Weltoffen und zugleich realistisch

Die Debatte um Flüchtlinge, die Frage des Asyls und Deutschlands Zukunft als Einwanderungsland wird seit Jahren schon stark ideologisch geführt und wir wären einen grossen Schritt weiter, wenn Asyl und Einwanderung nicht andauernd miteinander verwechselt würden und sich endlich herumspräche, dass Schlepper keineswegs nur kleine Gauner sind, die Flüchtlinge illegal über die Grenze bringen, sondern Kriminelle, die mit Lügen andere Menschen dazu bewegen, ihr Heimatland zu verlassen, um einer illusorischen Vorstellung vom Leben in Deutschland hinterherzujagen und dabei das eigene Leben zu riskieren.

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Von den Römern zu Bismarck

Die aktuelle Flüchtlingskrise, die natürlich eine Krise ist, weil die deutschen Institutionen mit dem kriminellen Geschäftsmodell von Schleusern überfordert sind, verlangt nach einer übergreifenden Lösung. Das Geschäftsmodell der Schleuser besteht bekanntlich darin, Menschen in ärmeren Teilen der Welt weiszumachen, in Deutschland bekämen sie ein Haus, teure Sneaker und iPhones vom Staat geschenkt, wenn sie nur das Zauberwort „Asyl‟ sagen und sich spätestens nach dem Grenzübertritt ihrer Papiere entledigen. Denn die deutschen Behörden können niemanden abschieben, dessen Herkunftsland sie nicht kennen.

Hier angekommen, stellen die Zuwanderer, die ihr Hab und Gut zu Geld gemacht haben, um die Schleuser zu bezahlen, dann fest, dass sie gelinkt worden sind: Kein Haus, keine Sneaker, kein iPhone – der deutsche Staat bringt sie in einer Sammelunterkunft unter und verlangt von ihnen, dass sie Deutsch lernen und sich für den Arbeitsmarkt qualifizieren.

Die Hunderttausenden, die seit 2015 einen Antrag auf Asyl gestellt haben, sind nur zu einem kleinen Teil berechtigt, Asyl auch zu erhalten. Auch die subsidiär Schutzbedürftigen, die nur deshalb nicht abgeschoben werden, weil in ihrem Heimatland Krieg oder Hunger herrschen, machen nur eine Minderheit aus. Die überwiegende Mehrheit derer, die kein Bleiberecht geniessen, aber auch nicht abgeschoben werden können, weil der Staat nicht weiss, woher sie kommen oder die Herkunftsländer sich weigern, sie zurückzunehmen, sind gleichwohl Opfer, nämlich der Schleuser, deren falschen Versprechungen sie gefolgt sind. Begriffe wie „Invasoren‟ oder „Landnahme‟, wie sie rechtspopulistische Kreise in diesem Zusammenhang gebrauchen, sind hetzerisch und verleumderisch und gehen an der Sache vorbei.

Es liegt auf der Hand, dass mit der gegenwärtigen Situation niemand zufrieden sein kann – am allerwenigsten der Zuwanderer selbst (die hierzulande fälschlicherweise pauschal als „Flüchtlinge‟ bezeichnet werden), die die Zelte in ihrer Heimat abgebrochen haben und in Deutschland vor einer ungewissen Zukunft stehen. Linke, die es charmant finden, wenn Menschen aus anderen Ländern in grosser Zahl nach Deutschland kommen, weil das die Diversität erhöht, zeigen nur, dass sie am Schicksal der Zuwanderer gar nicht interessiert sind, sondern diese allein als Mittel zum Zweck betrachten: Dann wird alles so schön bunt hier.

In einer globalisierten Welt wäre Abschottung töricht

Zuwanderung ist per se nicht kriminell. Entscheidend ist vielmehr, dass Zuwanderer eine Perspektive in ihrem Zielland haben, bevor sie ihre Heimat dauerhaft verlassen. Benötigt wird daher ein Konzept, das linken und rechten Populisten gleichermassen das Wasser abgräbt. Der UN-Migrationspakt verfolgt den Ansatz, ein Netzwerk von Ausreise- und Zielländern zu knüpfen, das die Menschenrechte wahrt und die gegenwärtige unkontrollierte Massenzuwanderung nach Deutschland durch ein System der Kontrolle ersetzt. In einer globalisierten Welt wäre Abschottung töricht, zumal auch die Zielländer von Einwanderer profitieren können.

