Covid-19 und die Suche nach einfachen Antworten

Einige Leute muss man wohl daran erinnern: Auch alte Menschen haben einen Anspruch auf Behandlung. Der Tod gehört zwar zur menschlichen Existenz. Aber zunächst müssen alle Menschen unterschiedslos behandelt werden. Man kann sie wohl kaum mit dem Argument verrecken lassen, sie hätten doch ihr Leben gelebt. Das ist zynisch und menschenverachtend, zumal niemand weiss, ob ein Achtzigjähriger nicht vielleicht doch noch zehn oder fünfzehn Jahre zu leben gehabt hätte.

Weiterlesen

Das kleine Einmaleins des Nahostkonflikts (2)

Die Ausstellung “1948” hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte des Staates Israel vom Ideologischen Geröll zu befreien und als legitimen Nationalstaat in der Region zu betrachten. 1 Natürlich ist der Vorwurf der Ideologie universell verwendbar. Aber er trifft dort zu recht, wo selbst einfachste Zusammenhänge, das kleine Einmaleins des Nahostkonflikts, missachtet werden.

Einige Einwände von Kritikern aus dem Palästinakomitee Stuttgart (PAKO) mögen sogar zutreffend sein und würden sie nicht mit einer Geste der Entlarvung vorgetragen, könnte man darüber sogar in Ruhe diskutieren. Dennoch lässt sich ein ideologisches Interesse der Ausstellungskritiker nicht übersehen, das offensichtlich darin besteht, Israel ganz grundsätzlich zu delegitimieren. Die Tricks und Täuschungen, derer sie sich bedienen, sollten daher nicht unwidersprochen bleiben.

So verweist Ausstellungskritikerin Ingrid Rumpf auf die sogenannten „Neuen Historiker“, die ihrer Meinung nach die Geschichte Israels besser zu deuten imstande seien, da sie “nach Öffnung der Archive seit den frühen 80-er-Jahren eine vollkommen neue Einschätzung der Zeit um 1948 vorgenommen haben.‟ Sie verschweigt jedoch, dass diese Einschätzung nicht unwidersprochen geblieben ist: Efraim Karsh, ein exzellenter Kenner der Archive, hat zahlreiche Annahmen der Neuen Historiker bestritten und ihnen vorgeworfen, Fakten zu fabrizieren. Ein prominenter Vertreter der Neuen Historiker wie Benny Morris hat eigene Einschätzungen später revidiert.

Wenn Rumpf über Tafel 9 der Ausstellung behauptet, hier würden “ausgeleierte Vorurteile” über die Türken (Osmanen) verbreitet, dann beweist sie ihre völlige Unkenntnis von der Geschichte der Region. Unabhängig von der Richtigkeit der Annahme, ob die Türken (d.h. Osmanen) für eine mögliche Rückständigkeit der Region verantwortlich waren oder nicht, stammt diese Überzeugung gar nicht von den Zionisten, sondern war unter der intellektuellen Elite v.a. Ägyptens in der damaligen Zeit absolut gängig. Der Arabist Ulrich Haarmann u.a. haben das ausführlich belegt.

Was die Bewertung der osmanischen Präsenz in Bezug auf die Wirtschaft der Region betrifft, so sollte man vielleicht einmal zur Kenntnis nehmen, wie die Ökonomen Acemoglu und Robinson das Osmanische Reich in dieser Hinsicht beurteilen. Diesem nämlich fehlte die Struktur zur Eintreibung von Steuern, weshalb Steuereintreiber ernannt wurden, die auf eigene Faust agierten. Die Besteuerung war daher sehr hoch, reichte von der Hälfte bis zu zwei Dritteln der Agrarprodukte.

Auch die Eigentumsverhältnisse an Land waren unsicher, es gab Gesetzlosigkeit und Banditentum. Der Handel im Osmanischen Reich stand zudem unter staatlicher Kontrolle und der Arbeitsmarkt war beherrscht von Gilden und Monopolen. In ihrer Studie “Why Nations Fail” (2012) kommen Acemoglu und Robinson zu dem klaren Schluss: „[…] it was the expansion and consolidation of the Ottoman Empire, and it is the institutional legacy of this empire that keeps the Middle East poor today.”

Noch einmal in dieselbe Kerbe schlägt Rumpf, wenn sie schreibt, der “Mythos von Palästina als ödes, vernachlässigtes Land” werde von Zionisten gerne verbreitet, sei aber falsch. Natürlich war Palästina kein Land ohne Volk, eine solche Behauptung ist in der Tat falsch. Aber Palästina war doch von den arabischen Nationalbewegungen stiefmütterlich behandelt worden. Bis heute sehen viele Menschen in der Arabischen Welt Palästina als einen Teil Grosssyriens und so wäre zu erwarten gewesen, dass es für die syrische Nationalbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine grosse Rolle gespielt hat. Wie die Historikerin Dalal Arsuzi-Elamir (2003) jedoch gezeigt hat, war dies nicht der Fall.

Erst als Alexandretta (Provinz Hatay), früher ein wichtiger Hafen für Aleppo, das nach dem Willen der arabischen Nationalbewegung zu Syrien gehören sollte, unter das französische Mandat fiel und 1939 Teil der Türkei wurde, machte die herrschende Elite in Damaskus die Palästina-Frage zu einem „Problem der arabischen Nation‟ und die „zionistische Gefahr‟ zur „Gefahr, die die arabische Nation in ihrer Existenz bedroht.‟ Palästina war also ein durchaus vernachlässigtes Gebiet – und zwar von der arabischen Nationalbewegung!

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, wie ein prominenter Ägypter syrischer Herkunft, Jurji Zaydan, das 1914 von ihm besuchte Palästina beschreibt. In der von ihm herausgegebenen Zeitschrift al-Hilal gibt er umfassend Auskunft über den Zustand der Region, wobei sein Interesse nicht zuletzt dem Bildungssystem gilt. Sein Urteil fällt für die arabische Seite vernichtend aus, die zionistischen Anstrengungen empfahl er als Ansporn zu mehr Leistung. Palästina war also noch Anfang des 20. Jahrhunderts ein vielfach vernachlässigtes Gebiet, das ganz wesentlich von der zionistischen Aufbauarbeit profitierte.

Wer wie besagte Kritiker die ganze Ausstellung “1948” als “klägliche historische Fälschung” verunglimpft, sollte sich schon mit etwas besseren Argumenten aus der Deckung wagen. Stattdessen kommen, wie von Israelkritikern gewohnt, nur wieder die üblichen steilen Thesen, deren Fundament nicht Fakten, sondern Wortspiele sind. So behauptet ein anderer Ausstellungskritiker derselben Clique, Arn Strohmeyer, dass Israel ein “Weltanschauungsstaat” sei. Dessen Ziel bestehe darin, in “einem eigentlich von Arabern bewohnten Territorium” einen jüdischen Nationalstaat zu errichten.

“Eigentlich von Arabern bewohnt”, so steht es da. Nicht etwa: Von Arabern, Juden und anderen bewohnt. Strohmeyer arabisiert den ganzen Landstrich nach seinem Gusto, um dann Gewalt als ein dem zionistischen Vorhaben innewohnendes Element zu konstatieren – ohne offenbar irgendeine Vorstellung davon zu haben, dass sämtliche Nationalbewegungen auf dem Boden des Osmanischen Reiches ihre Aspirationen mit Gewalt durchgesetzt haben. Das waren die Spielregeln damals und wer nicht nach ihnen spielte, hatte keine Aussicht auf einen Staat.

Überhaupt verweist die verächtlich gemeinte Bezeichnung Israels als „Weltanschauungsstaat‟ auf ein grundsätzliches Wahrnehmungsproblem gegenüber dem jüdischen Staat: Israel wird von vornherein als Sonderfall in der Region verstanden, gedeutet, geschmäht. Die Frage, wieviele Juden in Palästina gelebt haben und wieviele Araber die Zionisten vertrieben oder bei Kampfhandlungen getötet haben, geht daher an der Sache vorbei. Der Zionismus ist im Kontext betrachtet kein Sonderfall, sondern die Regel: Jede Nationalbewegung hat damals versucht, für sich ein möglichst grossen Stück vom Kuchen abzubekommen und die Grossmächte Grossbritannien und Frankreich für sich einzuspannen.

Während die arabischen Nachbarstaaten Israels aber niemals ein Interesse gezeigt haben, die Flüchtlingsproblematik zu lösen, sind auf der anderen Seite des Mittelmeeres an die Stelle verfeindeter Nationalbewegungen Staaten entstanden, die sich gegenseitig anerkennen. Man sollte hier also nicht über das Stöckchen springen, das Antizionisten hinhalten, um dem Staat seine Legitimation zu rauben. Wer Israels Existenz für illegitim hält, würde, bei Anwendung gleicher Massstäbe, auch viele andere Staaten, die aus der Konkursmasse des Osmanischen Reiches hervorgegangen sind, für illegitim halten müssen.

Ist Griechenland also ein “Weltanschauungsstaat”? Die Türkei? Serbien? Syrien? Pustekuchen. Die Antizionisten wird es nicht anfechten. Sie haben ihr Urteil schon gefällt. Für sie ist Israel und allein Israel die grosse Anomalie der Weltgeschichte – weil sie es so sehen wollen.


1. Ich weise an dieser Stelle darauf hin, dass ich Mitglied im Beirat der Ausstellung bin.

Das kleine Einmaleins des Nahostkonflikts (1)

Der “Israel-Arab Reader” von Laqueur und Rubin hat über sechshundert Seiten Umfang. Man muss ihn nicht gelesen haben, um den Nahostkonflikt zu begreifen, aber wer meint, sich unbedingt zu diesem Thema äussern zu müssen, sollte es sich nicht zu leicht machen und vielleicht doch etwas tiefer in die Materie eintauchen. Schaut man sich jedoch um, was aktuell die Israel-Kritiker-Szene so umtreibt, stellt man fest, dass selbst die Grundlagen, das Einmaleins des Konflikts unverstanden geblieben sind.

So durfte unlängst an der Ludwig-Maximilians-Universität München ein Andreas Zumach seine ganze Unwissenheit über den Nahostkonflikt zur Schau stellen, was nur deshalb einer Erwähnung wert ist, weil dies symptomatisch für den Zustand einer Bewegung nicht zuletzt an deutschen Universitäten ist, die glaubt, man müsse Israel auf diplomatischem und ökonomischem Wege in die Knie zwingen, um einen friedfertigen und gerechten Nahen Osten zu schaffen.

Zumach glaubt etwa (ab ca. 1:24), dass ein Staat nicht zugleich jüdisch und demokratisch sein könne. In Anlehnung an Noam Chomsky versteht er “jüdisch” in Analogie zu “christlich” oder “muslimisch”, also als Adjektiv, das eine religiöse Qualität bezeichnet. Diese falsche Annahme führt Zumach dann zu dem nicht minder falschen Vergleich Israels mit dem iranischen Ajatollah-Regime, das einen islamischen Staat reklamiere.

