Bürgerlich, antibürgerlich

Einen “Stil voller Eleganz, voll glühendem Witz” bescheinigt ihm die “Zeit”, die “Jüdische Allgemeine” nennt ihn den “vielleicht grössten Journalisten des Landes” und die “Süddeutsche” rühmt ihn als einen “gnadenlosen Polemiker und unermüdlichen Kolumnisten”. Wenn von Herrmann L. Gremliza die Rede ist, fällt das Urteil meist wohlwollend bis begeistert aus, was zeigt, wie sehr Gremliza zuletzt im Mainstream angekommen war. Dass sich “Spiegel” und “taz” zurückhaltender äusserten, hat keine weltanschaulichen Gründe, sondern ist dem Umstand geschuldet, dass Gremliza und seine Zeitschrift “konkret” immer wieder verbale Attacken gegen beide gefeuert hatte.

Denn Gremliza legte sich mit so ziemlich allem und jedem an, der in der Bundesrepublik etwas zu sagen hatte und ein vermeintliches Sprachrohr der herrschenden Meinung war. Die Glosse war sein Königreich, viele von ihm verfasste Zeilen bringen als ironisierende Anmerkungen zu den Texten und Äusserungen unterschiedlichster Zeitgenossen das Reaktionäre und Kleinbürgerliche darin gekonnt auf den Punkt.

Gremliza richtete sich gegen alles, was die Verbrechen der Deutschen im Dritten Reich verharmloste, relativierte, beschönigte oder die Deutschen zu Opfern machte. Diese immer wieder mit ihrer Vergangenheit zu konfrontieren, das Land nicht zur Ruhe kommen und die millionenfach für nichts und wieder nichts Ermordeten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, war Gremlizas Mission in einer Zeit, als das gesellschaftliche Klima in der Bundesrepublik noch ein anderes war, und dafür gebühren ihm Respekt und Bewunderung.

Immer wieder sind ihm grossartige Formulierungen gelungen. “In solchem Gedränge des Intellekts und der Moral gerät, wer der Bourgeoisie in den Hintern tritt, in den er kriecht” (Herrschaftszeiten, S. 91), schrieb er einmal über einen derer, die sich an die vermeintlich herrschende Meinung anbiederten. Seine Wortwahl zeigt zugleich, wo er selbst stand: Auf der Seite der radikalen Linken, die im Geiste der Frankfurter Schule eine marxistische Gesellschaftskritik betrieb, die sich gegen die Unfreiheit durch den absoluten Willen zur Naturbeherrschung wandte und die Aufklärung zu einem neuen Mythos im Dienste der Herrschaft verkommen sah.

Wie sich die Frankfurter Schule mit ihrer Kritischen Theorie gegen die bürgerliche Gesellschaft und die Marktwirtschaft als Ordnungsprinzip wandte, so galt Gremlizas Spottlust allem, was bürgerlich und kapitalistisch war und ihm am abstossendsten dort erschien, wo es aus Deutschland kam. Als erklärter Antideutscher hielt er noch vor zwei Jahren mit dem FAZ-Redakteur und Ultralinken Dietmar Dath in der Berliner “Volksbühne” eine Lesung unter dem Titel “Scheiss Deutschland“ ab. Damals hatte Deutschland mehr als eine Million Flüchtlinge aufgenommen, was Gremliza freilich nicht mit Deutschland versöhnte, sondern diesem gegenüber nur noch unduldsamer werden liess, hatten die Deutschen sich doch geweigert, eine dermassen grosse Zahl an Flüchtlingen noch ein weiteres Mal in so kurzer Zeit aufnehmen zu wollen.

Deutschland wird in dieser Weltsicht, je toleranter und weltoffener, nur umso verhasster. Die antideutsche Ideologie ist letztlich ein ins Atheistische gewendeter Protestantismus, mit dem sie den moralischen Eifer “gegen den bösen Rest der Welt” (F.W. Graf) teilt. Für Antideutsche wie Gremliza dabei bezeichnend ist, dass sie von Deutschland nicht loskommen. Wie auch viele Ex-Muslime, die sich nach ihrer Abwendung vom Islam immerzu an ihrer alten Religion abarbeiten müssen, so müssen sich Antideutsche immerzu an Deutschland abarbeiten. Zugleich ist die Redaktion von “konkret”, den Namen ihrer Mitglieder nach zu urteilen, eine ohne Menschen mit Migrationshintergrund und damit deutscher als die meisten Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen.