Die amerikanische Publizistin Amy Chua, von Hause aus Juristin, hat vor elf Jahren in einem bemerkenswerten Buch, Day of Empire (2007), gezeigt, wie Länder und Imperien der Weltgeschichte von Zuwanderung profitierten. Chua nimmt dabei eine eher konservative Perspektive ein und betrachtet Zuwanderung ohne Schwärmerei. Sie fasst das Phänomen unter einen grösseren Begriff, den der Toleranz gegenüber Minderheiten, die nicht notwendigerweise zugewandert sein müssen. Immer aber geht es darum, Win-Win-Situationen herzustellen. Hier tritt ein sehr amerikanischer Charakterzug zutage, weswegen man fragen könnte, ob amerikanische Verhältnisse überhaupt auf Europa zu übertragen sind.

Chua weist darauf hin, dass Amerika eine Einstellung tradiert, die ihren Ursprung in Europa hat, nämlich im alten Rom. Besonders zum Ausdruck kommt dies in einer Rede, in der Kaiser Claudius 48 v. Chr. vor dem römischen Senat dafür plädierte, die Mitglieder zuvor eroberter Stämme den Zugang zu öffentlichen Ämtern zu erlauben. Das überzeugte den Senat und so wurden Gallier, deren Vorfahren noch Julius Cäsar Widerstand geleistet haben, zu Legionsführern, Provinzgouverneuren und Senatsmitgliedern. Das fand einen späten Nachhall in den USA: James Wilson, Richter am Obersten Gerichtshof, erklärte 1790, dass eigentlich nicht die Römer sich über die Erde ausdehnten, sondern die Bewohner der Erde zu den Römern strömten.

Dass Minderheiten sich nicht immer integrieren lassen, bestreitet Chua nicht. Wer jetzt aber meint, das lasse sich nicht auf die Gegenwart übertragen, der blicke einmal auf die Holländische Republik, die im 17. Jahrhundert zu einem Magnet für Menschen aus ganz Europa wurde, um sich dort eine Existenz aufzubauen und das Land zu entwickeln. Schon am Ende des Jahrhunderts sollen Einwanderer und ihre Nachfahren die Mehrheit der Bevölkerung gestellt haben. Als im Zuge der englischen Glorious Revolution der Stadthalter der Niederlande, Wilhelm III von Oranien, mit seiner Flotte England eroberte und holländische Soldaten London einnahmen, siedelten sich viele Holländer mitsamt ihrem Kapital in England an.

Holland exportierte damit auch seine religiöse Toleranz und sein Geschäftsmodell nach England. Dass die holländische und englische Toleranz sich nicht auf die Kolonien bezog, sei hier nur am Rande erwähnt. Entscheidend ist, dass die Umwälzungen am Ende des 17.Jahrhunderts massgeblich dazu beitragen, diejenigen Gruppen nach oben zu bringen, die eine massgebliche Rolle bei der industriellen Revolution spielen sollten. Dazu gehörte auch, dass England die Juden, die es 1290 vertrieben hatte, nunmehr zurückzuholen versuchte.

Zudem profitierte England vom Zustrom der Hugenotten aus Frankreich. Juden, Hugenotten und Schotten hatten massgeblichen Anteil am Aufstieg Grossbritanniens zur Weltmacht. Die britische Toleranz war von der Aufklärung getrieben und führte dazu, dass die Angehörigen der unterschiedlichsten ethnischen und religiösen Gruppen dieselben sozialen und politischen Rechte genossen. In den 1830ern schliesslich wurde der Sklavenhandel abgeschafft.

Natürlich verläuft Fortschritt nicht linear. Die protestantische Kultur Grossbritanniens fand im katholischen Irlandeinen neuen Gegner und in Indien legte Grossbritannien manche Arroganz an den Tag. In jedem Falle aber zeigt sich, dass sich Toleranz gegenüber Minderheiten und Einwanderern auszahlt.

