Nur keinen Flächenbrand, bitte!

“Keine noch so drastischen militärischen Maßnahmen werden die Sicherheit von Hunderttausenden Siedlern in der Westbank gewährleistet können, solange keine politische Lösung zur Beendigung der Besatzung gefunden wird”, schreibt da einer auf Qantara.de vor dem Hintergrund der jüngsten Entführung (und wie wir jetzt wissen: Ermordung) dreier israelischer Jugendlicher durch die Hamas. War es wirklich die Hamas? Wer soll es sonst gewesen sein?

Wen der Autor des Zitats mit seiner Forderung nach einer “politischen Lösung zur Beendigung der Besatzung” meint, mag er nicht offen aussprechen, aber sein Text lässt keinen Zweifel: Gemeint ist natürlich Israel, das sich schleunigst aus der Westbank zurückziehen und endlich einen Palästinenserstaat zulassen soll. Das Klischee von der “Spirale der Gewalt”, die durchbrochen werden müsse, konnte der Autor gerade noch vermeiden. Nicht die Hamas, soll ihren Frieden mit Israel machen und das Tor öffnen für einen eigenen Palästinenserstaat, sondern Israel soll in der Pflicht sein.

Und dann gibt es Frieden. Die Hamas entführt keine israelischen Jungs mehr, die Hisbollah legt die Waffen nieder und der ISIS singt Hava Nagilah.

Warum nur glauben das soviele westliche Intellektuelle? Warum glauben sie, dass der Terrorismus und Fanatismus, mit der die Region so gestraft ist, doch immer nur die Reaktion auf israelische oder westliche Politik seien? In dieser Sicht sind die arabischen und muslimischen Massen wie Billardkugeln, die einen Stoss von aussen bekommen und sich in einer Weise bewegen, die sie nicht zu verantworten haben. Was für ein Menschenbild!

Palestine_Damaskus_Kreutz

Sicher hat es immer wieder Schikanen an Palästinensern durch Siedler gegeben, doch liegt darin nicht die Ursache für den Nahostkonflikt, der weit älter ist als die israelische Besatzung. Was viele im Westen nicht verstehen wollen, ist, dass sich die Massen in der Arabischen Welt für Siedlungen in der Westbank gar nicht interessieren.

Was die Massen interessiert, ist eine Welt ohne Israel. Für sie ist Israel etwas fremdartiges, künstliches; etwas, das nicht in der Region zuhause ist; etwas, das verdammt ist unterzugehen; etwas, das früher oder später verschwinden wird. Mit Gewalt oder ohne. Juden werden als Religionsgemeinschaft zwar einigermassen akzeptiert – aber nicht als Nation. Die umfangreiche antisemitische Publizistik der Arabischen Welt spricht eine deutliche Sprache.

Wäre es anders, hätten die Palästinenser im Gazastreifen den Rückzug Israels als wichtigen Schritt hin zu Friedensverhandlungen begriffen. Mag sein, dass die Hamas vor allem als Protest gegen die Korruption der Fatah gewählt wurde – Tatsache bleibt, dass Israel für seinen Abzug keine Friedensdividende erhalten hat. Auch der im Jahr 2000 erfolgte israelische Abzug aus dem Südlibanon durch Ehud Barak hat Israel keinen Frieden mit dem Libanon gebracht.

Dabei ist es keineswegs so, dass es in der Arabischen Welt keine vernünftigen Leute gäbe. Viele, mit denen man als Westler ins Gespräch kommt, äussern sehr vernünftige Dinge. Ich selbst habe in den arabischen Ländern nie schlechte Erfahrungen mit den Menschen gemacht, ganz im Gegenteil. Das Problem ist das Kollektiv, das jeden Fortschritt in der Arabischen Welt verhindert oder langfristig zunichte macht.

Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal hat im Interview mit der “Zeit” dafür ein Beispiel gegeben: Fragt er seine Freunde, ob ihre Frauen und Töchter in einer demokratischen Gesellschaft unabhängig sein sollen, dann bejahen sie. Als Individuen denken sie fortschrittlich, akzeptieren Gleichberechtigung und Emanzipation der Frauen. Aber das übermächtige Kollektiv bremst sie aus: Keiner will bei der eigenen Familie anfangen, denn jeder fürchtet die Missbilligung durch die Gesellschaft. Also ändert sich nichts.