Ich selbst war Abonnent der “konkret” seit 1993 oder 1994 und blieb es bis 2001, als ich für ein Jahr nach Israel ging. Da war ich schon längst auch noch Abonnent der FAZ geworden, einem der Feindbilder von Gremliza und wenn es damals für mich noch etwas Lesenswertes an “konkret” gab, dann lag dies nicht zuletzt darin begründet, dass die Zeitschrift Israel, diesen in einzigartiger Weise bedrängten Staat, zuverlässig gegen Feinde und falsche Freunde verteidigte. “Linker Antisemitismus, den es gibt, ist der schändlichste Verrat an der bürgerlichen wie an der proletarischen Revolution”, schrieb Gremliza einmal (Herrschaftszeiten, S. 99).

Aber Linker sein heisst eben auch, überall Ausbeutung, Zerstörung, Ungerechtigkeit und Faschismus zu sehen, um doch nur in einen Autoritarismus zu verfallen, der einem progressiv erscheint und als historische Notwendigkeit, ein neues Auschwitz zu verhindern. Im Interview mit dem “Freitag” hat Gremliza vor fast zwanzig Jahren einmal bekundet: “Was jenseits des Kapitalismus allein denkbar erscheint, ist eine Art aufgeklärte Erziehungsdiktatur. Wen der Gedanke daran schüttelt, wird sich mit den herrschenden Verhältnissen abfinden müssen.”

In einer Erziehungsdiktatur, sei sie aufgeklärt oder nicht, teilt sich die Gesellschaft in Erzieher und solche, die erzogen werden. Ich möchte nicht in einem Staat leben, in dem ich von der Gnade “aufgeklärter Erzieher” abhängig bin und ich möchte auch keiner von ihnen sein. Lieber lebe ich in einer bürgerlichen Demokratie, die mir Rechte gegen den Staat einräumt. Die “Abschaffung der Unfreiheit [wird] nicht dadurch möglich, daß der Verneinung ein Vorrang vor der Bejahung eingeräumt wird”, wie der Hamburger Philosoph Klaus Oehler (Blicke aus dem Philosophenturm, 2007, S. 111) einen fundamentalen Irrtum der Kritischen Theorie benannt hat.

Adorno und Horkheimer „verachteten die zeitgenössische Gesellschaft, obwohl sie sich seit ihrer Jugend ganz komfortabel in ihr eingerichtet hatten”, schreibt Oehler über die beiden wichtigsten Exponenten der Kritischen Theorie, und attestiert ihnen eine “polemische Pose gegenüber der modernen Welt”, in die sie sich “bis zu einem Grad der Besorgnis [hineinsteigerten], der sie in dieser Sorge unfrei, zu Besessenen, zu Gefangenen ihres Systems und letztendlich unglaubwürdig machte. Man spürte, daß ihre ostentative Sorge um die Menschheit ihnen keine schlaflosen Nächte bereitete.“ (Ebd., S. 110.) Das hätte wohl auch auf Gremliza gepasst.

Dessen Fangemeinde mag sich amüsieren, wenn er eine Meldung von 1996, wonach in Mecklenburg-Vorpommern ein Jäger auf seinem Hochstand erfror, lakonisch mit “Halaklirr” kommentiert und diese Glosse (Herrschaftszeiten, S. 51) mit “kleine Freuden” betitelt, und sich ins Fäustchen lachen, wenn ein “konkret”-Autor den achtziger Jahren nachhängt, “als Popmusiker noch die Frage diskutierten, ob im Fall der allfälligen Revolution das Faulobst der Bourgeoisie, mithin: Leute wie Christian Kracht, an Bäume oder Laternen zu knüpfen sei.‟ Ich hingegen wende mich ab. Dass ich schon Ende der Neunziger kein Linker mehr sein wollte, hat auch mit Gremliza zu tun, dem bürgerlich Antibürgerlichen.

Am Freitag, den 20. Dezember, ist Hermann L. Gremliza im Alter von 79 Jahren in Hamburg gestorben.

