Syrien nach Assad (1)

Was sind die Aussichten für ein prosperierendes syrisches Gemeinwesen nach Assad? Dazu  ist es wichtig, einige grundlegende historische und kulturelle Spezifika Syriens zu beleuchten, um zu einer vorsichtigen Schlussfolgerung zu gelangen. Das ist freilich schon der zweite Schritt.

Zuvor wollen wir uns kurz der gegenwärtigen militärischen Situation in Syrien widmen. Denn ungeachtet der Bilder teils exorbitanter Zerstörung sitzt das Regime noch gut im Sattel. Bisher haben die Rebellen jedenfalls erst eine grössere Stadt einzuvernehmen verstanden, und das ist al-Raqqa im Osten. Die übrigen grösseren Städte, von denen sich die meisten im Westen des Landes befinden, sind noch längst nicht unter Kontrolle der Rebellen. Lediglich in Aleppo gehen die Fronten mitten durch die Stadt.

Ansonsten werden heftige Kämpfe aus Idlib im Nordwesten, Homs im Westen (s.a. hier) und Darayya bei Damaskus gemeldet. Viele der Filme, die von der Opposition bei YouTube eingestellt werden, zeigen eigene Raketenabschüsse aus dem Umland der grösseren Städte. Sie dürften mit zur Zerstörung ziviler Infrastruktur beitragen. In den Städten selbst, in den grösseren zumal, sind die Rebellen offenbar kaum in der Lage, die Oberhand zu gewinnen.

Es gibt ernstzunehmende Hinweise, dass das Assad-Regime Unterstützung ausgerechnet aus dem Libanon erhalten könnte, das bekanntermassen lange Zeit unter syrischer Einmischung gelitten hatte. Dafür spricht auch, dass irakische und libanesische Milizen unter Führung der Quds-Brigade in Damaskus mobilgemacht haben (während libysche Milizen auf Seiten der Rebellen kämpfen). Andererseits droht Syrien mit dem Einmarsch in den Libanon, hinter dessen Grenze Rebellen Zuflucht gefunden haben sollen. Derweil rüstet der Verbündete in Teheran das syrische Regime weiter auf.

Dass Syrien bald “in Kriegsfürstentümer und islamistische Enklaven” zerstückelt sein könnte, ist also ein realistisches Szenario. Möglich ist natürlich auch, dass die Ameisen gegen den Elefanten irgendwann siegen – einfach, weil sie die höhere Kampfmoral haben und auf Deserteure der regulären Armee zählen können. Die Truppenstärke des Regimes soll von ursprünglich 220.000 Mann auf gut die Hälfte gefallen sein. Mittlerweile hat sogar der Obermufti Scheich Hassoun Syrer aller Konfessionen dazu aufrufen müssen, zur Armee zu gehen.

Denn Unruhen haben schon längst das ganze Land erfasst. Der Westen muss also wissen, ob er den Sturz Assads durch eine Bewaffnung der Opposition beschleunigen will (die Argument für oder dagegen sollen hier nicht alle aufgezählt werden, s. hier [pro], hier [pro] oder hier [contra]).

Syrer im türkischen Kilis fürchten Übernahme der Islamisten (Nusra etc.), viele islamistische/jihadistische Parteien werden gegründet, die nur auf die Machtübernahme warten. Diese Leute zu bewaffnen, mag in den Augen vieler eine schlechte Option sein, doch birgt eine Nichtbewaffnung dieselbe Gefahr, verzögert jedoch den Krieg und das Leiden der Menschen. Ich weiss, hier eine Wahl zu treffen, ist ohne Zweifel schwierig.

Zu den wenigen Gewissheiten, die man in Bezug auf ein Syrien nach Assad hat, gehört wohl die, dass die Alawiten wahrscheinlich keine Zukunft im Land mehr haben werden. Die meisten sind schon an die Küstengebieten gezogen. Im Falle der Christen ist die Situation allerdings diffus. Viele fürchten, dass ihnen ein Schicksal wie im Irak mit einem allmählichen Exodus des irakischen Christentums bevorstehen wird.

Keine Option dagegen ist eine Unterstützung des Assad-Regimes, das unter der Bevölkerung viel zu verhasst ist, als dass der Westen sich einen Vorteil davon versprechen könnte, es zu stützen. Um zu verstehen, warum das Regime so unpopulär ist, muss man ein wenig zurück in die Geschichte gehen und dann einen Blick in den heutigen syrischen Mikrokosmos werfen. (Forts. folgt.)

 

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