Ein Treffen in Jerusalem

Hätten die Briten den Mufti von Jerusalem vor achtzig Jahren auf die Seychellen deportiert, sähe die Welt heute anders aus, denn dann wäre der unter Führung des Muftis aufkeimende islamistische Terror nie zu einem globalen Phänomen geworden. Das ist eine starke These, die der Politikwissenschaftler Matthias Küntzel da aufstellt – und überaus fragwürdig. Beim Aufstieg des islamistischen Terrors sind noch andere Faktoren im Spiel, die zum Teil weit in die Geschichte zurückreichen, zum Teil jüngeren Datums sind.

Dennoch ist sie interessant, die Geschichte von der geplanten, dann aber doch nicht durchgesetzten Deportation. Dazu gibt es eine Vorgeschichte, die ich in meinem Buch Das Ende des levantinischen Zeitalters (2013) anhand von unveröffentlichtem Material aus dem britischen Nationalarchiv erzähle. Der folgende Text ist eine gekürzte und überarbeitete Fassung des Kap. “Ein Treffen in Jerusalem” S. 242-249, sowie ein Zitat aus dem Kap. “Die grosse Verschwörung”, ebd. S. 259-60.

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Der Panislamismus hatte schon bald einen neuen Kristallisationspunkt gefunden: die zionistischen Ambitionen in Palästina. Diese waren zunächst einmal das zentrale Thema des im Dezember 1931 in Jerusalem abgehaltenen Panislamischen Kongresses.1 Zu den Teilnehmern gehörte der Obermufti von Jerusalem und Präsident des Obersten Muslimischen Rats Ḥājj Amīn al-Ḥusaynī, dem ein grosser Einfluss auf die Massen nachgesagt wurde und der mit seinen Anhängern einen Block bildete, mit dem er die einzelnen Sitzungen verschiedentlich dominierte.2

Wie gross die Verflechtung zwischen Panarabismus und Panislamismus war, mag vielleicht der Umstand illustrieren, dass George Antonius, der spätere Verfasser des panarabisch motivierten Buches The Arab Awakening („Das arabische Erwachen“, 1939), dem Obermufti ein Geschenk des amerikanischen Diplomaten Charles Crane überreichte, das aus einem handsignierten Foto Jamāladdīn al-Afghānīs, des panislamistischen Vordenkers, bestand.3

Al-Ḥusaynī war von der palästinensischen Regierung mit der Kontrolle der Scharia-Gerichtshöfe und der Waqfs (awqāf), der religiösen Stiftungen, beauftragt worden, was ihn nach einer Einschätzung des britischen Aussenministeriums gefährlich machte, da Ḥusaynī enge Verbindungen zur arabischen Nationalbewegung pflege, wie sie massgeblich von den scherifischen Elementen in Palästina, Transjordanien, Irak und Syrien repräsentiert wurden. Dass die Briten selbst anfangs noch stark auf ihn fokussiert waren, lässt sich möglicherweise auf die eigene Kriegstradition einer Kooperation mit derartigen Kräften zurückzuführen.

Es gab Spannungen zwischen Ḥusaynī und Shawkat ʿAlī, einem der bedeutendsten Propagandisten der Kalifatsbewegung auf dem indischen Subkontinent, die daher rührten, dass letzterer eine moderate Position gegenüber dem britischen Mandat einnahm, während die meisten anderen Teilnehmer eben dieses Mandat als ursächlich für die zionistische Präsenz betrachteten. Shawkat ʿAlī bekam daher nicht nur den Widerstand Ḥusaynīs zu spüren und appellierte an die Briten, ihre aus dem 19. Jahrhundert bekannte Rolle als Freunde der Muslime wiederaufzunehmen.4

Der libanesische Delegierte Riyāḍ al-Ṣulḥ äusserte die Meinung, dass erst die Kolonisierung das Erwachen des Islam bewirkt habe, woraufhin er eine Erklärung von Ḥamad b. Jāzī vorlas, einem der Führer des Beduinenstammes der Ḥuwaiṭāt, demzufolge die Beduinen bereit seien, die Heiligen Stätten des Islam in Jerusalem, also Felsendom und al-Aqṣā-Moschee, mit ihrer Seele und ihrem Schwert zu verteidigen. In diesem Zusammenhang wurde auch der Vorschlag geäussert, in den verschiedenen islamischen Ländern eine Wächtertruppe, sog. „Wächter des Burāq“ einzurichten, um den islamischen Tempelberg vor einem zionistischen Zugriff zu schützen.