Was die arabisch-islamische Welt braucht, ist denn auch kein Reformislam oder eine Islamreform, sondern selbstbewusste Individuen, die den repressiven Charakter ihrer Gesellschaften (und nicht nur ihrer Regime) beenden. Solange ein übermächtiges Kollektiv das Sagen hat, wird es keinen Frieden und kein Ende der Gewalt geben. Einer aktuellen Umfrage des Washington Institute zufolge unterstützen weniger als 30% der Palästinenser das Projekt eines eigenen Staates an der Seite Israels.

Die Hamas zehrt davon, dass Gewalt gegen israelische Zivilisten weithin gebilligt wird: Als Israel vor mehr als zehn Jahren die UN in einem Resolutionsentwurf aufforderte, Selbstmordanschläge auf israelische Kinder zu verurteilen, waren es Länder wie Bahrain, Malaysia, Saudi-Arabien, Sudan und Ägypten, die den ursprüngliche Sinn des Entwurfes entstellten und letztlich zunichte machten.

Von solchen Dingen wollen westliche Kommentatoren wenig wissen. Stattdessen sind sie eilends bemüht zu erklären, dass Israel jetzt bloss nicht dieses oder jenes tun dürfe und dass die Aktionen der Hamas zwar verbrecherisch seien, aber … – Tatsächlich wusste die Hamas ganz genau, mit welchen Antworten sie rechnen muss, als sie drei israelische Jugendliche entführte.

Sie wusste genau, dass Israel immer sehr empfindlich reagiert, wenn man seine Staatsbürger entführt und sie ermordet. Wie sollte es auch anders ein? Das ganze Gerede vom “Flächenbrand” kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Entführung und Ermordung von Jugendlichen feige und ehrlos ist und nach einer entschlossenen Antwort verlangt.

Abb. Auslage eines Geschäftes in Damaskus (2010). Foto: Michael Kreutz.

Everybody’s a critic

“Generation War” heisst die englischsprachige Fassung des deutschen Fernseh-Dreiteilers “Unsere Mütter, unsere Väter”– und die Kritiker im Vereinigten Königreich waren not amused. Das wiederum gefällt der London-Korrespondentin der FAZ gar nicht, wie sie in einem etwas launisch geschriebenen Artikel zum Besten gibt.

Der Film, der vor einem Jahr im deutschen Fernsehen lief, war vorab mit grossem Lob bedacht worden, u.a. in der FAZ. Wie sich seinerzeit herausstellte, hat Produzent Nico Hofmann tatsächlich grossartige Arbeit geleistet, was den Unterhaltungsfaktor angeht, aber rabiat versagt in Hinsicht auf historische Genauigkeit.

Während auf deutscher Seite Antisemitismus lediglich Sache einer Nazi-Elite war, fand er auf polnischer Seite starken Widerhall auch im einfachen Volk: das war das Bild, das der Film vermittelte. Dabei wissen wir nicht erst durch die Forschung von Daniel Jonah Goldhagen, wie weit Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft während der Nazi-Zeit verbreitet war.

Der Historiker Sebastian Haffner notierte, dass mit der Zweidrittelmehrheit im Parlament jeder Widerstand gegen Hitler dahingeschwunden war. Damals war das Hakenkreuz in die deutsche Masse “hineingeprägt worden”, so Haffner, “wie in einen formlos-nachgiebigen, breiigen Teig.” Nur zu willig haben, wenn auch nicht alle, so doch viel zu viele Deutsche mitgemacht.

Der Fernsehfilm “Unsere Mütter, unsere Väter” liess davon nichts erahnen, erweckte vielmehr den Eindruck, Nazi-Ideologie und Judenhass seien ein Problem von SS-Offizieren gewesen. In deutschen Medien war dies gelegentlich und zu recht bemängelt worden.

Das hält die FAZ-Korrespondentin jedoch für keiner Erwähnung wert. Stattdessen bürstet sie den Kritiker Clive James ab, indem sie ihm, der doch soviel auf seine Kenntnis der deutschen Kultur halte, vorwirft, selber nichts begriffen zu haben. Noch mehr Arroganz geht nicht.