Norbert Röttgen und der Niedergang der CDU

Schaltet man den Fernseher ein, kommt man kaum an ihm vorbei: Norbert Röttgen von der CDU ist so etwas wie der heimliche Aussenminister Deutschlands, gefragter Experte für Themen der Aussenpolitik und gerne dabei, wenn es darum geht, Staatsmännern auf der ganzen Welt die Hand zu schütteln. Keine Frage, der Mann ist umtriebig, eloquent und augenscheinlich von Leidenschaft für die Politik getrieben.

Damit ist sein Auftreten zugleich ein grosses Ablenkungsmanöver. Denn Röttgen steht wie kaum ein anderer für den Niedergang der CDU. Als Röttgen vor zehn Jahren noch Bundesumweltminister war, ging er mit Pathos daran, die sog. Energiewende dem bürgerlichen Lager schmackhaft zu machen. Man schaue sich einmal an, mit welcher Hingabe er 2011 im Bundestag für einen Ausstieg aus der Kernenergie und damit für einen Komplettumbau der deutschen Energieversorgung warb:

Röttgen beschwor ein “nationales Gemeinschaftswerk” und tingelte damals durch alle möglichen Talkshows, um die Verbraucher zu beruhigen, die Angst hatten, der Ausstieg aus der Kernenergie könnte zu einem drastischen Anstieg der Strompreise führen. Die Strompreise würden nicht nennenswert steigen, beschwichtigte er alle Sorgen. Heute haben wir in Deutschland die zweithöchsten Strompreise in Europa.

Ein Jahr nach seiner flammenden Rede für den Atomausstieg führte Röttgen die NRW-CDU in den Abgrund, was auch einigen weiteren Fettnäpfchen geschuldet war, in die Röttgen trat. Damit schien seine Karriere in der Politik zunächst besiegelt, doch dann trat er wieder in die Öffentlichkeit, nunmehr als frischgebackener Aussenpolitiker. Zur Entwicklung der Strompreise äussert er sich nicht; die Scherben, die er als Umweltminister und Chef der NRW-CDU hinterlassen hat, dürfen andere zusammenkehren. Auch auf seiner Webpräsenz vermeidet er diese Themen.

Stattdessen plaudert er mit dem iranischen Aussenminister Javad Zarif und macht Claudia Roths Rolle als grosse Brückenbauerin streitig. Zarif ist zwar nur eine Marionette, bestimmt wird die iranische Aussenpolitik von Khamenei und Qasem Soleimani, aber genau deshalb passt er zu Röttgen, dem Möchtegern-Aussenminister Deutschlands. Zurückhaltung kennt Röttgen auch sonst keine: Er, der als Bundesumweltminister und Chef der NRW-CDU zwei politische Totalausfälle zu verantworten hat, attestiert Deutschland in der “New York Times” einen politischen Totalausfall (“a complete void”) und macht die Bundeskanzlerin zum Sündenbock.

Röttgen nämlich hat mit Angela Merkel noch ein Hühnchen zu rupfen, war sie es doch, die ihn damals von seinen Aufgaben als Bundesminister entband und ihm die wohl empfindlichste Niederlage seiner Karriere beibrachte, auch wenn sie letztlich selbstverschuldet war. Sicher, jeder verdient eine zweite Chance, aber niemand sollte sie bekommen, der nicht bereit ist, zu seinen Fehlern zu stehen. Wenn er wollte, könnte Röttgen öffentlich Abbitte für die haltlosen Versprechungen leisten, die er als Bundesumweltminister abgegeben und nie gehalten hat, aber lieber flüchtet er sich in die Aussenpolitik und keilt gegen die Kanzlerin.

Dass Röttgen einfach so eine zweite Karriere in der CDU startete, sagt auch etwas über seine Partei aus. Die CDU ist profillos geworden, sie kann ihren Schlingerkurs aber auch nicht so ohne weiteres beenden: Bei der Europawahl hat sie viele Wähler an die AfD verloren und noch mehr an die Grünen, bei der Landtagswahl in Thüringen sowohl an die AfD als auch an die Linkspartei. Dass die CDU “systemisch erschöpft” sei, hat Röttgen richtig erkannt. Freilich lenkt er damit einmal mehr von der Tatsache ab, dass er den Niedergang seiner Partei vor einer Dekade ganz wesentlich selbst losgetreten hat.


