Siebzig Jahre Israel

Israel wird siebzig und noch immer wird es hierzulande wenig verstanden. Es ist daher an der Zeit, mit einigen Mythen aufzuräumen.

Die Vorgeschichte des jüdischen Staates im 19. und 20. Jahrhundert wird meist so erzählt: Jüdische Siedler, die vor Pogromen in Osteuropa nach Palästina ausgewandert waren, besiedelten das Land in der Absicht, den jüdischen Staat der Antike wiederaufleben zu lassen. Die Inspiration dazu bezogen sie von einem Wiener Journalisten namens Theodor Herzl, dem Begründer des politischen Zionismus. Dabei bedienten sie sich der Hilfe der Briten und nahmen keine Rücksicht auf die lokale arabische Bevölkerung, die sie an den Rand drängten und damit einen Konflikt schufen, der bis heute andauert.

In dieser Erzählung wird der jüdische Staat zu einer historischen Kuriosität, zu einer Anomalie, einer Art Betriebsunfall der Geschichte. Zwar ist Israel, was seine spätere Entwicklung anbetrifft, tatsächlich die grosse Ausnahme im Nahen Osten, ein Erfolgsmodell in Sachen Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Kreativität und Prosperität, kurz: eine „Villa im Dschungel‟, wie es der frühere israelische Ministerpräsident Ehud Barak einmal nannte. Was jedoch seine Vorgeschichte anbetrifft, so wurzelt sie in der Region selbst und muss im Kontext der damaligen Nationalbewegungen studiert werden. Der Blick allein auf Vorgänge in Europa verstellt diese Tatsache. Weiten wir ihn auf die Region aus, so erhebt sich vor unseren Augen ein ganz anderes Bild.

Tatsächlich waren auch Länder wie Syrien, die Türkei, Griechenland, Albanien oder Ägypten keineswegs immer schon da, jedenfalls nicht als politische Grössen. Kulturelle Erneuerungsbewegungen, französische Revolutionsideale und die Schaffung einer Nationalsprache sind die Marksteine eines intellektuellen Prozesses, der im 19. Jahrhundert im Osmanischen Reich um sich zu greifen begann.

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Im 19. Jahrhundert transformierte sich nicht nur der Nahe Osten, sondern die ganze Welt. Damals wurde die nationalstaatliche Ordnung geschaffen, die heute alle Erdteile erfasst und Grossreiche und Imperien verdrängt hat. Im Osmanischen Reich, das über Palästina herrschte, ging der Impuls zur Neuordnung von der griechischen Nationalbewegung aus, die sich 1821 erhob. Inspiriert war sie von den Philosophen der Französischen Revolution, aber auch von Herder, dessen Ideen sich von Südosteuropa aus über das Osmanische Reich verbreiteten.

Schon bald griff der Gedanke des Nationalgedankens auf andere Völker des Osmanischen Reichs über, zunächst auf die Serben. Auch ausserhalb des Osmanischen Reiches erhoben sich Nationalbewegungen, man denke hier nur an die italienische oder polnische. Häufig sassen die Vordenker und Stichwortgeber im Exil. Vor allem Wien war als Brückenkopf für Ideen von immenser Bedeutung, die aus dem Westen des Kontinents kommend im Osten begeisterte Aufnahme fanden.

Hier war auch Rhigas Ferraios Velestinlis aktiv gewesen, der für die griechische Sache Propaganda betrieb, bevor er festgenommen und an die osmanischen Behörden überstellt wurde, die ihn 1798 in Belgrad hinrichteten. In Wien hatte auch Theodor Herzl eine produktive Zeit. Herzl ist zweifelsohne die überragende Figur, was die Idee eines jüdischen Nationalstaats anbetrifft, die er wie kein anderer populär zu machen verstand. Überhaupt war Wien eine Metropole, die kulturell stark mit dem Südosten Europas verbunden war.

Dort sassen zwei wichtige Vordenker der jüdischen Nationalidee, die dann von Herzl weitergedacht wurde: Judah Ben Samuel Bibas (gest. 1852) im griechischen Korfu und Yehuda Ben Shlomo Hai Alkalai (gest. 1878) im serbischen Zemlin. Beide waren Rabbiner und beide traten für die Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina ein, wobei ihre Vorbilder nicht zuletzt die nationalen Aspirationen der Serben und Griechen waren.