Auch solle eine forcierte muslimische Zuwanderung der demographischen Entwicklung in Palästina entgegensteuern, darüberhinaus Land nach zionistischem Vorbild aufgekauft und schliesslich eine Landwirtschaftsbank gegründet werden. Der Delegierte Ibrāhīm al-Khaṭīb forderte sogar, den Juden zu verbieten, am Tempelberg mit der angrenzenden Westmauer (Klagemauer) des ehemaligen jüdischen Tempels zu beten und zu wehklagen.5

Ein weiterer Delegierter, ʿAwnī ʿAbdalhādī, zweitweiliger Berater von Fayṣal, rief zu einer Entschliessung gegen das britische Mandat auf, da dieses die Schaffung einer jüdischen Heimstätte erst möglich mache und den Weg bereite, den Muslimen den Tempelberg zu entreissen. Der Reformer Rashīd Riḍā wiederum, der auf der Konferenz einen Bericht zu diesem Thema aushändigte, liess nach britischer Einschtätzung eine starke Neigung zu wahhabitischen Auffassungen erkennen, was jedoch keinen Zuspruch unter den anderen Teilnehmern der Konferenz fand.

Im weiteren Verlauf des Kongresses wurden verschiedene Grussadressen verlesen, darunter von Drusenführer Shakīb Arslān, der Christian Association in Palestine, des Ex-Schah von Persien, sowie des Ex-Khedive ʿAbbās Ḥilmī Paşa.6 Neben dem Mandat wurden die Türken für manches Übel in der Arabisch-Islamischen Welt verantwortlich gemacht, dazu gehörte vor allem die Abschaffung des Kalifats. Mit der Gründung der Republik hatte sich das türkische Image in der arabisch-islamischen Welt verschlechtert, zumal die Türkei als einziges islamisches Land keinen Vertreter zur Konferenz entsandte. Das sollte sich auch in der Folgezeit nicht ändern.

Ein britischer Bericht von 1936 über die „panislamische arabische Bewegung“ vermerkt, dass mit dem Fortschritt von Bildung und Reiseverkehr es den Muslimen in der Arabischen Welt dämmere, dass sie der nichtmuslimischen Bevölkerung gegenüber zwar im Vorteil sein mögen, es jedoch den Türken zu verdanken haben, dass sie manches Privileg einbüssten. Infolgedessen habe sich Unzufriedenheit vor allem unter den eher aufklärten Elementen breitgemacht, die zu äussern jedoch durch das ḥamīdianische Regime unterdrückt worden war. Während der kurzen Herrschaft der CUP habe sich diese Gruppe der Unzufriedenen daher umso stärker artikuliert, sodass hier deutlich eine Kraft im Entstehen begriffen war, mit der auch in Zukunft zu rechnen sein werde.

Es waren jedoch die Ereignisse auf dem Balkan, in Tripolitanien und schliesslich der Weltkrieg, die verhinderten, dass aus dieser Kraft eine grössere Bewegung wurde. Mit dem Ausbruch des Weltkriegs hätten die Araber schliesslich ihre Chance kommen gesehen, das türkische Joch abzuschütteln und nach politischer Selbstverwaltung zu streben. So erkläre sich das anfängliche grosse Echo auf den Appell König Ḥusayns zu einer „Grossen Arabische Revolte“, bevor die Ereignisse nach dem Krieg eine enorme Ernüchterung zur Folge hatten.7

Auch die Sympathien für die Briten schwanden, zumal wegen des zionistischen Staates in Palästina, was zur Folge hatte, dass die antibritische Bewegung in Ägypten auf zunehmende Mitwirkung auch in Syrien und Mesopotamien stiess.8 Viele Araber in Palästina fühlten sich getäuscht, seitdem die Briten ihnen durch Lord Milner 1922 zugesichert hätten, dass die Politik im Zuge der Balfour Declaration nur ein Experiment von einigen Jahren Dauer bleibe. Da das Experiment gescheitert sei, bleibe doch eigentlich nur, es zurückzurufen. Die Araber stünden nach eigener Aussage schliesslich weder mit den Briten noch mit einzelnen Juden im Konflikt, sondern allein mit der zionistischen Bewegung.9