Nachtrag 18. Februar 2020

Kann man sich nicht ausdenken: Ausgerechnet Röttgen will neuer Vorsitzender der CDU werden! Wir wünschen viel Glück.

Führende Experten gegen Israel

Wenn es um Fussball oder den Nahen Osten geht, wimmelt Deutschland von Experten. Eine Gruppe von sechzehn Akademikern mit Doktortitel, denen die Redaktion der “Zeit” ehrfurchtsvoll attribuiert, “führende Experten für die Region” zu sein (damit auch ein wenig akademischer Glanz auf das eigene Haus fällt), hat nun in einer Stellungnahme Bedenken gegen die Verurteilung der BDS-Bewegung durch den Bundestag geäussert – so verdruckst, wie nur führende Experten das können.

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Von den Römern zu Bismarck

Die aktuelle Flüchtlingskrise, die natürlich eine Krise ist, weil die deutschen Institutionen mit dem kriminellen Geschäftsmodell von Schleusern überfordert sind, verlangt nach einer übergreifenden Lösung. Das Geschäftsmodell der Schleuser besteht bekanntlich darin, Menschen in ärmeren Teilen der Welt weiszumachen, in Deutschland bekämen sie ein Haus, teure Sneaker und iPhones vom Staat geschenkt, wenn sie nur das Zauberwort „Asyl‟ sagen und sich spätestens nach dem Grenzübertritt ihrer Papiere entledigen. Denn die deutschen Behörden können niemanden abschieben, dessen Herkunftsland sie nicht kennen.

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Die AfD und der Islam

Gottfried Curio (AfD) will die Verbreitung gesetzwidriger Lehren in Deutschland unterbinden. Gemeint ist der Islam, den der AfD-Abgeordnete in seiner Rede im Bundestag als von unveränderlich intoleranter Wesensart skizzierte. Ein toleranter Islam sei westliches Wunschdenken, Vorstellungen von einem demokratischen oder europäischen Islam leere Phantastereien von runden Quadraten und eckigen Kreisen.

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Wer ist Migrant?

Auf “Spiegel Online” fordert die Diversitätsaktivistin Ferda Ataman eine Abschaffung des Migrationshintergrundes aus der Bevölkerungsstatistik, weil ein solcher ohnehin schwer ermittelbar sei und als Kategorie mehr Verwirrung als Klarheit schaffe. So weit, so gut.

Dann jedoch macht sie eine 180-Grad-Kehrtwende und behauptet, dass mehr als die Hälfte der Deutschen einen Migrationshintergrund habe, weswegen die “frenetischen Volksfreunde, die Arier für Deutschland” nun einpacken könnten. In einer Gesellschaft, in der die meisten Menschen einen Migrationshintergrund haben, macht die Vorstellung, sie möglichst homogen zu halten, keinen Sinn.

Moment mal: Wer sind denn die “frenetischen Volksfreunde, die Arier für Deutschland”? Damit müssen Neonazis gemeint sein, Frau Ataman spezifiziert sie nicht. Aber lohnt sich eine öffentliche Auseinandersetzung mit Neonazis? Die Gesellschaft jedenfalls hat längst akzeptiert, eine Einwanderungsgesellschaft zu sein. Was also soll hier gesagt werden?

Frau Ataman kritisiert an einem Beitrag der ARD den laxen Umgang mit Statistik. Ihr eigenen Umgang damit ist allerdings nicht weniger lax. Ihre Behauptung, die Mehrheit der Deutschen habe einen Migrationshintergrund hat sie beim Schriftsteller Navid Kermani gefunden, der einfach Aussiedler und Vertriebene mit einbezieht.

Sog. “Volksdeutsche” Beleg für die Behauptung zu nehmen, Deutschland sei mehrheitlich ein Land von Migranten, ist allein schon haarsträubend, weil sie die deutsche Herkunft ausklammert. Ein Deutscher, der nach Deutschland übersiedelt, ist eben kein Einwanderer, sondern ein Übersiedler. Die Unterscheidung wird aus gutem Grund gemacht, denn jeder Nationalstaat, nicht nur der deutsche, ist um einer Titularnation willen gegründet worden, deren Mitglieder zum Teil auch jenseits der Landesgrenzen leben.