Umso erfreulicher, dass britische Kritiker dem Film nicht auf den Leim gegangen sind.

Boykott mit Hintertür

Schon seit einiger Zeit schlägt der Boykott-Aufruf einer amerikanischen Vereinigung namens ASA (American Studies Association) hohe Wellen. Ziel ist wieder einmal Israel, boykottiert werden sollen israelische akademische Institutionen nicht nur im Westjordanland, sondern auch in Israel selbst.

Dass ein solcher Aufruf ebenso töricht wie antisemitisch ist, liegt auf der Hand. Töricht ist er, weil er u.a. auch arabische Israelis und jordanische Gaststudenten trifft; antisemitisch, weil israelische Akademiker gleich welcher politischen Richtung kollektiv abgestraft werden sollen, aber auch, weil Israel wieder einmal unter den Nationen ausgesondert wird.

Nun ist Israel ein sehr forschungsstarkes Land. Wer die Zusammenarbeit mit israelischen Forschern und Institutionen verweigert, schneidet sich daher leicht ins eigene Fleisch. Das weiss man auch bei der ASA, die sich just aus diesem Grunde ein Hintertürchen für ihre Mitglieder offenhält, mit israelischen Institutionen zusammenzuarbeiten, ohne gegen den Boykott zu verstossen:

… the Council developed guidelines specifying that collaboration on research and publications between individual scholars does not fall under the ASA boycott.

Wie die Vereinigung das schafft? Ganz einfach, indem sie sich hinter den Palästinensern verschanzt:

Be it resolved that the American Studies Association endorses and will honor the call of Palestinian civil society for a boycott of Israeli academic institutions.

Das ist so hasenfüssig wie ehrlos. Natürlich wäre der Boykott nicht besser, wenn er die Palästinenser nicht als Vorhut missbräuchte. Und er wäre auch nicht besser, wenn andere Länder – mit welcher Begründung auch immer – in den Boykottaufruf mit aufgenommen würden oder dieser nur israelische Institutionen im Westjordanland beträfe.

Akademische Boykotte wissenschaftlicher Institutionen sollte es nämlich überhaupt nicht geben und zwar ausschliesslich deshalb, weil sie nicht im Sinne der Wissenschaft sind. Diese lebt vom vorbehaltlosen Austausch von Fakten, Entdeckungen und Theorien. Es gibt keinen vernüftigen Grund, dieses Ideal infrage zu stellen.

Wer respektable Institutionen wegen ausseruniversitäter Gründe vom Diskurs ausschliessen will, wer sogar bereit ist, für die eigene Forschung Nachteile in Kauf zu nehmen, nur um aus politischen Motiven nicht aus den Arbeiten bestimmter Wissenschaftler zitieren oder mit diesen zusammenarbeiten zu müssen, der kann kein Freund der Wissenschaft sein.

Das Hintertürchen der ASA macht die Sache denn auch nicht besser. Nur kläglicher.

Ahmadinejad: Ihr werdet Sturm ernten

Weil alle Welt blickt auf Hassan Rohani, den kommenden Präsidenten des Iran blickt, gehen die Worte des Noch-Präsidenten Ahmadinejad anlässlich des Quds-Tages unter. Doch gerade die (zu finden unter www.president.ir/fa) verdienen eine nähere Betrachtung.

Ein alles niedermachender Sturm sei unterwegs, tönt Ahmadinejad, der die Zionistenbasis herausreissen werde. Zwar distanziert sich Ahmadinejad ausdrücklich von jeglichem Krieg (“Wir sind keine Bellizisten”), doch macht er deutlich, dass die Palästina-Frage durch politische Kompromisse nicht gelöst werden könne.

Für Ahmadinejad ist Israel nur ein Mittel westlicher Mächte, über die Region zu herrschen. In der Sprache des Antikolonialismus beschwört er Freiheit, Demokratie und Frauenrechte – Werte, die im Iran bekanntlich hohen Respekt geniessen. Diese Werte seien den Zionisten geopfert worden. Ohnehin seien die politischen Führer Europas und Amerikas Zionisten.

