Nur eine Kirche, nur eine Moschee?

Die Aufmerksamkeit der deutschen Medien für das Ende der Hagia Sophia als Museum und ihre neuerliche Nutzung als Moschee ist ziemlich verhalten, während man in Griechenland den Symbolwert dieses Ereignisses erkannt hat.

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Die Hagia Sophia wird zur Moschee – und der Kemalismus endgültig Geschichte

Es war Atatürk, der die Hagia Sophia schliesslich in ein Museum umwandelte und damit alle Ansprüche von christlicher wie von muslimischer Seite zunichte machte. Damit war ein Kompromiss gefunden, mit dem beide Religionsgemeinschaften leben konnten. Ich habe das Ringen um die Zukunft der Hagia Sophia anhand unveröffentlichter Dokumente in meinem Buch Das Ende des levantinischen Zeitalters (2013) nachgezeichnet.

Vor allem islamistische Kräfte haben in der Vergangenheit immer wieder die Rückwandlung der Hagia Sophia, einst Krönungskirche der byzantinischen Kaiser, später Hauptmoschee der Osmanen, gefordert – und dies natürlich nicht, weil in Istanbul ein Mangel an muslimischen Gebetshäusern herrschte, sondern weil die Hagia Sophia in ihrer gegenwärtigen Form ein Sinnbild des Kemalismus ist: Der Staat solle in religiösen Angelegenheiten neutral sein und die Religion, soweit möglich, aus der Öffentlichkeit verbannt werden.

Nun hat die Abkehr vom Kemalismus nicht erst unter Atatürk begonnen. Schon seit den fünfziger Jahren erlebt die Türkei eine Aufweichung kemalistischer Prinzipien. Aber erst seitdem Erdoğan das Militär, die Stütze des Kemalismus, unter seine Kontrolle gebracht hat, ist der Weg für eine umfassende Islamisierung des Landes frei.

So soll die Evolutionslehre aus dem Unterricht an türkischen Schulen entfernt werden und, ermutigt durch den Aufschwung islamischer Moralvorstellungen im Zuge der Popularität, die Erdoğans AKP geniesst, nimmt in der Türkei offenbar auch die homophobe Gewalt zu. die Lage der orthodoxen Christen, die sich eine zeitlang entspannte, verschärft sich wieder.

Just in diese Entwicklung fallen neuerliche Signale, die Hagia Sophia in eine Moschee umwandeln zu wollen. Es ist bemerkenswert, dass deutsche Medien, obgleich allgemein eher Erdoğan-kritisch eingestellt, dem Thema eher wenig Aufmerksamkeit widmen. Anders in Griechenland: Dort sorgt alles, was auf eine Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee hindeuten könnte, für höchste Erregung bis hinauf in die Spitzen der Politik.

Als vor kurzem eine Koranrezitation – nicht zum ersten Mal – in der einstigen Kirche abgehalten wurde, reagierte das griechische Aussenministerium mit deutlichen Worten, wobei es Griechenland einzig daran gelegen ist, den Status Quo als Museum aufrechtzuerhalten und nicht etwa, die Hagia Sophia wieder zu einer Kirche zu machen. Schon vergangenes Jahr hatte die türkische Religionsbehörde Diyanet einen Imam für das einstige Gotteshaus eingesetzt – ausgerechnet am Festtag für den ökumenischen Patriarchen Bartholomaios, der in Istanbul residiert.

Das alles ist in hohem Masse beunruhigend, weil sich diese Entwicklung auch auf die türkische Aussenpolitik niederzuschlagen droht. So wurde vor einiger Zeit von türkischer Seite die Frage der territorialen Zugehörigkeit der griechischen Insel Imia (Kardak) neu ins Spiel gebracht, die Griechenland und die Türkei vor zwanzig Jahren schon einmal fast in den Krieg getrieben hätte.

Griechenland, wohlgemerkt, setzt sich seit langem für eine EU-Mitgliedschaft der Türkei ein, zwar durchaus aus eigennützigen Gründen, aber immerhin. Die türkischen Provokationen sind nur als Ausdruck einer aufgeheizten islamistischen Stimmung zu begreifen, die im Land herrscht und die es zunehmend zu einer Belastung für den Westen macht.

Mustafa Destici, Führer der rechtsextremen Büyük Birlik Partisi (BBP), die 2015 an der türkischen Übergangsregierung beteiligt war, droht sogar, dass mit der baldigen Eröffnung der “Hagia Sophia Moschee” der Geist von Sultan Mehmet Fatih, dem Eroberer von Istanbul, freudig Widerhall finden und Griechenland für die zerstörten Moscheen in Thessaloniki und Westthrakien bezahlen werde.

Tatsächlich war das Griechentum noch vor der Gründung der türkischen Republik in Thrakien fast völlig zerstört worden, bevor der Vertrag von Lausanne die Grundlagen für Stabilität und Frieden in der Region schuf. Erdoğan selbst hatte jedoch Ende vergangenen Jahres den Vertrag von Lausanne infrage gestellt, der die Grenzen der Türkei regelt. Der Kemalismus wird endgültig Geschichte.

Kulturkampf in der Türkei

Als Mehmet II. 1453 Konstantinopel, das heutige Istanbul, eroberte, machte er den Weg frei für ein weiteres osmanisches Vordringen in Europa. Als Integrationsfigur taugt er also nicht unbedingt, was auch Ministerpäsident Erdoğan weiss, der nach dem in seinem Sinne abgelaufenen Referendum als erstes das Grab Mehmets II, des “Eroberers” (Fatih), besuchte.

Die Botschaft ist klar und deutlich: Nicht Atatürk ist Stammvater der modernen Türkei, sondern Mehmet II., und damit schlägt die Türkei unter Erdoğan einen offen islamistischen und antiwestlichen Kurs ein.

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Mit wem will Erdoğan sich noch anlegen?

Die gegenwärtigen Spannungen zwischen der Türkei und einigen europäischen Ländern sind alarmierend, denn noch ist die Türkei unser Verbündeter und es sollte im Interesse Europas und des Westens liegen, sie nicht zu einem weiteren gescheiterten Staat in der Region werden zu lassen. Klar ist aber auch, dass Deutschland und die Niederlande sich gegen das aggressive Gebahren der türkischen Regierung entschieden verwahren und deutlich machen müssen, dass die türkische Praxis, sämtliche Einwohner der EU mit türkischen Wurzeln als eine Art fünfte Kolonne zu betrachten, die man nach Belieben für eigene Zwecke aktivieren kann, verwerflich ist und nur Zwietracht sät. Weiterlesen

Beitrittsperspektive muss erhalten bleiben

Es mag ohnehin zweifelhaft sein, ob die Türkei auch ohne Erdogan auf absehbare Zeit eine realistische Chance auf eine Mitgliedschaft in der EU hätte, aber auszuschliessen ist es auch nicht. Tatsache ist, dass eine Mitgliedschaft in der EU kein Gnadenakt ist, sondern auf dem Gedanken einer Win-Win-Gemeinschaft beruht. Vom Freihandel profitieren alle.

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Blindflug in die Geschichte

Dass ein deutscher Kanzler oder eine Kanzlerin die Türkei einmal auf Knieen darum bitten werde, der EU beizutreten, ist eine Vorhersage, mit der der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger eines Tages vielleicht recht bekommen mag. Sollte es allerdings wirklich zu einem Beitritt kommen, sei es nun nach vorausgegangenem Kotau oder nicht, dann möchte man hoffen, dass dies aus der Überzeugung gegenseitigen Nutzens heraus geschieht – und nicht aufgrund fragwürdiger historischer Argumente.

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