Diese Menschen sind Teil der (Vorsicht, altmodisches Wort:) Nation. So hat Griechenland Anfang des 20. Jahrhundert griechische Flüchtlinge aus Kleinasien aufgenommen, weil sie Teil der griechischen Nation waren. Sie haben ihre eigenen lokalen Traditionen, die sie aus Kleinasien mitbrachten, und pflegten ihren eigenen Dialekt, sind aber keine Fremden, keine Ausländer, im strengen Sinne des Wortes: keine Einwanderer.

Diese Dinge festzustellen hat nichts mit Nationalismus zu tun. Sicherlich kann die Vorstellung, in einer ethnisch homogenen Gesellschaft zu leben, im Zeitalter der Globalisierung kein Ideal mehr sein und in der Tat sollten wir nicht nur über die Probleme, sondern auch über die Vorzüge von Migration reden, zumal Deutsche auch immer in andere Länder ausgewandert sind. Aber solange wir ein Nationalstaat sind, bleibt die Unterscheidung von Migranten und Übersiedlern gültig.

Wie kommt Navid Kermani nun aber auf die Idee, mit Übersiedlern und Vertriebenen eingerechnet sei die Mehrheit der deutschen Bevölkerung eingewandert? Das ist die Frage. Insgesamt beträgt die Zahl der Menschen, die seit 1950 aus Osteuropa in die Bundesrepublik übergesiedelt ist, etwa viereinhalb Millionen. Rechnet man sie rein hypothetisch zu den Gastarbeitern der ersten bis dritten Generation, sowie weiteren Einwanderern hinzu, kommt man nie im Leben auf eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung, also auf insgesamt mehr als 40 Millionen.

Und die Vertriebenen? Der “Bund der Vertriebenen” liefert keine Statistik, weil die deutschen Flüchtlinge aus den Ostgebieten “juristisch definitorisch nicht erfasst” sind. Aber das ist noch nicht alles. Ataman verweist auf eine Studie des “Mediendienstes Integration”, wonach bei der Zuschreibung des Migrationsstatus in der amtlichen Statistik mit zweierlei Mass gemessen werde: Während bei Zuwanderern mit deutscher Staatsangehörigkeit ihre Migration nicht berücksichtigt wird, wird sie nicht-deutschen Zuwanderern selbst noch in der dritten Generation angehängt.

Dazu muss gesagt werden, dass sich viele Migranten selbst dann nicht als Deutsche sehen, wenn sie eingebürgert sind. Ich spreche hier aus eigener Erfahrung. Inwieweit sich dies über die Generationen abmildert, ist nicht ganz klar. Es muss keinesfalls so sein, dass jemand, dessen Grosseltern aus der Türkei eingewandert sind, sich als Deutscher versteht, aber auch nicht unbedingt als Türke. Es kann sein, dass seine muslimische Identität umso ausgeprägter ist.

Folgen wir aber der Argumentation der Studie, wonach allgemein Menschen, deren Grosseltern Einwanderer waren, selbst keine mehr sind, dann ist die Behauptung von Navid Kermani und Ferda Ataman, wonach die Mehrheit der Deutschen einen Migrationshintergrund haben soll, erst recht fragwürdig, wenn nicht kompletter Unsinn.

Wenn Frau Ataman als Sprecherin der Organisation “Neue deutsche Organisationen” die Botschaft vermittelt, Deutschsein sei heute “mehr, als deutsche Vorfahren zu haben”, dann  möchte man ihr zurufen: Willkommen im 21. Jahrhundert! Dass Deutschsein keine Frage der Herkunft ist, hat die Mehrheit der deutschen Bevölkerung seit gut zwei Dekaden akzeptiert.

Dafür ist etwas anderes umso deutlicher geworden: Dass die Fixierung auf Identität und Herkunft selbst bei denen noch zu beobachten ist, die gegen die Fixierung auf Identität und Herkunft ankämpfen.

Wie die AfD gewinnt

Der erste Eindruck war schockierend: Da wird ein Zusammenhang hergestellt zwischen Schwerbehinderung, Inzest und Einwanderung. Die Rede ist von der sog. Kleinen Anfrage der AfD, die kürzlich erfolgte.

Man darf wohl annehmen, dass dieser Schockeffekt beabsichtigt war. Er trägt dazu bei, die Stimmung gegen Migranten in diesem Land zu verschärfen. Die Empörung gegen die Kleine Anfrage war also nur zu berechtigt. Doch das ist allenfalls die halbe Geschichte. Zur ganzen Geschichte gehören noch ein paar Fakten, die an dieser Stelle genannt werden sollen.