Ahmadinejad wiederholt die beliebte Behauptung nahöstlicher Extremisten, dass der Zionismus mit Religion nichts zu tun habe und die Behauptung der Zionisten, selber Juden zu sein, eine Lüge sei. Tatsache dagegen sei, dass Wirtschaft und Medien weitgehend in der Hand von Zionisten sich befänden. Das zionistische Regime sei nur die Realität des kapitalistischen Systems und das wahre Gesicht von Ausbeutern und Sklavenhaltern. Die Unterstützer der Zionisten, so Ahmadinejad, feierten die Ereignisse in Syrien und Ägypten.

Der Weg Khomeinis und des Iran dagegen sei niemals der Weg des bewaffneten Krieges gewesen, sondern der humane Weg und die Selbstlosigkeit. Letzteres (pers. fedā-kārī) kann auch mit “Aufopferung” übersetzt werden. Manch einer dürfte darin wohl eine Ermutigung zu Selbstmordattentaten sehen. An die Zionisten richtet Ahmadinejad eine Warnung: Ihr habt keinen Platz in unserer Region. Ihr habt in der Welt (!) Wind gesät und werden Sturm ernten.

Typischer Extremistensprech also: Eine gewaltverherrlichende Sprache in Kombination mit dem Bekenntnis, dass Kompromisse ganz und gar ausgeschlossen seien, bildet die Steilvorlage für Extremisten, den jüdischen Staat mit Gewalt zu bekämpfen. Ahmadinejad selbst distanziert sich freilich vom Krieg. “Wir” sind schliesslich keine Bellizisten…

 

Friedrich Naumann ein Antisemit?

Man kann Friedrich Naumann sicherlich vieles vorwerfen (vor allem, dass er mehr Sozialdemokrat als Liberaler war), aber dass er eine antisemitische Schlagseite gehabt haben soll, dürfte eine kaum haltbare These sein.

Tatsächlich hatte Naumann für den Antisemitismus seiner Zeit nur Verachtung übrig: “Der Jude soll der Typus der Geldwirtschaft sein und mit seinem kapitalistischen Geiste das brave und biedere Deutschland durchsetzt und zerstört haben”,[1] konstatierte er (man beachte die ironische Sprache!), um dann zu einem klaren Urteil zu gelangen:

“Es gibt keine bequemere, aber auch keine unfruchtbare[re] politische Grundformel als den Antisemitismus.”[2]

Naumann war gewiss kein Antisemit. Aussagen wie die, dass die Juden im Falle eines Entzugs ihrer Staatsbürgerrechte “staatsfeindlich” würden, sind offenbar an die Adresse der Antisemiten seiner Zeit gerichtet, die für Appelle an Menschenwürde und die Existenz unveräusserlicher Rechte taub waren und die man nur so argumentativ “packen” konnte.

  1. Friedrich Naumann: Werke. Köln 1964, Bd. 2, 168, Abschnitt a.
  2. Ebd., 169.

Geschichte werden

Auch nach der Abschaffung des südafrikanisches Apartheidregimes Anfang der neunziger Jahre gibt es immer noch einen Staat Südafrika. Auch nach der Abschaffung des Sowjetkommunismus gibt es immer noch ein Russland, eine Ukraine, ein Georgien usw. Und ebenso würde es nach Abschaffung der herrschenden Theokratie in Teheran immer noch einen iranischen Nationalstaat geben. Scheinbar in Analogie zu diesen Vorgängen steht die Forderung, dass das israelische Besatzungsregime Geschichte werden müsse.

“Scheinbar” zumindest solange, als mit “besetzt” nicht nur das Westjordanland bezeichnet wird, sondern das ganze Land bis zum Mittelmeer. Dann nämlich bedeutet eine Abschaffung des Besatzungsregimes nichts anderes als die Beseitigung Israels. Das muss man leider immer wieder betonen, weil es an Zeitgenossen nicht mangelt, die diesen Unterschied nicht verstehen wollen.