Ein Pakt gegen die Schleuser

Genau das ist der Ausgangspunkt auch des UN-Migrationspakts, der aber nun keineswegs dazu gedacht ist, zu massenhaftem Zustrom in die wohlhabenden Länder des Planten zu ermutigen, sondern im Gegenteil u.a. den Druck auf die Aufnahmeländer dadurch mindern will, dass in den Ausreiseländern die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen verbessert und die Schleuser-Netzwerke zerschlagen werden. Auch werden keine Forderungen formuliert, die Zielländer wie Deutschland nicht schon längst in Recht umgesetzt hätten. Zwar gibt es durchaus Punkte im Migrationspakt, die einer Debatte bedürfen, aber die grundsätzliche Richtung, Migration nach Deutschland zu vermindern, ohne sie ganz zu unterbinden, ist richtig. 

Anders als in rechtspopulistischen Medien kolportiert, schreibt der Pakt keinen Souveränitätsverzicht vor (§ 15.c), sieht man vom Völkerrecht ab, zu dessen Einhaltung sich Deutschland aber ohnehin verpflichtet hat. Stattdessen werden die Ausreiseländer in die Pflicht genommen, die Ursachen für eine massenhafte Auswanderung zu beseitigen, wozu Armutsbeseitigung und Ernährungssicherung gehören (Ziel 2, Punkt 18). Die grenzübergreifende Bekämpfung der Schleusung von Migranten soll verstärkt werden (Ziel 9), doch finden wir hier einen kritischen Punkt: So sollen die Unterzeichnerstaaten gewährleisten, dass Migranten nicht strafrechtlich dafür verfolgt werden, Schleuserdienste in Anspruch genommen zu haben. Das kann in der Tat zu illegaler Einreise ermutigen.

Ist das sinnvoll? Sollte nicht die Straffreiheit an das Bestehen einerNotlage geknüpft werden? Hier bedarf es einer öffentlichen Debatte, zumal auch die Verschleierung der eigenen Herkunft kein Thema des Paktes ist. Dass die Unterzeichnerstaaten „multikulturelleAktivitäten durch Sport, Musik, Kunst, kulinarische Feste, ehrenamtliches Engagement und andere soziale Veranstaltungen unterstützen‟ sollen, „die das gegenseitige Verständnis und dieWertschätzung der Kulturen von Migranten und Zielgesellschaften fördern‟, ist schlicht albern. Dies sollte privater Initiative vorbehalten bleiben. Überhaupt ist wiederholt von Fördern und Unterstützen die Rede. Dass Migranten überhaupt die Chance erhalten, sich eine Existenz in ihrem Zielland aufzubauen, dem sie im Gegenzug Loyalität erweisen, scheint dem Text ein eher fremder Gedanke zu sein.

Immerhin werden unter Ziel 19.3 „gezielte Förderprogramme undFinanzprodukte‟ genannt, die es zu entwickeln gelte, um „Investitionen und die unternehmerische Betätigung von Migranten und der Diaspora‟ zu erleichtern. Der Begriff „Wettbewerb‟ taucht allerdings nur im Zusammenhang mit dem „Überweisungsmarkt‟ für Geldbeträge auf (Ziel 20). Zu loben ist, dass „nationale Prioritäten‟ für die Bereitstellung finanzieller und technischer Hilfe explizit gewürdigt werden (Ziel 23.a). Auch die Möglichkeit der Abschiebung (Ziel 21) wird explizit genannt, die freilich im Einklang mit den Menschenrechten und der Menschenwürde erfolgen soll. Unklar bleibt, inwieweit andere Länder zusätzliche Migranten aufnehmen soll, wenn ein Unterzeichnerstaat einen Sogeffekt ausgelöst hat.

Es gibt also einige Punkte, die noch einer öffentlichen Debatte bedürfen. Dass eine Reihe von Staaten jetzt schon deutlich gemacht hat, dem Pakt nicht beizutreten, sollte man freilich nicht überbewerten. Zum einen handelt es sich hierbei zum Teil um Staaten mit rechtspopulistischen Regierungen, die ohnehin auf alles allergisch reagieren, was „global‟ daherkommt und Migration nicht am liebsten komplett unterbinden will. Zum anderen zeigt sich die Mehrheit der Europäer aufnahmebereit, was Zuwanderer (“Flüchtlinge”) angeht.  

Was die USA betrifft, kommt die Tatsache hinzu, dass das Land seit jeher eine Sonderrolle spielen will. Der amerikanische Publizist Fareed Zakaria, von Hause aus Politikwissenschaftler, hat, lange vor Donald Trump, in seinem Buch Der Aufstieg der Anderen (2009) darauf hingewiesen, dass die USA sich kaum um globale Standards kümmern, weil sie es gewohnt sind, sie selber zu setzen. Deswegen lehnt das Land es auch ab – neben Liberia und Myanmar –, das metrische System anzuwenden, und ist neben Somalia das einzige andere Land, das die internationale Konvention über die Rechte des Kindes nicht ratifiziert hat.