Vor etwa sechs Jahren berichteten diverse Medien, von denen übrigens keinem eine rechtspopulistische Tendenz nachgesagt werden kann, über die Kampagne einer jungen Soziologin an der Universität Duisburg-Essen: Yasemin Yadigaroglu, so der Name der Soziologin, hat damals nicht nur das Problem der Verwandten-Ehen erforscht, sie hat sich auch als Aufklärerin betätigt.

„Heiraten ja. Aber nicht meine Cousine!‟ war die von ihr initiierte Postkartenkampagne betitelt. Bis heute findet sich auf der Webpräsenz der Universität Duisburg-Essen eine Pressemitteilung über die Aufklärungskampagne von Frau Yadigaroglu, die für ihr Wirken sogar mit einem Preis bedacht wurde. Dennoch hatte es die Sozialwissenschaftlerin Yadigaroglu schwer, für ihr Thema einen Doktorvater zu finden und weigerten sich auch Gender-Forscher, sich der Sache anzunehmen.

Später sollte u.a. die „Zeit‟ davon berichten, die zwar darauf hinwies, dass eine Risikoerhöhung für Kinder aus Inzestverbindungen „nicht allzu hoch‟ sei. Sie zitierte aber auch eine Stoffwechselmedizinerin und Kinderärztin, die frühzeitige Aufklärung empfahl. „Etwa 15 Prozent der Stoffwechselkranken, die sie behandelt, kommen aus Verwandtenbeziehungen. Natürlich heirateten auch deutsche Verwandte untereinander, aber mehrheitlich seien es Migranten‟ hiess es damals.

Auch die FAZ berichtete darüber. „Viele Kinder mit Erbkrankheiten stammen aus Verwandtenehen. Die sind bei Einwanderern Tradition‟ war der Text überschrieben, was schon heikel formuliert war, denn dem Inhalt kann man entnehmen, dass dies möglicherweise nur ein Problem unter Einwanderern türkischer und arabischer Herkunft ist, nicht unter Einwanderern generell.

Die „WAZ‟ schrieb seinerzeit, dass „für viele Migranten‟ Inzest „immer noch ein Tabuthema‟ und „Eheschließungen unter Verwandten‟ für sie „selbstverständlich‟ seien. Aber wes heisst eigentlich „viele‟? Anträge auf Forschungsförderung wurden jedenfalls vom NRW-Integrationsminister abgelehnt. Der hiess damals Armin Laschet und sein Haus begründete dies damit, dass keine Zahlen vorhanden sei: Weil man nicht wisse, wie häufig Inzest mit welchen Folgen auch immer sei, könne man es auch nicht fördern.

Das ist gewissermassen die Pointe: Wäre man der Problematik auf den Grund gegangen, hätte man vielleicht herausgefunden, dass Inzest bei weitem nicht so verbreitet ist, wie von Frau Yadigaroglu angenommen. Oder wäre zum Ergebnis gelangt, dass es sehr wohl verbreitet ist, um dann Frau Yadigaroglu bei ihrer Aufklärungsarbeit unterstützen zu können.

Jetzt, mit einigen Jahren Verspätung, hat sich die AfD des Themas angenommen und es, wie zu erwarten, zugespitzt. War in der damaligen Berichterstattung noch von leichten Behinderungen die Rede, spricht die AfD von „schwerbehinderten Menschen‟, und konnte man den Berichten von damals entnehmen, dass dieses Problem sich womöglich auf bestimmte migrantische Mileus beschränkt, ist in der Kleinen Anfrage der AfD nur noch pauschal von „Migrationshintergrund‟ die Rede.

Das ist perfide, aber wenn die Politik sich weigert, reale oder mögliche Probleme, die die Einwanderungsgesellschaft mit sich bringt, zu behandeln, werden sie ihr von populistischen Kräften mit umso grösserer Wucht vor den Latz geknallt. Das ist einer der Gründe, warum die AfD gewinnt.

Und so geht es weiter.