Einer davon ist der Fernsehkommentator Michael Lüders, der sich zu jedem Ereignis seit Jahren mit denselben Satzschablonen zu Wort meldet. Auf die schon tausendfach analysierte Hetzrhetorik des iranischen Präsidenten Ahmadinejad angesprochen, glaubt er folgendes zu wissen:

Aber dieses Zitat, was immer wieder in den deutschen Medien zu vernehmen ist, ist sachlich falsch. Der Iran hat nicht damit gedroht, Israel zu vernichten. Das ist eine falsche Übersetzung einer Rede von 2005, wo Ahmadinedschad erklärte, dass der Zionismus vor der Geschichte keinen Bestand haben werde. Er hat gesagt, das Besatzerregime müsse Geschichte werden, so wie das Apartheitsregime in Südafrika Geschichte geworden ist.

Einmal abgesehen davon, dass Lüders die inkriminierten Äusserungen offenbar niemals im persischen Original studiert hat, hätte man gerne gewusst, welche praktische Konsequenz Lüders eigentlich mit der Behauptung verbindet, dass das israelische Besatzungsregime Geschichte werden müsse, “so wie das Apartheitsregime in Südafrika Geschichte geworden ist”. Worauf basiert diese Analogie?

Glaubt Lüders, in Ahmadinejads politischer Vision sei Platz für ein Israel nach der Besatzung, so wie es ein Südafrika nach der Apartheid gibt? Wenn es das wäre, was Ahmadinejad anstrebt, warum hätte er in unzähligen Äusserungen die Legitimation Israels bestreiten sollen?

Bei manchen Experten jedenfalls wünscht man sich, dass sie zwar nicht von der Erde, aber doch vom Fernsehschirm verschwinden mögen und zur medialen Geschichte werden.

Ahmadinejad: Israel eine Verschwörung des Kapitals

ahmadienajd-qods2001

Zum jährlichen Qods-Tag hat der iranische Präsident Ahmadinejad eine Rede gehalten, die ich im folgenden auszugsweise dokumentiere, und zwar in deutscher Übersetzung auf Grundlage der persischsprachigen Paraphrase der amtlichen iranischen Nachrichtenagentur IRNA.[1]

Das zionistische Regime, so Ahmadinejad, ist eine Verschwörung und ein Wegbereiter für die Herrschaft kulturloser Kapitalisten und seine Parole ist die Parole der Herrschaft über die ganze Welt. Der beste Beweis dafür, dass Israel dem zerstörerischen Geist des westlichen Kapitalismus den Weg in den Nahen Osten bereite, sei die dauerhafte Rückständigkeit der Länder dieser Region – als Teil des zionistischen Plans, die regionale Vorherrschaft zu übernehmen. Die fortgesetzte Existenz Israels sei daher nicht nur gegen Palästina und die Staaten der Region gerichtet, sondern gegen die menschliche Würde (karāmat-e ensānī) aller Völker. In gleicher Weise seien alle menschlichen Werte und Grundlagen, wie auch Gesetze und Beschlüsse, die auf der Welt gelten sollten, dem Zionismus zum Opfer gefallen.

Alle Prämissen der israelischen Existenz seien denn auch auf Lügen und Täuschungen aufgebaut. Überall in der Welt, selbst in Europa und Amerika, lebten die Massen unter elendesten wirtschaftlichen Bedingungen (badtarīn šarāyeṭ-e eqteṣādī), weshalb sie wegen einer antihumanen Macht (ḥākemīyat-e zedd-e ensānī) den Gürtel enger schnallen müssen. Das “zionistische Regime” sei ein Symbol materiellen Denkens (namād-e andīše-ye māddī) und begünstige das kapitalistische Management.

Die Existenz des “zionistischen Regimes” in Palästina diene nicht dem Schutz einiger verstreuter Juden oder der Ausübung der jüdischen Religion, gleichwohl sei die palästinensische Frage keine Frage zwischen Juden und Muslimen oder Juden und Arabern, vielmehr sei Palästina zu einem Reservoir von Sklavenhaltern und Ausbeutern (barde-dārān ve-esteʿmā-garān) gemacht worden, die ihre Tätigkeit verstetigen wollen.

