Kritik des Paternalismus, Markt und Politik, Politische Schwärmereien

Im Garten der Bescheidenheit

Viele Menschen in Europa wollen sich dem neoliberalen Wirtschaftsdiktat nicht beugen, hat der Gärtner und Kolumnist Jakob Augstein herausgefunden, der auf “Spiegel Online” ein kleines Biotop dürrer Gedanken-Gewächse kultiviert. Seine Spezialität: Extra kleine Möhrchen.

Augstein, der einerseits “mehr Sozialstaat, weniger Nationalstaat” als Ziele linker Politik definiert (und offensichtlich begrüsst), andererseits aber auch irgendwie findet, dass Sozialismus und Kapitalismus gleichermassen, wenn auch aus verschiedenen Gründen, “auf die Überwindung des Nationalstaats” abzielen, will im Süden nicht etwa einen Hort wirtschaftlichen Egoismus’, sondern wahrhaftig “das soziale Korrektiv des Kontinents” ausgemacht haben.

Doch während Augstein dem französischen Präsidenten Hollande noch dafür applaudiert, dass dieser Wort gehalten habe, als er sich mit Spanien und Italien gegen Deutschland verbündete, meldet sich schon der französische Rechnungshof zu Wort und verlangt von Hollande Einsparungen im nationalen Haushalt in Höhe von fünfzig Milliarden. Das nennt man “die Rechnung ohne den Wirt gemacht”.

In Wahrheit gibt es kein Wirtschafts- oder Spardiktat, sondern nur den sporadisch auftretenden gesunden Menschenverstand, der weitere Tansferzahlungen an Länder wie Griechenland an Bedingungen knüpft, sollen die Gelder nicht abermals verbrannt werden. Griechenland und anderen Ländern steht es schliesslich frei, Transferzahlungen nicht in Anspruch zu nehmen.

Vorbei die Zeiten des Epikur, für den der Garten noch ein Hort des Lernens war! Vorbei die Zeiten des Voltaire, für den er die Zivilisation repräsentierte! Sein Candide hatte den Sinn der menschlichen Existenz noch darin entdeckt, dass der Einzelne, gleich Adam und Eva im Paradies, ganz einfach seinen persönlichen Garten zu kultivieren habe.

Freilich muss er dann auch um die Grenzen seines kleinen Biotops wissen.

Translate