Ahmet Toprak ist ein Soziologe, der mehrere Bücher über die türkische Community in Deutschland verfasst hat. Seine Befunde, die er darin ausbreitet, haben es in sich: Er berichtet von Männlichkeitsidealen, denen die Jungen schon früh entsprechen müssen; vom Erziehungsziel, dominant und selbstbewusst aufzutreten; beschreibt, wie man in den Familien die Jungen gewähren lässt und damit teilweise „zur Verunsicherung hinsichtlich der Autorität seiner weiblichen Bezugspersonen‟ beiträgt, was im Extremfall dazu führt, „dass der Junge auf seine Mutter einschlagen, sie treten und boxen kann, ohne dass er mit ernsthafter Bestrafung rechnen muss.‟

Alle befragten Männer, so Toprak weiter, „gaben zur Auskunft, dass sie über die Frauen (Schwestern, Ehefrau) bestimmen können und dafür auch Gewalt anwenden dürfen. Einige Interviewpartner begründen das explizit mit dem Islam.‟ An anderer Stelle schreibt er, dass davon ausgegangen werden müsse, „dass durch die verschiedenen genannten Risikofaktoren die Wahrscheinlichkeit von innerfamiliärer Gewalt in muslimischen Familien höher ist.‟ Weil Aggressionstheorien alleine eine „erhöhte Aggression speziell bei muslimischen männlichen Jugendlichen nicht erklären‟ können, müssen, so Toprak, „spezifische kulturelle Aspekte und Auswirkungen der Migration‟ bedacht werden.

Torprak ist kein Rechtspopulist. Er macht konkrete Vorschläge, wie der deutsche Staat dazu beitragen kann, rückständige Sozialstrukturen, wie sie einem Teil der Migranten zu eigen sind, aufzubrechen. So empfiehlt er, die Eltern gegen die Gewaltbereitschaft der Jungen einzubeziehen; der Familienzusammenführung in Deutschland nur zuzustimmen, wenn das Ehepaar nachweist, dass es nicht bei den Eltern wohnt; und – angesichts der Tatsache, dass die türkische Presse „aggressiv gegen deutsche Politik und Gesellschaft‟ schreibt – auf eine gemässigte Sprache und Einhaltung journalistischer Grundregeln hinzuwirken.

Toprak wird gelegentlich von den Medien interviewt und darf den ein oder anderen Gastbeitrag beisteuern. Breit diskutiert werden seine Thesen nicht. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die AfD seine und ähnliche Forschungserkenntnisse für sich entdeckt und sie in die Politik einspeist. In zugespitzter Form, versteht sich.


Zitierte Literatur:

Ahmet Toprak, Das schwache Geschlecht – die türkischen Männer: Zwangsheirat, häusliche Gewalt, Doppelmoral der Ehre, Freiburg i. Br. 2007.
––/ Katja Nowacki, Muslimische Jungen: Prinzen, Machos oder Verlierer? Ein Methodenhandbuch, Freiburg i.B. 2012.
–– Unsere Ehre ist uns heilig: Muslimische Familien in Deutschland, Freiburg, Basel, Wien 2012.


Nachtrag 24. Mai 2019

Geändert hat sich bislang nichts. Manche politischen Themen, darunter die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung, werden von vielen Bürgern nach eigenen Angaben nur mit Vorsicht in der Öffentlichkeit thematisiert, so eine Umfrage des Allensbach-Instituts.

Nachtrag 13. März 2020

Die Soziologin Necla Kelek kritisiert in ihrem neuen Buch, dass das Thema Verwandtenehe im muslimischen Kontext voreilig tabuisiert und damit der AfD überlassen worden sei. Für ausgewählte muslimische Länder nennt sie hohe Prozentzahlen an Verwandtenehen, für die sie zumindest in dem auf Achgut.com erschienenen Auszug jedoch keine Quellen angibt.

Nachtrag 18. Februar 2022

Weil die Redaktion der “Emma” die möglicherweise problematischen Aspekte eines geplanten “Selbstbestimmungsgesetzes” zu thematisieren gewagt hat und deshalb von der AfD zitiert wurde, zog sie von linker Seite prompt den Vorwurf auf sich, “rechts” zu sein, was die Redaktion wiederum veranlasst, in einer Stellungnahme zu entgegnen: “Warum überlassen eigentlich die anderen Parteien der AfD hier das Feld?” So eben gewinnt die AfD!

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