Alkalai hatte eine ganze Reihe von Schriften verfasst, in denen er die Rückkehr der Juden nach Palästina und die Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina forderte, wozu er verschiedentlich die grossen jüdischen Gemeinden Europas, Konstantinopels und Palästinas selbst aufsuchte. Unterstützung erhielt er von einem weiteren Rabbiner, Zwi Hirsch Kalischer, mit dem zusammen er 1860 eine Bewegung ins Leben rief, die sich die Schaffung eines jüdischen Staates zum Ziel setzte. Kalischer forderte die Juden auf, dem Beispiel der Italiener, Polen und Ungarn zu folgen.

Herzl hatte Alkalai 1873 in Wien kennengelernt, während er mit Kalischers Ideen durch die Programmschrift „Rom und Jerusalem‟ des deutschen Zionisten Moses Hess in Berührung kam, die im selben Jahr 1862 erschienen war wie Kalischers „Drischat Zion‟ (Sehnsucht nach Zion). Auch Hess (gest. 1875) verstand die Rückkehr der Juden nach Palästina im Kontext der Nationalbewegungen Europas, vor allem Italiens, aber auch Griechenlands, Polens und Ungarns.

Die Vordenker des Zionismus konnten darauf bauen, dass es nicht nur schon immer Juden in Palästina gegeben hat, sondern seit dem Mittelalter – also lange vor Entstehen eines säkularen Zionismus – immer wieder Juden in grosser Zahl nach Palästina eingewandert waren. Nach der verstärkten Zuwanderung seit dem 12. Jahrhunderte hatte die Zahl der Juden in Palästina unter osmanischer Herrschaft weiter zugenommen, vor allem in den grossen jüdischen Zentren Jerusalem und Safad. Im 18. Jahrhundert entstand ein weiteres jüdisches Zentrum in Tiberias. Die Einwanderung war zwar religiös motiviert und die Juden noch keine Nation im modernen Sinne, aber dieser Prozess der Nationswerdung stand allen Völkern der Region noch bevor, die nach Unabhängigkeit strebten.

Um noch einmal das Beispiel der Griechen zu bemühen: Im 19. Jahrhundert gab es viele, die sich als Griechen empfanden, aber kein Griechisch sprachen. 1823 hatte die Nationalversammlung zu Astros zunächst die griechische Sprache als Kriterium für die Zugehörigkeit zum Griechentum genannt, war davon jedoch wieder abgerückt, weil zu wenige Griechisch sprachen. Fortan sollte jeder als Grieche gelten, der autochthoner Bewohner des griechischen Hoheitsgebietes war und sich zum Christentum bekannte. Später kam die Definition auf, dass Grieche sei, der sich als solcher definiert und die Waffen gegen die osmanische Herrschaft erhebt oder erhoben hat.

Wie fragil das Nationalbewusstsein damals war, zeigt beispielhaft folgende Episode: Als der deutsche Historiker Jacob Philipp Fallmerayer behauptete, die Griechen seiner Zeit seien in Wahrheit keine Nachfahren der alten Griechen, sondern Abkömmlinge slawischer Stämme, die seit dem Mittelalter nach Südosteuropa vorgedrungen waren, sah sich die Regierung des 1833 entstandenen griechischen Rumpfstaates genötigt, eine Historikerkommission einzuberufen, um diese Behauptung zu widerlegen.

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Es bedurfte es eines zeitgemässen Bildungswesens, um ein Nationalbewusstsein zu schaffen, aber mehr noch einer Nationalsprache, die erst in der Lage war, den Anforderungen moderner Literatur, des Journalismus, der Wirtschaft und der Verwaltung zu genügen. Meist waren die Sprachen der einzelnen Völker in verschiedene Varietäten zersplittert, existierte es eine altertümliche Variante für sakrale und höfische Texte neben einer Vielzahl an Dialekten. Was fehlte, war ein Sprachstandard, der in mündlicher wie schriftlicher Form übergreifendes als sprachliches Medium der Gesellschaft dienen konnte.