Aber die Zeiten ändern sich und die USA bestimmen nicht mehr allein die Spielregeln. Das britische Modell der Welteroberung hat auch für die USA ausgedient, weswegen Zakaria dem Land ein anderes Vorbild empfiehlt: Bismarck. Während Grossbritannien versucht hat, ein Gegengewicht zu den Grossmächten aufzubauen und sich ansonsten in Europa zurückzuhalten, wollte Bismarck bessere Beziehungen zu den Grossmächten pflegen als diese untereinander, um so zum Dreh- und Angelpunkt eines internationalenSystems in Europa zu werden.

Vielleicht liegt hierin ja eine Lehre für den Migrationspakt: Mögen einige Punkte auch überarbeitungsbedürftig sein, so sollte Deutschland dennoch versuchen, seinen Platz und Einfluss in einem internationalen, auf Kooperation basierenden System zu finden. Der UN-Migrationspakt ist dafür sicherlich ein erster vernünftiger Schritt.


Nachtrag 28. November 2018

In der FAZ argumentiert Britta Beeger überzeugend, warum es “richtig und lange überfällig” ist, dass “Deutschland nun noch mehr dafür tun will, Fachkräfte aus Ländern außerhalb der EU anzuwerben.” 

Nachtrag 03. Dezember 2018

Im Interview mit der “Welt” macht EU-Innenkommissar Dimitris Avramopoulos noch einmal deutlich, worum es beim UN-Migrationspakt geht, nämlich “nicht darum, die Zahl der Migranten, die nach Europa kommen, zu erhöhen. Das Gegenteil ist der Fall. Ziel […] ist es, eine sichere und geordnete Migration zu fördern und organisierten Menschenschmuggel zu reduzieren.” Zudem entscheidet jedes Land weiterhin allein über die Genehmigung von Asylanträgen. 

Nachtrag 16.12.2018

Völlig faktenfrei behauptet Gerd Held auf “Tichys Einblick”, dass der Migrationspakt eine Geschichte erzähle, die “das Loblied auf eine grenzenlose und entgrenzende Mobilität” singe. Die kaputte Metaphorik (der Pakt erzählt eine Geschichte, die ein Loblied singt) passt zum desolaten Inhalt des Textes.

Nachtrag 03.01.2019

In einem Interview mit dem “National Geographic” erinnert der Historiker David Frye daran, dass die alten Römer ausgesprochen grosszügig in Sachen Einwanderung waren, zugleich aber Mauern gegen eine militärische Invasion errichteten: Eine unkontrollierte Einwanderung sollte es nicht geben.

Nachtrag 04.01.2019

In der “New York Times” rät Jordan Bruneau den Republikanern, wobei er ebenfalls auf die PEW-Umfrage hinweist, wonach in den USA Einwanderung noch immer überwiegend positiv gesehen wird: “If national Republicans want to avoid the fate of their 1990s California brethren, they must reject Mr. Trump’s approach and make a Republican case for immigration.”

Nachtrag 28.03.2019

Aus konservativer Richtung, nämlich von Laura Collins, der Leiterin des George Bush Institutes, kommt ein Plädoyer, in den USA mehr Immigranten einzubürgern: “We know from a wide body of research that immigrants on the whole help grow our economy. […] Immigrants who become U.S. citizens also give our country a dimension that homogenous societies often lack. They add to the vibrancy that only a diverse population generates.” So reden in den USA Konservative!

Nachtrag 10.04.2019

Allan Golombek von der White House Writers Group hält Trumps Ansage, Amerika sei “voll”, für ökonomisch unsinnig. Er begründet das aus einer marktfreundlichen Perspektive heraus: “One of the greatest strengths of the U.S. economy has been its willingness – even enthusiasm – to greet people from all over the world.”

Wie die AfD gewinnt

Der erste Eindruck war schockierend: Da wird ein Zusammenhang hergestellt zwischen Schwerbehinderung, Inzest und Einwanderung. Die Rede ist von der sog. Kleinen Anfrage der AfD, die kürzlich erfolgte.