Einmal abgesehen davon, dass das iranische Regime sich zwar tatsächlich als islamischer Staat begreift, nicht aber als Demokratie, was schon jeden Vergleich mit Israel zunichte macht, gibt es hier noch einen Unterschied auf ganz anderer Ebene. Denn “jüdischer Staat” meint keinen religiösen Staat, sondern bezieht sich auf das Staatsvolk, das dem Staat seine Legitimation verschafft.

Im Klartext: Israel ist ein Nationalstaat. Jeder Nationalstaat wurde um einer Nation willen gegründet. Das Adjektiv “jüdisch” ist hier also in Analogie zu deutsch, tschechisch, schwedisch, dänisch, griechisch, thailändisch, brasilianisch etc. zu verstehen. Traditionell versteht sich das Judentum als Volk und wer zur jüdischen Orthodoxie konvertieren will, von dem wird erwartet, dass er sich dem Volk Israel anschliesst, nicht einfach nur einer Glaubensgemeinschaft. Alles andere ist ein christliches Missverständnis.

Natürlich gibt es so etwas wie die Vorstellung vom “deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens”, doch ist dies eine Erscheinung, die es erst seit dem 19. Jahrhundert gibt. Eine solche Reduktion auf eine Glaubensgemeinschaft war dem Judentum bis dahin fremd. Das hebräische Wort für Religion (dat) ist bezeichnenderweise ein Lehnwort aus dem Persischen, der hebräische Begriff für „Judentum“ (yahadut) eine Lehnübersetzung aus dem Griechischen, der in hebräischen Texten nicht vor dem 11. Jahrhundert auftaucht.

Natürlich hat jeder Jude das Recht, sein Judentum für sich zu definieren. Hier bleibt nur festzuhalten, dass der Zionismus, wie andere Nationalbewegungen auch, darauf abzielte, einen Nationalstaat zu schaffen, dessen Nominalvolk das jüdische ist. Wie andere Nationalstaaten steht aber auch der Staat Israel vor dem Problem, autochthone Minderheiten zu loyalen Staatsbürgern zu machen. In Deutschland sind es die Dänen und Sorben, die keine ethnischen Deutschen, dennoch deutsche Staatsangehörige sind, die aber auch nicht durch Selbstmordanschläge von sich reden machen.

Das alles muss man Leuten wie Zumach erklären. Sie halten Vorträge, schreiben Aufsätze und nehmen an Podiumsdiskussionen teil, geben Interviews und engagieren sich in irgendwelchen Palästina-Solidaritätskomitees – aber die grundlegenden, die allerelementarsten Fakten über Israel und den Nahostkonflikt kennen sie nicht. Dass Leute wie Zumach sich an deutschen Universitäten ausbreiten können, sagt daher auch etwas über deren Zustand aus.

In diesem Zusammenhang hört man häufig den Begriff “Ethnokratie”, der immer darauf hinausläuft, Israel mit dem Südafrika zu Zeiten der Apartheid zu vergleichen. Das ist ein grundfalscher Vergleich. Meint Ethnokratie die Entrechtung einer Ethnie durch eine andere, so trifft dies auf Israel nicht zu, denn die arabische Minderheit geniesst dort die gleichen Bürgerrechte wie die jüdische Mehrheit. Das war in Südafrika zu Zeiten der Apartheid anders, wo Schwarze eben nicht die gleichen Rechte wie Weisse besassen.

Meint Ethnokratie hingegen, dass der Staat um einer bestimmten Nation oder Ethnie willen geschaffen wurde, dann sind alle Nationalstaaten Ethnokratien. Es ist also ein unsinniger Begriff, der einzig dem Zweck dient, Fakten zu verschleiern und falsche Analogien herstellen zu können, die Israel delegitimieren sollen. Das ist typisch für “Israelkritiker”, die aber keinesfalls des Antisemitismus bezichtigt werden wollen.

Auch was das Thema Besetzung betrifft, beweist Zumach seine völlige Unkenntnis des Nahen Ostens. Er redet gerade so, als lebte er noch in den frühen 1990ern. Zur Erinnerung: Israel hält die Westbank zwar immer noch besetzt, doch leben geschätzte 99 Prozent der Palästinenser in Gebieten, die palästinensisch verwaltet werden. Israel hat diese Situation herbeigeführt, damit die Palästinenser einen Proto-Staat aufbauen und ihre Eignung zur Koexistenz beweisen können.

Des weiteren hat sich Israel im Jahre 2000 in einer einzigen Nacht vollständig aus dem Südlibanon zurückgezogen und im Jahre 2005 die jüdische Präsenz im Gazastreifen vollständig beendet. In beiden Fällen haben militante Kräfte dies für sich ausgenutzt, eine Friedensdividende hat Israel nie erhalten. Man nehme es bitte zur Kenntnis: Die Machtübernahme durch die Hamas im Gazastreifen ist Ergebnis des Rückzugs, nicht der Besetzung Israels.

Was also sollte Israel (und den Rest der Welt) veranlassen zu glauben, dass ein Rückzug aus der Westbank etwas anderes hervorbringt als noch mehr Fanatismus?

Natürlich sollen die Palästinenser ihren Staat bekommen, aber es gibt keinen Grund, dass dies um jeden Preis geschieht. Die palästinensische Selbstverwaltung krankt an repressiven und korrupten Strukturen, wie sie auch aus anderen arabischen Ländern bekannt sind, während ihr Präsident sich eines Doppelsprechs bedient, der die arabischen Massen aufheizt und den Westen beschwichtigt. Aktuell bekundet Abbas seine Bereitschaft, mit Israel über einen eigenen Staat zu verhandeln. Doch wie glaubhaft das ist und wie glaubhaft die Bereitschaft der israelischen Seite, Verhandlungen einzugehen, wird sich erst noch zeigen.

Israel-Kritiker vom Schlage eines Andreas Zumach wird es aber wohl kaum interessieren. Sie plappern und schwatzen völlig unbekümmert von den israelischen Erfahrungen mit einem Rückzug aus besetzten Gebieten und interessieren sich nicht die Bohne für die einfachsten Grundtatsachen des Nahostkonflikts. Das Judentum halten sie für eine blosse Glaubensgemeinschaft, Israel setzen sie in Analogie zu Iran und es würde nicht wundern, wenn sie Falafel für einen biblischen Propheten hielten.

Eine schaurige Debatte

Wie absurd öffentlich Debatten zuweilen verlaufen können, zeigt sich dieser Tage am Beispiel des Wochenblatts “Die Zeit”. Dort hatte man die aktuelle Migrationskrise aufgreifen wollen und zwei Redakteure ein Pro & Contra zum Thema private Seenotrettung schreiben lassen und unter der Überschrift “Oder soll man es lassen?” gross ins Blatt gehoben.

Der Contra-Teil fiel der “Zeit”-Redakteurin Mariam Lau zu, die unter der Überschrift “Retter vergrößern das Problem” argumentierte, dass die private Seenotretter sich – gewollt oder ungewollt – zu Komplizen der Schlepper machen. The way to hell is paved with good intentions – aber erkläre einer das mal einem Idealisten.

Sofort meldeten sich Leute zu Wort, deren Mangel an Textverständnis durch ein gerüttelt Mass an Empörung kompensiert wird. Ein Journalist der “Krautreporter” warf seiner Kollegin allen Ernstes Zynismus vor, obgleich Lau die Seenotrettung als solche gar nicht infrage gestellt, sondern nur die Rolle der NGOs kritisiert hatte. Vergebens.

Es kam, wie es kommen musste. Die “Zeit” ruderte zurück und erklärte in Gestalt ihres stellvertretenden Chefredakteurs Bernd Ulrich, man sei ehrlich enttäuscht über die eigene Formulierung der Überschrift, und stellte allen Ernstes die Legitimation für ein Pro-und-Contra privater Notrettung infrage. Damit wurde quasi eine Selbstzensur für die künftige Debatte im eigenen Blatt verkündet.

Wer sich selbst ein Denkverbot nur für eine möglicherweise missverständliche Überschrift auferlegt, dem ist nicht mehr zu helfen. Jeder, der mehr als nur die Überschrift las, konnte wissen, dass Mariam Lau nie dafür plädiert hat, Menschen ertrinken zu lassen, sondern nur die faktische Kumpanei privater Seenotretter angeprangerte. Der Versuch, Sachlichkeit in die Debatte zu bringen, musste scheitern.

Es wurde immer bizarrer. Der Grünen-Politiker Özcan Mutlu befand sogar, dass der WM-Sieg Frankreichs ein Beweis für die Stärke von Einwanderungsgesellschaften sei, obwohl mit Kroatien doch immerhin ein Land Vizeweltmeister geworden ist, das keine Einwanderung kennt und augenscheinlich keine Fussballer mit Migrationshintergrund in seiner Nationalmannschaft hat.

Zwar bekam Lau Schützenhilfe u.a. von der FAZ, in der Rainer Hank darauf hinwies, dass die Kritik an den NGOs gerechtfertigt sei und es nicht darum gehe, Migration zu verhindern, sondern darum, die Kontrolle zurückzuerhalten, aber linke Idealisten scheinen um jeden Preis eine ungesteuerte Migration über das Asylrecht zu wollen.

Auch der sachliche Hinweis von Thomas Schmid von der “Welt”, dass möglicherweise “vielen” der Ankommenden “der Comment ihrer neuen Gesellschaft fremd oder gleichgültig oder gar verachtenswert” sein könnte, rief Empörung hervor – diesmal aus den Reihen des FAZ-Feuilletons. Hier war es Patrick Bahners, der darin die “böse, durch nichts belegte Prämisse der Migrationsdebatte” ausmachen sollte.

Dabei ist Schmids Behauptung alles andere als eine steile These. “Viele” heisst nicht unbedingt die Mehrheit, es können auch zehn oder zwanzig oder dreissig Prozent der Migranten sein. Immerhin wissen wir aus der Migrationsforschung, dass “viele” mit dieser Gesellschaft hadern: “Nur eine Minderheit der deutschen Muslime hat fundamentalistische Einstellungen, aber es ist eine grosse Minderheit,‟ fasst der Ruud Koopmans vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) die Situation zusammen. Ob das eine gute oder eine schlechte Nachricht ist, mag jeder für sich entscheiden.

Lassen wir einmal die Frage weg, wieviele Einwanderer unsere Gesellschaftsordnung gleichgültig oder feindselig gegenüberstehen, so ist es doch nicht weit hergeholt zu vermuten, dass sie nicht wenigen von ihnen fremd ist, kommen sie doch aus Ländern, die weder als demokratisch noch als besonders liberal verschrien sind. Aber nein. Linke Idealisten wollen noch nicht einmal das diskutieren.

