Deutschland

Bürgerlich, antibürgerlich

Einen “Stil voller Eleganz, voll glühendem Witz” bescheinigt ihm die “Zeit”, die “Jüdische Allgemeine” nennt ihn den “vielleicht grössten Journalisten des Landes” und die “Süddeutsche” rühmt ihn als einen “gnadenlosen Polemiker und unermüdlichen Kolumnisten”. Wenn von Herrmann L. Gremliza die Rede ist, fällt das Urteil meist wohlwollend bis begeistert aus, was zeigt, wie sehr Gremliza zuletzt im Mainstream angekommen war. Dass sich “Spiegel” und “taz” zurückhaltender äusserten, hat keine weltanschaulichen Gründe, sondern ist dem Umstand geschuldet, dass Gremliza und seine Zeitschrift “konkret” immer wieder verbale Attacken gegen beide gefeuert hatte.

Denn Gremliza legte sich mit so ziemlich allem und jedem an, der in der Bundesrepublik etwas zu sagen hatte und ein vermeintliches Sprachrohr der herrschenden Meinung war. Die Glosse war sein Königreich, viele von ihm verfasste Zeilen bringen als ironisierende Anmerkungen zu den Texten und Äusserungen unterschiedlichster Zeitgenossen das Reaktionäre und Kleinbürgerliche darin gekonnt auf den Punkt.

Gremliza richtete sich gegen alles, was die Verbrechen der Deutschen im Dritten Reich verharmloste, relativierte, beschönigte oder die Deutschen zu Opfern machte. Diese immer wieder mit ihrer Vergangenheit zu konfrontieren, das Land nicht zur Ruhe kommen und die millionenfach für nichts und wieder nichts Ermordeten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, war Gremlizas Mission in einer Zeit, als das gesellschaftliche Klima in der Bundesrepublik noch ein anderes war, und dafür gebühren ihm Respekt und Bewunderung.

Immer wieder sind ihm grossartige Formulierungen gelungen. “In solchem Gedränge des Intellekts und der Moral gerät, wer der Bourgeoisie in den Hintern tritt, in den er kriecht” (Herrschaftszeiten, S. 91), schrieb er einmal über einen derer, die sich an die vermeintlich herrschende Meinung anbiederten. Seine Wortwahl zeigt zugleich, wo er selbst stand: Auf der Seite der radikalen Linken, die im Geiste der Frankfurter Schule eine marxistische Gesellschaftskritik betrieb, die sich gegen die Unfreiheit durch den absoluten Willen zur Naturbeherrschung wandte und die Aufklärung zu einem neuen Mythos im Dienste der Herrschaft verkommen sah.

Wie sich die Frankfurter Schule mit ihrer Kritischen Theorie gegen die bürgerliche Gesellschaft und die Marktwirtschaft als Ordnungsprinzip wandte, so galt Gremlizas Spottlust allem, was bürgerlich und kapitalistisch war und ihm am abstossendsten dort erschien, wo es aus Deutschland kam. Als erklärter Antideutscher hielt er noch vor zwei Jahren mit dem FAZ-Redakteur und Ultralinken Dietmar Dath in der Berliner “Volksbühne” eine Lesung unter dem Titel “Scheiss Deutschland“ ab. Damals hatte Deutschland mehr als eine Million Flüchtlinge aufgenommen, was Gremliza freilich nicht mit Deutschland versöhnte, sondern diesem gegenüber nur noch unduldsamer werden liess, hatten die Deutschen sich doch geweigert, eine dermassen grosse Zahl an Flüchtlingen noch ein weiteres Mal in so kurzer Zeit aufnehmen zu wollen.

Deutschland wird in dieser Weltsicht, je toleranter und weltoffener, nur umso verhasster. Die antideutsche Ideologie ist letztlich ein ins Atheistische gewendeter Protestantismus, mit dem sie den moralischen Eifer “gegen den bösen Rest der Welt” (F.W. Graf) teilt. Für Antideutsche wie Gremliza dabei bezeichnend ist, dass sie von Deutschland nicht loskommen. Wie auch viele Ex-Muslime, die sich nach ihrer Abwendung vom Islam immerzu an ihrer alten Religion abarbeiten müssen, so müssen sich Antideutsche immerzu an Deutschland abarbeiten. Zugleich ist die Redaktion von “konkret”, den Namen ihrer Mitglieder nach zu urteilen, eine ohne Menschen mit Migrationshintergrund und damit deutscher als die meisten Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen.