Das Hebräische war einerseits nie wirklich tot. Die jemenitischen Juden hatten es im mündlichen Gebrauch bewahrt. Noch im 19. Jahrhundert war die bevorzugte Schriftsprache etwa der Juden Ägyptens das Hebräische oder europäische Sprachen, nicht etwa das Arabische. Andererseits war das Hebräische weit davon entfernt, die Rolle einer modernen Nationalsprache auszufüllen. Viele Begriffe des Alltags wie auch der Verwaltung mussten überhaupt erst geschaffen werden. Für diesen Vorgang steht vor allem der Name Ben Yehuda, der viele moderne hebräische Begriffe überhaupt erst schuf.

„Wiederbelebung‟ hiess für die hebräische Sprachbewegung Neu-Aneignung und Modernisierung zugleich. Diesem Vorgang wurden auch das Arabische, Türkische, Griechische und Albanische unterzogen, die ebenfalls mit der Zersplitterung in verschiedene Varietäten zu kämpfen hatten und den Erfordernissen einer modernen Schriftsprache, die zugleich der alltäglichen Kommunikation dienen sollte, nicht entsprachen. Die einzelnen Nationalbewegungen strebten folglich danach, solche Nationalsprachen zu schaffen. Dies geschah ganz wesentlich in Form von Übersetzungen, die zum Teil über die zahlreichen neugegründeten Literaturjournale Verbreitung fanden.

Als ultimative Herausforderung galten den Übersetzern die Werke von Homer, vor allem die Ilias. Nicht nur stand die Ilias im literarischen Kanon Europas immer ganz oben, vor allem der poetische Charakter und der reiche Wortschaft stellten höchste Anforderungen an die Übersetzer wie auch an die Sprache. Eine Übersetzung würde den Beweis erbringen, dass die reformierte Sprache den älteren Sprachstandards ebenbürtig ist. So finden wir in einem Zeitraum von mehreren Jahrzehnten eine ganze Reihe von Übersetzungen der Ilias in verschiedene Sprachen. Sie mögen aus heutiger Sicht wie Produkte aus der Studierstube erscheinen, waren damals aber hochpolitisch.

Den Anfang machte 1887 eine Teil-Übersetzung der Ilias ins Osmanisch-Türkische, angefertigt von Sami Frashëri, einem der führenden albanischen Intellektuellen seiner Zeit. Ins moderne Türkeitürkische übersetzte der noch heute bekannte Ömer Seyfettin, das Gesicht der türkischen Sprachbewegung. Es gab mehrere Übertragungen in die neugriechische Volkssprache, darunter von Iakovos Polylas 1900 und Alexandros Pallis. Ebenfalls von einem Griechen, Panagiotis Papakostopoulos, stammt eine serbische Übertragung der Odyssee, die posthum 1881 in Belgrad erschien. Der libanesische Politiker und Publizist Sulayman Bustani dichtete die Ilias auf Arabisch nach und zwar direkt vom altgriechischen Original. Das Ergebnis rief bei seiner Erscheinung 1904 ein grosses gesellschaftliches Echo hervor.

Schliesslich wurde die Ilias auch Gegenstand der hebräischen Sprachbewegung, namentlich der Übertragung durch Saul Tschernichowsky. Der in der Ukraine geborene Dichter, dessen Gesicht heute auf der 50-Schekel-Note prangt, widmete sich um die Jahrhundertwende dem Unterfangen, poetische Werke der griechischen Antike auf Hebräisch wiederzugeben, um dieses literarisch voranzubringen. Seine Übertragung der Ilias wie auch der Odyssee, die er 1917 in Angriff nahm, trug dazu bei, dass ihn die Ungarische Akademie der Wissenschaften den „König der hebräischen Poeten“ nannte.

Die einzelnen Nationalbewegungen auf dem Boden des Osmanischen Reiches waren einerseits zukunftsorientiert, was Sprache, Literatur, Verwaltung und Recht anging, sie waren aber ebenso auf die Vergangenheit fixiert, die unabdingbar war, um den eigenen territorialen Anspruch zu rechtfertigen. Manch einem vermeintlich aufgeklärten Zeitgenossen mag es heute merkwürdig, ja anrüchig erscheinen, dass Israel seine Existenz im Nahen Osten mit seiner antiken Vorgeschichte legitimiert, aber genau dies haben die anderen Nationalbewegungen in der Region eben auch getan.