Jakob Augstein, Kolumnist des “Spiegel”, verstieg sich zu der Behauptung, dass die “Zeit”, “den Gedanken frei[gibt]”, “dass es Umstände geben kann, unter denen Lebensrettung nicht mehr ‘legitim’ ist.” Das ist nicht nur völliger Unsinn, sondern geht auch sonst an der Sache vorbei. Augstein nämlich leitet die Pflicht zur Seenotrettung durch die Europäer daraus ab, dass das Mittelmeer den Europäern gehört. So habt ihr es wohl vernommen, liebe Tunesier, Marokkaner, Algerier und Libyer, dass das Mittelmeer unser Meer ist! Gut für euch: Ihr braucht keine Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung ist unsere Sache.

Das internationale Recht sieht im Falle einer Seenotrettung (search-and-rescue operations) vor, dass der Staat, in dessen Zuständigkeitsbereich (search-and-rescue region) eine Seenotrettung stattfindet, auch die Hauptverantwortung für die weitere Unterbringung von Schiffbrüchigen tragen soll. Das jedenfalls ist die Position der UNHCR. Hier wären bei Schiffbrüchigen vor der nordafrikanischen Küste also vor allem die maghrebinischen Länder gefragt.

Die überfüllten Schlauchboote der Schlepper schaffen es nämlich meist nur wenige Meilen auf dem Wasser. Malta aber liegt etwa 350 km von der libyschen und etwas mehr als 300 km von der tunesischen Küste entfernt, der kürzeste Weg von Tunesien nach Sizilien beträgt noch immer etwa 150 km, ebenso viel nach Lampedusa.

*

Dabei ist Mariam Laus Position keineswegs plausibel. Die Gegenposition, das Pro, verfasst von Caterina Lobenstein, argumentiert viel überzeugender, dass die private Seenotrettung keineswegs einen Sogeffekt hat und eher einen geringen Einfluss auf die Entscheidung von Menschen hat, gen Europa aufzubrechen. Das lässt sich empirisch nachweisen, wie man auf den Tag genau schon ein Jahr zuvor im selben Blatt viel ausführlicher nachlesen konnte. So haben sich die Schleuser zwar die Tatsache zunutze gemacht, dass private Seenotretter unterwegs sind, und darauf reagiert, indem sie an der Ausrüstung sparten.

Eine Studie der Universität Oxford hat jedoch gezeigt, dass zumindest von den privaten Seenotrettern die Erzeugung eines Sogeffekts praktisch nicht festzustellen ist. Der einzige Effekt, den private Seenotrettung im Mittelmeer hat, sind weniger Tote. Damit bricht die Argumentation von Mariam Lau zusammen, die mit ihrer Behauptung, private Seenotretter betrieben das Geschäft der Schleuser, zwar nicht unrecht hat, aber den Beleg schuldig bleibt, dass ohne erstere das Geschäft letzterer zusammenbrechen würde.

*

Linke Idealisten wie Augstein argumentieren jedoch nicht mit Empirie, sondern empören sich nur. Das Schleuserunwesen, das Menschen aus armen Ländern durch falsche Versprechungen dazu verführt, die Existenz in ihrem Heimatland aufzugeben, bereitet ihnen augenscheinlich keine Sorgen. Dabei müsste, wer die Migrationsursachen bekämpfen möchte, sich besser für ein Einwanderungsrecht stark machen, damit das Asylrecht denen vorbehalten bleibt, die politisch verfolgt werden.

Dann würden Einwanderungswillige nach dem Bedarf der Wirtschaft die Möglichkeit erhalten, sich dauerhaft in Deutschland niederzulassen, ohne dass das Recht auf Asyl für politisch Verfolgte angetastet würde. Wir dürfen vermuten, dass linke Idealisten dies deshalb nicht wollen, weil eine gesteuerte Einwanderung nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten genau das ist, was man in entsprechenden Kreisen als “Neoliberalismus” verschmäht.

Die Verächter des “Neoliberalismus” (deshalb in Anführungszeichen, weil der Begriff fast immer völlig unreflektiert verwendet wird) bedenken freilich nicht, dass es nicht nur in unserem Sinne ist, wirtschaftliche Kriterien anzuwenden, sondern auch im Sinne der Einwanderer selbst, damit ihr existentieller Neustart in Deutschland nach Möglichkeit nicht von der Ungewissheit darüber getrübt wird, wie der eigene Unterhalt bestritten werden kann.

Es ist eine schaurige Debatte. Wo sie mit simpler Empirie viel überzeugender hätten argumentieren können, beschwören linke Idealisten unentwegt “Empathie” und “Menschenrechte”. Freilich kommen ihnen diese Begriffe vornehmlich dann in den Sinn, wenn es darum geht, den Westen vorzuführen.


Nachtrag 15.12.2018

In der NZZ schreibt Lucien Scherrer u.a. in Bezug auf die Reaktionen auf den Artikel von Mariam Lau: “Was früher Mainstream war, gilt heute oft als rechtsextrem, nie da gewesen oder überhaupt unsäglich.”

Nachtrag 09.02.2019

In der “Welt” zeigt sich Sebastian Gubernator zwischen Argumenten für und gegen die private Seenotrettung hin- und hergerissen, ist sich nach einer Begegnung mit einem privaten Seenotretter aber sicher: “Was Porro im Mittelmeer gemacht hat, kann nicht falsch gewesen sein.”

Nachtrag 1. Juni 2019

Wie sehr der Rechtspopulismus in Italien die Stimmung gegen Migranten aufgeheizt hat, hat Dominik Straub für den “Tagesspiegel” aufgezeichnet: “Das einst gastfreundliche, offene und tolerante Belpaese, das noch vor wenigen Jahren stolz war auf seine eigene Seenotrettungsmission ‘Mare Nostrum’, ist aggressiv und intolerant geworden.”

Nachtrag 29. Juni 2019

Zum aktuellen Fall der Sea Watch 3, die vor der italienischen Küste aufgebracht wurde, und ihre Kapitänin Carola Rackete, der Haft und Geldstrafe drohen, schreibt die “Süddeutsche”: “In Libyen herrscht Krieg. In den libyschen Auffanglagern werden Migranten gefoltert und missbraucht. (…) Deshalb steuerte Rackete die Insel Lampedusa an, den nächstgelegenen sicheren Hafen. So steht es im Seerecht, das Wohl der Menschen geht vor. (…) Die Kapitänin braucht also keinen Heldenstatus, sondern nur einen schnellen Freispruch.”

Nachtrag 30. Juni 2019

Jasper von Altenbockum schreibt in der FAZ zum selben Thema: “Die Kapitänin der ‘Sea Watch3’ mag jetzt auf übertriebene Weise zur Märtyrerin stilisiert werden; ihr Anliegen, die Verteidigung der Menschenrechte, lässt sich aber nicht dadurch beiseite wischen, dass die Bekämpfung von Schleppern oder die Abschottung Italiens höher zu bewerten wäre.”

Warum hat die Sea Watch 3 nicht die in Seenot Geratenen nach Tunesien gebracht, das von Libyen aus näher als das italienische Lampedusa liegt? Antwort gibt Martin Klingst in der “Zeit”: Da Libyen weder imstande war, mit eigenen Booten zu retten, noch, fremde Schiffe für den Rettungseinsatz zu koordinieren, “hätten eigentlich die unmittelbar benachbarten Staaten einspringen müssen, also Tunesien im Westen und Malta im Norden. Tunesien jedoch wollte nicht aushelfen und der winzige Inselstaat Malta fühlte sich völlig überfordert. Deshalb war Italien an der Reihe.”

Nachtrag 2. Juli 2019

Endlich einmal jemand, der das ganze Bild sieht! Der Soziologe Gerald Knaus sagt im Interview mit der “taz”: “Es gibt zwei Imperative. Der eine ist der der Seenotrettung (…). Das ist grundlegend für unsere Zivilisation, es gilt sogar in Kriegszeiten. Der zweite Imperativ ist es, irreguläre und lebensgefährliche Migration zu reduzieren. (…) Hier muss kluge Politik ansetzen, damit das unvermeidliche Retten keinen tödlichen Sogeffekt erzeugt.” Bravo!

Nachtrag 3. Juli 2019

Im Interview mit der “Welt” macht Gerald Knaus noch einmal deutlich, dass die Sea Watch 3 auf keinen Fall Tunesien oder Marokko hätte anlaufen können, dass dies aber nicht so bleiben müsse. Vielmehr solle die EU, ähnlich wie sie es mit der Ukraine getan hat, den beiden Ländern Angebote machen: “Werdet sichere Drittländer, baut funktionierende Asylsysteme auf, kooperiert bei der Rücknahme, dafür bietet die EU eine wirklich strategische Partnerschaft und visafreies Reisen.” Zugleich fordert Knaus, wie schon im “taz”-Interview (s.o.), eine verbesserte Abschiebepraxis: “Ein solches Paket und eine glaubwürdige Politik, ab einem Stichtag schnell abschieben zu können, würde irreguläre Migration reduzieren und Leben retten.”

Nachtrag 23. September 2019

Eine deutsch-jüdische Organisation namens Central Welfare Board holt mit israelischer Hilfe Flüchtlinge aus dem Mittelmeer, wie die “Times of Israel” berichtet. Der Vorsitzende des Central Welfare Board, Aaron Schuster, weiss um die Problematik, dass viele Flüchtlinge aus Kulturen stammen, in denen Antisemitismus weit weniger tabu ist als hierzulande, doch “what is very important for us is that the fear of anti-Semitism does not justify being a bystander to a humanitarian crisis.”

Nachtrag 1. März 2020

Der Deutschlandkorrespondent der NZZ urteilt über die Debattenkultur in Deutschland, wenn es um die Flüchtlingskrise geht: “In der Schweiz wurde über alle Aspekte der Flüchtlingskrise anders und freier geschrieben. Bei vielen deutschen Journalisten befiel mich das Gefühl, dass sie versuchten, den Kurs der Regierung abzustützen: nur nicht die Willkommenskultur gefährden.”

Nachtrag 16. März 2020

Die Münsteraner Juristin Nora Markard berichtet aus ihrer Forschung über die Seenotrettung in der EU: “Wir haben in diesem Kontext untersucht, ob es rechtmäßig ist, aus Seenot gerettete Personen in den nordafrikanischen Staaten auszuschiffen. Unser Ergebnis: in Libyen auf keinen Fall – in Algerien, Marokko, Tunesien und Ägypten kommt es drauf an.” Letztere können für manche Personengruppen als sicher gelten, für andere nicht, allerdings ist “eine Einzelfallprüfung auf See […] kaum möglich […]. Daher kommen wir zum Ergebnis, dass auch in diesen Ländern von einer Ausschiffung abgesehen werden muss.”

