Blindflug in die Geschichte

Dass ein deutscher Kanzler oder eine Kanzlerin die Türkei einmal auf Knieen darum bitten werde, der EU beizutreten, ist eine Vorhersage, mit der der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger eines Tages vielleicht recht bekommen mag. Sollte es allerdings wirklich zu einem Beitritt kommen, sei es nun nach vorausgegangenem Kotau oder nicht, dann möchte man hoffen, dass dies aus der Überzeugung gegenseitigen Nutzens heraus geschieht – und nicht aufgrund fragwürdiger historischer Argumente.

Dass solche Argumente immer wieder einmal in die öffentliche Diskussion einfliessen, ist hierbei nicht das eigentliche Problem. Dieses beginnt vielmehr dort, wo Politiker von einigem Einfluss mit grossen Thesen hantieren zu müssen glauben, so z.B. der Ruprecht Polenz, seines Zeichens Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, der, wie wir jetzt durch Jörg Lau erfahren, sogar Autor eines Buches ist, das für den Beitritt der Türkei wirbt. Diese Haltung ist aller Ehren wert, aber Zweifel bleiben.

Denn wenn argumentiert wird, dass so wie Spanien “sein 700-jähriges islamisches Erbe in die EU mitgebracht” habe, auch “die Türkei ihr christliches Erbe in die EU einbringen” könne, dann fragt man sich, welches christliche Erbe der Türkei gemeint sein soll, ist dieses doch weitgehend verschwunden, sein trauriger Rest marginalisiert und in ständiger Bedrängnis.

Dass der Gründer der modernen Türkei einem Patriotismus fröhnte, der in letzter Konsequenz zur Auslöschung des kleinasiatischen Christentums führen werde, hatte schon der Staatssekretär im britischen Hochkommissariat, Sir Thomas Hohler, erkannt, der 1919 eine persönliche Unterredung mit Mustafa Kemal, dem späteren Atatürk, hatte. Zu diesem Zeitpunkt war die christliche Präsenz schon stark dezimiert, die sog. Kleinasiatische Katastrophe, also das Ende des griechischen Christentums, stand noch bevor.

Bis dahin waren die Christen ganz vom guten Willen Kemals abhängig. Sie den muslimischen Türken anzuvertrauen, so Hohlers Einschätzung, sei ungefähr so sinnvoll, wie Gänse einem Fuchs in Obhut zu geben. Im Vertrag von Lausanne wurden die Christen wieder zur Minderheit, nachdem die osmanische Reformpolitik ab 1856 nur noch osmanischen Untertanen kennen wollte. Auch Jahrzehnte nach der Vertreibung der Griechen und anderer christlichen Völker verfolgte die türkische Republik noch eine ziemlich ruppige Homogenisierungspolitik.

Es versteht sich von selbst, dass es unanständig wäre, der heutigen Türkei diese Vorgänge anzulasten. Es bleibt aber die Tatsache bestehen, dass geschichtliche Argumente von der Art, dass da ein wundervolles und reiches christliches Erbe wohlgehütet im Schosse der heutigen Türkei nur darauf warte, als Eintrittskarte in die EU ausgespielt werden zu dürfen, ein Gschmäckle hat. Da auch in der gegenwärtigen Türkei die Religionsfreiheit stark beschnitten ist, zieht dieses Argument noch weniger. Das christliche Erbe Kleinasiens ist verblasst.

Für Polenz dagegen sind kulturelle Kontinuitäten offenbar allein eine Frage der Geographie: “Nur wenn Europa eine seiner eigenen Wurzeln selbst abhacken wollte, könnte es die Türkei zu einem Gebiet erklären, das ihr a priori wesensfremd sei.” Die Türkei ist Europa sicherlich nicht völlig wesensfremd, aber die christliche Geschichte der Spätantike auch nicht die ihre.

Wer die Türkei in die EU aufnehmen will, sollte handfeste rechtliche und wirtschaftliche Kriterien aufstellen und Gründe benennen, warum eine Aufnahme der Türkei in die EU gut für beide ist. Die Geschichte für eine politische Romantik zu missbrauchen ist dagegen schlicht fehl am Platze.