Man darf wohl annehmen, dass dieser Schockeffekt beabsichtigt war. Er trägt dazu bei, die Stimmung gegen Migranten in diesem Land zu verschärfen. Die Empörung gegen die Kleine Anfrage war also nur zu berechtigt. Doch das ist allenfalls die halbe Geschichte. Zur ganzen Geschichte gehören noch ein paar Fakten, die an dieser Stelle genannt werden sollen.

Vor etwa sechs Jahren berichteten diverse Medien, von denen übrigens keinem eine rechtspopulistische Tendenz nachgesagt werden kann, über die Kampagne einer jungen Soziologin an der Universität Duisburg-Essen: Yasemin Yadigaroglu, so der Name der Soziologin, hat damals nicht nur das Problem der Verwandten-Ehen erforscht, sie hat sich auch als Aufklärerin betätigt.

„Heiraten ja. Aber nicht meine Cousine!‟ war die von ihr initiierte Postkartenkampagne betitelt. Bis heute findet sich auf der Webpräsenz der Universität Duisburg-Essen eine Pressemitteilung über die Aufklärungskampagne von Frau Yadigaroglu, die für ihr Wirken sogar mit einem Preis bedacht wurde. Dennoch hatte es die Sozialwissenschaftlerin Yadigaroglu schwer, für ihr Thema einen Doktorvater zu finden und weigerten sich auch Gender-Forscher, sich der Sache anzunehmen.

Später sollte u.a. die „Zeit‟ davon berichten, die zwar darauf hinwies, dass eine Risikoerhöhung für Kinder aus Inzestverbindungen „nicht allzu hoch‟ sei. Sie zitierte aber auch eine Stoffwechselmedizinerin und Kinderärztin, die frühzeitige Aufklärung empfahl. „Etwa 15 Prozent der Stoffwechselkranken, die sie behandelt, kommen aus Verwandtenbeziehungen. Natürlich heirateten auch deutsche Verwandte untereinander, aber mehrheitlich seien es Migranten‟ hiess es damals.

Auch die FAZ berichtete darüber. „Viele Kinder mit Erbkrankheiten stammen aus Verwandtenehen. Die sind bei Einwanderern Tradition‟ war der Text überschrieben, was schon heikel formuliert war, denn dem Inhalt kann man entnehmen, dass dies möglicherweise nur ein Problem unter Einwanderern türkischer und arabischer Herkunft ist, nicht unter Einwanderern generell.

Die „WAZ‟ schrieb seinerzeit, dass „für viele Migranten‟ Inzest „immer noch ein Tabuthema‟ und „Eheschließungen unter Verwandten‟ für sie „selbstverständlich‟ seien. Aber wes heisst eigentlich „viele‟? Anträge auf Forschungsförderung wurden jedenfalls vom NRW-Integrationsminister abgelehnt. Der hiess damals Armin Laschet und sein Haus begründete dies damit, dass keine Zahlen vorhanden sei: Weil man nicht wisse, wie häufig Inzest mit welchen Folgen auch immer sei, könne man es auch nicht fördern.

Das ist gewissermassen die Pointe: Wäre man der Problematik auf den Grund gegangen, hätte man vielleicht herausgefunden, dass Inzest bei weitem nicht so verbreitet ist, wie von Frau Yadigaroglu angenommen. Oder wäre zum Ergebnis gelangt, dass es sehr wohl verbreitet ist, um dann Frau Yadigaroglu bei ihrer Aufklärungsarbeit unterstützen zu können.

Jetzt, mit einigen Jahren Verspätung, hat sich die AfD des Themas angenommen und es, wie zu erwarten, zugespitzt. War in der damaligen Berichterstattung noch von leichten Behinderungen die Rede, spricht die AfD von „schwerbehinderten Menschen‟, und konnte man den Berichten von damals entnehmen, dass dieses Problem sich womöglich auf bestimmte migrantische Mileus beschränkt, ist in der Kleinen Anfrage der AfD nur noch pauschal von „Migrationshintergrund‟ die Rede.

Das ist perfide, aber wenn die Politik sich weigert, reale oder mögliche Probleme, die die Einwanderungsgesellschaft mit sich bringt, zu behandeln, werden sie ihr von populistischen Kräften mit umso grösserer Wucht vor den Latz geknallt. Das ist einer der Gründe, warum die AfD gewinnt.

Und so geht es weiter.