Vom Elend allzu steiler Thesen

Steile Thesen halten meist den Fakten nicht stand. Dass eine mega-hyper-steile These, wie der Münsteraner Arabist und Islamwissenschaftler Thomas Bauer sie in seinem Buch Die Kultur der Ambiguität (2011) aufgestellt hat, ungeachtet ihrer argumentativen Defizite den wohl bedeutendsten Forschungsförderpreis in Deutschland erhalten hat, dürfte dem Umstand geschuldet sein, dass sie ganz der Weltanschauung des Postkolonialismus verpflichtet ist, der die Tendenz aufweist, nicht-westliche Kulturen für friedlicher und fortschrittlicher zu halten als westliche.

Bauer beschreibt nicht nur Beispiele für Ambiguitätstoleranz in der arabisch-islamischen Geschichte, was eine interessante Lektüre hätte sein können, sondern nimmt sie als Beleg für eine Grundverschiedenheit von europäischer und islamischer Zivilisation, die sich über viele Jahrhunderte verfolgen lasse. Dass Bauers Argumentation alles andere als schlüssig ist, habe ich ausführlich in meinem Buch Zwischen Religion und Politik (2016) gezeigt. Auch die Tatsache, dass Bauer seine Behauptungen über die europäische Kultur einem einzigen Buch entnommen hat, das sich für eine solche These aber gar nicht heranziehen lässt, hat ihm nicht geholfen.

Aber wenn die eigene These auf dermassen grosse Resonanz stösst, dann lässt man sich nicht so leicht beirren. Dass viele Fehlschlüsse Bauers allzu offensichtlich sind und man zum Teil noch nicht einmal eine islamwissenschaftliche Ausbildung braucht, um über sie zu stolpern, lässt tief in eine Forschungslandschaft blicken, deren checks and balances vor allem dazu dienen, eine bestimmte Linie durchzusetzen. Jetzt hat Thonas Bauer mit einem neuen Buch nachgelegt, in dem er seine Komplementärthese von der Intoleranz der westlichen Kultur gegenüber der Ambiguität von Erscheinungen vertieft.

Darin erklärt er, hierin sich als echter Neognostiker erweisend, die westliche Unduldsamkeit gegenüber Ambiguität ganz un-ambig mit den alten Feindbildern der Linken: Mit Kapitalismus, Markt, Konsum und Globalisierung. Bauer holt so zum grossen Rundumschlag einer westlich induzierten Moderne aus und verpasst nebenher auch noch dem modernen Städtebau, der Künstlichen Intelligenz, Fitness-Trackern, Krimis, und Fernsehprogrammen eine verbale Ohrfeige und beschwört die Schrecken eines „kapitalistischen Verwertungssystems‟, in dem der schwitzende Maschinenmensch „selbstoptimiert‟ funktioniere.

Ja, das ist universitärer Mainstream, wo noch die hundertste Dissertation und das zwanzigtausendste Working Paper Marktwirtschaft und Konsumgesellschaft zu den Wurzeln aller Übel nicht zuletzt im Nahen Osten erklärt. Bauer mag ein Linker sein, aber sein von Kulturpessimismus triefender Traktat hätte genauso gut aus der Feder eines Rolf Peter Sieferle oder eines anderen rechtskonservativen Denkers stammen können. Das Trauern über eine Welt des Konsums, die nichts als blosser Schein sei und nur ein „ewiggleiches Einerlei an billigen Sinnesreizen‟ biete, ist ebenso elitär wie wohlfeil und gehört zum Standardrepertoire aller Marktverächter von links wie von rechts.

Weil der Markt eine „ambiguitätsauflösende Macht‟ habe, gebe es noch ein weiteres Problem, glaubt Bauer zu wissen: Kapitalismus nämlich wolle Authentizität, Authentizität und Demokratie seien aber nicht miteinander vereinbar, also sei fraglich, ob Kapitalismus und Demokratie miteinander vereinbar seien. Neu an dieser Argumentation ist eigentlich nur, dass Authentizität diesmal dem Kapitalismus zugeschrieben wird. Der Germanist Heinz Schlaffer hat gezeigt, dass sich in der deutschen Literaturgeschichte viele Beispiele für einer Verherrlichung der Armut als Schicksal, um dann jedoch Authentizität sowohl gegen Kommerz als auch Politik auf dichterische Weise gegeneinander auszuspielen.

In jedem Falle ist Bauers Buch ein echtes Produkt der universitären Filterblase: Die Nacht wird zum Tag, der Tag zur Nacht gemacht. In des Autors Vorstellungswelt mögen Demokratie und Kapitalismus miteinander unvereinbar sein, in der realen Welt gibt es keine liberale Demokratie, die nicht zugleich kapitalistisch wäre. Der Kommunismus hat nur Armut und Repression hervorgebracht. Gerade Kapitalismus bedeutet Demokratisierung, indem nämlich Kunst und Kultur, Bildung und Wissen nicht länger Dinge sind, die nur Könige und Fürsten sich leisten können, sondern die Massen.

Freilich gehört die aristokratische Verachtung für die Massen zum Habitus aller Kapitalismus-Verächter. Bauer, der die „Niederlage des Kapitalismus‟ herbeisehnt, empfiehlt seinen Lesern allen Ernstes, von „vormodernen Gesellschaften‟ zu lernen, sei dort doch Ambiguität „nicht nur geschätzt und gepflegt, sondern regelrecht eingeübt‟ worden. Das ist selbst dann Stuss, wenn es richtig wäre, denn eine Gesellschaft, die Ambiguität kultiviert, aber weder Wohlstand noch Freiheit kennt, kann den meisten Menschen wohl gestohlen bleiben.

Das Wesen menschlicher Zivilisation besteht eben darin, dass wir die Dinge, die uns umgeben und mit denen wir uns umgeben, fortlaufend verbessern. Nur Toren, die die Errungenschaften dieser Zivilisation für selbstverständlich oder entbehrlich halten, glauben, wir Heutigen sollten uns vormoderne Gesellschaften zum Vorbild nehmen.

Wie in seinem vorigen Buch geht es Bauer aber vor allem darum, einen Ost-West-Gegensatz zu konstruieren, wobei dem ambiguitätsfeindlichen kapitalistischen Westen ein traditionel ambiguitätsfreundlicher Islam gegenübergestellt wird, der seit zweihundert Jahren dem verderblichen Einfluss des Westens ausgesetzt ist. Die Methode, derer Bauer sich bedient, ist einmal mehr die selektive Faktenwahl. Man hätte auch umgekehrt verfahren und das Gegenteil beweisen können, aber das wäre nicht mit dem vereinbar gewesen, was die postkoloniale Weltanschauung verlangt.

Entnervt legen wir diesen Mumpitz beiseite und geloben – darin ganz und gar ambiguitäts-INtolerant – nie wieder ein Buch zu lesen, das den Namen Thomas Bauer trägt.

Thomas Bauer: Die Vereindeutigung der Welt: Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. Ditzingen: Reclam 2018. 104 Seiten, € 6,00.


Nachtrag, 9. Mai 2019

Der Kapitalismus, glaubt Thomas Bauer, zeichne sich dadurch aus, dass er “allem einen genauen Wert zuweisen kann, in dem alles so viel wert ist wie es halt kostet.” Völliger Mumpitz, weil Menschen den materiellen Dingen unabhängig vom Marktwert immer auch einen ideellen Wert zumessen können. Bauers wertloses Geschwurbel bleibt davon natürlich ausgenommen.

Islamwissenschaften vs. Islamologie

Das Selbstverständnis der Islamwissenschaft nicht nur in Deutschland hat sich in den letzten zwanzig Jahren gewandelt und ist seitdem immer wieder Gegenstand der Diskussion. Das wird wohl solange der Fall sein, wie auch der Islam im Gegenstand des öffentlichen Interesses steht und damit im Fokus auch unterschiedlicher politischer Sichtweisen. Wir haben das verschiedentlich auf diesem Blog thematisiert.

Schon die Bezeichnung „Islamwissenschaft‟ (häufig im Plural) ist Ausdruck dieses Wandels, insofern als sie den älteren Begriff der Orientalistik oder Orientalischen Philologie weitgehend verdrängt hat, was nicht zuletzt auf die Orientalismus-Debatte der 1980er und 90er Jahre zurückzuführen ist. An den meisten Universitäten ist das Fach aber nach wie vor Teil der Fakultät für Philologie, obwohl es sich methodologisch von anderen Philologien wie der Germanistik, Anglistik oder Romanistik durchaus unterscheidet.

Seit längerem schon zu den Kritikern des Faches gehört Bassam Tibi, der sich als Islamologe versteht. Im vergangenen Jahr hat er seine Kritik unter dem Titel Islamische Geschichte und deutsche Islamwissenschaft als Buch vorgelegt. Darin finden wir ein ganzes Bündel starker Thesen, die eine ausführliche Besprechung rechtfertigen.

Tibi wirft der deutschen Islamwissenschaft einen „Mangel‟ an Weltoffenheit vor, indem sie deutsch-national und bestenfalls europäisch sei. Diesen sonderbaren Befund führt Tibi darauf zurück, dass die Islamwissenschaft Philologie und keine Geschichtswissenschaft sei. Zu den Islamwissenschaftlern, die Tibi nicht leiden kann, gehört Tilman Nagel. Nagel ist längst emeritiert und seiner islamkritischen Auffassungen wegen kein typischer Vertreter der Islamwissenschaften, aber das ficht Tibi nicht an, der Nagel ankreidet, die Vorherrschaft der Philologie zu verteidigen und einer „Andersheit‟ des Islam das Wort zu reden.

Doch legt Tibi noch nach und behauptet, an dem Seminar, an dem Nagel lehrt sowie an allen anderen Orientalistik-Instituten, verweigerten deutsche Orientalisten orientalischen Lektoren die Habilitation. Dahinter, so Tibi, stehe die nicht ausgesprochene Idee: ein Muslim kann Sprachen lehren, nicht aber als Professor den Islam! Das ist eine starke These, die nur einen Haken hat: Ein ehemaliger Schüler von Nagel, habilitierter Islamwissenschaftler und bekennender Muslim pakistanischer Herkunft, bekleidet heute die Erfurter Professur für Islamwissenschaften.

Ansonsten sind es vor allem Islamwissenschaftler vergangener Generationen, an denen sich Tibi abarbeitet – im Guten wie im Schlechten. Zu den Islamforschern, die er schätzt, gehören Maxime Rodinson, Ignaz Goldziher (gest 1921), Gustav Weil (gest. 1889), Theodor Nöldeke (gest. 1930), und Josef van Ess (längst emeritiert). Einige Islamwissenschaftler zitiert Tibi als Zeugen in eigener Sache. Schlecht weg kommen Heinz Halm und Werner Ende für ihr vermeintliches Unvermögen, aktuelle politische Zusammenhänge im Nahen Osten akkurat zu erklären, aber vor allem immer wieder C.H. Becker (gest. 1933), Thomas Bauer und Frank Griffel.