Dieses wurde freilich als Problem der gesamten Islamischen Welt gesehen, nicht als nationales, das allein die Araber in Palästina anginge. Im Mittelpunkt steht der Tempelberg (ar. ḥarām al-sharīf), der nun Gefahr laufe, judaisiert zu werden, was zu einem Konflikt mit der Scharia führe. Ikone dieser islamisch-nationalistischen Haltung gegenüber den zionistischen Aspirationen wurde Saladin, der im 12. Jahrhundert erfolgreich gegen die Kreuzritter zu Felde gezogen war. So begannen muslimische Autoren das westliche Vordringen in der Islamischen Welt als Fortsetzung einer langen Kette von Versuchen zu beschreiben, mit denen die Islamische Welt unterworfen werden solle.10

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Dass Opportunismus ein Faktor im Umgang mit den zionistischen Aspirationen war, zeigt der Umstand, dass der syrische Nationalismus sich erst in dem Moment für die zionistische Bewegung zu interessieren begann, als Alexandretta (trk. Iskenderun), das einem Abkommen mit Frankreich zufolge (1921 und 1937) einen autonomen Status innerhalb Syriens erhalten sollte, an die Türkei verloren zu gehen drohte. Da sich die Damaszener Elite nur ungern mit den Religionsbrüdern der Türkei anlegte, hob sie die „zionistische Gefahr“ auf das Schild ihrer nationalistischen Propaganda, womit sie sich gleichermassen als Vorkämpferin arabischer Interessen zu beweisen wie auch von der Alexandretta-Frage abzulenken vermochte.11

In allen diesen Fällen spielen Verschwörungsmuster, eine Sündenbockfunktion und ein chiffrierter Hass auf wesentliche Eigenschaften der Moderne (das vermeintlich „internationale Wesen“ der Juden, die Gleichsetzung von Judentum und Weltlichkeit, usw.) eine Rolle – selbst weitab von Palästina: der Mythos von einer jahrhundertealten türkisch-jüdischen Symbiose, der durchaus auf Tatsachen basierte, endete spätestens 1934, als es in verschiedenen Städten Ostthrakiens zu mehrtägigen antijüdischen Pogromen kam, bis die Regierung İnönü schliesslich einschreiten musste. Dies geschah jedoch erst, nachdem örtliche Sicherheitskräfte den Ausschreitungen tatenlos zugeschaut hatten.12

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Wie der Antisemitismus im islamischen Kontext in Pogrom und Terror umschlug, ist eine komplexe Geschichte, in der mehrere Faktoren zusammenwirkten. Auf den Islam allein lässt sich dieser Vorgang jedenfalls nicht zurückführen und auf eine zentrale Figur der Geschichte wie Ḥājj Amīn al-Ḥusaynī ebensowenig. Pogrome gegen Juden waren auch von Griechen ausgegangen. Landau (1961) vermutet, dass Juden als Sündenböcke für die Osmanen herhalten mussten 13, aber der Judenhass hat eben auch eine Wurzel im byzantinischen Christentum. 14

Endnoten

  1. FO 141/489 (Kew London) Pan-Islamic Congress (Jerusalem), 23 January 1932, Zionist ambitions in Palestine: List of delegates who attended the Moslem Congress held at Jerusalem on the 16 December, 1931.
  2. FO 141/489 (Kew London) 22 December 1931, über Ḥājj Amīn al-Ḥusaynī: „whose influence is great among the masses.“ Ebd., Enclosure IV: The General Islamic Congress held in Jerusalem 7-16 December, 1931, Punkt 72: „(…) Haj Amin formed a bloc, which on various occasions completely dominated the sittings.“
  3. Ebd. Crane gilt auch die Widmung in Antonius’ Buch.
  4. FO 141/489 (Kew London), draft letter to Sir Lancelot Oliphant, Cairo, 5 January 1932.
  5. FO 141/489 (Kew London), Cairo, 5 January 1932. Zu Ḥamad b. Jāzī s. Robins, A History of Jordan, 206 Fn. 4.
  6. FO 141/489 (Kew London), Cairo, 5 January 1932.
  7. FO 141/536/13 (Kew London) 21 February 1936; ebd. Anhang: Report on the Pan-Islamic Arab Movement.
  8. FO 141/536/13 (Kew London) 21 February 1936, Anhang: Report on the Pan-Islamic Arab Movement.
  9. FO 141/536/13 (Kew London) 12 June 1936.
  10. Jonathan Riley-Smith (2008): The Crusades, Christianity, and Islam. New York.
  11. Dalal Arsuzi-Elamir (2003): Arabischer Nationalismus in Syrien: Zaki al-Arsuzi und die arabisch-nationale Bewegung an der Peripherie Alexandretta/Antakya 1930-1938. Münster et al., S. 241.
  12. Pekesen, Berna (2012): Nationalismus, Türkisierung und das Ende der jüdischen Gemeinden in Thrakien 1918-1942. München, S. 44-8 und passim.
  13. LJacob M. Landau (1961): “Ritual Murder Accusations in Nineteenth-Century Egypt,” in: ders., Middle Eastern Themes. Papers in History and Politics. London, S. 99-142.
  14. Vera von Falkenhausen (2010): “Auf der Suche nach den Juden in der byzantinischen Literatur”, in: Europa im Nahen Osten – Der Nahe Osten in Europa, hgg. von Angelika Neuwirth und Günter Stock. Berlin, S. 201-20.