Deren Anliegen begründe auch die Opposition gegenüber dem iranischen Nuklearprogramm: Unter dem Vorwand der Sicherheit für das zionistische Regime leiste die kapitalistische Welt mit allen Mitteln Widerstand gegen Iran. Der Jerusalem-Tag (rūz-e qods) sei daher ein Schrei der ganzen Menschheit nach Freiheit von Sklavenhaltern und Ausbeutern und denjenigen, die heute den Anspruch auf Demokratie und Menschenrechte erheben. Israel sei folglich die Achse der Internationale von Dieben und Verbrechern.

Der Qods-Tag dagegen, so Ahmadinejad weiter, verteidige die Rechte der Unterdrückten (mustaẓʿafān) dieser Welt (ein Kampfbegriff der Islamischen Revolution). Der Quds-Tag sei ein Tag der “Wiederbelebung der Menschlichkeit” (eḥyā-ye ensānīyat) und der “menschlichen Ehre” (šarāfat-e ensānī). In den letzten 62 Jahren sei die Welt Zeuge geworden, wie nach dem Zusammenbruch der Prämissen israelischer Existenz das wichtigste Ziel des zionistischen Regimes in der eigenen Anerkennung und Konsolidierung bestehe.

Dies wollten die Zionisten erreichen, indem sie eine Million Palästinenser vertrieben und grossflächig mordeten (koštār-e wasīʿ-e -mardom), darunter Kinder und Frauen, oder indem sie einige Kompromissler dazu bewegten, sich zu ergeben. Doch während sie noch jubelten und glaubten, ihre Herrschaft auf Dauer errichtet zu haben, war plötzlich der 12. Imam aus der Tiefe der Geschichte aufgebrochen, um das Banner der Freiheit, der Einheit (touḥīd) und der Gerechtigkeit zu hissen.

Eine grosse Welle habe seither den Iran, dann die Region und schliesslich die ganze Welt erfasst, in dessen Herzen der Qods-Tag zur Achse aller Monotheisten (mowaḥḥedān) und Gerechtigkeitsliebenden wurde. Die Mächtigen seien gegen diese Welle aufgestanden und bildeten sich ein, durch Unterdrückung, verschärfte Roheit, lügnerische Propaganda und dem Überschütten mit westlichen Dollars dieses Regime stabilisieren zu können. Sie glaubten, sie könnten auf palästinensischem Boden einen solchen rassistischen zionistischen Staat (doulat-e nežād-parast-e ṣehyūnīstī) stabilisieren.

Die Ausweitung des palästinensischen Widerstands und die Vertiefung des Widerstandes in der Region sowie das Hochhalten der palästinensischen Aspirationen in den Herzen und Seelen der Jugendlichen und der Gläubigen der Region sowie der Freiheitsliebenden der Welt haben dem zionistischen Regime zwei harte Schläge zugefügt: Im Libanon (2006) und in Gaza (2008). Mittlerweile, so Ahmadinejad, sei auch das “zionistische Regime” zur Überzeugung gelangt, dass es sich unter den gegenwärtigen Bedingungen auf dem Boden Palästinas nicht konsolidieren könne. Mittlerweile sei gar das “Fundament der zionistischen Entität” (asās-e kiyān-e ṣehyūnīstī) in Gefahr geraten.

Ahmadinejad riet zur Vorsicht, einen unabhängigen palästinensischen Staat auf einem winzigen Stück Land von 11% der Fläche Palästinas zu errichten. Die Mächtigen seien darauf aus, einen Umsturz der Region zu untergraben, um so die “Wurzel des Verderbens” (ġorṯūme-ye fasād) aufrechtzuerhalten. Die Palästinenser ruft er zur Einheit auf, um gemeinsam einen “Schritt vorwärts” (gām-e ǧelou) zu machen. Das “heilige Ziel der Befreiung Palästinas” (hadaf-e moqaddas-e azād-sāzī-ye Felasṭīn) dürfe nicht einen Augenblick aus den Gedanken der Palästinenser und der Völker der Region verschwinden.