Bauer und Griffel sind zur Abwechslung einmal zwei Islamwissenschaftler, die noch leben und noch nicht emeritiert sind, Griffel aber taugt wenig als Vertreter einer deutschen Islamwissenschaft, da er, obschon Deutscher, seit Jahren in Yale tätig ist. Für Bauer wiederum entwickelt Tibi geradezu eine Obsession, legt man die Anzahl der Seiten zugrunde, auf denen er sich mit ihm beschäftigt.

Was Bauer betrifft, so habe ich dessen These von einer „Kultur der Ambiguität‟ einer genauen Überprüfung unterzogen und jede Menge Ungereimtheiten in der Argumentation entdeckt, wie ich in meinem Buch Zwischen Religion und Politik auf ca. zwanzig Seiten darlege. Wenn Tibi sich also ebenfalls gegen die Bauer’sche These wendet, findet das zunächst meine Sympathie, doch leider hat er sie gar nicht verstanden.

Bauers These besteht darin, dass er die Intoleranz in der islamischen Welt gegenüber von der islamischen Norm abweichendem Verhalten wie Alkoholgenuss oder Homosexualität als ein Phänomen der letzten zweihundert Jahre identifiziert, das nicht in der islamischen Kulturgeschichte verankert ist. Wenn Tibi, der abfällig von „Ambiguitäts-Müll‟ spricht, keine Ambiguitätstoleranz in sexuellen Dingen zu erkennen vermag, da er aus seiner eigenen Zeit in Damaskus nur die sexuelle Repression kennt, dann berührt dieser Einwand Bauers These nicht im geringsten.

*

Aber auch an der deutschen Geschichtswissenschaft lässt Tibi kein gutes Haar, da sie nach ihrem Selbstverständnis islamische Geschichte für zu wenig relevant halte, um sich mit ihr zu befassen. Gewährsmann für diese These ist nun aber ausgerechnet ein Islamwissenschaftler, nämlich Baber Johansen, dessen Kritik, die deutsche Geschichtswissenschaft gehe über germanische und römische Geschichte nicht hinaus, sich Tibi zu eigen macht. Johansens Kritik stammt allerdings aus dem Jahre 1990.

„Islamische Geschichte‟, resümiert Tibi, „gehört nach der internationalen Forschung zur Weltgeschichte, nicht aber zur deutschen Geschichtswissenschaft.‟ An anderer Stelle schreibt er, „bis heute‟ sei das Studium der islamischen Geschichte „fast vollständig‟ aus der historischen Disziplin verbannt. Demgegenüber, so zählt er auf, gibt es in Harvard drei grosse Lehrstühle allein für Islamic History, während in Deutschland Weltgeschichte als „exklusiv-europäische Geschichte gelehrt und betrieben werde.

Diese These wird mindestens sechs Mal quer über das Buch verteilt aufgestellt. Dabei sollte klar sein, dass es wenig Sinn macht, islamwissenschaftliche Seminare in Deutschland mit historischen Seminaren in den USA zu vergleichen. Tibi verweist darauf, dass sich die amerikanische Islamwissenschaft nicht als Philologie, sondern als „area studies‟ versteht. Der von Tibi (wenngleich nicht unkritisch) geschätzte Edward Said hat die amerikanischen area experts jedoch in seine Kritik eingeschlossen.

Was Tibi schreibt, stimmt aber auch für die deutschen Geschichtswissenschaften nicht. Wer die Historische Zeitschrift der letzten fünf Jahre durchblättert, wird immer wieder auch Themen der aussereuropäischen Geschichte finden. Der Berliner Mediävist Michael Borgolte bezieht den Islam in seine Forschung europäischer xReligionsgeschichte mit ein. Ein anderer Mediävist, der Münsteraner Wolfram Drews, hat eine Arbeit über Die Karolinger und die Abbasiden von Bagdad (2009) verfasst. Auch die in den 60er Jahren begonnene Buchreihe Fischer Weltgeschichte verfolgt seit ihren Anfängen den Anspruch, „der Geschichte der asiatischen und afrikanischen Länder und Völler ihr volles Gewicht‟ zu geben.

Vor allem aber – und man wundert sich, dass Tibi das entgangen ist – gibt es mit Jürgen Osterhammel einen deutschen Fachmann für World History, der über die Grenzen seines Faches hinaus bekannt ist und der auch den Islam in seine Forschung mit einbezieht. Da ist zum einen sein Buch Die Verwandlung der Welt zu nennen, wobei es sich um eine Globalgeschichte des 19. Jahrhunderts handelt, zum anderen die von ihm herausgegebene und mehrere Bände à 1000 Seiten umfassende Geschichte der Welt, in der die aussereuropäischen Regionen nicht ausgespart werden. Auch deutsche Vertreter der Ideengeschichte beziehen mittlerweile die aussereuropäische Welt mit ein. Als ein Beispiel von mehreren sei hier nur Otfried Höffes Geschichte des politischen Denkens genannt.

Zudem verstehen sich viele Islamwissenschaftler als Historiker. In Tübingen gibt es einen Lehrstuhl für islamische Geschichte und Kultur, in Hamburg gleich es sechs Lehrstühle für Geschichte und Kultur des Vorderen Orients, in Münster eine Professur für Islamische Geschichte und in Göttingen eine  für Islamwissenschaft mit dem Schwerpunkt auf Geschichte und Kulturen des Nahen Ostens. Deren Inhaber Jens Scheiner hat eine Geschichte der Eroberung von Damaskus vorgelegt und ist zudem Herausgeber der Reihe Islamic History and Civilization. Auch mein eigenes Buch Das Ende des levantinischen Zeitalters (2013) ist kultur- und ideengeschichtlich orientiert und verknüpft Vorgänge in Südosteuropa und im Vorderen Orient zu einem gemeinsamen Narrativ.

Überhaupt kann jeder das Programm der Verlage Ergon und Klaus Schwarz durchforsten, die zu den bekanntesten deutschen Verlagen für islamwissenschaftliche Literatur gehören, und wird dort viele Titel finden, die klar historisch, nicht philologisch orientiert sind. In ersterem gibt es u.a. eine eigene Reihe Mitteilungen zur Sozial- und Kulturgeschichte der islamischen Welt (MISK), in letzterem eine Reihe Studien zur Sprache, Geschichte und Kultur der Turkvölker. Es ist eine durchgehende Schwäche in Tibis Buch, dass sein Autor eine systematische Auseinandersetzung mit den Erträgen und Thesen zeitgenössischer Islamwissenschaftler nicht erkennen lässt. Es sind vor allem feuilletonistische Texte, an denen er sich abarbeitet.

Dessen ungeachtet fordert Tibi nicht weniger als einen Paradigmenwechsel, indem die Islamwissenschaft zur Islamologie und die deutsche Geschichtswissenschaft zur Global History werden müsse. Unter Islamologie versteht Tibi eine Abkehr von der vermeintlichen Dominanz der Philologie hin zu einer historisch-soziologisch orientierten Disziplin. Doch wieso muss das eine an die Stelle des anderen treten? Warum kann Tibi seine Islamologie nicht als Ergänzung zu den Islamwissenschaften verstehen, die heutzutage übrigens eine Vielzahl von methodischen Ansätzen unter ihrem Schirm vereinen, wobei die Bedeutung der Philologie zunehmend zurückgedrängt wird? An anderer Stelle schreibt er, es gehe ihm nicht um ein „Entweder-Oder‟. Wie passt das zusammen?

Nachdem sich der Leser bis auf S. 201 vorgearbeitet hat, findet er dort den Hinweis, dass der Historiker, der über den Islam arbeitet, die Sprachen und die Kultur der Region beherrschen müsse. Interessant. Genau dies ist nämlich der Grund, warum die Islamwissenschaften noch heute meist in einer Fakultät für Philologie angesiedelt sind. Dass eine Abtrennung von der Philologie dem Fach nicht zuträglich ist, kann man in Erfurt beobachten, wo es den Religionswissenschaften zugeordnet wird. Damit ist die Sprachausbildung aber kein fester Bestandteil des Curriculums mehr, weswegen die Erfurter Islamwissenschaft zu den schwächeren in Deutschland gehört.

Für Tibi sind die eigenen Arabisch-Kenntnisse eine Selbstverständlichkeit, ist er doch Muttersprachler. Andere müssen Arabisch oder Persisch erst noch lernen und um anspruchsvolle Quellen lesen zu können, reicht ein dreisemestriger Kurs erfahrungsgemäss nicht aus. Selbst Studenten, die zweisprachig aufgewachsen sind, sind schon an der Zwischenprüfung gescheitert, weil das Umgangsarabisch oder -persisch, das sie in der Familie sprechen, Kenntnisse in der Schriftsprache nicht ersetzen kann.

Immerhin ist Tibi so grosszügig, der „Philologie als Sprachkenntnis‟ ein gewisses Existenzrecht einzuräumen, ihre Zukunft sieht er aber nur als Hilfsmittel. Sein Kronzeuge für diese Forderung nach einem Paradigmenwechsel, um die islamische Geschichte in die Geschichtswissenschaft aufzunehmen, ist Maxime Rodinson, der 1980 (!) einen Zusammenhang zwischen Eurozentrismus, Orientalismus und Vorherrschaft der Philologie hergestellt hat. Diese Forderung nach einer Umwandlung der Islamwissenschaften in die sog. Islamologie ist eine Anmassung, die Tibi seinerseits mit der „Euro-Arroganz‟ gegenüber dem Islam begründet, die er deutschen Islamwissenschaftlern pauschal unterstellt.

Doch wer sich heute an einer deutschen Universität umschaut, wird Massen von Aufsätzen, Vorträgen und Symposien gegen den Eurozentrismus finden. Der Kampf gegen den Eurozentrismus ist ubiquitär; an jeder Ecke wird Eurozentrismus gewittert, identifiziert und triumphierend blossgestellt. Neuerdings ist noch der Kampf gegen den Neoliberalismus hinzugetreten – allesamt Begriffe, die völlig unreflektiert verwendet werden.

Jegliche kritische Herangehensweise an die islamische Geschichte und Kultur wird heutzutage als „eurozentrisch‟ etc. diffamiert, sodass gerade die Islamwissenschaften zur reinen Islam-Apologetik verkommen sind. Und da kommt ein Bassam Tibi, und wirft den Islamwissenschaften „Eurozentrismus‟ vor – ausgerechnet. Tibi hat zwar Recht, wenn er den Islamwissenschaften attestiert, von der Verteufelung zur Verherrlichung des Islam, also von einem Extrem ins andere übergegangen zu sein, aber das ist wohl das Gegenteil von Eurozentrismus.

Auch will Tibi einen fortwirkenden „Dualismus‟ in den „westlichen‟ (!) Islam-Studien ausgemacht haben: Einerseits gebe es eine Bewunderung für die arabische Wissenschaft, andererseits eine Verachtung für die Araber. Dann unterstellt er den Islamwissenschaftlern, keinen Unterschied zwischen Islam und Islamismus zu machen, als ob diese Unterscheidung nicht längst zu einer Selbstverständlichkeit geworden wäre.