Zum Tode von Ariel Scharon

Bei all den Nachrufen auf Ariel Scharon scheint mir ein wichtiger Aspekt zu kurz gekommen, der für eine abschliessende Würdigung seiner Lebensleistung von Bedeutung ist. Sharon nämlich verkörperte eine israelische Tradition – und das im besten Sinne des Wortes.

Israel kann immer nur aus einer Position der Stärke heraus der arabischen Seite die Hand zum Frieden zu reichen, niemals aus einer Position der Schwäche. Das Land darf sich auch keinen verlorenen Krieg leisten, die arabischen Nachbarstaaten haben diesen Nachteil nicht.

Erst wenn Israel als Sieger dasteht und nicht der leiseste Schatten eines Verdachtes auf ihm lastet, nur aus Schwäche zum Frieden gewillt zu sein, kann es sich auf Verhandlungen einlassen. Dafür standen Yitzchak Rabin und Ehud Barak genauso wie Ariel Scharon – Persönlichkeiten, die stark genug waren, im Zweifelsfalle auch unpopuläre Massnahmen umzusetzen und die israelische Bevölkerung für diese zu gewinnen.

Die palästinensische Seite wäre gut beraten, in starken israelischen Führern eher eine Chance denn einen Fluch zu sehen. Nicht Friedensaktivisten, Publizisten oder Politiker von ausserhalb können den Palästinensern helfen, ihren eigenen Staat zu erlangen, sondern Leute vom Schlage eines Ariel Scharon.

Daran, dass diese Lektion gelernt wurde, kann man freilich Zweifel haben: Der Sprecher der PA, Jibril ar-Rajoub, bezeichnet Scharon als “Verbrecher”, während die Hamas sein Ableben als “göttliches Zeichen und Lektion für alle Tyrannen” bejubelt und auf den Strassen Süssigkeiten verteilt.

 

Im Irrgarten der Antiglobalisierer

Neues von der Ikone der Antiglobalisierungsbewegung, Naomi Klein: In einem Beitrag für “The Nation” schlägt sie wieder gedankliche Kapriolen der besonderen Art. Diesmal geht es um die Anschläge von London. Wer jetzt erwartet, dass Frau Klein die tiefere Ursache in der Irak-Kampagne vermutet, wird enttäuscht. So originell ist sie doch, dass sie dem Leser eine ganz besondere Erklärung bietet. Schuld am islamistisch motivierten Terrorismus ist jetzt also der britische, resp. westliche, Rassismus:

Hussain Osman, one of the men alleged to have participated in London’s failed bombings on July 21, recently told Italian investigators that they prepared for the attacks by watching “films on the war in Iraq,” La Repubblica reported. “Especially those where women and children were being killed and exterminated by British and American soldiers of widows, mothers and daughters that cry.”

Man wundert sich: Filmmaterial, das zeigt, wie britische und amerikanischer Soldaten weinende Frauen und Kinder töten, und ja: auslöschen (exterminate). Ein filmisch dokumentierter Massenmord an Zivilisten also. Warum niemand im Westen derartiges Filmmaterial zu Gesicht bekommen hat? Nun, das weiss Frau Klein sicher ebensowenig wie ihre Leser, aber da die Information von einem Terroristen stammt, hält sie sie für glaubwürdig.

