Mitteilungen aus Kilis (7)

Die Tage vergehen ohne eine Lösung am Horizont. Zu Beginn des letzten Berichts über die Rückführung einiger syrischer Flüchtlinge war von Aljazeera eine Zahl von 600 genannt worden und so gab es immer wieder Nachrichten von der Deportation der Syrer aus dem Lager Mar’ash, doch ist die Zahl wohl nicht korrekt und dürfte geringer sein.

Was ich aber mit meinen eigenen Augen sah, war, dass vor einer Woche Brot verteilt wurde, welches sich dem Verfallsdatum näherte, seitdem es im April 2012 hergestellt worden war. Als es vor einigen Tagen verteilt wurde, war das zwei Tage vor Ablauf der Haltbarkeit. Ich habe von vielen Fällen gehört, bei denen Syrer hier in Kilis vergiftet worden sein sollen. Deswegen wurde auch eine Beschwerde bei der türkischen Regierung eingericht, damit sie sich der Sache annimmt.

Die letzte positive Sache, die die türkische Regierung für die Syrer getan hat, war die Aufhebung von Verzugsgebühren [für Visaüberziehungen] und die Gewährung von offenen Aufenthaltsbewilligungen, sowie das Ausstellen von Arbeitsgenehmigungen für alle, die arbeiten wollen. Für die Syrer ist das von äusserster Wichtigkeit, denn es wird die bittere Realität der Syrer, die hier leben, umkehren.

Doch der Weg ist noch lang und voller Dornen. Die Dinge bleiben kompliziert und besonders die hohen Mieten, die den Syrern abverlangt werden. Ich kenne einige Familien, die Syrien gen Türkei verlassen haben, ohne irgendwelche offiziellen Papiere. Allerdings erfolgte es die Aufnahme ihrer Kinder in den türkischen Schulen ohne offizielle Urkunden.

Die Nachrichten aus Syrien sind alles andere als gut. Wo manchmal Stromausfälle mehr als fünf Tage andauern und danach nur für einige Stunden wiederkommen. Die Sicherheitslage ist total schlecht.

Vor zwei Tagen war ich in einem Café überrascht zu sehen, dass ein Europäer kommt, um sich den syrischen Kämpfern anzuschliessen. Einer der Kämpfer, die dem Beschuss ausgesetzt waren und eine Behandlung hier in der Türkei erhielten, kämpfte unter dem Banner der Nusra-Front. Man hatte ihn nach Syrien mitgenommen.

Mir persönlich gefiel das nicht. Ich würde von dem Deutschen verlangen zurückzugehen – zurück nach Deutschland.Denn was Syrien mangelt, sind nicht Kämpfer, sondern vernünftige Waffen. Um mich herum sind mehr als 5.000 Kämpfer, und auch wenn sie mir nicht unterstehen, so bin ich mit ihren Führern allesamt befreundet. Sie alle beklagen sich über die Schwäche und den Mangel an Munition, aber nicht über einen Mangel an Kämpfern.

Hätten wir einen Mangel an Kämpfern, so würde ich mich dem Deutschen bei der Verteidigung meines Landes anschliessen. In jedem Fall ist der Deutsche, den man nach Syrien mitgenommen hat, von der Nusra-Front im Stich gelassen worden, als er verwundet wurde. Nicht einen Qirsch hat man ihm gegeben. Dennoch hatte man den Deutschen nach Syrien mitgenommen.

Vielleicht ist das der Wahnsinn und das Opium des Volkes, wie Karl Marx sagte. Aber die syrische Katastrophe ist jetzt ein Präsident, der in Syrien in einem Versteck kauert. Er verbrennt das Land, während die gesamte Welt dem Lodern zusieht.

Türkisch-syrische Grenze, 04.07.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz.)

Autor: Muhammad H. (Gastautor)

Muhammad H. ist ein syrischer Exilant, der vor dem Krieg aus seiner syrischen Heimat in die Türkei geflüchtet ist. Er arbeitet heute in einer Künstlerkolonie im südtürkischen Kilis, von wo aus er die Ereignisse in Syrien ebenso wie die Stimmung in der syrischen Exilgemeinde verfolgt. Vor seinen "Mitteilungen aus Kilis" schrieb er für die transatlantic annotations das "Kriegstagebuch Aleppo".

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