Ahmet Toprak ist ein Soziologe, der mehrere Bücher über die türkische Community in Deutschland verfasst hat. Seine Befunde, die er darin ausbreitet, haben es in sich: Er berichtet von Männlichkeitsidealen, denen die Jungen schon früh entsprechen müssen; vom Erziehungsziel, dominant und selbstbewusst aufzutreten; beschreibt, wie man in den Familien die Jungen gewähren lässt und damit teilweise „zur Verunsicherung hinsichtlich der Autorität seiner weiblichen Bezugspersonen‟ beiträgt, was im Extremfall dazu führt, „dass der Junge auf seine Mutter einschlagen, sie treten und boxen kann, ohne dass er mit ernsthafter Bestrafung rechnen muss.‟

Alle befragten Männer, so Toprak weiter, „gaben zur Auskunft, dass sie über die Frauen (Schwestern, Ehefrau) bestimmen können und dafür auch Gewalt anwenden dürfen. Einige Interviewpartner begründen das explizit mit dem Islam.‟ An anderer Stelle schreibt er, dass davon ausgegangen werden müsse, „dass durch die verschiedenen genannten Risikofaktoren die Wahrscheinlichkeit von innerfamiliärer Gewalt in muslimischen Familien höher ist.‟ Weil Aggressionstheorien alleine eine „erhöhte Aggression speziell bei muslimischen männlichen Jugendlichen nicht erklären‟ können, müssen, so Toprak, „spezifische kulturelle Aspekte und Auswirkungen der Migration‟ bedacht werden.

Torprak ist kein Rechtspopulist. Er macht konkrete Vorschläge, wie der deutsche Staat dazu beitragen kann, rückständige Sozialstrukturen, wie sie einem Teil der Migranten zu eigen sind, aufzubrechen. So empfiehlt er, die Eltern gegen die Gewaltbereitschaft der Jungen einzubeziehen; der Familienzusammenführung in Deutschland nur zuzustimmen, wenn das Ehepaar nachweist, dass es nicht bei den Eltern wohnt; und – angesichts der Tatsache, dass die türkische Presse „aggressiv gegen deutsche Politik und Gesellschaft‟ schreibt – auf eine gemässigte Sprache und Einhaltung journalistischer Grundregeln hinzuwirken.

Toprak wird gelegentlich von den Medien interviewt und darf den ein oder anderen Gastbeitrag beisteuern. Breit diskutiert werden seine Thesen nicht. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die AfD seine und ähnliche Forschungserkenntnisse für sich entdeckt und sie in die Politik einspeist. In zugespitzter Form, versteht sich.


Zitierte Literatur:

Ahmet Toprak, Das schwache Geschlecht – die türkischen Männer: Zwangsheirat, häusliche Gewalt, Doppelmoral der Ehre, Freiburg i. Br. 2007.
––/ Katja Nowacki, Muslimische Jungen: Prinzen, Machos oder Verlierer? Ein Methodenhandbuch, Freiburg i.B. 2012.
–– Unsere Ehre ist uns heilig: Muslimische Familien in Deutschland, Freiburg, Basel, Wien 2012.


Nachtrag 24. Mai 2019

Geändert hat sich bislang nichts. Manche politischen Themen, darunter die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung, werden von vielen Bürgern nach eigenen Angaben nur mit Vorsicht in der Öffentlichkeit thematisiert, so eine Umfrage des Allensbach-Instituts.

Nachtrag 13. März 2020

Die Soziologin Necla Kelek kritisiert in ihrem neuen Buch, dass das Thema Verwandtenehe im muslimischen Kontext voreilig tabuisiert und damit der AfD überlassen worden sei. Für ausgewählte muslimische Länder nennt sie hohe Prozentzahlen an Verwandtenehen, für die sie zumindest in dem auf Achgut.com erschienenen Auszug jedoch keine Quellen angibt.

Nachtrag 18. Februar 2022

Weil die Redaktion der “Emma” die möglicherweise problematischen Aspekte eines geplanten “Selbstbestimmungsgesetzes” zu thematisieren gewagt hat und deshalb von der AfD zitiert wurde, zog sie von linker Seite prompt den Vorwurf auf sich, “rechts” zu sein, was die Redaktion wiederum veranlasst, in einer Stellungnahme zu entgegnen: “Warum überlassen eigentlich die anderen Parteien der AfD hier das Feld?” So eben gewinnt die AfD!

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