Was Frau Klein offenbar nicht weiss, ist, dass mit Filmen, die Kriegsgrausamkeiten zeigen, eine regelrechte Gehirnwäsche betrieben wird, um potentielle Attentäter der islamistischen Szene aufzustacheln und für Anschläge gefügig zu machen. (Quellen hier und hier.)

Osman’s comments suggest that what propelled at least some of the bombers was rage at what they saw as extreme racism. And what else can we call the belief–so prevalent we barely notice it–that American and European lives are worth more than the lives of Arabs and Muslims, so much more that their deaths in Iraq are not even counted?

Geheuchelte Empörung. Die amerikanischen Streitkräfte mögen vielleicht die Toten im Irak nicht zählen, aber 1. dürften die meisten seit dem Sturz des Hussein-Regimes ohnehin auf das Konto der Terroristen gehen, und 2. lässt sich daraus kein allgemeines Desinteresse der westlichen Welt an den Opfern der Gewalt im Irak folgern. Wird denn nicht jeder Anschlag in den westlichen Medien gemeldet, und zwar samt Zahl der Opfer? Weiss Frau Klein das nicht auch? Wie mag sie sich dagegen wohl erklären, dass so manches ausgehobene Massengrab aus der Zeit Saddam Husseins keine Erwähnung in den westlichen Medien gefunden hat? Vielleicht, weil Todesopfer oft nur dann interessant sind, wenn die Amerikaner sie zu verschulden haben? Man fragt sich.

It’s not the first time that this kind of raw inequality has bred extremism. Sayyid Qutb, the Egyptian writer generally viewed as the intellectual architect of radical political Islam, had his ideological epiphany while studying in the United States. The puritanical scholar was shocked by Colorado’s licentious women, it’s true, but more significant was Qutb’s encounter with what he later described as America’s “evil and fanatic racial discrimination.”

Einer der von mir geschätzten Vorzüge der westlichen Welt ist es, dass sie – bei allen Fehlern – zu Selbstreflexion und Verbesserung aus eigenem Antrieb fähig ist. Auch die USA sind heute nicht mehr das, was sie noch vor einem halben Jahrhundert waren. Und wie steht es mit dem Fortschritt in grossen Teilen der islamischen Welt?

By coincidence, Qutb arrived in the United States in 1948, the year of the creation of the State of Israel. He witnessed an America blind to the thousands of Palestinians being made permanent refugees by the Zionist project. For Qutb, it wasn’t politics, it was an assault on his identity: Clearly Americans believed that Arab lives were worth far less than those of European Jews.

Flüchtlinge gibt es für die Qutbs und Kleins nämlich nur, wenn Zionisten damit zu tun haben. Dass die arabischen Nachbarstaaten Israels die eigentlichen Verursacher des palästinensischen Flüchtlingsproblems sind, interessiert Naomi Klein dagegen nicht im geringsten. Das führt Frau Klein zu einer überraschenden Schlussfolgerung:

In other words, so-called Islamist terrorism was “home grown” in the West long before the July 7 attacks–from its inception it was the quintessentially modern progeny of Colorado’s casual racism and Cairo’s concentration camps.

Naomi Kleins Irrationalismus ist ohne Mass: Die Schuld an allem trägt der Westen, auch wenn Qutb die Erfahrung der Folter, die doch sein Denken so nachhaltig beeinflussen sollte, in Ägypten gemacht hatte. Und NUR in Ägypten. Einen Bogen in die Gegenwart schlagend, konstruiert die Autorin eine gewagte Gedankenkette bis zu den islamistischen Gewalttaten der jüngsten Zeit. In einer bildreichen Sprache zeichnet sie ein wahres Armageddon auf einem globalen Schlachtfeld. Ihre Schlussfolgerung kann man nicht anders als pathetisch nennen:

As Qutb’s past and Osman’s present reveal, it’s not our tolerance for multiculturalism that fuels terrorism; it’s our tolerance for the barbarism committed in our name.

Die intellektuelle Dürftigkeit der Antiglobalisierungsbewegung ist wahrlich nichts neues. Wie sehr die Abwesenheit von folgerichtigem Denken in einen vakuumfüllenden Fanatismus zur Schau getragener Empörung mündet, die sich aus der kritiklosen Übernahme islamofaschistischer Denkfiguren speist, das zeigt Naomi Kleins Beispiel auf erschreckende Weise.

[Aus dem Archiv. Überarbeitet. Ersterscheinungsdatum genähert.]