Während im Libanon zum Teil bis heute der „Phönizismus‟, also die Projektion libanesischer Geschichte bis zurück zu den Phöniziern, seine Blüten treibt, beruht das albanische Nationalbewusstsein auf dem „Illyrismus‟, der Idee von einer Abstammung, die bis auf die Illyrer der Antike zurückgeht. Auch die türkischen Nationalisten versuchten sich an eine Rückbindung der Geschichte, indem sie sich in die Tradition eines alten ionischen Erbes stellten. Von den Griechen müssen wir gar nicht reden, die die Antike in ihrer ganzen Breite heranzogen, um die griechische Herrschaft über ein Territorium zu rechtfertigen, das noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts weitaus grösser sein sollte, als es die Grenzen des heutigen Griechenland auch nur erahnen lassen.

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Wie wenig verstanden dieser geschichtliche Hintergrund noch heute in Europa ist, zeigt das Beispiel des Historikers Tony Judt, der ein vehementer Kritiker der zionistischen Idee war. Judt glaubte, den jüdischen Staat dadurch zu delegitimieren, dass er dessen Staatsidee mit der seines ägyptischen Nachbarn verglich und behauptete, ein Land wie Ägypten existiere nicht aufgrund einer Theorie von „Ägyptischheit“. Doch dieses Argument geht ins Leere.

Tatsächlich hatten die ägyptischen Nationalisten bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts den Mythos von einer ägyptischen Geschichte gepflegt, die bis zu den Pharaonen zurückreicht – eine Einstellung, die unter dem Namen „Pharaonismus‟ Eingang in die Geschichtsbücher gefunden hat. Die Idee der Wiedergeburt kursierte eben nicht allein unter Zionisten, sie war das grosse Thema aller Nationalbewegungen auf dem Boden des zerfallenden Osmanischen Reiches. Immer ging es darum, die Herkunft der eigenen Nation möglichst tief in der Geschichte festzuschreiben und sie über territoriale Ansprüche Dritter erhaben zu machen.

Während die Zionisten Simeon bar Kochba heraufbeschworen, den heroischen Widerstandskämpfer, der 135 n. Chr. in einem Aufstand gegen die römische Besatzung über Judäa sein Leben liess, nahmen sich die Griechen den spartanischen Heeresführer Leonidas zum Vorbild, der 390 v. Chr. gegen die Perser den Märytertod erlitt. Einen ähnlichen Stellenwert erlangte Alexander der Grosse, der nicht nur von den Griechen in Anspruch genommen wurde.

Türkische Nationalisten wiederum entdeckten Dschingis Khan und Dede Korkut, den „türkischen Homer‟, neu für sich. Manche dieser Nationalideologien, die auf dem Boden des ehemaligen Osmanischen Reiches gediehen, sind sicherlich fragwürdig, was ihre historische Fundierung anbetrifft, aber entscheidend ist: Alle Nationalbewegungen teilten dieselben Themen und dieselben Einflüsse, standen vor ähnlichen Schwierigkeiten und griffen auf ähnliche Strategien zurück.

Auch ihre geographische Zerstreuung war keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal der jüdischen Bevölkerung. Vor 1922 lebte die Mehrheit der griechischen Bevölkerung ausserhalb des heutigen Staatsgebietes, Albaner waren über den Balkan verteilt und besassen eine starke Präsenz in Ägypten, Armenier und andere waren im ganzen Vorderen Orient verstreut. Die Entflechtung der Völker, die zum Teil gewaltsam betrieben wurde, führte zu einer demographischen Homogenisierung der Region zu beiden Seiten des Mittelmeeres und war nicht auf Palästina beschränkt.

Die Tatsache, dass sich die Zionisten der Unterstützung durch die Briten bedienten, entsprach ebenfalls einem gängigen Muster: Alle Nationalbewegungen dieser Epoche, die sich vom Osmanischen Reich loszulösen versuchten, versuchten die Grossmächte, für ihre Interessen einzuspannen. In den britischen National Archives kann man ein Dokument finden, das von Versuchen der türkischen Seite Anfang 1919 berichtet, Grossbritannien die Garantie für einen türkischen Nationalstaat abzutrotzen. Weitere Beispiele liessen sich nennen. Immer richteten sich solche diplomatischen Bestrebungen auch gegen die konkurrierenden Nationalbewegungen, mit denen man zum Teil um Territorien und künftige Grenzverläufe stritt.