Wenn er behauptet, Islamwissenschaftler hegten die Vorstellung von einem monolithischen Islam, beweist er freilich nur, dass er die Islamwissenschaften der letzten zwanzig Jahre praktisch nicht zur Kenntnis nimmt. Dass ihre Vertreter ein „Wissensmonopol auf den Islam‟ beanspruchen, ist eine ebenso fragwürdige Annahme wie die, dass deutsche Islamwissenschaftler den islamischen Orient und seine Menschen „essentialisierend‟ beurteilen.

Als ob der Vorwurf des Essentialismus nicht gerade permanent von Seiten universitärer Islamwissenschaftler an die Adresse all derer gerichtet wird, die sich eine auch nur zaghaft kritische Herangehensweise an den Islam erlauben! Viele Gedanken, die Tibi in seinem Buch ausbreitet, sind unstrukturiert und unausgegoren. Mal wirft er westlichen Historikern vor, den Islam auszuklammern, ein anderes Mal, ihn falsch zu verstehen.

Was verstehen sie falsch? Tibi zufolge ist ihnen nicht klar, dass es eine Kluft zwischen islamischer Moral und menschlichem Verhalten gibt, weswegen vom Dogma nicht auf die soziale Realität geschlossen werden dürfe. Das ist vollkommen richtig, nur ist das eben auch die These des von ihm so geschmähten Thomas Bauer, wenngleich dieser Islamwissenschaftler, kein Historiker ist, und sie anders begründet.

Diesen Widerspruch von Dogma und sozialer Realität hat auch Johann Christoph Bürgel in der islamischen Kulturgeschichte untersucht und unter dem Titel Allmacht und Mächtigkeit (1991) meisterhaft beschrieben. Mit Bauer teilt Tibi die Eigenschaft, dass er Bürgels Befund nicht zur Kenntnis nimmt. Davon abgesehen verstehen sich Bauer und Bürgel als Philologen, womit sich die These erledigt hat, dass „die Philologie deutscher Orientalisten‟ nicht dazu beitrage, „zwischen der Lehre des Islam und der realen Geschichte zu unterscheiden.‟

„Ich kenne nur einen ernstzunehmenden deutschen Orientalisten‟, schreibt Tibi, „der sich der Mühe unterzogen hat, ein Buch über die islamische Geschichte zu schreiben.‟ Gemeint ist Gerhard Endreß. Zugleich kritisiert er Endreß aber dafür, in seinem Buch Der Islam – Eine Einführung in seine Geschichte die Orientalismus-Debatte „noch nicht einmal in Form eines Literaturhinweises zur Kenntnis‟ nehmen. Tatsächlich findet sich (in der mir vorliegenden 2. Auflage von 1991) sehr wohl ein Hinweis auf Saids Buch, nämlich auf S. 254.

Des weiteren wirft er Endreß vor, letztlich wieder den Primat der Philologie zu pflegen. Dabei sagt Endreß in erwähntem Buch ganz unmissverständlich, dass dieser Primat nur solange gelte, wie viele Quellentexte noch unerschlossen seien. Ansonsten plädiert auch er für „Kontakte mit anderen Disziplinen‟, u.a. mit der allgemeinen Geschichtswissenschaft. Unzutreffend ist auch Tibis Vermutung, Endreß halte wohl nicht viel von den Sozialwissenschaften. Ganz im Gegenteil spricht Endreß von einem wichtigen „Bündnis der Philologie mit geistes- und sozialwissenschaftlicher Methodik‟ und hält Kontakte mit anderen Disziplinen für notwendig, von denen er explizit die Sozialwissenschaften nennt!

Das Problem ist also nicht, dass die Islamwissenschaften sich erst noch anderen Disziplinen öffnen müssten (das haben sie schon längst getan), sondern der, dass der Saidismus (Postkolonialismus) mittlerweile in benachbarte Fächer eingedrungen ist, sodass selbst in den Sozialwissenschaften ein Kampf gegen den ominösen “Okzidentalozentrismus” geführt wird. Unterschiede in der kulturellen Entwicklung und Pfadabhängigkeit rücken aus dem Blickfeld; stattdessen werden allerorten die Gemeinsamkeiten verschiedener Kulturen und Religionen betont.

*

Interesant ist Tibis Buch dort, wo er sich mit Edward Said beschäftigt. Indem er davor warnt, in der Kritik an Said das Kind mit dem Bade auszuschütten, ist seine Haltung differenzierter als die vieler Zeitgenossen. So bricht er eine Lanze für Said, indem er sich wie dieser gegen das kolonialistische Erbe in der Wissenschaft wendet, verfällt aber nicht in eine plumpe Islam-Apologetik und ignoriert auch nicht die Einwände gegen Saids Buch Orientalism (1987). Freilich kommt diese nicht nur von den von Tibi so gescholtenen Philologen, sondern gerade auch von Historikern wie Bernard Lewis, Jürgen Osterhammel oder Jerry Toner.

Toner hat übrigens darauf hingewiesen, dass in der frühen Neuzeit Europa den Orient nicht nur seinen Vorstellungen unterworfen, sondern ihn zum Teil auch als ebenbürtig anerkannt hat. In dieser Hinsicht haben europäische Reiseschriftsteller das Osmanische Reich europäisiert, indem sie ihm den Status zuerkannten, Erbe des trojanischen Krieges zu sein. Ein anderer Historiker, Faisal Devji, erinnert daran, dass aus britischer Sicht lange Zeit nicht das Osmanische Reich oder Persien als Hauptgefahr gesehen wurden, sondern das zaristische Russland.

Zuweilen aber klingt Tibi wie der Saidianer, der er nicht sein will, so, wenn er argumentiert, die christliche Kirche habe eine Vergangenheit, die mit dem Khomeinismus und anderen Arten religiöser Fanatik vergleichbar sei. Nicht, dass dies falsch wäre, aber das ist genau die Art und Weise, mit der Saidianer jegliche kritische Herangehensweise an die islamische Geschichte abzuwehren versuchen: Indem sie nämlich der Frage ausweichen, wieso die eine Zivilisation es geschafft hat, ihre Dämonen zu besiegen, und die andere nicht. Die Saidianer haben den Fortschritt aus der Geschichte verbannt.

Das gilt auch für Tibis Behauptung, der Islam habe „einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung der Wissenschaft in Europa geleistet.‟ Tatsächlich war der mittelalterliche interkulturelle Wissenschaftsdiskurs ein überwiegend säkularer, auch wenn Christen, Juden, Muslime und Polytheisten an ihm teilgenommen und sich über kulturelle Grenzen hinweg intellektuell befruchtet haben. Dieser Mythos vom “entscheidenden Beitrag” des Islam – als ob Europa sich vom Koran hätte inspirieren lassen – ist freilich nicht aus der Welt zu schaffen und wird vor allem von Saidianern gepflegt, die bei jeder Gelegenheit hervorheben, wie wenig die islamische Zivilisation Europa zu verdanken habe und wie viel Europa dem Islam.

Der von Tibi so geschätzte Gerhard Endreß, ein Graeco-Arabist und Wissenschaftshistoriker, beschreibt diesen Vorgang der kulturellen Vermittlung sehr viel differenzierter, indem er die Araber als Zwischenglied und das hellenistische Erbe als mit den philologischen und religiösen Wissenschaften des Islams konkurrierend, aber auch diese durchdringend darstellt, bis schliesslich gemeinsame Formen der Überlieferung und Vermittlung entstanden waren, die an den aufsteigenden Universitäten des Westens Aufnahme fanden.

Zurück zu Said: Es sei daran erinnert, dass Saids Kritik am „Orientalismus‟ all jenen Akademikern galt, die Ansichten „opposed to native Arab or Islamic nationalism“ vertreten. Es geht also gar nicht um Fakten, sondern darum, dass das Selbstverständnis spezifischer Gruppen – hier der Araber, bzw. der Muslime – mit wissenschaftlichen Weihen bestätigt werden soll! Diese abstruse Ideologie hat sich dennoch an deutschen und allgemein westlichen islamwissenschaftlichen Institutionen durchgesetzt.

Wie absurd die Behauptung ist, Said und die Orientalismus-Debatte würden noch heute von „Islamkundlern‟ verschwiegen, wird schon an der Tatsache deutlich, dass auf dem 1. World Congress of Middle Eastern Studies (WOCMES), der 2002 in Mainz abgehalten wurde (und auf dem ich selbst einen Vortrag gehalten habe), deutsche und internationale Islamwissenschaftler Edward Said eine Auszeichnung verliehen haben, nämlich den WOCMES Award for Outstanding Contributions to Middle Eastern Studies.

Wenn Tibi behauptet, in Deutschland habe man auf Saids Herausforderung mit Gesprächsverweigerung und generell Ablehnung reagiert, so gilt dies nur für die damalige Zeit. Heute ist es so, dass offen gegen den Saidismus (Postkolonialismus) zu argumentieren in den Islamwissenschaften einen Karriere-Killer bedeutet. Natürlich könnte man zu Tagungen und Symposien Wissenschaftler einladen, die gegensätzliche Ansichten vertreten, könnte Vertreter und Gegner des Postkolonialismus gleichermassen zu Wort kommen lassen, doch geschieht dies nicht. So ist an islamwissenschaftlichen Instituten eine Monokultur entstanden – aber eine andere als Tibi glaubt.

*

Tibis Buch wirkt in weiten Teilen merkwürdig aus der Zeit gefallen, als sei es in den achtziger Jahren geschrieben worden. „In der Bundesrepublik Deutschland wird die Islamwissenschaft […] so betrieben, wie sie im vergangenen Jahrhundert entstanden ist‟ ist eine Behauptung, die damals zugetroffen hätte, keinesfalls  aber den heutigen Zustand des Faches beschreibt. Vor allem fragt man sich, wie dies mit einer anderen Behauptung zusammenpasst, wonach heutige Islamwissenschaftler einer „Verherrlichung des Islam‟ das Wort reden und „Moden des Verbots des kritischen Denkens über andere Kulturen im Rahmen des postmodernen Kulturrelativismus‟ herrschen.

Richtig ist, dass Tibi in den Islamwissenschaften nicht sonderlich geschätzt wird, was ich als ausgebildeter Orientalist/ Islamwissenschaftler bestätigen kann. Er selbst beklagt dies seit Jahren und führt es auf seine Herkunft zurück. Die Abneigung, die ihm entgegenschlägt, hat mit seiner Herkunft jedoch nicht das geringste zu tun, denn die universitären Vertreter des Faches sind häufig islamophil. Der Grund ist ein anderer: Tibi ist einfach viel zu islamkritisch, dabei amerika- und israelfreundlich, um in den vom Saidismus beherrschten universitären Islamwissenschaften Zuspruch zu finden. Womit wir bei den starken Aspekten seines Buches wären.