Die Ausrufung eines unabhängigen Staates Palästina sei nur der erste Schritt, nicht der letzte. Darauf müssten alle Anstrengungen gerichtet sein. Diejenigen, die die Wurzel aller Diktaturen, aller Verbrechen und des gesamten Unheils aller Völker seien, würden unter dem Vorwand von Demokratie und Freiheit durch die Hintertür ihre Herrschaft zu erneuern suchen. Weiter erklärt Ahmadinejad, dass Freiheit, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung nicht aus den Gewehrkugeln der NATO-Mächte und Amerikas kommen.

Ahmadinejad ruft zur Einheit der Völker auf und mahnt, dass ein Staat, der kein gutes Verhältnis zu seiner Bevölkerung pflege, von dieser getrennt sei. (Kommentar erübrigt sich!) Die militärische Einmischung der NATO führe nur zu Zerstörung und Verwüstung der Völker, ihrer Kulturen, Ökonomien und Würde (ḥeyṯīyat). (Was das mit Palästinas zu tun hat, ist nicht ganz klar: Soll das heissen, die Bekämpfung Israels mit Waffengewalt sei – in Analogie zu Afghanistan oder Irak – kontraproduktiv? Oder soll die NATO nur als Beispiel für das zerstörerische Potential des Westens vorgeführt werden, was eine “Befreiung” Palästinas – mit welchen Mitteln auch immer – umso dringlicher macht?)

Ohne den Feind kleinreden zu wollen, so Ahmadinejad, sehe er doch, dass dieser seinen historischen Tiefpunkt erreicht habe (was wohl Gaddafi dazu sagen mag?), aber natürlich müsse man damit rechnen, dass er erneut Kräfte sammle, um das zionistische Regime zu retten. Alle Gläubigen, Monotheisten, Gerechtigkeits- und Freiheitsliebenden müssten sich auf die “Vernichtung des zionistischen Regimes” (maḥw-e režīm-e ṣehyūnīstī) konzentrieren, sodass die Anerkennung eines unabhängigen palästinensischen Staates nicht der Endpunkt, sondern nur der erste Schritt (gām-o sekū-ye awwal) sein könne. Letztlich gehe es darum, dass das ganze besetzte Palästina befreit werde.

Das “zionistische Regime” sei ein “Herd von Mikroben und Krebszellen” (kānūn-e mīkrōb ve-selūlhā-ye sarṭānī). Überlasse man ihm auch nur einen Handbreit palästinensischen Bodens, so sammle es schnell wieder Kräfte und schädige die ganze Region. Wer von Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit rede, könne nicht zugleich mit dem “zionistischen Regime” und Amerika zusammenarbeiten. Soweit Ahmadinejad.

Es wird wieder viel kreative Pseudowissenschaft nötig sein, um Äusserungen wie “Zerstörung des zionistischen Regimes”, “Herd von Mikroben und Krebszellen” und dergleichen zu entschärfen und als westliche Missverständnisse schönzureden.

  1. Auf Ahmadinejads Webpräsenz ist der Text offenbar nicht zugänglich, wie überhaupt sämtliche Dateien aus der Trefferliste der entsprechenden Suchabfrage.

Der Weitblick des Philosophen

Dass Hannah Arendts bekanntes Diktum von der Banalität des Bösen fraglich sein könnte, zumindest in Hinblick auf den Organisator der Judenvernichtung im Reichssicherheitshauptamt, Adolf Eichmann, hatte vor einiger Zeit die Publizistin Bettina Stangneth nahegelegt, die dem von Eichmann selbstgeschaffenen, marmornen Mythos, nur ein Rädchen im Getriebe des Holocaust gewesen zu sein, zum Bröckeln brachte. Eichmann war eben viel mehr, nämlich “Ideengeber, Praxisfinder, Innovator, und zwar von Anfang an” und damit Urheber von “Terror, Erpressung, Beraubung, Haft, Folter”.

Hannah Arendt sei, so Stangneth weiter, auf eine Show hereingefallen, die Eichmann als Bestandteil seiner Verteidigungsstrategie vor Gericht in Jerusalem inszeniert habe. Freilich habe Arendt, so die Verfasserin der Studie “Eichmann vor Jerusalem”, auch gar nicht die Möglichkeit gehabt, Eichmanns Manipulationen zu durchschauen, da ihr die Dokumente, die sie eines besseren hätten belehren können, gar nicht bekannt waren.