Ich selbst war Abonnent der “konkret” seit 1993 oder 1994 und blieb es bis 2001, als ich für ein Jahr nach Israel ging. Da war ich schon längst auch noch Abonnent der FAZ geworden, einem der Feindbilder von Gremliza und wenn es damals für mich noch etwas Lesenswertes an “konkret” gab, dann lag dies nicht zuletzt darin begründet, dass die Zeitschrift Israel, diesen in einzigartiger Weise bedrängten Staat, zuverlässig gegen Feinde und falsche Freunde verteidigte. “Linker Antisemitismus, den es gibt, ist der schändlichste Verrat an der bürgerlichen wie an der proletarischen Revolution”, schrieb Gremliza einmal (Herrschaftszeiten, S. 99).

Aber Linker sein heisst eben auch, überall Ausbeutung, Zerstörung, Ungerechtigkeit und Faschismus zu sehen, um doch nur in einen Autoritarismus zu verfallen, der einem progressiv erscheint und als historische Notwendigkeit, ein neues Auschwitz zu verhindern. Im Interview mit dem “Freitag” hat Gremliza vor fast zwanzig Jahren einmal bekundet: “Was jenseits des Kapitalismus allein denkbar erscheint, ist eine Art aufgeklärte Erziehungsdiktatur. Wen der Gedanke daran schüttelt, wird sich mit den herrschenden Verhältnissen abfinden müssen.”

In einer Erziehungsdiktatur, sei sie aufgeklärt oder nicht, teilt sich die Gesellschaft in Erzieher und solche, die erzogen werden. Ich möchte nicht in einem Staat leben, in dem ich von der Gnade “aufgeklärter Erzieher” abhängig bin und ich möchte auch keiner von ihnen sein. Lieber lebe ich in einer bürgerlichen Demokratie, die mir Rechte gegen den Staat einräumt. Die “Abschaffung der Unfreiheit [wird] nicht dadurch möglich, daß der Verneinung ein Vorrang vor der Bejahung eingeräumt wird”, wie der Hamburger Philosoph Klaus Oehler (Blicke aus dem Philosophenturm, 2007, S. 111) einen fundamentalen Irrtum der Kritischen Theorie benannt hat.

Adorno und Horkheimer „verachteten die zeitgenössische Gesellschaft, obwohl sie sich seit ihrer Jugend ganz komfortabel in ihr eingerichtet hatten”, schreibt Oehler über die beiden wichtigsten Exponenten der Kritischen Theorie, und attestiert ihnen eine “polemische Pose gegenüber der modernen Welt”, in die sie sich “bis zu einem Grad der Besorgnis [hineinsteigerten], der sie in dieser Sorge unfrei, zu Besessenen, zu Gefangenen ihres Systems und letztendlich unglaubwürdig machte. Man spürte, daß ihre ostentative Sorge um die Menschheit ihnen keine schlaflosen Nächte bereitete.“ (Ebd., S. 110.) Das hätte wohl auch auf Gremliza gepasst.

Dessen Fangemeinde mag sich amüsieren, wenn er eine Meldung von 1996, wonach in Mecklenburg-Vorpommern ein Jäger auf seinem Hochstand erfror, lakonisch mit “Halaklirr” kommentiert und diese Glosse (Herrschaftszeiten, S. 51) mit “kleine Freuden” betitelt, und sich ins Fäustchen lachen, wenn ein “konkret”-Autor den achtziger Jahren nachhängt, “als Popmusiker noch die Frage diskutierten, ob im Fall der allfälligen Revolution das Faulobst der Bourgeoisie, mithin: Leute wie Christian Kracht, an Bäume oder Laternen zu knüpfen sei.‟ Ich hingegen wende mich ab. Dass ich schon Ende der Neunziger kein Linker mehr sein wollte, hat auch mit Gremliza zu tun, dem bürgerlich Antibürgerlichen.

Am Freitag, den 20. Dezember, ist Hermann L. Gremliza im Alter von 79 Jahren in Hamburg gestorben.

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