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Wenn Israel jedoch kein Sonderfall ist und wie alle anderen Staaten der Region seinen historisch gewachsenen Platz am Mittelmeer hat, warum gibt es dann einen Konflikt, der seit siebzig Jahren ungelöst ist?

Dies lässt sich kaum mit der israelischen Politik erklären, sondern vor allem mit der Tatsache, dass in der islamischen Kultursphäre das nationalstaatliche Prinzip, wenngleich von einer Elite gewollt, bei den Massen nie Anklang gefunden hat. Umfragen belegen, dass es in den heutigen muslimischen Gesellschaften eine ausgeprägte Tendenz gibt, sich zuerst als Muslim und dann als Staatsbürger zu betrachten.

Der Nationalstaat konkurriert so mit den älteren Konzepten der islamischen Umma und des Waqf (Stiftungsland). Alles was einmal islamisch beherrscht war, gehört demnach zur islamischen Sphäre, zum Waqf. In dieser Wahrnehmung wird der jüdische Staat zu einem Stachel im Fleisch der Region und damit zur „palästinensischen Wunde‟ (al-ǧurḥ al-filasṭīnī). Tatsächlich war die Entflechtung der Völker, die zum Teil gewaltsam betrieben wurde und zu einer demographischen Homogenisierung der Region führte, nicht auf Palästina beschränkt.

Doch während die griechisch-orthodoxen Flüchtlinge aus Kleinasien und die türkisch-muslimischen Flüchtlinge aus Griechenland Anfang des 20. Jahrhunderts Aufnahme und Integration in den beiden Nationalstaaten fanden, zu deren jeweiliger Titularnation sie gehörten, weigerten sich die arabischen Staaten, die von Israel vertriebenen Araber als gleichberechtigte Bürger bei sich aufzunehmen. Arabische Länder lehnen es vielfach ab, palästinensische Flüchtlinge zu integrieren und eine Lösung des Nahostkonflikts zu verhindern. Zugleich erkennen sie die Zugehörigkeit der Palästinenser zur arabischen Kulturgemeinschaft an, um sich in der politischen Rhetorik ihre Sache zu eigen machen zu können.

Auch wenn im Alltag nicht immer Feindseligkeit herrscht und es auch fortschrittliche Kräfte in den arabischen bzw. islamischen Ländern gibt, die nicht unterschätzt werden sollten, so lebt Israel zweifelsohne in einer schwierigen Nachbarschaft. Während Europäer gerne glauben, durch Verbesserung der Wirtschaft und der Wasserversorgung, durch gemeinsame Theateraufführungen und Konzerte, durch Diplomatie und Studentenaustausch einer Friedenslösung in Palästina den Weg zu bereiten, interessiert das die Massen in den islamischen Ländern wenig.

Wer durch die Buchhandlungen von Beirut, Kairo oder Damaskus streift, wird sofort die vielen Hetzschriften bemerken, die Titel tragen wie „Die geheimen Verbindungen zwischen Judentum, Freimaurertum und Zionismus‟, „Der Holocaust von Gaza‟, „Zionismus, der Feind des Friedens und des gesellschaftlichen Fortschritts‟, „Israel, der Dolch Amerikas‟, „Die Verbrechen der Juden‟, „Wie die Juden die heiligen Schriften verfälschten‟, „Der jüdische Terror‟, „Das jüdische Krebsgeschwür in der Geschichte‟ und andere mehr. Hier scheint die Zeit im 19. Jahrhundert stehengeblieben zu sein.

Besser wäre, ganz grundlegenden Dingen zur Einsicht zu verhelfen: Dazu gehört dass Israel sich hinsichtlich seiner Entstehung nicht von der seiner Nachbarstaaten unterscheidet, soweit diese ebenfalls aus der Konkursmasse des Osmanischen Reichs erwuchsen. Der entscheidende Schritt zur Lösung des Konflikts wird erst dann getan sein, wenn die Welt akzeptiert hat, dass Israel kein Fremdkörper in der Region ist, sondern genau dort hingehört, wo es sich seit nunmehr siebzig Jahren befindet.