Ja, Tibi erweist sich in sehr vielen Dingen als ein überaus gescheiter Wissenschaftler, der eine kritische Haltung gegenüber dem Islam pflegt, ohne diesen zu dämonisieren. Das ist viel wert in einer Zeit, in der der öffentliche Diskurs zu den Extremen tendiert. Sätze wie „Als Aufklärungs-Muslim behaupte ich, das größte Unglück der Muslime ist ihre Mentalität der Selbstviktimisierung, es ist nicht der Westen. Die Krise der islamischen Zivilisation ist also hausgemacht, und sie kann und muss allein von den Muslimen selbst bewältigt werden‟ kommen bei Islamwissenschaftlern wie auch vielen Vertretern angrenzender Fächer nicht gut an. Thesen wie die, dass Dschihad de facto Krieg meine, weil er den qitāl mit einschliesse, oder Vorschläge wie der, dass Muslime sich für den Dschihad in Spanien und auf dem Balkan entschuldigen könnten, sind der Grund, warum Tibi von Islamwissenschaftlern abgelehnt, häufig sogar verachtet wird. Mit seiner Herkunft hat das nicht die Bohne zu tun.

Genau dafür schätze ich ihn aber umso mehr, denn wo andere Islamismus und Salafismus verharmlosen, zuweilen gar hofieren, hat sich Tibi einen klaren moralischen Kompass bewahrt. Völlig zutreffend kritisiert er die immer wieder unter Muslimen zu beobachtende Auffassung, Gewalt zur Verbreitung des Islam sei rein defensiv und keine Aggression gegen andere, weil sie doch nur dem edlen Zweck diene, die Mission zu verteidigen. Demgegenüber fordert Tibi, dass sich ein echter Dialog der Mission nicht unterwerfen dürfe, sondern der Konfliktlösung dienen müsse und daher nur über einen Reform-Islam führen könne. Bravo!

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in Tibis Buch eine Reihe von Behauptungen den Fakten nicht standhalten und es dem Buch auch nicht guttut, wenn sein Autor unaufhörlich die eigene Person ins Spiel bringt. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Geschichtsbuch, Autobiographie und Anklageschrift. Hinzu kommen Redundanzen. Wenn Tibi im Vorwort ankündigt, sein dreissigbändiges Werk in inhaltlich überarbeiteter Form neu herauszugeben, so ist das sehr zu begrüssen; er wäre jedoch gut beraten, sein Skript vorab von befreundeten Wissenschaftlern, die seinem Werk mit Sympathie gegenüberstehen, gegenlesen zu lassen.

Sachliche Fehler, die hätten vermieden können, machen sein Buch unnötig angreifbar. Das ist schade, denn Tibi hat in manchem eben auch recht und formuliert eine Kritik am Islam, die alles anderes als rechtspopulistisch gefärbt ist, sondern aus dem Geist der Aufklärung schöpft. Jemand mit einer Expertise wie Bassam Tibi sie hat, verdient auf jeden Fall mehr Aufmerksamkeit, vor allem im Auswärtigen Amt, dessen Nahostpolitik zu wünschen übrig lässt.

Bassam Tibi: Islamische Geschichte und deutsche Islamwissenschaft. Islamologie und die Orientalismus-Debatte. Stuttgart: ibidem, 2017. 311 Seiten, € 39,00

Vom Islam zum Islamismus

Gibt es einen Unterschied zwischen Islam und Islamismus? Die Antwort, die man erhält, fällt je nach dem aus, wo der Befragte politisch steht. Ich halte das für irreführend. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Islam und Islamismus – aber eben auch eine Schnittmenge zwischen beiden. Allerdings möchte ich behaupten, dass die Schnittmenge ziemlich gross ist. Diese These gefällt natürlich nicht jedem.

Ich bin allerdings ebenso überzeugt davon, dass ein anderer, ein (nennen wir ihn:) humanistischer Islam, möglich ist, wofür sich Ansätze in der islamischen Geistesgeschichte durchaus finden lassen. Sie haben sich aber noch nicht durchsetzen können. Die weltweit vorherrschende Manifestation des Islam, die sunnitische Orthodoxie, hat freilich sehr viel Gemeinsamkeiten mit dem, was wahlweise als Islamismus, Salafismus oder Dschihadismus bezeichnet wird.

Die Abgrenzung zwischen Islam und Islamismus ist eine Herausforderung für die Muslime, denn wer verhindern will, dass Gläubige vom Islam in den Islamismus abgleiten, muss eine starke Mauer zwischen beiden errichten. Dass dies noch längst nicht der Fall ist, kann jeder selbst beobachten. Immer wieder habe ich erlebt, wie Verteidiger des Islam, seien sie Muslime oder nicht, sich bitterlich darüber beklagen, dass der Islam ein schlechtes Image habe und Islam und Islamismus doch so wenig (oder gar nichts) mit einander zu tun hätten, um dann den Islam in einer Weise zu verteidigen, wie es auch von einem Muslimbruder hätte stammen können.

Manchmal muss man die Leute nur reden lassen. Ich habe das verschiedentlich auf diesem Blog thematisiert. Um nur ein Beispiel zu nennen: In meinem Freundeskreis gibt es jemanden, der im interreligiösen Dialog aktiv ist und mir erzählt, dass das negative Image des Islam in Europa auf die Kreuzzüge zurückgehe, der aber zugleich zuversichtlich ist, dass der Islam eines Tages auch über Deutschland herrschen werde. Dass das eine, nämlich der islamische Suprematismus, ursächlich sein könnte für das andere, nämlich die wenig vorteilhafte Wahrnehmung des Islam im Westen, kommt ihm gar nicht in den Sinn.

Vor einem halben Jahr etwa habe ich in einer Stadt in NRW einen Vortrag gehalten, in dem es um Islam und Integration ging. Als anschliessend die Diskussion eröffnet wurde, meldete sich ein Zuhörer zu Wort, der sich als Marokkaner vorstellte und kritisierte, dass der Islam in Europa zu einem Sündenbock für alle möglichen Dinge gemacht werde. Ich habe dem nur kurz etwas entgegnet und ansonsten dem Zuhörer das Wort überlassen. Zusammen  mit einem Landsmann redete er sich dann in Rage – bis er am Ende wie ein Islamist klang, der in Amerikanern und Zionisten die wahre Gefahr für den Weltfrieden sieht. (Einige Tage später erzählte mit der Veranstalter, dass jener marokkanische Zuhörer sich danach erkundigt habe, ob ich Jude sei.)

An einer Unterscheidung von Islam und Islamismus halte ich zwar fest, aber es wird einem nicht immer leicht gemacht. Hinzu kommt, dass dieselben Leute, die den Islam vor dessen Kritikern in Schutz nehmen wollen, oft kein Problem damit haben, mit Leuten zusammenzuarbeiten oder einen Dialog zu führen, die einen Islam vertreten, der alles andere als aufgeklärt oder humanistisch ist. Das gilt nicht zuletzt für viele universitäre Islamwissenschaftler. Aber auch für manche Vertreter angrenzender Fächer, darunter Theologen.

Über Klaus von Stosch habe ich an anderer Stelle einiges gesagt. Der Paderborner katholische Theologe, der zwischen Islam und Christentum vermitteln will, hat nicht nur Erkenntnisse zutage gefördert, die teilweise schon lange bekannt sind, sondern dabei eine recht selektive Sichtweise auf den Islam bewiesen. Dass manche Phänomene (wie der “Ehrenmord”) etwas mit dem Islam selbst dann zu tun haben können, wenn die sie bezeichnenden Begriffe im Koran nicht auftauchen, weiss von Stosch nicht, weil er weder eine Ahnung von der islamischen Geschichte, noch von der islamischen Theologie oder von Fragen der Textinterpretation hat.

Nun hat Klaus von Stosch einen Buchpreis bekommen – nein, nicht etwa den Friedenspreis des deutschen Buchhandels, sondern den höchsten Buchpreis der Islamischen Republik Iran. Einen Preis für sein, wie er selbst formuliert, “emanzipatorisches, menschenfreundliches und modernes Islamverständnis” ausgerechnet von einem Regime entgegenzunehmen, das nicht nur brutale Leibesstrafen wie das Hängen, die Steinigung oder das Handabschneiden verhängt, sondern all dies mit dem islamischen Recht legitimiert, ist in etwa so, als würde ein Publizist für sein Engagement gegen Rassenhass einen Preis vom Ku-Klux-Klan entgegennehmen oder ein Aktivist gegen Antisemitismus eine Auszeichnung von der NPD.

„Ich freue mich besonders, dass durch diese Auszeichnung deutlich wird, dass sich auch Muslime durch mein Einführungsbuch zum Islam richtig verstanden fühlen”, bedankt sich Klaus von Stosch, wobei die Muslime, die er meint, keine Vertreter eines moderaten, weltoffenen, humanistischen Islam sind, sondern Mitglieder und Abhängige der Führungsriege des iranischen Regimes. Während im Iran die Menschen auf die Strasse gehen, weil sie von einem menschenverachtenden und völlig korrupten System die Nase voll haben, baut ein deutscher Theologe fleissig Brücken zu ebenjenem System.

Aber in der Filterblase der deutschen Universität findet es niemand seltsam, merkwürdig oder absurd, wenn ein “Brückenbauer” zwischen Christen und Muslimen einen solchen Preis annimmt. Wie die Universität Paderborn mitteilt, hat von Stosch diesen Preis aus den Händen des iranischen Präsidenten Rouhani entgegengenommen. Rouhani ist ein Fanatiker mit einem freundlichen Gesicht und eine Projektionsfläche wie geschaffen für westliche Schwärmer von der Reformierbarkeit eines reformunfähigen Regimes.

Warum ein Regime wie das iranische einen solchen Preis vergibt, liegt auf der Hand: Die Preisvergabe  ist Teil der Da’wa, der islamischen Mission, und damit ein Mittel der expansionistischen Staatsideologie. Von Stosch war für einen solchen Preis prädestiniert, hatte er sich doch schon für eine Konferenz der sog. Universität für Religion und Denomination (URD) in Qom einspannen lassen, die keine normale Universität, sondern ein Propagandazentrum zur Verbreitung khomeinistischen Gedankengutes in aller Welt ist.

Einmal mehr zeigt sich, wie die Apologetik des Islam in eine unheimliche ideologische Nähe zum Islamismus oder einem islamistischen System wie dem iranischen führen kann. Dass dessen westliche Unterstützer und Schönredner einsichtig gegenüber ihrer eigenen Rolle werden, ist wohl eine vergebliche Hoffnung. Eine tröstliche Gewissheit aber bleibt: Wenn das iranische Regime in nicht allzu ferner Zukunft fallen sollte, werden Leute wie Klaus von Stosch in Teheran nicht mehr willkommen sein.