Das alles konnte man schon vor einiger Zeit lesen. Neu ist, dass ich vor kurzem auf ein Buch des Ideenhistorikers Isaiah Berlin gestossen bin, das ich bis dato noch nicht kannte. Das Buch “Conversations with Isaiah Berlin”, die dieser mit Ramin Jahanbegloo geführt hatte, war Anfang der Neunziger Jahre erstmals erschienen und ist ungemein spannend. Und das gilt ganz besonders für Berlins Einschätzung von Hannah Arendt.

Zu meiner eigenen Überraschung hielt Berlin nichts, aber auch gar nichts von der Arendt, nicht einen einzigen vernünftigen Gedanken konnte er ihr abringen. Eine masslos überschätzte Person sei sie gewesen und auch Gershon Sholem habe ihm im persönlichen Gespräch mitgeteilt, dass kein vernünftiger Mensch etwas von Hannah Arendt halte!

Berlin missfiel an Hannah Harendt unter anderem ebenjene Rede von der Banalität des Bösen, da die Nazis, so Berlin, ganz einfach nicht banal gewesen seien – im Gegenteil. Eichmann selbst habe gesagt, dass die Judenvernichtung im Zentrum seiner Existenz stehe (”It was, he admitted, at the center of his being”).

Das heisst aber auch, dass Berlin vor nunmehr zwanzig Jahren zu einer Einschätzung gekommen ist, die wir erste heute, nach Erschliesssung der sog. “Argentinien-Papiere“, in ihrer ganzen Tragweite verstehen können. Und es heisst ebenfalls, dass Isaiah Berlin ein über alle Massen weitsichtiger Philosoph war, wie es ihn nur selten gibt.


Nachtrag 04.09.2014

Die “New York Times” berichtet ebenfalls über das Buch von B. Stangneth, das jetzt auf Englisch erhältlich ist.

Nachtrag 18.09.2018

Alan Dershowitz plädiert dafür, die Formulierung von der “Banalität des Bösen” in Bezug auf Eichmann und den Holocaust ein für allemal zu streichen.

Islamophobie und Antisemitismus

Die bizarre Gleichsetzung von Islamophobie und Antisemitismus scheint immer mehr Anhänger zu finden. Doch vergleichbar sind sie allenfalls äusserlich, so der Historiker Dan Diner. Strukturell sind beide sehr verschieden:

Der klassische Antisemitismus sucht den “unsichtbaren” Juden, nicht den “sichtbaren”, nicht den Kaftan-Juden, nicht denjenigen, den man als Jude identifiziert. (…) Der Antisemitismus hat sich an Rathenau entzündet, oder an dem französischen Offizier Dreyfus, mit dem kein Mensch irgendetwas Jüdisches assoziierte, denn er war Franzose.

Je integrierter, desto verhasster: Nicht “das Andere” ist dem Antisemitismus Gegenstand der Feindseligkeit, sondern das Unsichtbare.

Ahmadinejad und der Feminismus

Wenn Ahmadinejad sich zum Thema Feminismus äussert, ahnt man schon, was kommt. Auch dieses Mal ist das Ergebnis mindestens pythonesk. Feminismus ist nämlich nicht etwa unislamisch, ganz im Gegenteil. Der Feminismus ist nur leider korrumpiert. Und zwar durch die Zionisten.

Denn, so Ahmadinejad weiter, der Feminismus sollte doch eigentlich der Aufschrei der vom Kapitalismus unterdrückten Frau sein. Deren Aufgabe wiederum ist es, die Werte des Islam in der Gesellschaft zu verbreiten, wozu gehört, dass die Wirtschaft dem Menschen und der Gesellschaft zu Diensten zu sein hat. Zu dumm, dass die Zionisten dieser schönen Idee wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht haben. (Wie das? – Fragen Sie besser nicht.)

Ahmadinejads eigene Frau zeigt schon einmal wacker Haltung im ideologischen Kampf gegen eine von Zionisten beherrschte Welt. Der letzte Schrei der theokratischen Revolutionsmode ist der schwarzgewandete Aufschrei gegen den Kapitalismus, sozusagen.

Translate