialhistoriker Ira M. Lapidus einmal darauf hingewiesen, dass in der islamischen Geschichte sunnitische Erneuerungsbewegungen nie die Welt verändern, sondern immer nur die Menschen verbessern wollten.

Zurück zu Adham: Die ganze Ausführung wirkt wie eine Replik auf die Argumentation von Malik, wenngleich letzterer seine Doktarbeit einige Jahrzehnte später verfasst hat. Man muss Maliks Argumentation aber auch als symptomatisch für viele Verteidiger des Islam sehen, die in solch einem Holismus einen Vorzug ihrer Religion sehen, während Adham richtig erkannt hat, dass dieser scheinbare Vorzug in Wirklichkeit ein Problem darstellt, welches die islamischen Gesellschaften daran hindert, sich fortzuentwickeln.

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Der zweite Punkt besteht in der Vorgehensweise vieler Islamreformer, ein modernes, zeitgemässes Islamverständnis dadurch begründen zu wollen, dass sie alle möglichen Erscheinungen westlicher demokratischer Gesellschaftsordnungen in die konstitutiven Quellen des Islam hineinlesen. Dahinter steckt zweifelsohne eine noble Absicht, nämlich den Islamisten und ihren Gesellschaftsentwürfen das Wasser abzugraben.

Was man nicht alle der Scharia entnehmen kann! Wie eine grosse Wundertüte scheint sie für alle und jeden etwas zu enthalten, offeriert nicht nur Leibesstrafen wie Handabhacken und Kreuzigen, sondern hält eine Fülle von Sätzen bereit, die sich zur Legitimation von Demokratie, Gleichberechtigung der Geschlechter oder Trennung von Staat und Religion heranziehen lassen. Leider ist auch dieser Ansatz Teil des Problems, denn letztlich wird einmal mehr die Allzuständigkeit des Islam für alle Bereiche des Lebens legitimiert.

Insofern hat der Schriftsteller V.S. Naipaul recht, wenn er urteilt, keine Religion sei weltlicher als der Islam. Der amerikanische Nahostfachmann Shadi Hamid hat daraus die These geschmiedet, dass es gerade die Säkularität der Scharia ist, die sie heute als politisch relevant erscheinen lässt. Wer also ein Islamverständnis entwickeln will, das mit den modernen säkular-demokratischen Gemeinwesen konform gehen will, sollte den Islam auf seine spirituelle Dimension reduzieren und ihm den Anspruch auf Allzuständigkeit in menschlichen Belangen verweigern.

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In eine ähnliche Falle, und hier bin ich bei meinem dritten und letzten Punkt, tappt auch der Münsteraner Theologe Ahmad Milad Karimi, der erklärt, das Ziel des Korans sei Gerechtigkeit, das erklärte Ziel des Islam die „Herstellung einer gerechten Gesellschaftsordnung.‟ Da hat er tatsächlich recht. Aber auch hier gilt: Die Betonung der Gerechtigkeit im Islam ist Teil des Problems, nicht der Lösung.

Der in diesem Zusammenhang zentrale Terminus lautet Gerechtigkeit (‛adl). Er wird vielfach im Koran erwähnt. Für den irakischen Politiker Ali A. Allawi bildet die koranische „Gerechtigkeit‟ sogar den Schlüssel zu einer islamischen Doktrin der Menschenrechte (womit er wiederum ein Beispiel für Phänomen 2 gibt), in jedem Fall ist sie eine Leitidee des islamischen Rechts und „Ausdruck eines pervasiven Prinzips, das in alle Formen und Verfahren der Rechtsgewinnung ausstrahlt‟, wie es die Islamwissenschaftlerin Birgit Krawietz einmal formuliert hat.

Nun beruhen die westlichen säkular-demokratischen Gesellschaften zuallererst auf der Idee der Freiheit und zwar der individuellen Freiheit, ohne die es keinen Rechtsstaat und keine Demokratie gibt. Alle Gerechtigkeit hat sich daran zu orientieren, denn jede Staatsmacht, die Gerechtigkeit für wichtiger denn Freiheit hält, wird immer in eine Tugenddiktatur umschlagen. Genau das lässt sich auch in der islamischen Geschichte finden, und zwar vom Mittelalter bis in die Moderne hinein.

Gerechtigkeit als solche, wenn sie durch keine Anerkennung individueller Freiheit gezügelt wird, bildet daher den Treibstoff radikalislamischer Bewegungen: Der Mahdismus, der im Sudan des 19. Jahrhunderts schrecklich wütete, hatte ebenso die Verwirklichung von Gerechtigkeit propagiert wie die Muslimbrüder und ihr Vordenker Sayyid Qutb, der soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit in einer islamischen Rechtsordnung zu verwirklichen versprach.

Auch der IS verführt junge Leute zum Dschihad, indem er an ihr Gerechtigkeitsgefühl appelliert und die Unzufriedenheit über die repressiven und korrupten Verhältnisse in den islamischen Ländern für sich zu nutzen weiss. Eine frühe Propagandaschrift („iʿlām al-anām bi-mīlād dawlat al-Islām‟) zählt die Gerechtigkeit zu den Dingen, die eine islamische Rechtsordnung zu verwirklichen habe. Vor einiger Zeit hat in Hamburg der ehemalige Salafist Musa Schmitz auf einer Tagung der KAS davon berichtet, wie ihn sein Gerechigkeitsempfinden, konkret: der Zorn darüber, dass die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer würden, ihn in die Arme der Salafisten getrieben haben.

Das gibt es auch im schiitischen Kontext. Gerade der damalige iranische Präsident Ahmadinejad war es, der immer wieder das Wort „Gerechtigkeit‟ in seinen Reden erwähnte und als Vorbild für die Realisierung von Gerechtigkeit das Kalifat von Imam Ali pries. Den Islamisten, gleich ob Schiiten oder Sunniten, spielt natürlich in die Hände, dass viele Muslime das Gefühl haben, ihre Religion sei beständiges Ziel von westlichen Verleumdungskampagnen, werde schlecht dargestellt und in den Schmutz gezogen. Hier schliesst sich der Kreis, wenn solcherlei Empörung in Gewalt umschlägt.

Wenn man einen Islam schaffen will, der mit den liberalen Gesellschaften westlichen Zuschnitts nicht nur irgendwie kompatibel ist, sondern eine echte Säule in ihrem Gefüge bildet, dann wird das kaum möglich sein, wenn man Eigenschaften der Religion betont, die eher autoritär als progressiv sind. Dass sich die Verteidiger des Islam dieser Tatsache so selten bewusst sind, gehört zu den Fallstricken der Islamdebatte.

(Grafik: Michael Kreutz, basierend auf dem Foto einer Audienz beim Mufti von Aleppo, 2010.)

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