Fallstricke der Islamapologetik

Dass Verteidiger des Islam häufig auf eine Art und Weise argumentieren, die eigentlich das Gegenteil von dem bewirkt, was sie beabsichtigen, fasziniert mich immer wieder ungemein. Viele sind sich nicht bewusst, dass das, was sie da als fortschrittlich am Islam preisen, alles andere als fortschrittlich ist und eher Teil des Problems denn Teil der Lösung. Solcherlei Argumentation findet dann meist den Beifall einen nichtmuslimischen dialogbewegten Publikums, das sich bereitwillig in die Irre führen lässt.

Hier sind vor allem drei Punkte zu nennen. Der erste lässt sich gut am Beispiel eines Pakistaners namens Muhammad Usman Malik demonstrieren, auf dessen Doktorarbeit ich vor einigen Jahren durch reinen Zufall gestossen bin. Die Arbeit unter dem Titel Mensch und Gesellschaft im Islam ist schon etwas älter, nämlich von 1969, und setzt sich zunächst mit den Ansichten von Karl Marx und Max Weber über Religion auseinander. Diese werden dann mit der Behauptung zurückgewiesen, dass für den Muslim die muslimische Gesellschaft identisch mit seinem Leben als Mensch sei, während die Gemeinschaft wiederum nur durch den „kollektiven‟ Menschen bestehen könne.

Die apologetische Absicht, die hinter dieser Argumentation steckt, wendet sich gegen den Vorwurf, dem Islam sei der heilige Krieg in die Wiege gelegt: Indem der Islam „nach Versöhnung eines Seienden mit seinem Sein‟ strebe, sei er auf Identität und damit auf Frieden mit seiner Umwelt ausgerichtet, folglich könne er gar keine kriegerische Religion sein.

Bemerkenswert ist, dass genau dies, nämlich die Ganzheitlichkeit der islamischen Sicht auf die Welt, ein Kritiker des Islam, Ismail Ahmad Adham (1911-1940), auf sehr intelligente Weise auseinandergenommen hat. Auf Adham bin ich ebenfalls eher durch Zufall gestossen, als ich vor Jahren in Damaskus auf einer Buchausstellung war, wo seine Schriften als Klassikerausgabe angeboten wurden. Die Ausgabe ist sehr dünn, denn Adham war schon mit 29 Jahren gestorben und hatte kaum Zeit, umfangreichere Werke zu schaffen.

Adham, Sohn eines muslimischen Vaters türkischer und einer protestantischen Mutter deutscher Herkunft, gehört zu den Vordenkern eines philosophischen Atheismus in der Arabischen Welt. Seine Analyse mag heute etwas veraltet erscheinen und viele würden ihm wohl Essentialismus vorwerfen, behauptet er doch, dass es so etwa wie „östliches‟ und „westliches‟ Denken gebe, die er zudem in einen scharfen Gegensatz zueinander stellt. Dennoch muss man ihm zubilligen, dass er eine Problematik im islamischen theologischen Denken erkannt hat, die noch immer aktuell ist.

Den Unterschied zwischen Ost und West bringt er folgendermassen auf den Punkt: Während das „östliche‟ Denken dazu neige, das Eins-Sein der Umwelt zum Ausgangspunkt zu nehmen, beginne das westliche Denken stets mit der Suche nach Differenz. Adham hat erkannt, dass in diesem Eins-Sein ein autoritäter Zug liegt, denn Gottes Wille wird damit in ein Seinssystem eingebunden, dessen Aktivitäten auf dem Element der Notwendigkeit und der Zwangsläufigkeit gründen. Wenn Gott also eine Sache festsetzt, dann gibt es dagegen kein Aufbegehren; wenn Er etwas will, so sagt er ‚sei!‘ und es ist.

Zwar billige der Islam dem Menschen so etwas wie Willensfreiheit zu, doch da der göttliche Wille an der Sache, deren Eintreten vorherbestimmt ist, festhalte, verhalte sich der Wille des Menschen zu den Dingen lediglich so, als ob er eine Wahl hätte – nicht aber wirklich hat. So sei der Mensch an das ewige göttliche Wissen und den göttlichen Willen gebunden, der gegenüber jeglichem Willen den Ausschlag gibt.

In den Augen des Westlers dagegen, fährt Adham fort, sei der Mensch, selbst wenn er in seinem Verhalten die Gesetze des Lebens befolgt und sich ihnen unterwirft, imstande, seine Umwelt den eigenen Bedürfnissen entsprechen anzupassen. Ganz in diesem Sinne hat der Sozialhistoriker Ira M. Lapidus einmal darauf hingewiesen, dass in der islamischen Geschichte sunnitische Erneuerungsbewegungen nie die Welt verändern, sondern immer nur die Menschen verbessern wollten.

Zurück zu Adham: Die ganze Ausführung wirkt wie eine Replik auf die Argumentation von Malik, wenngleich letzterer seine Doktarbeit einige Jahrzehnte später verfasst hat. Man muss Maliks Argumentation aber auch als symptomatisch für viele Verteidiger des Islam sehen, die in solch einem Holismus einen Vorzug ihrer Religion sehen, während Adham richtig erkannt hat, dass dieser scheinbare Vorzug in Wirklichkeit ein Problem darstellt, welches die islamischen Gesellschaften daran hindert, sich fortzuentwickeln.

*

Der zweite Punkt besteht in der Vorgehensweise vieler Islamreformer, ein modernes, zeitgemässes Islamverständnis dadurch begründen zu wollen, dass sie alle möglichen Erscheinungen westlicher demokratischer Gesellschaftsordnungen in die konstitutiven Quellen des Islam hineinlesen. Dahinter steckt zweifelsohne eine noble Absicht, nämlich den Islamisten und ihren Gesellschaftsentwürfen das Wasser abzugraben.

Was man nicht alle der Scharia entnehmen kann! Wie eine grosse Wundertüte scheint sie für alle und jeden etwas zu enthalten, offeriert nicht nur Leibesstrafen wie Handabhacken und Kreuzigen, sondern hält eine Fülle von Sätzen bereit, die sich zur Legitimation von Demokratie, Gleichberechtigung der Geschlechter oder Trennung von Staat und Religion heranziehen lassen. Leider ist auch dieser Ansatz Teil des Problems, denn letztlich wird einmal mehr die Allzuständigkeit des Islam für alle Bereiche des Lebens legitimiert.

Insofern hat der Schriftsteller V.S. Naipaul recht, wenn er urteilt, keine Religion sei weltlicher als der Islam. Der amerikanische Nahostfachmann Shadi Hamid hat daraus die These geschmiedet, dass es gerade die Säkularität der Scharia ist, die sie heute als politisch relevant erscheinen lässt. Wer also ein Islamverständnis entwickeln will, das mit den modernen säkular-demokratischen Gemeinwesen konform gehen will, sollte den Islam auf seine spirituelle Dimension reduzieren und ihm den Anspruch auf Allzuständigkeit in menschlichen Belangen verweigern.

*

In eine ähnliche Falle, und hier bin ich bei meinem dritten und letzten Punkt, tappt auch der Münsteraner Theologe Ahmad Milad Karimi, der erklärt, das Ziel des Korans sei Gerechtigkeit, das erklärte Ziel des Islam die „Herstellung einer gerechten Gesellschaftsordnung.‟ Da hat er tatsächlich recht. Aber auch hier gilt: Die Betonung der Gerechtigkeit im Islam ist Teil des Problems, nicht der Lösung.

Der in diesem Zusammenhang zentrale Terminus lautet Gerechtigkeit (‛adl). Er wird vielfach im Koran erwähnt. Für den irakischen Politiker Ali A. Allawi bildet die koranische „Gerechtigkeit‟ sogar den Schlüssel zu einer islamischen Doktrin der Menschenrechte (womit er wiederum ein Beispiel für Phänomen 2 gibt), in jedem Fall ist sie eine Leitidee des islamischen Rechts und „Ausdruck eines pervasiven Prinzips, das in alle Formen und Verfahren der Rechtsgewinnung ausstrahlt‟, wie es die Islamwissenschaftlerin Birgit Krawietz einmal formuliert hat.

Nun beruhen die westlichen säkular-demokratischen Gesellschaften zuallererst auf der Idee der Freiheit und zwar der individuellen Freiheit, ohne die es keinen Rechtsstaat und keine Demokratie gibt. Alle Gerechtigkeit hat sich daran zu orientieren, denn jede Staatsmacht, die Gerechtigkeit für wichtiger denn Freiheit hält, wird immer in eine Tugenddiktatur umschlagen. Genau das lässt sich auch in der islamischen Geschichte finden, und zwar vom Mittelalter bis in die Moderne hinein.

Gerechtigkeit als solche, wenn sie durch keine Anerkennung individueller Freiheit gezügelt wird, bildet daher den Treibstoff radikalislamischer Bewegungen: Der Mahdismus, der im Sudan des 19. Jahrhunderts schrecklich wütete, hatte ebenso die Verwirklichung von Gerechtigkeit propagiert wie die Muslimbrüder und ihr Vordenker Sayyid Qutb, der soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit in einer islamischen Rechtsordnung zu verwirklichen versprach.

Auch der IS verführt junge Leute zum Dschihad, indem er an ihr Gerechtigkeitsgefühl appelliert und die Unzufriedenheit über die repressiven und korrupten Verhältnisse in den islamischen Ländern für sich zu nutzen weiss. Eine frühe Propagandaschrift („iʿlām al-anām bi-mīlād dawlat al-Islām‟) zählt die Gerechtigkeit zu den Dingen, die eine islamische Rechtsordnung zu verwirklichen habe. Vor einiger Zeit hat in Hamburg der ehemalige Salafist Musa Schmitz auf einer Tagung der KAS davon berichtet, wie ihn sein Gerechigkeitsempfinden, konkret: der Zorn darüber, dass die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer würden, ihn in die Arme der Salafisten getrieben haben.

Das gibt es auch im schiitischen Kontext. Gerade der damalige iranische Präsident Ahmadinejad war es, der immer wieder das Wort „Gerechtigkeit‟ in seinen Reden erwähnte und als Vorbild für die Realisierung von Gerechtigkeit das Kalifat von Imam Ali pries. Den Islamisten, gleich ob Schiiten oder Sunniten, spielt natürlich in die Hände, dass viele Muslime das Gefühl haben, ihre Religion sei beständiges Ziel von westlichen Verleumdungskampagnen, werde schlecht dargestellt und in den Schmutz gezogen. Hier schliesst sich der Kreis, wenn solcherlei Empörung in Gewalt umschlägt.

Wenn man einen Islam schaffen will, der mit den liberalen Gesellschaften westlichen Zuschnitts nicht nur irgendwie kompatibel ist, sondern eine echte Säule in ihrem Gefüge bildet, dann wird das kaum möglich sein, wenn man Eigenschaften der Religion betont, die eher autoritär als progressiv sind. Dass sich die Verteidiger des Islam dieser Tatsache so selten bewusst sind, gehört zu den Fallstricken der Islamdebatte.

(Grafik: Michael Kreutz, basierend auf dem Foto einer Audienz beim Mufti von Aleppo, 2010.)